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15. 10. 2013

Dora Kaprálová (2016)

Samstagsreise mit dem Zug aus der Heimatstadt B., deren scharfe Konturen mir zunehmend vor den Augen verschwimmen, in die Metropole B., deren scharfe Konturen mich hindern, die vertraut bekannte Unschärfe meiner Stadt zu sehen. Zugfahrt. In der Nacht in Berlin Sturm, Donner, Blitze und heftiger Regen; „Unglaublich“, flüstert die kleine F. müde am Fenster auf Deutsch, allein von diesem Wort erheitert.

Also ja, die Zugfahrt. In Brünn am Bahnsteig winke ich kurz meiner Freundin zu, die aus reinem Zufall mit dem gleichen Zug, für den wir Fahrkarten nach Berlin gekauft haben, aus Wien zurückgekommen ist.

In unserem Abteil sind drei Männer. Zwei sind Fremde, Bulgaren wahrscheinlich, und dann ein alter Mann, starke Brille, schmutziger Anzug, näselt halblaut, und als ich ihn mit dem Ticket darum bitte sich umzusetzen (denn, wenn wir, die Kinder und ich, nicht am Fenster sitzen, ist die Reise viel trister und die Details der Nasen der Mitreisenden umso hartnäckiger), als ich ihn also um diesen Gefallen bitte, spricht er aggressiv wie zu sich selbst, aber in Wirklichkeit zu uns: „Andauernd wohin, andauernd was, andauernd dass man, irgendetwas, um Gottes willen, UM GOTTES WILLEN! ! ! “…, ein verrückter Mensch, im Abteil ist es stickig, und die zwei Bulgaren gucken verdächtig. Schon fahren wir durch den Bílovicer Tunnel, ich denke logischerweise vor allem an Mord und solche Dinge, lache mich selbst im gleichen Moment dafür aus und putze der kleinen F. die Nase. Eigentlich habe ich Krimis schon immer gehasst, und irgendwann werde ich dafür büßen, weil Krimis wahrscheinlich die einzigen logischen Ereignisse sind, die im Leben passieren können (wenn auch nur in der Belletristik – aber auch wenn schon), und wenn ich auf einmal völlig bescheuert werde, wenn ich eines Tages nicht mehr dazu fähig bin, mich auf etwas Logisches zu verlassen, dann werde ich noch bereuen, dass ich ihnen ängstlich ausgewichen bin; nur wird es dann zu spät sein. Zu spät für all die nordischen Krimis, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann, die Liebe zu Columbo rettet mich nicht.

An das alles denke ich, weil ich gleichzeitig stückchenweise das Tagebuch von Michal Viewegh Mein Leben nach dem Leben lese; ein Therapiebuch und teilweise so stark, selbstironisch und klar, dass ich schon im Voraus das lauernde, derzeit gesündere Regiment von Rezensenten verurteile, von denen sicher jeder irgendwelche Probleme hat, aber solange sie an die chronisch diskrete Bitterkeit gewöhnt sind, wird sie das Buch irritieren. Mich irritiert es nicht, es beeindruckt mich, nur manchmal stelle ich ketzerisch fest, dass auch ich gerne in Trauer laufen würde (natürlich nicht in einer so beschwerlichen) mit Hund entlang der Sázava, oder dass ich vielleicht auch gerne ein bisschen (nicht viel) Zeit in einem kroatischen Appartement am Meer leiden und Pršut essen würde, und dass das alles eine Veränderung entgegen meiner alltäglichen Traurigkeit in der faden Realität, gesäumt von den Städten B. und B. ist… Und wer weiß, ob die minderbemittelten Rezensenten letztendlich nicht doch die gerade bürgerliche Gestalt von M.s Traurigkeit empört, vor der auch ich teilweise eine feine Beimischung eines kaum spürbaren, albernen Neids spüre…

Als wir den Tunnel verlassen, fällt eine Frau in das Abteil. Sie ist vollständig mit einer schwarzbraunen Burka verschleiert, sogar an den Händen trägt sie schwarze Handschuhe, und aus dem Gitternetz glänzen grünbraune Augen hervor, aber durch die Dynamik ihrer Bewegung kann man nicht erkennen, ob es eine Weiße, eine Schwarze oder eine Psychopathin aus Wien ist. Sie ruft verärgert auf Deutsch: „Geldbeutel“ und wühlt mit heftigen Gebärden in unseren Gepäckfächern. Ich übersetze es den zwei stutzigen Fremden, der psychisch kranke Opa schnauft überdrüssig weiter, die verschleierte Frau sieht unheimlich aus und ich mache mir für einen Moment körperliche Sorgen um meine Kinder, gluckenhafte, mütterliche Angst. Dann reiße ich mich zusammen und sage der Muslima, dass wir über ihren Geldbeutel nichts wissen. Ein etwa achtjähriger Junge kommt ins Abteil, ich weiß immer noch nicht, ob die Frau nicht einfach nur verrückt ist, sie fängt aber lauthals an zu weinen, die Frau. In diesem Moment erhebt sich der Opa und schnaubt wütend, dass er gehen werde. Wie in einer Theaterszene löst den Opa im Abteil ein Schaffner ab. Die Frau bittet ihn auf Deutsch, er solle doch bitte die Polizei rufen, ihr seien 1000 Euro gestohlen worden und das sei für sie schrecklich viel Geld.

Sie wedelt mit ihren Händen schon vollständig ratlos herum, ihre Schultern zittern, die Burka wellt sich wie ein dunkles Meer, der Junge steht in der Tür und beobachtet alles schweigend, die Frau setzt sich auf den vom Opa freigewordenen Platz neben mich, ich spüre jetzt nur ihre Hilflosigkeit und auf einmal heftiges Mitleid. Ich rede weiter mit dem Schaffner und lechze nach Details. Der Schaffner meint, es sei Unsinn die Polizei zu rufen, aber dass er es sicherlich tun werde, und verschwindet gleich danach gleichgültig.

Die Frau schluchzt weiter, meine Töchter betrachten schweigend ihre Comics, die Fremden suchen verbissen nach dem Geldbeutel, wir sind hier in diesem Raum auf einmal alle verdächtig, sind potentielle Täter, in mir kehrt das Gefühl nicht ausgesprochener Schuld aus der Kindheit zurück: Ein Galanteriewarenladen, ich sehe eine Schachtel mit billigen Knöpfen durch und werde nicht den Eindruck los, dass ich die Knöpfe gleichzeitig auch stehle, obwohl ich sie nur genüsslich durch meine Finger gleiten lasse, diese Diamanten der Kindheit…

Die Frau in der Burka erzählt in stockendem Deutsch mit russischen Wörtern, wie sie für einen Moment eingeschlafen war und aus ihrer Tasche der Geldbeutel verschwand. Wir warten weiter auf die Bullen, ich rufe meine Freundin K. an und frage, ob ihr im Zug von Wien nach Brünn irgendjemand Verdächtiges aufgefallen sei. Und K. hatte wirklich in Břeclav eine lauernde Gruppe in den Waggon gucken gesehen. Es ist ihr peinlich, sie ziert sich, aber schließlich spricht sie es leise aus: „Sie waren so ein wenig dunkler“, sagt sie „Zumindest einige von ihnen“.

Pardubice. Der Schaffner hat die Polizei nicht angerufen. Er meint zynisch, es sei nutzlos, wenn sie nicht auf frischer Tat ertappt sind. Die Frau müsse angeblich in Prag aussteigen und ein Protokoll schreiben, das wird aber auch nichts ändern.

„Ich bin so ratlos“, klagt die Muslima unaufhörlich vor sich hin. Ich weiß schon, dass sie aus Tschetschenien ist und mit fünf Kindern und ohne Mann in Wien lebt, sie wollte das Geld ihrer tschetschenischen Cousine bringen. Der Cousine, die gerade aus Tschetschenien nach Berlin geflohen ist und nun auf Geld für die ersten paar Tage der Einwanderung wartet.

Es ist wahr – sie haben die ärmste Passagierin in der Mitteuropäischen Verbindung Wien-Hamburg beraubt! Sie dachten wahrscheinlich, sie sei aus den Emiraten.

Ich hole der Frau einen Kaffee, aber zuvor erzähle ich der Kellnerin an der Bar im Speisewagen das alles und sie stimmt mir zu – und was am absurdesten ist: Sie fährt fort und meint, dass hier tatsächlich eine Bande stehlen würde, und es seien angeblich die Leute da vorne am Tisch, sie wisse das und flüstert schließlich in unverschämter Vertrautheit: „Sehen sie, sie haben mir gut Trinkgeld gegeben“. Ich gebe ihr (der Kellnerin aus Wien) ebenfalls Trinkgeld, verschwinde mit F. auf die Toilette in der 1. Klasse. Hinter dem Speisewagen treffe ich zufällig eine weitere Bekannte aus Wien, ich erzähle ihr die ganze Reise-, und jetzt langsam schon Detektivgeschichte und ein tschechischer Passagier (ein viel zu sanfter Mann in Kordhosen), der uns die ganze Zeit zuhört, nickt zustimmend: „Ich habe auch von denen gehört, stand in der Zeitung. Die steigen immer in Prag aus, niemand kann ihnen was beweisen, ich habe sie schon in Brünn bemerkt, sind in Waggons der 1. Klasse umhergegangen.“

„Und warum haben Sie nichts gesagt? “, sage ich zehn Stunden später in mein nächtliches Kissen in B.

Aber jetzt gehe ich mit der kleinen F. durch den Speisewagen zurück in den Waggon, halte sie an der Hand und sehe am Tisch eine Gruppe von fünf tätowierten Passagieren mit ziemlich stumpfsinnigen Gesichtern. Unter ihnen sitzen zwei Frauen in Leggins und weißen Stiefeln bis zum Oberschenkel.

Ich blicke einem der Diebe starr in die Ziegenaugen, er ist dunkler, aber nicht alle sind so, ich wähle ihn aus, den Ziegenbock, und sage undeutlich: „Arme zu beklauen ist eine Sünde.“ Mein Herz schlägt schneller, aber ich sage es lauter, und dann noch zweimal. Schon bemerken es weitere der Männer und ich fange ihre leeren, ängstlichen aber auch bedrohlichen Blicke auf. Ich selbst habe Angst, sage es aber im Gehen umso lauter, bei der automatischen Tür schreie ich fast: „Das Beklauen von Armen ist Sünde! !“ Und während ich schreie, fühle ich mich wie der verrücke Opa und ich freue mich, ein berauschendes Gefühl, sieh an, Kraft der Worte, sieh an!  Dann verschwinde ich schnellen Gangs, F. an der Hand. Und bete, dass sie uns nicht finden.

Im Waggon sitze ich für einen Moment wie betäubt, F. atmet laut auf meinem Schoß. Nach Prag erzähle ich es langsam E., die Bande ist hoffentlich wirklich nicht mehr im Zug. „Jeder muss sterben“, flucht die Tschetschenin aus dem Schwarz ihrer Burka.

Was? Aber jeder muss doch gerettet werden – antworte ich ihr im Geiste. Aber ich bin mir dessen auf einmal gar nicht mehr so sicher.

„Unser Volk hat immer gelitten“, fährt die Tschetschenin fort.

„Aber mein Gott, das dürfen sie nicht so verstehen, das bedeutet nicht, dass an euch, den Tschetschenen, für immer Ungerechtigkeit verübt wird“, sage ich laut und verstört.

E. meint, dass wir in den Speisewagen zurückgehen, und sie irgendwie fesseln müssen, die Diebe. F. wendet ein, dass wir jedoch keine Handschellen haben. Der Junge (ich weiß schon, dass er Achdulabad heißt) lehnt die weiße Schokolade ab. Die Tschetschenin nimmt von mir die schon lange kaltgewordene Kaffeemelange, die wir vergessen haben und bedankt sich.

Sie sagt, sie sei in Wien im Krieg mit einer Nachbarin, einer Österreicherin, die immer die Polizei rufe, wenn die Kinder laut reden. Nach Ústí zieht sie schließlich den Schleier der Burka herunter und ich kann ihr breites, überraschend fröhliches Gesicht sehen, ich frage, ob das Gitternetz nicht ihren Augen schaden würde, das bringt sie zum Lachen. Sie ist erschöpft, aber bereits ruhig.

Es dämmert.

„Die Diebe haben Armut im Herzen“, sagt die Frau noch in brüchigem Deutsch. Dann schweigt sie. Die Kinder dösen, ich lese weiter im Buch von M. über eine geplatzte Aorta, über die Sehnsucht zu leben (denn Selbstmordgedanken sind doch die Sehnsucht nach Leben). Vorm Einschlafen im Zug sehe ich zuallerletzt die leeren Ziegenaugen von einem der Diebe.

Draußen donnert es. Wir sind in Dresden und wirr fällt mir ein, dass wir womöglich Unschuldige beschuldigt haben; und die arme Tschetschenin eigentlich ein luxuriöses iPhone besitzt. Ich dämmere weg…

Die Kinder erzählen wenig später in Berlin alles ihrem Vater wie ein spannendes Märchen. Sie lutschen Karamell und lachen wie gerettete Enten auf einem gefrorenen Teich.

Jeder muss sterben und jeder muss erlöst werden.

Oder vielleicht auch nicht.

 

Aus dem Tschechischen von Ruben Höppner

Aus: Dora Kaprálová: Berlinsky zapisnik (Berliner Notizbuch). Druhe mesto Verlag, 2016.

 

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