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SchrödingErs Katze

Milena Nikolova (2016)

 

Ein subatomares Liebesgedicht in Echtzeit

 

Überlegungen einer einfältigen Katze

Hier bin ich, umgeben von digitalen Bildern.

Mist, versuche ich da etwa, jemanden heimlich zu zitieren?

MIAU

Vielleicht einen der Professoren,

auf deren Schoß ich zusammengerollt lag

(oder deren Pfoten ich leckte

MMMMMMMHHHH, köstlich),

bevor man mich in meine jetzige Position gebracht hat.

Eine theoretische Position.

Eingesperrt in die versiegelte Kammer

eines Gedankenexperiments erwarte ich,

dass die Realität zusammenfällt,

blicke der Unentscheidbarkeit entgegen

und miaue mein Lied

von den Teilchen und ihrem Spin,

im Gegenuhrzeigersinn:

 

Ich war/bin eine neugierige Katze,

Weder dick noch dünn,

Nicht weiblich, nicht männlich,

Entführt von meinem eigentlichen Platz

Und zum Verkauf feilgeboten.

SchrödingEr war der erste,

Der mich mitnahm, einfach wegtrug,

Damit ich in seinem heruntergekommenen

Lieblingsclub Zuschauer spiele.

Nun war/bin ich lebendig,

Spotte jeder gängigen Beschreibung.

Und bin, befreit vom Folgerichtigkeits-Diktat

Eine echte Wissenschafts-Fiktion!

Zum Tod/Leben verurteilt erzeuge ich

Konfusion bei den Experten und –

Spalte ihre Meinung.

Das war/bin ich – nicht infolge

Meiner berühmten eigenen Forschungstriebe,

Sondern Dank der toxischen Monstrosität,

Eines Angestellten der Universität.

 

 

Hier singe ich also, im Reich der subatomaren Partikel,

Auge in Auge mit dem Schicksal

der Unentscheidbarkeit des Zwischenraums:

Artikel, Namen, Orte, Länder, Kontinente,

MEGAPIXEL, PIXEL, BINÄRE CODES, GEDANKEN, EXPERIMENTE.

PULP. FICTION. WIKIPEDIA.

(Übrigens ein guter Titel –

falls nicht zu clever für eine erfundene Katze?)

Eine experimentelle Katze mittendrin,

die träumt

von unzufriedenen Professoren,

die hadern mit der deutschen Übersetzung

des Französischen

“Me voici donc en présence d’images …”[1]

 

 

Katzensprache

„Alles was du sagst klingt sooooo schön!“,

sagte er zu mir – es klang verzerrt – bevor er

mich zurückließ und in Richtung Park verschwand,

wo die Sonne nie untergeht.

Netter Kerl! Ein wissenschaftliches Genie,

das nach Sinn sucht und ihn auch

findet, während er im Unbegreiflichen grast

(MMMMMMM, GRAS im sonnengetränkten Park).

Denn wir beide sind tot und lebendig,

ruhen und wachen in der Unübersetzbarkeit

unserer Sprachen.

FREMDE SIND WIR UNS SELBST.

 

Seine Sprache?

Physik und mikroskopische Skalierung.

Meine Sprache?

Eine Ansammlung von MIAUS, GEFAUCHE und SCHNURREN.

Zwei konkrete Jargons,

die sich der Interpretation entziehen.

Dennoch schaffen wir beide es immer wieder,

uns in der imaginierten Übersetzung zu verlieren.

 

Armer SchrödingEr!

Armes ICH!

Beide verdammt, in der geteilten

linguistischen Finsternis zu sterben/leben.

Ein Genie und sein Gedankenexperiment!

Oder sollte ich besser sagen:

sein verstoßenes Supplement?

NEIN, ich bleib bei meinen Katzenlauten –

MIAU.

Das Akademische ist eh,

ganz einfach, tierisch überschätzt.

 

 

Das Schweigen der Katze(n)

 

Da war ein komisches Geräusch.

Sicher nicht der Geigerzähler. Nein.

Es klang wie … Schreie. Katzen.

Geschrei von Katzen.

Unverkennbar neue und verzerrte Laute.

MIIIIIIAAAAAAAAAUUUUUURRRRRGGGGGGGGGHHHHHH.

Ich nehm mal an, SchrödingEr versucht gerade

im Park ‘ne neue Katze aufzugabeln.

KATZE IM SACK <-> KATZE in der Kiste –

das klassische Ersetzungsschema.

Das Abbild einer Katze ist auch eine Katze.

Austauschbar – so die Axiome.

Und ich war/bin

ein Abbild unter Bildern,

ohne es zu wissen,

eine Katze unter Katzen.

Cogito, ergo sum – und doch BIN ich nicht.

Ein Tier mit und ohne Bewusstsein – eine ja/nein-Katze.

Permanent flüchtige Existenz und Nicht-Existenz.

Leidend an unentscheidbarer Subjektivität,

unterwerfe ich mich meinem schizophrenen TECHNO-ICH:

flanierend im NETZ und eingesperrt

in einer Stahlbox.

Anders gesagt:

Trauen Sie mir nicht,

ich war/bin ein eifersüchtiger, unzuverlässiger Erzähler!

Das Anders-Sein als andere Katzen

hab ich noch nie erlebt.

Hab nie andere gesehen.

Alles nur ein Spiel zwischen SchrödingEr und mir,

Teil der krisenhaften Hektik

einer Herrschaft/Knechtschaft-Dialektik.

 

Also … weiß ich nicht einmal, wer ich war/bin,

und doch

war/bin ich ein einzigartiges Gedankenexperiment.

War/bin ich?

Hm, man sagt, Hamlet stellte ähnliche Fragen.

 

Was wurde aus deiner Katze, Hamlet?

Du tötetest sie – in deinen Gedanken.

Hey Hamlet, haben die Katzen endlich

aufgehört zu schreien?

 

MIAU

Wenn das schreckliche Schreien verstummt,

singe ich mit Hamlet – und begleite

meinen Herrn und Meister, wenn er seinen Katzen-Triumph

zurück in meine subatomaren Zeilen hip-hopt.

Kit-cat hip-hop

 

I say a kit cat, the kitty, the kitty.

To the kit kit cat, don’t let the kitty

out of your bag …[2]

 

 

Ad nauseam_

 

Hmm

Me voici donc en présence d’un atome catastrophique!

Staunend über den klaren Verstand dieses

aufgeklärten Wesens –

eine Über-Katze, vertraut mit

les discours académiques.

MIAU

Mein Schicksal hängt von einem Mechanismus ab,

von einem einzigen ominös unentschiedenen Atom!

Der frühe emblematische Entwurf

eines selbstzerstörerischen Katze-Maschine-Systems.

Eine Dada Cyborg Katze,

die auf elegante Degradierung wartet

und singt – den letzten Vers vom Lied

über die Teilchen und ihren Spin,

im Gegenuhrzeigersinn:

 

Ich war/bin eine

Zwischengeschlechtliche Katze,

Mitteldünn und mittelfett,

Mit mittelgrauem Körper und Tatzen.

Wissenschaftler sehen mein Schicksal

Als durch und durch nichtselektiv.

Dass mein Gehirn Meldungen produziert,

Ist für sie ein unerwarteter Defekt.

Sie sagen, sie sind mit Gefühlen verseucht –

Entstehen aus Affekt.

Also lasse ich diese dummen Emotionen endlich los

Und werde eine äußerst kultivierte

Katze, die stockbesoffen vom Gift ist

Und gleichzeitig blitznüchtern bleibt,

Während sie zusieht, wie das Ende

Dieses wissenschaftlichen Spiels heranreift.

 

Na ja, am Ende resigniere ich.

Oder viel besser – ich willige ein.

Ich bestätige die seltsamsten Theorien

und erlaube mir, nur durch meine Funktion definiert zu sein:

Katze in der Black Box

Input -> Black Box -> Output

Katze ALS Black Box

gefolgt vom uralten Fragezeichen

(das häufig auch einzig

in Erinnerung bleibt

nach der Lektüre von Hamlet):

Soll ich schwach im Käfig bleiben, mich auflösen, aufgeben?

Oder stärker werden, mich befreien, rebellieren?

Doch genug ist genug!

Fatal gebunden an den tickenden Mechanismus

verwandle ich mich in eine Uhrwerk-Katze.

Ein Gedanke an einen Gedanken über Gedanken,

der Gedanken in Tik-Taks misst:

Tik-Tak-Tik-Tak-Tik-Tak-Tik-Tak.

[1] Bergson, Henri: Matière et mémoire Essai sur la relation du corps à l’esprit (1896). In: Œuvres, hg. v. André Robinet. Paris 1970, S. 169-170.

[2] Anspielung auf den Song „Rapper’s Delight“ von The Sugarhill Gang.

 

übersetzt von der Autorin

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