Sprachen
Inhalt Wer? Über uns Termine Submissions Untermenü
« zurück

25 Jahre – Symphonie der Grossstadt

Esther Andradi (2016)

0 (wie der Dokumentarfilm von Ruttman)

Zwanzig Jahre sind nichts, heißt es im Tango. Aber fünfundzwanzig Jahre scheinen eine Ewigkeit zu sein. Ein Viertel Jahrhundert nach dem Berliner Mauerfall und dem Ende des Kalten Kriegs und der Beseitigung des Eisernen Vorhangs, der die Welt teilte, hat sich die Stadt derart verändert, dass kaum noch Spuren von den Nähten da sind, die sie berühmt machten. Was wurde aus dieser über hundert Kilometer langen Mauer, die den Osten vom Westen trennte und Straßen und Straßenbahnschienen blockierte und in die Wälder, den Fluss und die Seen hineinreichte? Und als die West-Berliner U-Bahnzüge nicht an den Ost-Berliner U-Bahn Stationen hielten? Diese Strecken existieren nur noch in der Erinnerung. Aus dem engen Gässchen, das im Nichts endete, wurde eine Allee. Unmöglich, sich den Pfad entlang der Mauer vorzustellen im Umfeld dieses renovierten Gebäudes, das jetzt das Berliner Abgeordnetenhaus ist. Und aus dem Park, diesem Bereich des Tiergartens, in dem die Aussichtstürme für Touristen emporragten, ist ein Tunnel geworden, damit der Autostrom zügiger zum Potsdamer Platz gelangt… Der war früher vermintes Brachland und ist heute das neuralgische Zentrum dieser Stadt.
Mit einem Salto wurde das, was gerade war, umgedreht und umgekehrt.
Seither ist die Bewegung der Protagonist dieser Stadt. Befreiende Armbewegungen und Muskelkrämpfe, abrupte Verrenkungen oder kaum spürbare Pulsationen, in Berlin bewegt sich alles. Stadtviertel verlagern sich, Plätze ziehen um, Straßen ändern ihre Namen, Paläste werden abgerissen und Schlösser wieder aufgebaut, Strände werden erfunden, wo kein Meer ist, Denkmäler tauchen auf, während andere einstürzen. Sozialwohnungen aus den 50er Jahren widersetzen sich dem Vordringen blendender Glastürme, Monoblöcke des sozialistischen Realismus konkurrieren mit neoklassizistischen Palästen, Gebäuden aus der Nazi-Zeit und dem Bauhaus, Diskotheken auf Dachterassen und Floh- und Trödelmärkte in der ständigen Übung extremer Kontraste.

Das Paradigma dieser Turbulenzen ist der Palast von Friedrich von Preußen, der es über zweihundert Jahre hinweg bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts verstand, das Symbol des preußischen Kaiserreichs im Herzen Berlins zu sein. Das von den Bombardierungen im II. Weltkrieg schwer beschädigte Gebäude ließ die Regierung der ehemaligen DDR sprengen und stattdessen wurde der Palast der Republik errichtet, der Parlamentssitz ist, Begegnungsstätte mit dreizehn Restaurants, mehreren Kunstgalerien, Diskothek. Doch nach der Wiedervereinigung Deutschlands, wurde er 1990 für gesundheitsschädlich erklärt – sieht man von den Metaphern ab – wegen seiner hohen Asbestkonzentration. Nach zahlreichen Bürgerbefragungen zwecks Konsensbildung wurde er abgerissen. Diesmal jedoch ohne Dynamit, sondern Stück für Stück abgetragen, so wie man ihn erbaut hatte, um die umliegenden Gebäude vor eventuellen Schockwellen und Erschütterungen zu bewahren. Und stattdessen wird man jetzt eine Replik des alten Königspalastes bauen; da sträubt sich einem die Haut der Vernunft angesichts der astronomischen Kosten.
Unterdessen gibt es jetzt mitten im Stadtzentrum am Spreeufer und in diesem historischen Konglomerat auf dem traditionellen Boulevard Unter den Linden einen riesigen Riss, wo nunmehr ein Maschinenpark und Kräne stehen, sie symbolisieren den Tanz der Superlative in dieser Stadt, die ihre eigenen seismischen Wellen zu erzeugen vermag.
Doch nicht nur die Architektur und der Blick auf die Stadt und die öffentlichen Verkehrsmittel bewegen sich auf früher blockierten, geschlossenen und stillgelegten Strecken. Gruppen von Menschen wechseln den Ort oder werden verdrängt, die Nachbarn im Stadtviertel wechseln wahrscheinlich viel zu oft, fast eine halbe Million Menschen aus 190 Ländern leben mit den Deutschen zusammen, und Touristen aus aller Welt und aus Deutschland sind darauf erpicht, durch Berlin zu spazieren und erklären sie zur Top–Stadt, nach Paris und London. Über elf Millionen Besucher verzeichnete sie im letzten Jahr, Tendenz steigend, Jahr für Jahr.

Die dynamischste Stadt Europas
Der Bürgermeister Klaus Wowereit, der in ein paar Wochen aus dem Amt scheiden wird, weil er beschloss, zwei Jahre vor dem Ende seiner Amtszeit zu gehen, war der politische Vermittler des Bildes vom heutigen Berlin. Er kandidierte 2001 für die Sozialdemokraten und löste ein Erdbeben aus, als er sich in einer Rede öffentlich als homosexuell bezeichnete, was ihn in auf der Beliebtheitskala nach oben katapultierte: Ich bin schwul… – sagte er- Und das ist auch gut so.

Er war der erste deutsche Politiker, der sich outete und mit seiner Erklärung fiel eine andere Mauer. Urplötzlich gingen die Schleusen auf, so dass mitten in einer Welle der Privatisierungen, der sozialen Krise und der Unterschiede zwischen Ost und West das Bild eines toleranten Berlins aufblitzte.
Da sich jedoch alles ändert, ist nach dreizehn Jahren im Amt auch die Beliebtheit von Bürgermeister Wowereit drastisch gesunken. Die Bevölkerung stimmte in mehreren Referenden für die “Entprivatisierung” des Wassers und gegen die Immobilienprojekte der Berliner Regierung auf dem riesigen Areal, wo früher der Flughafen Tempelhof war, der endgültig geschlossen wurde. Eigentlich hätte der neue Flughafen von Berlin schon längst den Betrieb aufgenommen haben sollen, doch angesichts der noch nicht behobenen technischen Mängel kann man noch nicht losfliegen. Flüchtig sind nur die Millionen Euro, die Tag für Tag verpulvert werden. Sollen sie doch in den Versprechungen untergehen. Und der Bürgermeister, der jahrelang Berlins Hoffnungsträger war, gleich mit. Er ist aber auch der Bürgermeister, der sagte, dass keiner das Recht habe, im Zentrum von Berlin zu leben, und öffnete damit den ”Investoren” Tür und Tor. Investoren treten in Erscheinung, wenn Probleme zu lösen sind. Auf dem Wohnungsmarkt kaufen sie ganze Straßenzüge mit Häusern auf, Mieter inklusive. Diesen wird unter dem Vorwand der Modernisierung eine Entschädigung angeboten. Doch nach der Renovierung können sich die alten Mieter die Wohnung nicht mehr leisten. Soziologen nennen das “Gentrifizierung”, die Vertreibung der nicht so gut verdienenden Schichten an den Rand der Städte. Und im Zug dieses Verdrängungsprozesses wurde letztes Jahr die East Side Gallery, der letzte Überrest der Mauer aufs Geradewohl geöffnet, um die Bulldozer des Bauunternehmens vorbeizulassen, das für eine Immobliengesellschaft die Living Levels am Spreeufer baut. Ein Turm von dreiundsechzig Meter Höhe, mit breiten Fassaden völlig aus Glas, damit man aus jedem Zimmer auf den Fluß blicken kann. Um die Zukunft zu sehen. Mit anderen Augen.

Stadt der armen Herzen
Dabei liegt die Arbeitslosigkeit immer noch bei 11,1 Prozent in Berlin. Sie wird nur noch von Bremen übertroffen – 11,2 Prozent – und 15,2 Prozent der Bevölkerung lebt von Sozialhilfeprogrammen. Berichten des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge droht jeder fünfte Berliner in die Armut abzurutschen. Der höchste Prozentsatz von allen deutschen Städten. Was heißt Armut? Diesem Verband zufolge ist man arm, wenn eine Familie über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens verfügt, um ihre Grundbedürfnisse abzudecken.

Wenngleich es nach einem Viertel-Jahrhundert nur wenige Spuren vom vorherigen Leben gibt, beunruhigen die sozialen Unterschiede, die nach der Maueröffnung entstanden. Und in dem Mass wie die Zeit verstreicht, verfestigt sich die Idee, dass die Wiedervereinigung auf Kosten der Bürger der ehemaligen DDR erfolgte, weil man die positiven Erfahrungen, die es im Osten durchaus gab, nicht integiert hat. Es kann nicht sein, dass nichts gut gewesen sein soll, sagt Peter, der Zirkuskünstler aus dem westlichen Teil der Stadt. Es gab viele Fortschritte im sozialen Bereich, die wir verspielt haben. Dass jedes Kind ein Anrecht auf einen Kindergartenplatz hat, dass es Ganztagsschulen gibt, einschließlich Mittagessen. Wir sind sehr weit entfernt von alldem, und trotzdem gab es das in der ehemaligen DDR und noch Etliches mehr.
Die größere Frage steckt jedoch nicht immer im Geldbeutel, obwohl er ein hochsensibler Ort ist. Die Seele kann mehr, was der Augenzeugenbericht die Schriftstellerin Susanne Schädlich zeigt, einem ziemlich einzigartigen Fall. Die Familie Schädlich wanderte Ende der 70er Jahre aus der DDR in den Westen aus. Es waren schwierige Jahre, bestätigt die Schriftstellerin, weil sie sich “integrieren” mußten. Sie fühlten sich wie “Ausländer”, obwohl sie in Deutschland lebten. 1987 ging Susanne Schädlich in die USA, um als Übersetzerin zu arbeiten und begann bald zu schreiben. 1989 kehrte sie in das wiedervereinte Berlin zurück und stellte fest, dass “Anpassung” dort nicht gerade leicht war. Nach fünfundzwanzig Jahren kommen sich immer noch viele Bürger wie im Transit vor. İn einem Radioessay für DeutschlandRadio Kultur schrieb sie: Ich höre einen Freund, der sagt: Wenn wir nach ‘89 in der Bundesrepublik aus uns etwas gemacht haben, beruflich etwas darstellen, sind wir Wendehälse. Wenn wir darüber reden, dass uns auch etwas verloren gegangen ist, sind wir die ewig Gestrigen. Und wenn er genauer darüber nachdenke, so sagt er, sei es ihm, als kämen die Ostler in diesem Land gar nicht vor.

Das Fest geht weiter
Unterdessen setzt die Stadt ihren Wandel fort.
Weder die Statuen von Karl Marx, sitzend und Friedrich Engels, neben ihm stehend, können der Veränderung entgehen. Vorher mitten auf dem Platz vor dem Rathaus, jetzt in einer Ecke.

Von einem Schuss Melancholie verhüllt, sehen sie die Geschichte vorbeiziehen.
La Jornada Semanal, Mexíko, September, 2014

 

Auszug aus: „Mein Berlin. Streifzüge durch eine Stadt im Wandel.“
© KLAK Verlag, Berlin 2016

Übersetzung von Margrit Klingler-Clavijo

 

≡ Menü ≡
Startseite
Termine Submissions
Autor_innen Übersetzer_innen Moderator_innen
Über uns Partner Galerie
Kontakt Blog Facebook
Festival 2016 Events Presse