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Wie Wolken über Berlin

Dario Deserri (2014)

Die Straßen von Kreuzberg zwischen Mehringdamm und dem alten Flughafen Tempelhof kleiden sich in eine friedliche Ruhe. Am Ende eines ereignisreichen Tages, wenn sich das Licht mit dem Abend vermengt und die Straßenlaternen im Jugendstil ihr Geschäft aufnehmen, geht da eine heitere Atmosphäre spazieren. Am Chamissoplatz scheint, wie eine immense Laterne aus herabhängender Schwärze, der Wasserturm durch die alten Platanen mit dem dichten smaragdgrünen Laub, und er entzündet sich vor dem so blauen Hintergrund des Himmels in einem nuancierten Orange. Es ist der 21. März.

– Oooh, komm schon! Was sagst du da!!! Serena ist eine frivole Frau, finde ich … zuuu frivol! Ich würde ihr nie vertrauen! Und ich bin überzeugt, dass sie Plato reeegelmäßig betrügt!

Die Wörter Albertines knallen wie ein trockener Peitschenhieb auf dem Asphalt. Sie zerfransen die Luft, zerstreuen die langen Schatten beim Sonnenuntergang eines romantischen Berliner Spaziergangs. Auch Fridolin wundert sich, der doch die strengen Überzeugungen der Lebensgefährtin kennt. Die ersten Fenster erhellen sich in den Fassaden der großen Gebäude, das Kommen und Gehen strömt am Eingang der Supermärkte auf der Bergmannstraße zusammen.

Schönen Feierabend, Herr Doktor! – grüßt ein Passant, Stammpatient in Fridolins medizinischem Labor.

– Einen schönen Abend Ihnen, Herr Schnitzler! … – antwortet Fridolin, seine Stimme anhebend, mit freundlicher Miene. – Du bist sehr hart … Was lässt dich denken, dass das, was du siehst, der Wahrheit entspricht? Sie ist schön und direkt, zweifellos ist sie nicht besonders zurückgehaltend, aber wir kennen uns seit langem, ich glaube, dass sie ihn liebt! Darauf kommt es an … Und bedenke zudem, dass sie ausländisch ist. Die Italiener verhalten sich anders als wir. Sie sind direkter, zeigen die Gefühle auf sehr offene Art und der Kontakt und die Gesten haben ihre eigene Bedeutung, die unterschiedlich von der unseren ist, du weißt das. Und die wir falsch interpretieren können. Ich mag Serena, es ist etwas Besonderes an ihr.

– Ich kann mir schon vorstellen was! Sie hat schöne Auuugen, oder!? – lächelt sie mit Böswilligkeit – Ihr seid alle gleich, ihr Männer! Schöne Formen, blinzelnde Kulleraugen genügen, und ihr «mögt» sie alle! Außerdem ist Plato nicht wie sie. Er ist auch sehr freundlich und extrovertiert, wie es die Italiener sein können, aber er scheint ein Mensch zu sein, der mit dem zufrieden ist, was er hat… Ich bin nicht so blöd, ich meinte nicht die kulturellen Unterschiede… – denkt sie kurz in einem Seufzer nach und zuckt leicht mit den Schultern – … er ist ein faszinierender Mann, wenn auch nicht besonders schön. Er ist süß, irgendwie, und hat immer ein gutes Wort, ein Lächeln, eine kleine Aufmerksamkeit für jeden übrig. Mit einer Art zu sprechen und zu gehen, die ihn attraktiv macht! Er ist feinfühlig und liebt sie blind! So einer betrügt sie wirklich nicht!

– Ach, komm! Du bist zynisch, es sieht aus, als überrasche dich nichts mehr. Du urteilst wie in diesen absurden Fernsehsendungen, in denen es aussieht, als ob ein Killer an der Biegung der Braue oder der Form des Kinns erkannt werden würde!!! …

Fridolin macht eine Denkpause, er schaut sich verdrießlich um. Seine Gedanken laufen davon, um sich zwischen den leichten Ausdrucksfalten der Stirn zu verstecken. Es teilt sie ein kleiner Luftraum, in den der Wind immer intensiver eindringt. – … Du schaust die Personen vordergründig an, wie sie gehen, wie sie schauen, wie sie lächeln und weißt bereits, wer sie sind?! Sicher sind wir keine Kinder mehr, aber Lebenserfahrung zu haben, bedeutet nicht, nicht mehr überrascht zu sein … geschweige denn, alles aus Wörtern oder persönlichen Eindrücken zu kennen.

Albertine hat den erhitzten Blick von jemandem, der sofort etwas erwidern will, sie hält den Atem an; sie hat die Antwort bereit, aber kurz bevor sie etwas entgegnen kann, entzieht der Lebensgefährte ihrem Hals den Atem und fährt fort:

– … uuund wie dem auch seiii, etwas Unvorhergesehenes passiert immer im Leben! Seid ihr wirklich so intim? Kennst du Serena genug, um so was zu sagen!?!

Die Rede bewegt sich mit einem gewissen Ärger fort, sie hat ihre angesammelte Energie abgeschüttelt und bleibt unbestimmt. Albertine, in die Ecke gedrängt, kann sich nicht mehr unterhalten.

– … uuund daaann! Plato ist kein Italiener!!! Er hat sehr lange in Italien gelebt, aber seine Familie ist griechisch. Seine Eltern leben auf der Insel Kreta. Er ist ein Mann, der sehr stolz auf seine Herkunft ist, er ist in Athen aufgewachsen, hat dann an der Universität von Urbino studiert, wo er Serena kennengelernt hat, sie haben jahrelang zwischen Amerika und Europa gelebt. Ich kenne ihn inzwischen schon eine Weile, wie du weißt, seit dem Master, und ich versichere dir, dass er auch die Frauen beachtet und mag! Trotzdem hat das Leben sie nie getrennt!!! Du und sie, ihr kennt euch natürlich schon lange, schon seit der Universität durch mich und Plato, aber ihr seid befreundet, seit wir in der gleichen Praxis arbeiten! Ich weiß wirklich nicht, wie du das Verhalten von jemandem auf der Grundlage so oberflächlicher Eindrücke beurteilen kannst … Und du bist so überzeugt – und störrisch wie ein Esel!

Die Frau weiß mehr, als sie dem besten Freund ihres Lebensgefährten sagen kann, eben gerade über diese vergangenen Jahre als Studentin, sie schweigt über Treue. Von der Spannung überwältigt, beschränkt sie sich auf umsichtigere Positionen. Seit den ersten Schritten des Spaziergangs hat sie Fridolin seltsam still gesehen und sehr wenig geneigt, eine Konversation zu führen – eine scheinbare, nervöse Gelassenheit. Er ist seit Tagen so, denkt sie für sich. Eine nun ausgewachsene Spannung hat sich zwischen ihnen entwickelt. Tine nimmt ihre Gedanken wieder an sich, wie zusammengefaltete und eingepackte Taschentücher, bereit dazu, wieder im dunkelroten, eleganten Ledertäschchen – ein bekanntes italienisches Modehaus – verstaut zu werden. Still atmet sie weiter die dünne, eisige Brise, die die beiden trennt. Der Weg wird andächtig, verirrt sich im Beginn des Abends.

Die Ankunft des Aprils in der Stadt Berlin färbt jedes Jahr die Frühlingsabende mit dem letzten Frösteln des Winters. Die Luft ist frisch. Hohe Wolken, müde Reisende in Bewegung, trüben den himmelblauen Ton des Himmels kurz nach Sonnenuntergang und werden zu finsteren Schatten, weich, satt. Es ist bald Zeit zum Abendessen entlang der halb vollen Straßen von Kreuzberg. Lächelnde Leute füllen die Bistros und die kleinen Restaurants und durch die Schaufenster scheinen sie stumm zu sein. Die Kühle auf den Straßen macht wie taub, die Luft ist gedämpft.

Die letzten Sätze von Fridolin hallen in der Luft wieder, wie Schreie prallen sie an den Fassaden der Jugendstil-Gebäude ab – ein Echo, ausgetreten aus den offenen Mündern der versteinerten Gorgonen auf den reinen, dreieckigen Tympanona. Man hört gedämpftes Gerede aus den offenen Flügeln, es fließt kalt wie Flussläufe unter die Blumengewinde und die fein dekorierten Gesimse, es flieht bis auf die Anhöhen der Dächer, die windschief sind, als kämen sie aus einem Märchen. Ein Mantel des Schweigens legt sich über den Weg des Paares, beide in die hohen Kragen ihrer Überzieher geschlossen, abgesondert. Es passiert immer häufiger. Seit Tagen, seit Monaten, vielleicht seit Jahren. Albertine erinnert sich nicht mal mehr daran und die einzige Reaktion, jeder zaghafte Versuch von beiden, scheint sich in eine neue Diskussion zu verwandeln, immer dasselbe. Zu Hause nach der Arbeit bricht ein Wort zuviel die Harmonie, die einmal so süß war. Um sich nicht zu streiten, lässt man das Fernsehen oder ein schönes Buch sprechen. Fridolin verbringt ganze Abende am Computer. Die Stille regiert die Stimmungen, sie legt ihre Konflikte bei. Die Stille schweigt, alles vergeht.

Es ist nur ein bisschen vorübergehende Spannung, denkt und wiederholt sie immerzu. Aber sie bewegen sich in die Leere, in die Geschichte. Die Hauptstadt scheint im Zauber in manchen Stunden leer, sie breitet sich meilenweit aus, in Dutzende von Stadtzentren. Neukölln, Kreuzberg, Schöneberg, der blühende Tiergarten, Mitte und seine Marmoralleen, Moabit und oben bis zum Norden, bis zum grünen Frohnau und darüber hinaus, zum fernen Westen bis Spandau, an der Havel. Sie sind alle selbstständig, jede hat ihre Besonderheit und ihre Identität, jede hat ihr Zentrum, ihre Redeweise, die hundert Kulturen. Die Türken, die Italiener, die Franzosen, die Spanier, die englische Sprache, die man bisweilen öfter als Deutsch hört.

Man kann glauben, die Stadt sei so weit, dass es nicht möglich ist, all ihre Räume zu füllen, all ihre Sprachen zu sprechen. Die Leeren der Geschichte sind städtische Räume, entsetzlich sind die Tragödien, tausend die Denkmäler als Erinnerung in der mäßigen Schönheit, sie ragen als ernste Warnung an die Menschheit heraus. Seit nur zwanzig Jahren nach dem Fall der Mauer haben diese Viertel, die langen parallelen, einst zerstörten Straßen, Gleichgewicht und neue Heiterkeit gefunden. Die Ruhe nach dem Sturm. Eine hochmoderne Kuppel aus Stahl und Kristall krönt die neoklassische Aura des alten Reichstags. Und wenn die Sonne zurückkommt und das klare nordeuropäische Blau erstrahlt, kann die Zeit der Wiedergeburt nicht auf sich warten lassen. In einer harten und ein bisschen rüden Modernität ist Berlin wieder die lebhafte Stadt, die sie vor den schändlichen Weltkriegen war, vor einer eisernen Diktatur, die die Welt entzweibrach. […]

Verwendete Stücke:

– Berlin, Lou Reed

– Revolte, Paul Kalkbrenner

– Berlin Song, Luigi Einaudi

– Drake, Tempelhof

– Leben ohne Liebe kannst du nicht, Marlene Dietrich

Kursivierungen: auf Deutsch im Original

 

Übersetzung von Anna Giannessi

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