Sprachen
Inhalt Wer? Über uns Termine Submissions Untermenü
« zurück

Wie Viele Tage

Andrea Scrima (2010)

Erscheint Februar 2018 beim Literaturverlag Droschl

 

Eisenbahnstrasse, und der Moment als ich zum ersten Mal wieder das Atelier betrat, zurückgekehrt nach zwei Wochen Abwesenheit. Absurd, dass eine Quantität existieren, verifiziert werden kann, dass eine Zeit gemessen werden kann, zwei Wochen, alles Mögliche kann passieren, nichts kann passieren in zwei Wochen. Ein Stapel Post unter den Arm geklemmt, eine Reisetasche in der einen und ein Sack Kohlen in der anderen Hand. Die plötzliche Fremdheit des Raumes, die Fremdheit der Wand, die so vertraut, doch jetzt irgendwie zu lang, zu hoch war. Und wie rasch dieses Bild sich verflüchtigte, zum Gewohnten zurückkehrte, wie rasch die Wand wieder normal wurde. Kalt, es war immer so kalt, und der kleine Kohleofen brannte so schnell aus, die Wärme verschwand so jäh aus dem Raum, aber das wusste ich noch nicht, ich kannte die dortigen Winter noch nicht, ich war gerade erst mit der Renovierung fertiggeworden, als ich alles stehen und liegen lassen und nach New York fliegen musste, sofort, sofort. Es war November, die Kälte fing gerade erst an, in die Wände zu kriechen, gefroren, ständig habe ich gefroren, ständig habe ich einen weiteren Eimer Kohlen in den Ofen gekippt, ständig habe ich die Asche geleert, den Kasten so behutsam wie möglich herausgeholt, damit mir der feine rote Staub nicht ins Gesicht flog, doch das wusste ich noch nicht, ich war gerade erst eingezogen, als meine Mutter anrief und sagte, ich solle kommen. Und jene Nacht, die ich wartend in der Dunkelheit verbrachte, darauf wartete, dass es Zeit wurde, zum Flughafen zu fahren, dass der Wecker seinen unablässigen Piepton in meine Magenwände bohrte, meine Tasche gepackt und wartend, die Wände wartend, das Blut in meinen Adern wartend. Wie seltsam der Raum aussah, seltsam sich vorzustellen, dass er in diesen vergangenen zwei Wochen leer gewesen war, zwei Wochen, in denen sich vielleicht ein bisschen Staub auf den Tisch, auf die Bücher gelegt hatte, in denen ein paar Nachrichten auf dem Anrufbeantworter aufgezeichnet worden waren, jemand aufgelegt hatte, zwei Wochen, in denen fast nichts passiert war, in denen die Lampe dort geblieben war, wo sie war, der Tisch, wo er war, die Tasse, wo sie war, der Tee, den ich am Abend zuvor getrunken hatte, dort, wo ich ihn stehen gelassen hatte, unbegreiflich. Und doch öffne ich jetzt, nach zwei Wochen Abwesenheit, die Tür, und es ist nicht dasselbe, etwas hat sich verändert, etwas Böses ist da, ich habe einen blinden Passagier mit heimgebracht, einen Dämon, der sich während der Reise versteckt gehalten hatte und der nun unsichtbar hervorsprang, lautlos in die Wände verschwand, den Raum mit einer Angst erfüllte, die nie wieder fortging, die Angst vor einer tieferen, schwärzeren Dunkelheit, und ich durfte die Schlafzimmertür auflassen, einen Spalt, und ich kroch aus dem Bett und über die knarrenden Dielen, um den langen Flur hinunterzuspähen, zu dem schmalen Streifen Wohnzimmer, der am Ende sichtbar war, lauschte aufmerksam auf das Murmeln des Fernsehers, das mich tröstete, das murmelnde Geräusch von Sicherheit. Und du warst noch am Leben, deine kleinen Stapel Münzen für die Brückenmaut jeden Abend sorgfältig aufgereiht am Rand des Klaviers, dein Lunchpaket in einer braunen Papiertüte im Kühlschrank und immer etwas mit dem Kugelschreiber auf die Innenseite der Serviette gezeichnet, das Lunchpaket, das ich jeden Abend für dich gemacht habe, jeden Abend.

 

Übersetzt von Barbara Jung

 

≡ Menü ≡
Startseite Inhalt
Termine Submissions
Autor_innen Übersetzer_innen Moderator_innen
Über uns Partner Galerie
Kontakt Blog Facebook
Festival 2016 Events Presse