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Chinesische Dinge

Yimeng Wu (2013)

Was sind chinesische Dinge?

Chinesische Dinge sind kitschig und bunt.

Chinesische Dinge sind die vier großen Erfindungen: Papier, Feuerwerk, Kompass und Buchdruck.

Chinesische Dinge sind fake.

Chinesische Dinge sind kommunistisch.

Chinesische Dinge sind antik.

Chinesische Dinge sind billig.

Chinesische Dinge sind…

Chinesische Dinge sind kosmischer Herkunft.

Das Wort für Ding oder Gegenstand lautet auf Chinesisch 西 dong xi und bedeutet wörtlich übersetzt „Ost“ und „West“. Damit sind die zwei Richtungen aus dem „Acht Trigrammendem kosmologischen Plan des antiken I-Gings gemeint. Ost wird dem Element Holz und West dem Element Metall zugewiesen. Daher repräsentieren die beiden Richtungen alle materiellen Gegenstände, die von fester und artifizieller Form sind.

Eine andere Legende über die Herkunft des Namens verortet die umfassende Spannbreite der materiellen Welt: Es war einmal eine kleine Stadt im historischen China, die von einer Stadtmauer umschlossen war. Am Westtor und Osttor befanden sich zwei Märkte, die die materiellen Bedürfnisse der Bewohner erfüllten. Immer, wenn jemand Dinge einkaufen gehen wollte, benutzte er den Ausdruck „ich gehe Ost-West kaufen“ (我去卖东西).

Durch die Jahrtausende hat sich 买东西 mai dong xi (Ost-West einkaufen) als Volkssport etabliert. Die Geschäfte in den heutigen Städten sind rundum von morgens bis spät nachts, sieben Tage in der Woche geöffnet. Dazu kommen noch die vielen kleinen Buden 卖部, Stände, Märkte und fliegende Händler am Rande der Legalität, die alle erdenklichen und unerdenklichen Bedürfnisse abdecken. Dieses Über- und Nebeneinander an Marktkomplexen macht China zum Einkaufsparadies, für In- und Ausländer sowie für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel.

Was wird eingekauft?

Es gibt in China den populären Begriff 衣食住行 yi shi zhu xing, der die vier Grundbereiche der materiellen Alltagskultur Chinas charakterisiert: Kleidung, Nahrung, Wohnen, Mobilität. Er bietet eine erste Orientierung für die grobe Kategorisierung der 西/Dinge-Welt. Ihre Reihenfolge wurde entsprechend ihrer Dringlichkeit und Wichtigkeit aufgestellt. Diese 4 Zeichen wurden u.a. auch im japanischen Gebrauch übernommen, um die materielle Alltagskultur zu beschreiben, wobei das Zeichen für Mobilität weggelassen wurde in der Vorstellung, dass Mobilität auf der überschaubaren japanischen Insel nicht von so elementarer Bedeutung wäre.

Chinesische Dinge – Einschränkung und Explosion des Konsums

Nach der Gründung der Volksrepublik unter Mao waren materiellen Güter nur begrenzt zugängig. In Form von speziellen Marken 粮票 liang piao wurden Grundlebensmittel wie Mehl oder Reis ab 1955 rationiert. Andere Waren wie Stoffe unterlagen auch der staatlichen Kontrolle. Die Verteilung der Güter unterschied 9 Kategorien von Verbrauchern vom Säugling bis zum hart schuftenden Arbeiter. Sie enthielten unterschiedliche Mengen von Lebensmitteln, die nach ihren Tätigkeiten bemessen wurden. Die Rationierung von Lebensmitteln war auch eine Möglichkeit der staatlichen Kontrolle über die Einwohner, die nicht einfach im Land umher ziehen konnten, da jede Region ihre eigenen Marken verteilte abhängig von dem gültigem 户口 Hukou der Bewohner. Neben Nahrungsmittel unterlagen Unterkünfte auch der Rationierung. Für die Verteilung von Wohnungen war lange Zeit die staatliche Einheit dan wei zuständig. Daher ist es leicht vorstellbar, wie groß der Hunger nach eigenen und neuen „Dingen“ in der Bevölkerung war.

Dieser Hunger wurde Dank der Reformen Deng Xiao Pings gestillt. Seit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes wuchs die Vielfalt der Dinge auf den Märkten. Der gesellschaftliche Wandel zeigte sich in einem Zuwachs an Qualität und Quantität der verfügbaren an materielle Güter. Der Import ermöglichte die Aneignung von globalen Produkten und Marken. Anfang der 90er Jahre eröffneten die ersten Supermärkte, die Anfangs noch von vielen Mitarbeitern überwacht werden mussten, in der Angst, die Menschen würden sich einfach aus den Regalen bedienen ohne zu zahlen. Die meisten hatten bis dahin eine solche Fülle an Gütern noch nicht erlebt. Das Einkaufen wurde zur Qual der Wahl. Bei dem einfachen Thema Schokolade verdreht man die Augen. Neben chinesischen Marken (zugegeben, Schokolade ist nicht umbedingt ein beispielhaft chinesisches Lebensmittel) findet der Käufer internationale importierte Labels wie Dove, Ferrero oder Milka. Dazwischen finden sie interessanterweise auch chinesische Auswüchse der beiden: Imitate von Rocher-Kugeln heissen „Gold Balls“ und führen chinesische Verbraucher in den Irrglauben, eine günstigere Variante des italienischen Herstellers gefunden zu haben. Damit berührt man das Phänomen der Imitation oder 山寨 shan zhai „Fake“-Kultur.

Weil sich immer mehr westliche Dinge als unverzichtbare Statussymbole in China etablierten, geben selbst Wanderarbeiter ihr knappes Gehalt für die neuesten Smartphones oder Markenschuhe aus. Wenn der eigene Geldbeutel für das Original nicht tief genug ist, muss ein preiswerter chinesischer Ersatz.

Internationale Großkonzerne gehen dabei häufig leer aus. Die Imitate bekannter Marken sind vielfältig und äußerst fantasievoll. Marketing-Experten von Adidas würde ein Besuch chinesischer Märkte sicher zu neuen Inspirationen verhelfen. Hier findet man alle möglichen Varianten der Streifen-Anzahl und der Reihenfolge der Buchstaben der Marke wie z.B. „aidias“, „dasabi“, „abibas“ usw . Gefälschte Dinge bekommen ihre eigenen Werte und Ästhetik durch den Fehler. Mittlerweile gelten Rolexuhren vom Shanghaier Fake-Markt als kultige Mitbringsel bei westlichen Touristen.

Die Statussymbole verlieren auch nicht ihre Bedeutungen nach dem Tod ihres Trägers. In der Vorstellung, dass die Seelen der Verstorbenen noch auf der Erde verweilen und die selben materiellen Bedürfnisse haben, werden die geliebten Menschen dementsprechend versorgt. Jedes Jahr zum Qingming-Fest 清明 qin ming jie (Totengedenktag) Anfang April werden die Verstorbenen mit „Dingen“ versorgt. Eine wichtige Geste ist das Verbrennen von Papiergeld, das liebevoll aus Silberpapier in Geldform gefaltet wird. Heutzutage passen sich die Bedürfnisse der Verstorbenen natürlich der modernen Warenwelt an: Miniatur Iphones, Miniaturvillen, sowie „Hells Dollars“ aus Papier werden ebenfalls durch die Flamme in das Totenreich geschickt. Schließlich wollen auch die Geister am Fortschritt teilhaben.

Ähnlich wie die Papierdinge durch die Flammen ins Jenseits geschickt werden, verlieren auch immer mehr chinesische Dinge durch die Dominanz der westlichen Konsumgüter an Bedeutung.

Das heißt nicht unbedingt, dass diese traditionellen Dinge völlig „aussterben“. Sie kehren stattdessen in anderem Kontext wieder auf und werden mit neuen kulturellen Werten aufgeladen.

Das Verschwinden der chinesischen Dinge und ihre Renaissance

Das Bewusstsein über die Existenz „chinesische Dinge“ entwuchs erst durch ihr langsames „Verschwinden“ – zumindest in den chinesischen Großstädten. Menschen sind sich oft nicht bewusst über die Eigenheiten ihrer Lebensgewohnheiten und materiellen Kultur, bis sie ihren Verlust bemerken. Die Veränderung des äußeren Lebensumfeldes änderten auch die damit verbundenen, „inneren“ Elemente, den Alltagsgegenständen. Wenn alte Häuser und ganze Hofkomplexe abgerissen werden, um Platz für neue Hochhäuserreihen zu machen, lösen sich soziale Nachbarschaftsgefüge und tradierte Gepflogenheiten wie gemeinschaftliches Kochen an offenen Herd- und Wasserstellen auf.

Durch den materiellen Fortschritt wurden viele Dinge überflüssig: Brickets für Öfen wurden nutzlos, Warmwasser aus der Leitung und Trinkwasserspender verbannten die allseits geliebten Thermoskannen aus Metall, die bunte Glückssymbole wie Päonien oder Goldfische trugen. „Wiedergefunden“ wurden die Thermoskannen von ausländischen Touristen, die den nostalgischen China-Chic suchten. So ergeht es vielen chinesischen Dingen, die ihre Renaissance in Design-Boutiquen oder Kunstmuseen im In- und Ausland erleben.

Im Jahr 2008 sorgte die beeindruckende Installation „Waste Not“ des Beijinger Künstlers 宋冬 Song Dong im Haus der Kulturen der Welt in Berlin für Furore: der gesamte Haushalt seines verstorbenen Vaters wurde mit Hilfe seiner Mutter sorgfältig sortiert und im musealen Rahmen ausgebreitet. Um das Holzgerüst des traditionellen Hutong-Baus versammeln sich zahlreiche Gegenstände wie große Plastikschalen, Medikamente und Getränkeflaschen die wie Relikte aus einer anderen Zeit erscheinen. Die enorme ästhetische Kraft der Exponate erweckte das Interesse der ausländischen Betrachter für die Alltagskultur Chinas.

Mittlerweile sind „chinesische Dinge“ auch „wiedergekehrt“ in die Hauptstadt Beijing. In der 鼓巷 Nan luo gu xiang, einem restaurierten hippen Hutong-Viertel quillen die Souvenirläden über mit chinesischen Retro-Dingen. Hier finden sich Emaille-Bechern mit Sprüchen aus der Kulturrevolution und auch die oben genannten altmodischen Wärmeflaschen. Die selbstironische Haltung der Chinesen gegenüber der oft beschwerlichen Vergangenheit vermittelt ein neues Bewusstsein der heutigen Generation der in den 80er oder 90er Jahren geborenen „Wohlstandskinder“. Auch wenn sie sich nicht mit der patriotisch-kommunistischen Linie identifizieren können, versuchen sie sich auf humorvolle Weise diesem Kapitel der chinesischen Vergangenheit zu nähern.

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