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China

Carla Bessa (2017)

Keine Ahnung, was in mich gefahren ist. Ich hatte aber auch so n Hunger. Das wirds gewesen sein. Sonst nicht, hätte ich so was nie gemacht. Nie. Hat mir schon leidgetan. Aber mit so nem Hunger. Seit sieben Tagen, glaub ich, ohne Essen. Vielleicht sogar mehr, keine Ahnung. Oder weniger. Ich erinner mich nicht mehr so genau. Ist traurig, ich weiß. Aber weißt du, in manchen Ländern auf der Welt ist das normal. In China zum Beispiel. Den Leuten ist es scheißegal. Das ist von denen die Kultur. Ich weiß das, weil ichs in der Zeitung gelesen hab. Ja, ich lese oft Zeitung. Es kommt drauf an, wie mans sieht, oder? Ob die andern Leute das normal finden und das auch machen. Was vorher ne Sünde war, ist dann was Gutes. In China, hab ich gelesen. Und in Vietnam. In ein paar Ländern in Afrika. Im Krieg war das normal. Wenn man darüber nachdenkt, hängts bloß von der Situation ab, oder? Wie, wenn man jemand angreift. Oder tötet. Wenns Selbstverteidigung ist, darf man das.

 

Dieser gequälte Blick. Hat mir schon leidgetan. Aber dieses Loch in meinem Magen, seit über zwei Wochen, oder anderthalb. Keine Ahnung, weiß nicht mehr so genau. Wie ich auf die Idee gekommen bin? Weiß ich auch nicht. Hat mich immer so angeguckt. Wie so ein Opfer. Das hat mich so genervt. Hat die ganze Zeit auf meine gezuckerte Dosennmilch geglotzt. Ich glaub, da bin ich auf die Idee gekommen. Für manche Leute ist das ne richtige Delikatesse. Nicht die Dosenmilch, mein ich.

 

Ich misch die Dosenmilch mit Zucker. Richtig viel Zucker. Das gibt ne Nahrhaftigkeit. Und n Schnaps dazu, klar.

 

Ne echte Delikatesse. Ich habs aus der Zeitung ausgeschnitten. Kann ich dir zeigen. Da stand, dass es in China ein Fest gibt, mit so nem komischen Namen, so n Festival. Was ich gemacht hab, machen die Leute da einfach in der Öffentlichkeit. Und da kommt keiner in n Knast, so wie ich. Und da machen die das nicht wegen dem Hunger, sondern wegen dem Fest.

 

Der wollte meine Dosenmilch. Hatte bestimmt auch Hunger. Obwohl, da auf der Straße gabs auch immer was. Wollte den Rest von der Dosenmilch, obwohl ich selber fast nichts mehr hatte. Da hab ich so ne Wut im Bauch bekommen. Die Wut, die ich brauchte, um zu tun, was ich getan hab. Über ein Jahr waren wir schon zusammen.

 

Eine Delikatesse, das ich wusste nicht mal, was das ist. Dann hat mir jemand gesagt, das ist was ganz Besonderes und Tolles zum Essen. Irgendwie so was Feines. Was weiß ich.

 

Die machen ein richtiges Festessen mit Kürbis, gedämpft, Schmorgurken und Reis, da in China. Und in der Mitte vom Tisch, dazwischen, das Hauptgericht. Das hängt da so rum, dass es jeder sehen kann. Und keinen störts.

Toll oder besonders hört sich das nicht grad an. Von wegen Delikatesse!

 

Hatten Sie schon mal Hunger? Ich mein, so richtig Hunger, mehrere Tag ohne zu essen?

 

Wir waren im Wohnzimmer. Nein! Wir waren hinterm Haus, im Garten. Ich bin in die Küche und hab die Schüssel mit der geschlagenen Dosenmilch geholt. Er hat erst zu mir geguckt und dann zur Schüssel, mit so einer hässlichen Grimasse, mit gefletschten Zähnen. Aber vielleicht waren wir doch im Wohnzimmer, vor dem Fernseher.

Dann hat er die Schüssel genommen. Nein, doch nicht. Hat den Zucker umgekippt. Den Zucker, und das war der letzte, den ich noch hatte.

 

Die Haut trocknet aus. So, wie wenn man zu viel Sonne abbekommt.  Fängt an aufzureißen, so wie die Erde da wo ich herkomm.

 

Hat immer Sachen umgekippt. Gleich am ersten Tag hier, da hat er auch den Zucker umgekippt. Lange her. Da gabs Schläge. Ja, ich hab zugeschlagen. Hat mir die ganze Zeit in die Augen geguckt dabei. Ich war besoffen. War so wütend. Ich glaub, er fands gut mit den Schlägen, weil danach hat er immer mehr Sachen runtergeschmissen.

Manchmal gabs jahrelang keinen Regen. Ich hatte immer Hunger. Meine Haut war so trocken wie die Erde.

 

Und wenn man mich so anglotzt, mit so nem Opfergesicht, da werde ich wütend. Einmal hab ich ihn so zugerichtet, dass er n paar Tage nicht laufen konnte. Ist aber  nicht abgehauen. Komisch, oder? Hat bestimmt gerne Schläge gekriegt. Das gibts. Wenn ich trinke, verlier ich meinen Kopf. Sonst nicht. Nüchtern war immer alles schön zwischen uns. Ich hab mich gefreut, als er bei mir aufgetaucht ist. Ich bin doch eine einsame Frau.

 

Damals in der Schule hab ich kaum was gelernt, wegen dem Hunger. Also fast nichts, nur ein bisschen lesen, und den Namen schreiben. Mit Hunger lernt man nichts. Mit Hunger denkt man nicht.

 

Meine Mutter ihre Haut war wie die Erde, aufgerissen. Und hat nach Nagellackentferner gestunken. Ach ja, der Mund. Wenn man zu lange nichts gegessen hat, stinken die Haut und der Mund nach Nagellackentferner.

 

Er ist gestern Abend hier aufgetaucht. Ich hatte ihn vorher noch nie gesehen. Nein, er hat nicht hier gelebt, ich hab das verwechselt. Das war gestern. Oder vorgestern, weiß nicht mehr. Ich hatte Hunger, und den ganzen Tag gesoffen, ich hab nicht lange nachgedacht.

 

Die Bullen hat der Nachbar gerufen. Das Arschloch! Der hat das Gejaule gehört, als ich zugeschlagen hab. Als der Polizist reinkam, war ich schon am Zerlegen. Am Zerstückeln.

 

Meine Mutter war ne hübsche Frau. Hat aber überall Risse bekommen und angefangen, nach Nagellackentferner zu stinken. Und eines schönen Tages ist sie zerbröckelt. Der Körper frisst sich von innen auf. Wenn ein Mensch nichts mehr isst, dauerts nicht mal vier Wochen und er stirbt.

 

Die machen da lauter Braten und ein Bankett mit Gewürzen, Ingwer, Knoblauch, getrockneten Orangenschalen, Lorbeerblättern und Fenchel. Stand in der Zeitung, ich habs gelesen. Auf der ganzen Welt berühmt, dieses Fest.

 

Meine Mutter hat das früher auch mal so wie ich gemacht. Aber da, wo ich aufgewachsen bin, ist das normal. Das stört da keinen. Meine Mutter schon, die hat dabei geweint. Ich weiß noch, wie sies zerlegt hat. Und wie es gejault hat, das war genauso.

In China fängts jetzt langsam an, die Leute zu stören, die protestieren dagegen. Mit vollem Bauch ist das auch einfach.

Der Nachbar hier auch. Der meinte so, mit seinem vollen Bauch, dass er traurig war und geschockt. Dass er Mitleid hatte! Und mit mir? Da hat keiner Mitleid.

 

Ich hab gehört, wie meine Mutter geweint hat, und dazu das Klirren von dem Buschmesser und dem Gejaule. An dem Tag, das vergess ich nie, hab ich In-den-Himmel-gucken-und-Wolken-vorstellen gespielt. Und dann hab ichs gehört, das vergess ich nie. Wolken gibts dort nur vorgestellt. Es regnet ja nie. Sie ist früh aufgestanden und losgelaufen, Bin gleich wieder zurück, geh nicht weg, hat sie gesagt. Und ist gelaufen und gelaufen, über die Wiese, die gar keine mehr war, da war nur noch rissiger Boden und Erde. Wir sind immer ganz vorsichtig darüber gelaufen, damit wir nicht in die Ritzen treten und hinfallen. Sie ist weit gelaufen, und er hinterher, beide ganz langsam. Als ich noch mal geguckt hab, warens nur noch zwei Pünktchen und dann waren sie ganz weg. Dann war alles still. Und ich beim Wolkenvorstellen. Da hab ichs gehört. Die Leute hier sagen, dass ich emotionale Probleme hab. Glaub ich nicht, ich hab keine Probleme, und auch keine Emotionen. Ich hab Hunger.

 

Wir wollten grad ins Bett, jeder in seine Ecke. Ich hab den Fernseher ausgemacht. Da hat er mich so schief angeguckt und gejault. Einfach so aus dem Nichts. Und hat gar nicht mehr aufgehört. Keine Ahnung, was in mich gefahren ist. Ich war so wütend, und dann das Loch im Magen. So was hab ich noch nie gemacht vorher. Leidgetan hats mir schon, irgendwie.

 

Übersetzt von der Autorin in Zusammenarbeit mit Aron Zynga

 

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