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Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens

Anila Wilms (2012)

1

Die Straße des Nordens

Über das nördliche Bergland wurden schon immer sonderbare Geschichten erzählt; passend zum recht eigentümlichen und widerspenstigen Charakter seiner Bewohner, wie man im Rest Albaniens fand. So wie jener Streit, der zu Beginn des Großen Krieges, als die österreichische Armee den Norden des Landes besetzt hatte, zwischen den Österreichern und den Bergländern ausbrach. Die Ersteren wollten die alte Karawanenstraße, die durch die Berge führte, zu einer Autostraße ausbauen, während Letztere sich dagegen sträubten. Im Kanun, dem alten Gesetz der Berge, hieß es: »Die Landstraße hat ihr festes Maß: eineinhalb Fahnenstangen. Sie muss so breit sein, dass das vollbepackte Pferd oder der Ochsenkarren sie passieren können.«

Und jetzt wollte jemand die Straße drei Mal so breit bauen!

»Wozu braucht ihr fünf Fahnenstangen?«, wollten die Stammesältesten wissen, jene, die über den Heiligen Kanun wachten. Die österreichische Delegation, damit betraut, das Bergvolk in dieser Sache umzustimmen, erklärte, dass die Autostraße für die Kriegsfahrzeuge benötigt würde. »Aber wenn unser Krieg vorbei ist und wir den Feind besiegt haben, wird euch die Straße mehr von allem bringen, ein besseres Leben.«

»Wir wollen nicht mehr von allem, und auch kein besseres Leben. Wir begnügen uns mit dem, was Gott uns gegeben hat«, hatten die Greise unbeeindruckt erwidert. Der Kanun sei in diesem Punkt unmissverständlich: Die Straße hat ihr festes Maß. Kein Gefährt, das größer und schneller war als ein Ochsenkarren, sollte über die Landstraße fahren dürfen. Denn wenn man den Weg öffnete, würde die Welt das Bergland überrollen wie eine Steinlawine im Frühjahr das Tal, und da es in der Welt mehr Böses als Gutes gäbe, wäre das sein Verderben.

Und so schickten sie die Boten mit leeren Händen zurück. Aber die Österreicher, sonst bemüht, als Befreier und nicht als Besatzer aufzutreten, setzten sich diesmal darüber hinweg. Sie fragten nicht weiter, sondern machten sich einfach ans Werk. Alsbald kamen die Ingenieure mit ihren Baggern, Steinbrechern, Schrotern, Dampfwalzen und Teerfässern. Zwei Jahre lang dröhnten die Berge von den Sprengungen, die die Felsen zertrümmerten. Staub- und Dampfwolken trieben durch die Täler. Die so erweiterte Trasse wurde mit Kies und Teer bedeckt. Gegen Ende des Krieges erst war die Straße fertig gestellt und unter dem Namen »Straße des Nordens« in Betrieb genommen worden. Da brummte es in den Bergen vom schweren Kriegsgerät, das zur Front in den Süden rollte. Binnen kurzem aber änderte sich die Richtung.

Die vom Kriegsgott im Stich gelassenen Österreicher, nun von den siegreichen Franzosen und Italienern verfolgt, flohen Hals über Kopf in Richtung Norden. Auf dem Rückzug sprengten sie alle Brücken hinter sich. Und ganz zum Schluss gab es noch einen letzten Kampf und viele, viele Tote.

So war auch dieser brüllende, blutige Krieg, mit dem verdienten Namen »Der Große«, zu Ende gegangen. Die fremden Armeen zogen ab, Getümmel und Getöse legten sich, und die ewige Stille kehrte in die Berge zurück.

Aber dies sollte nicht das Ende der Geschichte sein, sondern nur der Beginn einer langen Kette dramatischer Geschehnisse, die das Land für viele Jahre erschüttern würden. Denn nach dem Krieg hatte sich die Welt von Grund auf verändert. Nicht mehr Istanbul, wie in den letzten fünfhundert Jahren, sondern Tirana, der bescheidene Marktflecken, wo man früher Honig und Ziegenkäse verkaufte, war jetzt die Hauptstadt.

Eines Tages waren die Gendarmen aus Tirana in den Bergen erschienen; sie hatten die Leute gezwungen, die beschädigten Brücken wiederaufzubauen. Noch nicht einmal die Österreicher hatten den Menschen hier Frondienste abverlangt, sondern sie mit vier Kronen am Tag entlohnt. Die neuen Behörden wollten nun eine Volkszählung, wollten die jungen Männer ohne Sold zur neuen Armee einziehen, sie erhoben hohe Steuern, sogar die säumigen aus der Kriegszeit, und sie versuchten, dem Bergland ihre Gerichtsbarkeit aufzudrängen. Sie hatten es auf den Heiligen Kanun abgesehen, sie benahmen sich genauso wie die fremden Besatzer von früher!

Von denen hatte man hier über die Jahrhunderte schon genug gesehen. Aus allen möglichen Himmelsrichtungen waren sie eingedrungen, mit allen möglichen Sprachen, Gebärden, Sitten und Gewändern. Ob sie von Ost nach West zogen, oder umgekehrt, ob sie unter dem Kreuz oder dem Halbmond kämpften oder gar mongolische Steppengötter verehrten, das Bergland hatte sich immer mit der Waffe in der Hand gegen Eindringlinge gewehrt.

Wenn sie dennoch sesshaft wurden, siedelten die Fremden immer nur in den Tälern. Das Herz des Berglandes berührten sie nie. Es gab Orte, da hatte noch nie ein fremder Soldat oder Beamter seinen Fuß hingesetzt. Und irgendwann hatten ohnehin alle wieder den Rückzug angetreten. Stets stieß das Bergland sie ab: die Osmanen, die Serben, die Österreicher. Am Ende blieben nur ihre Gräber zurück, die Gerippe ihrer Pferde, oder, wie nach dem letzten Krieg, ihre rostenden Wracks, die nun mit den Brombeersträuchern die Bergstraßen säumten.

Als die Gendarmen, Albaner wie sie, schließlich auch noch die Waffen einsammeln wollten, war das Maß voll.

Das Bergland kam in einer Großversammlung zusammen und beschloss, eine Warnung nach Tirana zu senden: Achtet unseren Kanun und unsere Freiheit, und wir bleiben Freunde. Tut ihr das nicht, sondern macht ihr weiter wie bisher, werden wir auch gegen euch Krieg führen, unerbittlich, wie einst gegen die Besatzer.

Doch Tirana blieb stur: Das neue Gesetz gelte für das ganze befreite und vereinte Land, auch und erst recht im Kanunland!

Gleich im nächsten Frühling hatte sich das Bergland in einem Aufstand erhoben. Tirana hatte die Aufständischen zu Volksfeinden erklärt und sie mit Feuer und Eisen in die Berge zurückgedrängt.

Zwei Jahre später probten die Bergstämme erneut den großen Aufstand. Diesmal schlug der Staat mit unglaublicher Härte zurück, die Aufwiegler wurden gehenkt, ihre Dörfer in Schutt und Asche gelegt.

Seitdem lag das Bergland in Blutfehde mit dem Staat. Es dachte nicht daran, seinen Widerstand aufzugeben. Wer von den Anführern nicht gefasst wurde, hatte die Flucht ergriffen und streifte seitdem als Komitadschi, als Freischärler, in den Wäldern umher. Aber mit jener Schreckensmeldung von der Straße des Nordens hatte man trotz allem nicht gerechnet, weder in den Bergen, noch sonst irgendwo in Albanien. Nie hätte man jemandem, im Norden wie im Süden, im Bergland wie im Tiefland, eine solche Tat zugetraut; keinem Rebellen, keinem Gendarmen – nicht einmal dem mordgierigsten Banditen.


2

Der Mord

Die Drojabrücke war von den Bewohnern des nahen Dorfes Mamurras in Fronarbeit ausgebessert worden. Sie hatten hastig ein paar ungehobelte Balken über die von Minen gerissenen Löcher geworfen. Die Brücke war noch immer schlecht passierbar. Wiederholt machten Meldungen die Runde, wonach das Kind oder der Esel dieser oder jener Person in den Abgrund gestürzt sei. Im Sommer, wenn das Flussbett ausgetrocknet war, konnte man sich das Genick brechen; im Herbst, während der Regenzeit, oder im Frühling, wenn der Schnee auf den Bergen schmolz, bestand die Gefahr, von den wilden Fluten fortgerissen und geradewegs in die Adria gespült zu werden.

Etwas Unheilvolles haftete der Drojabrücke an. An diesem Ort hatte es schon immer gespukt. Die Sage erzählte von furchterregenden Wassernixen und anderen Wesen des Flusses und des Waldes, die Wanderer überfielen. Außerdem irrten nachts, seitdem eine französische Kompanie dort in die Luft gejagt worden war, die Geister der Toten mit schaurig widerhallenden Schreien umher. Eingetaucht in den dichten Eschenwald um Mamurras, hinter zwei scharfen Kurven liegend, blieb die Brücke sowohl dem Auge des aus dem Norden Kommenden wie auch dem Auge des in den Norden Reisenden bis zum Schluss verborgen. Ein gefundenes Fressen für Übeltäter und Wegelagerer. Reiter und Autofahrer, Pilger und Lasttiertreiber schlugen jedes Mal das Kreuz und schickten Stoßgebete zum Himmel, bevor sie sich über die Brücke wagten.

Am 6. April 1924, einem hellen Sonntagmorgen, drang über die Drojaschlucht neben dem gewohnten Rauschen des Wassers auch das Brummen eines Automobils bis in die Höhe zu den Schafställen. Die Schäfer horchten auf. Autos auf der Straße des Nordens waren eine Seltenheit, und meistens verhießen sie nichts Gutes. Als eine heftige Schießerei durch die Schlucht hallte, erstarrten ihnen die Hände an den Hirtenstäben. Denn seit dem letzten Waffenstillstand herrschte gespannte Ruhe in den Bergen. Man richtete die niedergebrannten Dächer wieder her und leckte sich die Wunden wie der Bär in seiner Höhle.

Was war jetzt schon wieder passiert? Ein Hinterhalt auf der Brücke? Hatte man auf ein amtliches Fahrzeug geschossen? Wer war es diesmal? Waren es Räuber? Waren es Rebellen? War es vielleicht jemand,der für die tote Familie und die verkohlte Ernte Rache nahm, jemand, der außer seinem Verstand nichts mehr zu verlieren hatte? Schüsse auf der Straße des Nordens, das konnte nur das Werk des Teufels sein.

Als die Schießerei schließlich endete, rannten die Hirten den Pfad hinunter. Keuchend stoppten sie bei den Hanfbüschen, der Stelle, von der aus man das steile Flussufer und die halbzerstörte Brücke gut ausspähen konnte.

Ein Auto mit geöffneten Türen stand mitten auf der Brücke; davor ein Hindernis aus aneinandergereihten großen Steinen. Zwei Menschen saßen im Wagen; der eine hing über dem Lenkrad, der andere war auf dem hinteren Sitz zusammengesunken. Ein Dritter lag bäuchlings wenige Schritte vom Wagen entfernt. Alle drei waren blutüberströmt.

»Sie … sie haben sie durchlöchert«, stotterte einer der Hirten, der Jüngste von ihnen, und spie auf die Hanfblätter.

Die anderen zwei standen wie entgeistert da.

»Sind das Fremde?«, fragte der Jüngste und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Die Nixe soll dich zerfetzen«, fluchte der Älteste. »Was redest du da? Wir haben Frieden, der Krieg ist vorbei.«

Eine Weile verharrten sie regungslos, den Blick stur auf die Brücke geheftet.

»Sind das die Österreicher?«, fragte der Jüngste wieder.

»Unsinn, die Österreicher sind lange weg«, knurrte der Älteste. Der andere blieb stumm.

»Seine Schuhe sind gut«, bemerkte der Jüngste. »Seht mal!«

Er zeigte auf den Mann, der auf der Brücke lag.

»Ich habe keine Schuhe, ihr schon.« Sein Blick wanderte zwischen seinen Opanken und den Schuhen des Mannes auf der Brücke hin und her. »Soll ich mir die holen? Er wird sie nicht mehr brauchen.«

»Halt das Maul«, fauchte ihn der Älteste an.

Von fern war ein vertrautes Motorengeräusch zu vernehmen. Es war das Auto der Deutschen, die oben im Wald ein Sägewerk betrieben. Wahrscheinlich hatten auch sie die Schießerei gehört und kamen, um nachzusehen, was los war.

»Lasst uns abhauen«, sagte der Älteste und richtete sich auf. »Wir gehören zu unseren Schafen. Bloß weg von hier!«

Die beiden Ältesten machten sich auf den Weg. Der Jüngste aber blieb wie angewurzelt stehen, die heiß begehrten Schuhe nicht aus den Augen lassend. Es blieben noch ein paar Minuten, bis das Auto der Deutschen um die Kurve biegen würde. Sollte er vielleicht doch … ganz schnell … oder lieber nicht…

 

Das albanische Öl oder Mord auf der Straße nach Nordens. Berlin: Transit Buchverlag, 2012.

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