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Attitude

Kevin Shih-Hung Chen (2007)

Auszüge aus dem 2007 im Original veröffentlichten Roman „Attitude“

1.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem mein Vater mich in den Zirkus brachte, damit ich dort ausgebildet würde.
Ich bin eigentlich in einem Zirkus aufgewachsen, so dass ich mit dem Leben unter der Zirkuskuppel bereits vertraut war. Aber diesmal war es anders. Und zwar nicht nur, weil es ein neuer Zirkus war, sondern auch, weil dort meine eigentliche Ausbildung begann. Ich wurde Teil des Zirkus, Teil der Vorstellung. Ich war nicht mehr nur ein Kind, das herumspielte und zusammen mit dem Publikum meinen Eltern in der Manege applaudierte. Bevor wir losgingen, nahm mein Vater eine Klinge, um den dichten Wald auf meinem Kopf zu lichten; das scharfe Rasiermesser wurde eng an der Kopfhaut entlang geführt und entfernte rasch mein Haar. Er sagte: „Haar weg, Sorgen weg. Was du nicht behalten darfst, solltest du einfach vergessen.“ Ich fühlte einen Hauch von Winter und die Kahlheit auf meinem Kopf, mein Gesicht im Spiegel schien zu verkümmern. Mein Körper wurde welk. Und das, obwohl es Sommer war. „Heute bringe ich dich offiziell in den Zirkus; vergiss nicht, dass auch ich gerade erst bei dieser Truppe angefangen habe. Wir werden niemals wieder zu unserem alten Ensemble zurückkehren. Vor uns liegt ein langer Weg. Folge meinem Rat: Es geht immer weiter. Schau nicht zurück. Wenn du nur einmal zurückschaust, werde ich dich zehnmal mit dem Rohrstock schlagen, bis du dich wieder zusammenreißt.“
Es war Hochsommer. Wir standen Hand in Hand unter der glühenden Sonne, die auf meinem kahlen Kopf brannte. In der Ferne stand ein großes, tiefblaues Zelt inmitten einer ausgedehnten Weide. Das Zelt reflektierte den Sonnenschein in seltsamen Farben. Auf der Weide blühten Feuerlilien, gelbes Filzkraut. Ich griff nach den Blättern neben mir, um sie mit den Fingerspitzen zu zerdrücken, lies den beißenden Geruch des Basilikums um mich herum schweben. In der Nähe war ein Bahnhof, ein Schnellzug glitt die Schienen entlang. Mein Vater lies meine Hand los und sagte: „Atme einmal tief durch.“ Ich war zehn. Mein Vater war mein Himmel, er war alles für mich. Mein Körper reagierte stets unmittelbar auf seine Anweisungen. Ich hob meine Brust, atmete tief ein, und lies die Luft meinen Körper erfüllen. „Hast du das gerochen?“, fragte er. „Das ist der unangenehme Geruch der von der Sonne aufgewärmten Zeltwand. Mit diesem Geruch wirst du bis zu deinem Tod leben. Daran musst du dich gewöhnen. Am besten, du wirst danach süchtig.“ Nein, ich roch das Zelt nicht. Nur den Duft der Blumen und Gräser. Ich versuchte, tiefer einzuatmen, dehnte meine Nasenhöhlen so weit aus, dass sie Flugzeuglandebahnen wurden. Düfte in einem Umkreis von hundert Kilometern, die mit meiner Zukunft zu tun hatten, fuhren hinein. Sie starteten und landeten dort. Ich roch es, erkannte die Gerüche. Ich roch die weiten Graslandschaften Afrikas, von Löwenpfoten gerieben, die stinkenden Flüsse Thailands, versteckt in den Falten der rauen Haut eines Elefantenrüssels, und die Reste des südamerikanischen Urwaldes am Abendrot eines Affenarsches. Ich konnte sogar den Schlamm Brasiliens an der Haut des Pythons riechen. Doch den irritierenden Geruch der Zeltwand roch ich nicht. Dennoch hatte ich eine ganze Reihe von Vorstellungen über das Zelt vor mir. Ich versuchte, mein Zittern zu verbergen.
Er wischte die Schweißtropfen von meiner Stirn, beugte sich vor, um mir zuzuflüstern: „Wie gesagt: Sobald wir das Zelt betreten, ist es dir nicht gestattet – und frag nicht warum – mich ‚Vater’ zu nennen.“
„Ich weiß, Vat…”
Bang! Sein Schlag brannte in meinem Gesicht. Mein leichter Körper flog um und landete zusammen mit dem Schmerz im Gras. Die Feuerlilien kribbelten auf meiner Haut, Pusteblumen schwebten umher. Ich schloss meine Augen, versuchte den großen Körper vor mir auszulöschen, der die Sonne verbarg. Ich gab keinen Laut von mir.
Er schaute auf das Zelt in der Ferne und sagte: „Steh auf.”
„Ja, Herr.” Ich weinte nicht. Das zehnjährige Ich weinte nicht. Vor dem Herrn zu weinen, bedeutete ihn herauszufordern.
Mein Herr zeigte ein zufriedenes Lächeln, dann strebte er eilig auf das Zelt zu. Ich versuchte schnell, ihn einzuholen. Der warme Wind streichelte meine Wangen und verstärkte den Schmerz. Ich hatte mich bereits daran gewöhnt, nicht mehr laut loszuheulen. Ich lies meinen Vater, nein, meinen Herren, nicht einmal das klägliche Heulen in mir drinnen hören.

2.

Im Morgengrauen. Ich fühlte deutlich, wie die Beerdigung wieder und wieder in meinem Körper nachhallte.
Ich verstand nicht, was Tod war. Alles, was ich wusste, war, dass viele Leute gegangen waren, vor, während und nach der Beerdigung. Und dass sie nie wieder kommen würden. Ich verstand nicht alle Begräbnisriten. Ich wusste nur, dass ich wirklich etwas verloren hatte. Nach der Beerdigung musste ich den alten Zirkus mit meinem Meister verlassen. Wir ließen die Wiese hinter uns. Wir ließen das Karussell hinter uns. Wir ließen das weiße Haus hinter uns.
Während der Beerdigung weinte ich nicht. Der Meister erlaubte mir nicht zu weinen. Jeden Morgen wurde mein dünner Körper aus chaotischen Träumen geboren. Mein Körper war bedeckt vom Schweiß, wie ein Baby vom klebrigen Mutterkuchen. Ich erlaubte mir, schwach zu schluchzen. Ja, nur zu schluchzen. Obwohl mein Körper voller Sehnsucht war, weinte ich doch nicht laut. Ich erlaubte mir nur, unter der Bettdecke einige Tränen zu vergießen, so dass die Decke mein Schluchzen aufsog. Ich durfte den schnarchenden Meister neben mir nicht wissen lassen, dass ich weinte.
Alle Ensemblemitglieder übernachteten in den Wohnwagen. Sobald die Anhänger mit der Zugmaschine verbunden waren, ging es weiter in eine andere Stadt. Man erzählte mir, dass ich in einem solchen Anhänger geboren worden sei. Ich sah den Meister in tiefem Schlaf, kämpfte mit der Sehnsucht, mich bei ihm einzurollen. Er hatte mich schon seit langem nicht mehr umarmt. Und seit er mein Meister war, war es noch unwahrscheinlicher geworden, dass er dies je tun würde.
Beim Frühstück hielt mich ein Mann auf, dessen faltiges Gesicht wie erodiert aussah, lächelte mich mit seinem hässlichen Gesicht an und sagte: „Dies war dein erster Tag im Zirkus Da Vinci; hast du gut geschlafen? Später beginnen wir mit deinem Training. Mal sehen, wann du bereit bist für die Manege.“ In dem Moment bemerkte ich, dass er der Clown war. Ohne sein Make-up hatte er ein trauriges Gesicht. Die Falten überzogen es wie Spinnenweben. Sein Haar war farblos und dünn. All dies hatte nichts mit seiner Verkleidung als Clown zu tun. In seinen Stirnfalten, die so tief wie Täler waren, sah ich noch Reste des Make-ups. Sie waren die einzigen Spuren eines Lachens in diesem Gesicht, das jeden Moment in Tränen ausbrechen konnte.
„Kriech dort hinein.”
Nach dem Frühstück stand ich in der Manege. Der Meister stellte mir einen roten Kübel vor die Füße und befahl mir, mich hineinzuzwängen. Ich wusste, dass der Meister dem Chef-Clown zeigen wollte, welchen Grad meine Dehnbarkeit inzwischen erreicht hatte. Ich war umgeben von den leeren Rängen. Die Akrobaten waren dabei, sich aufzuwärmen und mit dem Training zu beginnen. Diabolo, die fliegenden Männer, turnten bereits oben in der Kuppel. Die feuerschluckende Meerjungfrau NaNa wirbelte mit ihrer Flosse das Wasser im Bassin auf. Das Brüllen der Löwen klang von hinter dem Zelt hervor. Das ganze Zelt war wie ein Radio mit schlechtem Empfang, voller chaotischer Geräusche.
„Beeil’ dich, kriech hier rein.”
Wieder überkam mich starke Sehnsucht nach meiner Mutter.
Ich schloss meine Augen, Rot umfing mich.
Das Rot, das Mutter so gerne während der Vorstellungen trug. Rotglänzender Seidensatin. Der das Scheinwerferlicht in vielen kleinen Sternen reflektierte. Mutter sagte, dass man seinen Körper wie einen weichen Stoff benutzen solle. Jeden Tag laufe man steif, renne, gucke nach oben, gucke nach unten, beuge sich nach vorne, setze sich. Dadurch würden sich die physischen Funktionen zurückentwickeln. An Neugeborenen aber könne man noch sehen, wie weich der menschliche Körper einst war. Die Fußsolen eines Babys können dem Nacken „Hallo“ sagen, mit dem Kopf zwischen den Beinen sehe es die Welt kopfüber, und seine Beine können sich zum Nord- und Südpol spreizen und sich dann in alle Richtungen bewegen wie eine Kompassnadel. Unsere Körper haben diese Beweglichkeit lediglich vergessen. Mutter sagte, dass unsere Knochen größer und größer und härter und härter würden. Aber das bedeute nicht, dass wir auch immer stärker werden. Im Gegenteil, es verdecke nur die Weichheit, mit der wir einst geboren wurden. Sie lehrte mich, wie man seine Knochen wieder verliert, wie man weich wird wie ein Fluss voller Fische, ein warmer, um den Hals gewickelter Schal, ein Gedicht, das Menschen zum Weinen und zum Lachen bringt. Ich dachte an meine Mutter, die sich selbst wie ein Blatt Papier falten konnte. Sie sagte immer: „Komm, mach es mir nach. Zuerst die Beine spreizen, dann die Hüftmuskulatur entspannen, zieh die Brust zum Boden, und dann biege jedes deiner Gelenke… bis du die Dominosteine fallen hörst hörst. Bang! Bang! Bang! Bang! … Bis du spürst, dass du keine Knochen mehr hast.“
Ja, ich hörte es, die Bewegung der Dominosteine unter der Haut. Die Dominosteine, die sich an meinen Knochen entlang aufreihten, und sich nach vorne neigten, als meine Mutter sie rief. Sie drückten die Starre aus dem Weg, breiteten sich aus wie ein Tropfen roter Farbe im Wasser, wie strahlend rote, sich schnell verzweigende Baumwurzeln. Sie bewegten sich weiter fort, bis ich völlig vom Rot umgeben war. Bis ich nur noch Mutters Worte hören konnte. Bis ich schließlich meine Knochen verlor.

3.

Die Chefin entwarf eine Choreographie, in der Pierre und ich zu zweit 30 Minuten lang tanzen sollten. In einen argentinischen Tango sollten wir akrobatische Einlagen einbauen. War der Takt schnell, sollte Pierre meinen Körper aggressiv ergreifen. Wir waren wie zwei wütende, buckelnde Katzen. Pierre griff an, und ich verteidigte mich, so dass sich unsere Körper aneinander rieben und wieder trennten. Dabei erzeugten unsere kraftvollen Leiber einen Luftzug, der von der Bühne fegte. Der Tanz sollte nach blutigem Kampf schmecken. Unsere Finger versanken in unseren Arschbacken. Wir mussten ein Stück der Seele des anderen stehlen. Unsere Körper entfernten sich immer wieder voneinander und prallten dann wieder zusammen. Wenn die Musik am Ende langsamer wurde, übernahm ich die Führung und hob Pierres Körper schließlich langsam und würdevoll empor. Unsere Leiber mussten sich ineinander greifend treffen. In dieser ununterbrochenen Bewegung war es unseren Händen nicht erlaubt, sich vom Körper des anderen zu entfernen. Dabei trampelten wir einander aggressiv auf die Füße und traten einander gegen die Beine. Der Takt unserer Bewegungen war klebrig wie Schokolade. Wir löschten unseren Durst mit dem Schweiß des anderen, wir umschlangen einander und hörten nicht auf.
Während der 30-minütigen Vorstellung mussten wir ständig weinen. […]
Und endlich sind Pierre und ich dran. Das Reisfeld kam zurück auf die Bühne. Pierre begann, die Okarina zu spielen, der Duft von Pampelmuse breitete sich im Zelt aus. Weiße Grapefruitblüten fielen von der Zirkuskuppel und hüllten alle in ihren Duft ein. Der Musik der Okarina folgend durchquerte ich das goldene Reisfeld mit geschlossenen Augen. Erst als ich die raue Elefantenhaut berührte, wusste ich, dass ich Pierre gefunden hatte. Die Tangomusik schwoll an, ich schlug meine Augen auf, Pierre wartete auf dem Rücken des Elefanten auf mich. Ich sprang auf, fuhr mit meinen Fingern über die Tätowierung auf seinem Arm, griff nach seiner Schulter, und wir fingen an zu tanzen. Mit einem Rückwärtssalto sprangen wir von dem Elefanten herunter. Unsere Körper bewegten sich nach vorne. Im Takt der argentinischen Milonga schwangen wir unsere Hüften und traten einander gleichzeitig gegen die Beine. Trotz der schnellen Bewegungen ließen wir einander nie aus den Augen.
Applaus brandete auf.
Ich stand auf Pierres Schultern, bereitete mich auf meinen Rückwärtssalto vor. Doch Pierres Körper zögerte plötzlich, und ich fiel daher fast ins Reisfeld.
Ich sah in die Richtung, in die Pierre schaute, und erblickte sie ebenfalls.
Blauer Lidschatten.
Eine langhaarige Chinesin trug einen engen Qipao, in ihrem blass geschminkten Gesicht glühten ihre roten Lippen.
Ihr blauer Lidschatten war das Blau auf der weißen Krawatte, die Pierre als Gürtel benutzte, als ich ihn das erste Mal traf. Er benutzte diese Krawatte als Gürtel für alle Hosen, die er trug.
Pierre hörte auf, mich anzuschauen.

4.

Ich ging treppauf, in die ungeheizte Wohnung, und ich trat im selben Moment in hunderte von Männertoiletten. – Es gab hunderte von Fotos an der Wand, alle in Silberrahmen. Auf den Bildern zahlreiche öffentliche Toiletten. Die Linse hatte sich immer durch den Türspalt gedrängt, den Blick von Männerrücken einfangend, die vor den Pissoirs stehen. Die Geschwindigkeit, mit der die Aufnahmen gemacht worden waren, hatte das Objektiv erschüttert, so dass das schmutzige öffentliche Männerklo etwas Strahlendes bekommen hatte – die gelben Urinflecken, die grünen, heruntergefallenen Kacheln, die weißen Urinale, die kleinen Sex-Anzeigen an der Wand. Auf den Fotos waren alle Pigmente so hell, dass die Bilder wie glänzende Ölgemälde wirkten. Man sah die Rücken vieler verschiedener Männer, dick oder dünn, die ihre Beine zum Pinkeln öffneten. Die Kamera fing die versteckten Blicke der anderen Pinkelnden ein. Viele Männer streckten eine Hand aus, um einander an die Genitalien zu greifen. Einige berührten sich selbst, das Gesicht auf die großbusigen Frauen der Sex-Anzeigen an der Wand gerichtet. Einige benutzten Spritzen, um sich Stoffe in den Arm zu injizieren. Andere atmeten vor den Urinalen weißes Pulver ein. Einige Männer weinten und hielten die Pissoirs umfasst. Andere kotzten. Diese Männer hatten alle Hautfarben, jedoch keine vollständige Vorderseite, aber alle hatten drei-dimensionale Rücken und ihre Silhouetten verrieten ganz unterschiedliche Gesinnungen.
Klick.
Ich drehte mich um, der Mann, der alle diese Aufnahmen gemacht hatte, hatte seine Kamera genommen und meinen Rücken fotografiert.
„Du hast einen sehr interessanten Rücken. Er ist voller Geschichten. Ich mag ihn sehr. Wann immer ich einen neuen Ort besuche, gehe ich jedes Mal zu den örtlichen Toiletten, um Bilder zu machen. Ich habe Tausende Aufnahmen gemacht. Dies sind nur die Fotos, die am besten gelungen sind. Ich hatte einmal eine Ausstellung. Ein Mann, der die Ausstellung besuchte, erkannte seinen Rücken und schlug mit der Faust auf mich ein. Danach schickte ich alle Bilder, auf denen er und andere Männer einander berührten, an seine Frau und seine Kinder.“

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