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Geist und Geister der russischen Literatur in Berlin

Ekaterina Vassilieva (2017)

Sorry, this entry is only available in German.

In der Schlusspassage seines berühmten Romans „Der Idiot“ lässt Fjodor Michailowitsch Dostojewski eine seiner Protagonistinnen, die als Russin Europa bereist, das nämliche Europa, ja, das ganze Ausland, als bloße Phantasie bezeichnen. Es kommt noch besser: Auch die Russen im Ausland seien nicht mehr als eine Phantasie. Rund ein halbes Jahrhundert später wird eine gar nicht fiktionale Persönlichkeit des russischen Literaturlebens in Berlin, Viktor Schklowski, bemerken, dass er sich unter anderen russischen Emigranten als ein „Schatten unter Schatten“ fühlt. Und schließlich stellt sein Zeitgenosse und Kollege (aber keinesfalls ein Gleichgesinnter), der Dichter Sergej Esenin fest, als er sich an seinen Berliner Aufenthalt erinnert: „Das Leben ist nicht hier, es ist bei uns.“

So scheint das Gefühl des Realitätsverlustes eines der wichtigsten Probleme zu sein, mit dem sich Russen im Ausland, und sei es auch in den ihnen geographisch und kulturell vermeintlich so nahe stehenden europäischen Nachbarländern, konfrontiert sehen. Doch, dieser Umstand birgt auch eine Chance, und zwar: die Chance, sich neu, praktisch aus dem Nichts, zu erfinden. Eine Möglichkeit, die gerade von den Schriftstellern dankbar ergriffen wird. Denn fern von der Heimat lassen sich die bisher als selbstverständlich hingenommenen Lebens- und Denkentwürfe besser hinterfragen. So kann die „Entfremdung“, die sich spontan einstellen mag, schnell einer „Verfremdung“ weichen, also jener literarischen Strategie, die, um nochmals Schklowski zu zitieren, den „Automatismus der Wahrnehmung“ durchbricht und einen frischen, unverbrauchten Blick auf die Wirklichkeit erlaubt.

Es ist deshalb durchaus kein Wunder, dass die ersten uns bekannten Aufenthalte der russischen Literaten in Westeuropa und speziell in Berlin in die Zeit der Aufklärung fallen, in der das Bedürfnis erwachte, sich über die Verhältnisse, sowohl im eigenen Lande als auch grundsätzlich überall auf der Welt, Klarheit zu verschaffen. In seinen „Briefen eines russischen Reisenden“ (1791-1792) beschreibt Nikolaj Michailowitsch Karamzin ausführlich die kulturellen Eindrücke aus der damaligen preußischen Hauptstadt. Vor allem interessiert ihn der aktuelle Zustand des Theaters, der Architektur, der Wissenschaft und natürlich der Literatur. Als er sich zu einem gelehrten Gespräch mit dem deutschen Schriftsteller Karl Philipp Moritz trifft, lobt der letztere Karamzins Neugier auf die fremden Länder, wobei er sich wie folgt recht optimistisch über die Perspektiven der deutsch-russischen Kulturbeziehungen äußert: „Vielleicht wird die Zeit kommen, dass wir auch die russische Sprache lernen werden. Aber dafür müssen Sie zuerst etwas Herausragendes schreiben“. Karamzin selbst sowie seine literarischen Nachfolger in Russland scheinen dies als Herausforderung verstanden zu haben und waren nun die nächsten Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte damit beschäftigt, die Werke zu schaffen, die das damals erst in Aussicht gestellte Interesse Westeuropas rechtfertigen würden.

Damit beginnt auch ernsthaft ein Wettbewerb der beiden Kulturen und auch ganz konkret der beiden damaligen Hauptstädte. Tatsächlich wird Spree-Athen in der russischen Literatur des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jh.s. oft mit dem Venedig des Nordens verglichen. Vielfach fällt der Vergleich zugunsten von St. Petersburg aus, das irgendwie größer, mondäner und einfach prächtiger als Berlin erscheint. So bemerkt Ivan Sergeevich Turgenev, der nach einer längeren Pause 1847 wieder in Berlin antrifft, dass sich das Aussehen der Stadt in den letzten sieben Jahren kaum verändert habe. Er fügt aber auch einschränkend hinzu, dass wohl nur St. Petersburg von all den Städten die Eigenschaft besitzt, so rasant zu wachsen. Doch, was die „innere Entwicklung“ angeht, so lässt sich aus Turgenevs Bericht ablesen, ist Berlin, das ja am Vorabend der Revolution von 1848 steht, schon viel weiter als die russische Hauptstadt, die erst im 20. Jh. in dieser Hinsicht aufholen wird.

Als Dostojewski 15 Jahre später als erste europäische Stadt Berlin kennenlernt, hat er dagegen überhaupt keine Lust, auf innere Befindlichkeiten zu achten und fühlt sich stattdessen direkt von denselben unschönen „Äußerlichkeiten“ einer modernen Metropole abgestoßen, die ihm schon an St. Petersburg missfielen: „dieselben schnurgeraden Straßen, dieselben Düfte“ und sonst noch einiges, was er mit Auslassungspunkten nur andeutet. Jedenfalls möchte er sich nicht länger, als für eine Durchreise nötig, in Berlin aufhalten, nicht einmal um die berühmten Fresken des Wilhelm von Kaulbach im Neuen Museum zu sehen. Überhaupt scheinen sich die russischen Schriftsteller, die nach Karamzin in Berlin landen, recht wenig für Kunst zu interessieren. Lew Nikolajewitsch Tolstoi, der sich 1860 zum zweiten Mal nach Europa begibt, findet es in Berlin viel spannender, die Abendkurse des Handwerksvereins sowie das Moabiter Gefängnis zu besuchen, als das überaus reiche kulturelle Angebot der preußischen Hauptstadt zu erkunden. Nur zu verständlich für einen Schriftsteller realistischer Schule, der, lange vor Michelle Foucault begriffen hat, dass nicht das Museum oder Theater, sondern das Gefängnis zur wichtigsten Institution des 20. Jh.s. werden wird.

Das ändert natürlich nichts daran, dass Tolstois Dramen, allen voran „Die Macht der Finsternis“, mit großem Erfolg gerade auf Berliner Theaterbühnen liefen. Doch war Tolstoi zu dem Zeitpunkt offenbar so fest davon überzeugt, auf den Spuren der universellen Wahrheit zu wandeln, dass er sich nicht mehr für, scheinbar unbedeutende, regionale Unterschiede begeistern konnte. Darum hat Tolstoi, als ein deutscher Gast in Moskau ihm die Reise nach Berlin schmackhaft machen wollte, es strikt abgelehnt und kurzentschlossen vorgeschlagen, „das Reisen ohne Not“ dem Katalog der Todsünden beizufügen.

Dieser Sünde haben sich die russischen Schriftsteller, die sich in den 1920er Jahren für kurze oder lange Zeit in Berlin niederließen, definitiv nicht schuldigt gemacht, denn es war ausgerechnet eine große Not, die sie nach der Oktober Revolution außer Landes führte. Einige versuchten so, dem ideologischen Druck in der frisch etablierten Sowjetrepublik zu entkommen und die Reste ihrer geistigen Unabhängigkeit zu retten, andere sahen sich in Russland schlicht vor den Trümmern ihrer ehemaligen Existenz und hofften, sie irgendwo anders wieder aufzubauen. Deutschland, das Anfang der 1920er Jahre eine gewaltige Inflationsphase durchmachte, schien für die Inhaber einer ausländischen Währung die bessere, also vor allem die billigste Wahl zu sein. Und in einer Grosstadt wie Berlin, so war zumindest die Erwartung, würde die Umstellung der Lebensweise für die ehemaligen Petersburger bzw. Petrograder und Moskauer nicht so groß sein. Trotzdem zeugen die literarischen Texte und Briefe der Neuankömmlinge von einigen Überraschungen: Besonders die Lichtreklame und die asphaltierten Strassen, die in Russland wohl noch nicht so allgegenwärtig waren, scheinen das „exotische“ Bild der deutschen Hauptstadt in den Augen der russischen Emigranten von damals geprägt zu haben.

Auch sonst haben sich die Interessenschwerpunkte der schreibenden Russen in Berlin gegenüber den vorigen Jahrhunderten etwas verschoben. Nicht mehr die Wissenschaft oder die Kunst, auch nicht die Gefängnisse, haben auf sie die stärkste Anziehungskraft ausgeübt (obwohl es zu einigen polizeilichen Anzeigen wegen der angeblichen Ruhestörung in den gemieteten Wohnungen kam), sondern die zahlreichen Cafés, Bierstuben und Tanzlokale, mit denen Berlin der 1920er Jahre so großzügig ausgestattet war, und natürlich das Einkaufsparadies KaDeWe. Das galt jedoch nicht unbedingt für den damals wohl namhaftesten „Botschafter“ der russischen Literatur in Deutschland, Maxim Gorki. Der Autor von „Nachtasyl“ lebte eher zurückgezogen in einer Stadtwohnung auf dem Kurfürstendamm und später in einer großzügigen Villa in Bad Saarow und umgab sich vornehmlich nur mit engsten Verwandten und Freunden. Auf die öffentliche Wirkung hatte er deshalb noch lange nicht verzichten wollen: Zusammen mit einigen in seinem Vertrauen stehenden Kollegen hat er 1923 „Beseda. Die Zeitschrift für Literatur und Wissenschaft“ gegründet, die auf Russisch erschien. Ihre Zielgruppe war allerdings nicht allein der interessierte, aber doch etwas zu enge Emigrantenkreis, sondern vor allem die daheimgebliebenen Russen, die durch anspruchsvolle und ideologisch unbelastete Beiträge zum schärferen Nachdenken über die Ereignisse im eigenen Land gebracht werden sollten. Dazu ist es jedoch nicht gekommen: Die Zeitschrift bekam keine Einfuhrgenehmigung und wurde nach wenigen Ausgaben eingestellt.

„Beseda“ war aber bei weitem nicht das einzige russischsprachige Presseorgan im damaligen Berlin. Dies haben wir der ästhetischen und politischen Heterogenität unter den russischen Emigranten zu verdanken, die, gerade in der Beziehung zum bolschewistischen Regime, keinesfalls eine einheitliche Front bildeten. Einige, wie Alexej Tolstoi, Ilja Ehrenburg oder Viktor Schklowski, hielten sich mit der Kritik am Kreml weitgehend zurück, da sie sich den Rückweg in die Heimat nicht endgültig versperren wollten. Um den Schwankenden „zu helfen“ und ihnen die „richtige“ Entscheidung abzuringen, wurde aus Moskau heraus viel Überzeugungsarbeit investiert. Der proletarische Vorzeigepoet Vladimir Majakovskij reiste 1922 nach Berlin, um höchstpersönlich für die neue Macht zu werben. Doch konnte auch er den Verführungen der kapitalistischen Wirtschaft nicht ganz fernbleiben, wie die umfangreiche Liste der Einkäufe zeigt, die er bei einer der späteren Europareisen, für seine Geliebte Lilja Brik tätigen sollte.

Zu diesem Zeitpunkt waren aber die meisten russischen Exilschriftsteller nicht mehr in Berlin: Die wirtschaftliche Lage in Deutschland hat sich gebessert, was das Leben für die Emigranten zunehmend teuerer machte. Einige zogen nach Paris, andere kehrten tatsächlich in das sowjetische Russland zurück, wo sie entweder, wie Maxim Gorki oder Alexej Tolstoi, einen respektablen Platz im sowjetischen Kulturbetrieb einnehmen konnten, oder, wie Andrej Bely, ein Publikationsverbot erhielten. Am tragischsten war wahrscheinlich das Schicksal der Dichterin Marina Cvetaeva, die nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin ihrem Mann nach Prag, Paris und schließlich nach Russland folgte, wo er zusammen mit ihrer ältesten Tochter verhaftet wurde. Beim Ausbruch des zweiten Weltkriegs nahm sich Cvetaeva, völlig mittellos und verzweifelt, das Leben.

Die Perspektive der Rückkehr in die bolschewistische Heimat, egal unter welchen Bedingungen, kam für einen anderen schreibenden Russen in Berlin, Vladimir Nabokov, dagegen nie in Frage. Als Sohn eines führenden Mitglieds der Konstitutionell-Demokratischen Partei, die sich sowohl gegen Monarchie als auch gegen die proletarische Diktatur einsetzte, hatte er in Bezug auf das sowjetische Regime keine Illusionen. Obwohl er keine explizit politischen Texte verfasste, war ihm klar, dass sich die raffiniert-modernistische Ästhetik seiner Werke nicht mit der sozialistischen Kunstdoktrin vereinbaren lässt. Und noch ein Umstand machte ihn vom Geschehen in Moskau relativ unabhängig: Im Gegensatz zu der Mehrheit seiner literarisch tätigen Landesgenossen hat er sich als Schriftsteller erst in Berlin entwickelt. Hier sind seine besten russischsprachigen Werke entstanden, die zugleich zum Besten gehören, was die russische Literatur des 20. Jh.s. überhaupt hervorgebracht hat. So wie der Roman „Die Gabe“, dessen Handlung in Berlin spielt und der unter anderem das damalige literarische Leben in Emigrantenzirkeln aus einer ironischen, aber auch sympathisierenden Perspektive beschreibt.

Nabokov war auch einer der letzten russischen Autoren, die das zunehmend brauner werdende Berlin verließen: 1937 übersiedelt er mit seiner Familie nach Frankreich und flieht 1940 weiter in die USA, wo er mit seinem Bestseller „Lolita“ zu einem berühmten amerikanischen Schriftsteller wird. Nach Berlin wollte er nie wieder zurückkehren, nicht einmal für eine Lesereise, als der Zweite Weltkrieg schon vorbei war. Die Schatten der jüngsten Vergangenheit waren damals offenbar noch so mächtig, dass sie keine literarischen Phantasien, keine poetischen Entwürfe der Gegenwart neben sich duldeten. Das Schreiben, und insbesondere das Schreiben auf Russisch, musste in Berlin erst wieder erlernt werden.

So ist es kein Zufall, dass eine neue Generation schreibender Russen in die deutsche Hauptstadt kam, als Berlin sich nach der Wiedervereinigung gerade in eine riesige Baustelle verwandelte und die Zukunft so offen schien, dass man sie völlig frei imaginieren konnte. Es liegt eine große Herausforderung und zugleich eine historische Aufgabe darin, dieser Stadt eine eigene Signatur aufzuprägen und sie mit neuen Helden zu bevölkern, die vielleicht nicht mehr als Geister sind, sich aber deshalb umso besser dazu eigenen, es mit alten Gespenstern aufzunehmen und zu einer Vision beizutragen, mit der es sich zu leben lohnt.

Keynote-Vortrag für das PARATAXE SYMPOSIUM II: OSTPOL BERLIN

Die russische Fassung dieses Textes ist zu lesen beim Magazin „Берлин.Берега“.

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