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Himmelchen

Brygida Helbig (2017)

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Niebko – Romanfragmente

 

 2014, also heute

Willi sammelt Osterhasen. Er bewohnt eine bescheidene Doppelhaushälfte in einem Vorort von Stettin. Das Haus hat er in den achtziger Jahren zusammen mit seinem Bruder eigenhändig erbaut. Unweit von hier ist vor ein paar Jahren das überdimensionale Einkaufszentrum „Real“ wie ein Pilz aus dem Boden geschossen, und kurz darauf noch der Baumarkt „Castorama“, der Anreisende aus Deutschland bereits wenige Kilometer hinter der Grenze mit dem riesigen Werbespruch „Bauen Sie, renovieren Sie, richten Sie sich ein“ begrüßt. In diesem Haus, auf einem Holzregal im Esszimmer, baut der dreiundachtzigjährige Willi seine Osterhasen auf, fein in Reih und Glied, vom kleinsten bis zum größten. Das sieht aus, als wollten die Hasen gleich im Gänsemarsch losziehen ins Gelobte Osterland. Am besten gefallen Willi die „Lindt“-Osterhasen mit dem goldenen Silberpapier, dem kleinen Glöckchen und der roten Schleife um den Hals. Kein Mensch darf sie anfassen.

HALT! Finger weg von den Hasen!!!

 

Eins, zwei, drei

Die 60er Jahre und heute

„Papa, woher kommt denn dein komischer Nachname?“, fragten Marzena und Ewa manchmal. „Was du immer für Fragen stellst, woher wohl!“ Waldek zuckte mit den Achseln. „Ganz normal, von irgendwelchen Vorfahren, aber Leute, wann war das schon! Vielleicht waren manche meiner Vorfahren Österreicher, was weiß denn ich? Lasst mich in Ruhe, und ab an die Hausaufgaben! Und wenn wir schon dabei sind, wer ist denn heute dran, den Müll rauszubringen?“ Selbstverständlich niemand. Und die kleine Ewa schon mal gar nicht, das war klar. Aber Marzena gab keine Ruhe und bohrte weiter: „Papa, woher kannst du denn Deutsch?“ „Was du immer für Fragen stellst, woher wohl! Ich hatte es in der Schule.“ „Aber ich, Papa“, Marzena stampfte mit dem Fuß, „ich werde dieses Gebelle niemals lernen, Halt und Hände hoch!“ Und als Willi einmal unvorsichtig die Möglichkeit einer Auswanderung in die BRD erwähnte, brüllte die Dreizehnjährige los, dass die dünnen Wände der winzigen Küche ihrer sozialistischen Dreizimmerwohnung ins Wackeln gerieten. „Ohne mich! Das könnt ihr, verdammt nochmal, ohne mich machen! Fahrt doch alleine! Ich bleibe hier, hier ist mein Zuhause. Zu den Nazis gehe ich NIEMALS.“ Soso. Waldek, in Wirklichkeit Willi, der eigentlich Bauer und Zimmermann wie sein Vater und Großvater werden, Hilda oder Susanne Bischoff, Börstler oder Koch heiraten und seinen Sohn auf den Namen Heinrich oder Rudolf hatte taufen sollen, blieb in Volkspolen, heiratete die hübsche Basia und nannte seine Kinder Marzena und Ewa. Schnell erklomm er die Stufen der militärischen Karriereleiter. Es fehlte nicht viel, und er wäre Major oder gar General geworden – wenn die Vergangenheit seine Pläne nicht durchkreuzt hätte, wenn sich das Verdrängte und Vergessene nicht eines Tages gewaltsam an die Oberfläche gedrängt und ihn unwiderruflich zur Rückgabe seiner Hauptmannsuniform der polnischen Volksarmee mit den vier Sternen auf den Schulterklappen gezwungen hätte. Bis dahin wurde die Uniform in den Untiefen des weiß gestrichenen Einbauschranks in der Nische im Flur aufbewahrt, in den seine kleine Tochter ab und zu heimlich und verstohlen hineinkroch, wobei die Türen verräterisch quietschten.

Waldek tat es ein bisschen weh, solche Sprüche von seiner Tochter zu hören: Ich gehe niemals zu den Nazis, zu den Deutschen. Denn Waldek war früher selbst mal eine Art Deutscher gewesen. Falls es so etwas wie einen „Deutschen“ überhaupt gab. Inzwischen weiß Waldek nicht mehr, ob er Deutscher oder Pole ist. Im Grunde könnte man ihn für einen Polen halten, wäre da nicht der Umstand, dass sein Herz bei Fußballspielen Deutschland gegen Polen unwillkürlich doch stärker für die Deutschen schlägt und Waldek unruhig in seinem ausgedienten Fernsehsessel zu zappeln anfängt. In seinem langen Leben war Waldek notgedrungen mal das eine, mal das andere. Er wechselte die Haut, zuerst um sich durchzuschlagen, um Schlägen und Tritten, letztlich auch dem Tod zu entgehen, und später, um etwas zu erreichen, Ansehen und Rang zu bekommen, die Familie durchzubringen. „Ach woher denn, die Haut gewechselt“ – widerspricht er und zuckt mit den Achseln. „Ich war eigentlich immer derselbe.“

Ach so. Die kleine Marzena bewahrte die Sternchen von den Schulterklappen ihres Vaters in einer Streichholzschachtel auf. Von Zeit zu Zeit kontrollierte sie, ob noch alle drin waren, zählte sie immer wieder durch: Raz, dwa, trzy, cztery. Auf Deutsch konnte sie nicht zählen. Höchstens bis drei – das hatte sie auf dem Hof gelernt: „Eins, zwei, drei wypieprzaj. Ins Deutsche übersetzt hieß das „eins, zwei drei, verpiss dich dabei“. Das reimte sich so schön! Und noch etwas konnte sie sagen: „Guten Morgen, butem w morde“, was so viel bedeutete, wie „Guten Morgen, Guten Morgen, Schuh aufs Maul und keine Sorgen“.

 

Kolonie Steinfels

1783-1939

Willi ist nicht in Westpolen geboren, nicht in den Gebieten, die vor dem Krieg zum Deutschen Reich gehörten, nicht in Danzig oder Stettin, nicht einmal in Breslau. Dass er aber Deutscher ist, daran besteht aus deutscher Sicht kein Zweifel. Die Nazis haben das genau überprüft, und die Bundesrepublik glaubt ihnen aufs Wort, denn wer hätte das gründlicher erledigen können? Sie maßen 1940 den Umfang seines Schädels und untersuchten die Form seiner Nase, nahmen seine Herkunft und Rassenzugehörigkeit unter die Lupe, bestätigten sein Volksdeutschtum amtlich und stellten ihm ein entsprechendes Einbürgerungsdokument aus, auf dessen Grundlage seine Tochter Ewa Jahrzehnte später, in den achtziger Jahren, den Status einer deutschen Spätaussiedlerin bekommen sollte – die Eintrittskarte ins Paradies, das Sonderangebot ihres Lebens! Heute wird sie von Erika Steinbach zu den deutschen Vertriebenen gezählt und treibt deren Zahl in die Höhe. Aber vertrieben hat sie eigentlich niemand. Jedenfalls nicht, dass sie es wüsste.

Willi ist also nicht in Deutschland geboren, und seine Nächsten hielten von den sogenannten Reichsdeutschen nicht allzu viel. Er kam im mythischen Galizien zur Welt, an einem Ort, an dem 1783 seine Ahnen aus dem Rheinland mit Fuhrwerken angerollt kamen, auf der Suche nach Speis und Trank. Deutsche Siedler. Es war vor allem der Hunger, der sie in dieses ferne Land trieb. Aber auch der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, seine Majestät Joseph der Zweite, lockte sie dorthin. Er versprach ihnen Steuervergünstigungen und gab seinen Segen. Es waren ihrer zwölf. Zwölf Siedler, die sich als Erste in den Osten trauten, wie die zwölf Apostel. Unter anderem Emmel, Götz und Keller.

In der neuen Heimat wartete erst einmal harte Arbeit auf sie, der Schweiß lief in Strömen, der Wald musste gerodet, der Natur Platz zum Leben und Beackern abgerungen werden. So lautet jedenfalls die Legende. Dann kamen noch um 1850 aus dem angrenzenden Makowa Helbig, Bischoff, Wolf, Volz und Müller dazu, heirateten nach Steinfels ein. Denn Haus und Hof wurden hier den Töchtern vererbt, die Söhne brachten ein Handwerk, ein Fach in die Ehe mit.

Von der Landwirtschaft allein konnte man hier nicht leben. Die ganze Aktion nennt sich laut Google „Josephinische Kolonisation“. (…) Die Siedler gelobten, ihre geliebte deutsche Heimat niemals zu vergessen und die Traditionen und Gebräuche ihrer Väter, deren protestantische Religion, für immer und ewig hochzuhalten. Noch höher hielten sie sie, als 150 Jahre später von weit her, aber überdeutlich das Echo der Nazipropaganda ihre Dörfer erreichte, die an ihre urdeutschen Eigenschaften appellierte: Ordnungsliebe, Ehrlichkeit und Fleiß.

(…)

Seit jener Zeit rollten mehrmals Armutswellen über das Land, Missernten, Kriegsfronten, alles Mögliche. Heute ist es dort ganz still. Nur ab und zu hält für ein paar Stunden ein Reisebus aus der Gegend von Wolfsburg und schüttet eine Gruppe sehr alte, sehr saubere und hell gekleidete Deutsche aus, Mitglieder des Vereins der Galiziendeutschen. Das behaupten sie zumindest, dass sie dort irgendwo schon einmal waren. Bis dato wurde Willi nicht unter ihnen gesichtet.

Er würde da schon gerne einmal hinfahren, aber so gern, dass er es in die Tat umsetzen würde, nun auch wieder nicht. Würde ihn jemand in ein Auto stecken und hinbringen, hätte er sicherlich nichts dagegen. Alleine macht er das jedoch nicht, es fehlt ihm an Entschlusskraft. Außerdem ist er nicht mehr der Jüngste, obwohl er, wie er stolz einwendet, noch keinen Gehstock braucht und auch nicht vorhat, einen solchen in absehbarer Zeit einzusetzen. Im Garten klettert er notfalls selber auf Bäume, wenn sie beschnitten werden müssen, da erwartet er keine Hilfe, weder von den Töchtern noch vom Schwiegersohn, der ihn ohnehin nie von sich überzeugen konnte.

Sein ganzes Leben lang ist Willi allein zurechtgekommen – mit Demütigungen und Gewalt. Er strebte voran, kletterte die Stufen der Karriereleiter hinauf, der einzig möglichen, die ihm die Volksrepublik Polen anzubieten hatte, das Land, in das es ihn verschlagen hatte, unter der Maske eines Polen. „Das war gar keine Maske. Ich habe mich schon damals als Pole gefühlt, habe gar nicht über meine Abstammung nachgedacht. Ich bin doch in Polen geboren. Das ist alles Quatsch mit Soße.“

Denn was bedeutet eigentlich „Deutscher“? Was bedeutet „Pole“? Was bedeutet „deutsches Blut“? Kann mir das bitteschön mal jemand erklären?

Als Jugendlicher überstand er die schmachvolle Niederlage Deutschlands, den missglückten Fluchtversuch ins Deutsche Reich vor den sowjetischen Panzern, die Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, Schläge und Erniedrigungen, und später dann den Wiederaufbau des in Trümmern liegenden Landes, die Minenräumaktionen, die er unter Lebensgefahr auf den Gebieten des befreiten Polen durchgeführt hat, damit wir, die Nachfolgenden, jetzt ohne Angst auf dieser Erde wandeln können. Er sah schreckliche Unfälle, abgerissene Beine, zerfetzte Körper und abgetrennte Nasen, die man dem Verletzten ins Gesicht gepresst zügig ins Krankenhaus befördern musste… Für seine vorbildlichen sportlichen Verdienste als Gewichtheber und Pontonier des Pionierbataillons wurde er mit einer Medaille ausgezeichnet, obendrein mit dem Goldenen Verdienstkreuz und dem Ritterkreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens. Letztere Dekoration sollte ihm fünfundzwanzig Prozent zusätzlich zur Rente sichern, aber wie es das Schicksal wollte, kam es nicht dazu.

Er überstand es auch, dass jemand seine Orden wohl entwendet hatte, dass seine Heldentaten nun für die Katz waren und es eher angebracht war, darüber zu schweigen.

Nichts kann ihn mehr verwundern oder überraschen. Er ist abgehärtet und erwartet von den Anderen auch Härte, vor allem zu sich selbst. Jammern bringt nichts. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Es nützen weder stundenlanges Verweilen im Badezimmer, wie es sein Schwiegersohn gerne tat, noch exzessives Einreiben mit After-Shave-Balsam. Zack, zack und die Sache ist erledigt! Ein Mann sollte schnell, gewandt und zielgerichtet sein. Er sollte sich keine langen Haare wachsen lassen, keine Hosen tragen, die in den Kniekehlen hängen und auch keine Kapuze über den Kopf ziehen als wäre er ein Henker vor der Exekution. Ein Mann sollte nicht… die Liste ist lang.

Zum Glück ist Marzena kein Mann.

 

Obwohl sie eigentlich einer hätte werden sollen. Doch das Schicksal spielte Willi in alter Gewohnheit auch an dieser Stelle einen Streich. Es wurde nicht müde, ihn zu enttäuschen und zu überraschen. Willi verlor sehr früh seinen Vater, wahrscheinlich wünschte er sich deshalb so sehnlichst einen Sohn.

Sein ganzes Leben suchte er nach einem Vater, nach einem Substitut, einer Ersatzfigur. Er suchte ihn in Männervereinen, wo er sich immer wieder die Anerkennung der höchsten Autoritätspersonen erkämpfen konnte. Er war der Beste, der Ehrgeizigste, immer der Erste. Überall die Nummer Eins, der Primus unter den Primussen. In der polnischen Volksarmee hob er sich in kürzester Zeit stark vom Durchschnitt ab. Man kann durchaus sagen, dass er glänzte. Wenn da nicht seine Vergangenheit wäre, die ihm heimtückisch hinterherschlich, die Tränen der Mutter, das merkwürdige Schicksal des Bruders und der beunruhigende Familienname wären, würde er heute über die Pension eines Generals verfügen.

Vielleicht.

 

 

Übersetzt von Brygida Helbig und Natalie Buschhorn

 

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