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Die Mauer und Plastiktüten

Dang-Lanh Hoang (2016)

Es war der 9. November 1989. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie unglaublich es war, als ich an diesem Abend von der Arbeit nach Hause kam, den Fernseher einschaltete und die Rede von Herrn Walter Momper hörte. Es hörte sich ungefähr so an: „Dieses Wochenende werden Hunderttausende Besucher aus Ost-Berlin zu uns nach West-Berlin kommen. Ich bitte alle, die uns besuchen, die U- und S-Bahnen zu benutzen.“ Spinnt der?, fragte ich mich, oder bin ich einfach zu dumm, um seinen Witz zu verstehen.

Damals häuften sich zwar in Berlin wie auf dem gesamten Territorium der DDR Ereignisse, die früher unvorstellbar gewesen waren. Überall Montagsdemonstrationen. Die Parole „Wir sind das Volk“ als Sprechchor und zugleich ein unmissverständlicher Anspruch. Die Gründung des Neuen Forums. DDR-Flüchtlinge in Prag und Warschau. Gorbi in Berlin, zum Nationalfeiertag der DDR, mit seiner berühmten Aussage über die Folge von Verspätungen im Leben. Und der damals in Berlin verbreitete Witz: Die Berliner wollten keine S-Bahn mehr fahren. Warum? Um den Spruch „Zurückbleiben“ nicht hören zu müssen!

Ich spürte noch sehr deutlich, wie angespannt die Atmosphäre in der Stadt war, als ich am Sonntagabend, den 8. Oktober, in einen Bus an der Kreuzung Dimitrow- und Kniprodestraße einstieg und ins Zentrum fuhr. Laut einer aktuellen Meldung der Nachrichtenagentur ADN, wurde der Bus wegen einer „Provokation republikfeindlicher Randalierer“ am Alexanderplatz umgeleitet und fuhr an dem Staatsratsgebäude der DDR vorbei. Was ich dort an diesem Abend gesehen hatte, waren Soldaten, Polizei, gepanzerte Fahrzeuge. In der Stadt war es noch nie so unheimlich, bedrohlich und angsterregend gewesen. Und dann – noch ganz frisch in meiner Erinnerung – die gewaltige Demonstration am 4. November in Berlin.

Aber das, was ich nun von dieser Ansprache des Herrn Momper mitbekam, schien mir so unrealistisch, dass ich davon überzeugt war, ich müsste eher wegen meiner damals noch ziemlich bescheidenen Deutschkenntnisse etwas falsch verstanden haben, als dass Herr Momper, damaliger Regierender Bürgermeister von West-Berlin so verrückt sei, um solche Scherze zu machen. In diesem Bewusstsein habe ich bedauerlicherweise die Nacht des Mauerfalls in Berlin und jene dramatischen Szenen an den Grenzübergängen Bornholmer Straße und Invalidenstraße verpasst!

 

Erst am Samstag, den 11. November, etwa gegen 10 Uhr stand ich am Grenzübergang Invalidenstraße und wollte, wie fast alle Ost-Berliner an diesen Tagen, rüber nach West-Berlin. Ich durfte aber nicht, für Ausländer war die Mauer noch dicht. Es ist O. K., dachte ich, die Mauer war ein Teil des deutschen Problems, der Fall der Mauer wäre zunächst dann auch eine Lösung des Problems der Deutschen. Ich, ein Ausländer, sollte sie lieber dieses Gefühl zuerst allein genießen lassen; ein Gefühl, das wir in Vietnam seit April-Mai 1975 selbst kennengelernt haben. Ein solches Gefühl erlebt man, wenn man eine hermetisch abgeriegelte Grenze, die jahrzehntelang alles, Land, Himmel, Menschen, Familien, Schicksale… auf brutalste Weise trennte, endlich überschreitet. Ich blieb also dort stehen und habe mit Freude Leute beobachtet, die sich nicht weit vom Grenzübergang entfernt, diszipliniert vor einer provisorisch gebauten Baracke, angestellt hatten, um 100 DM Begrüßungsgeld zu erhalten, und diejenigen, die wahrscheinlich die ganze Nacht drüben, in West-Berlin, verbracht hatten und jetzt zurückkamen, vollbepackt mit Plastiktüten. Darauf waren Logos von Aldi, Kaiser´s, Reichelt oder dem KaDeWe zu sehen.

Ein Stück weiter, am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße, spielte sich eine ähnliche Szene ab.

All das erinnerte mich an den Tag im November 1975, als ich zum ersten Mal von Nord- nach Süd-Vietnam fuhr. Auf der Hi n-L ng-Brücke über den Ben-Hai-Fluss, der 21 Jahre lang als unüberwindbare Grenze zwischen Süd- und Nord-Vietnam diente, traf ich eine gen Norden marschierende Gruppe von singenden, scheinbar glücklichen Soldaten. Mit dem Fall von Saigon am 30. April endete auch der Krieg. Kampfhandlungen hörten auf, im Lande herrschte eine euphorische Stimmung des Friedens. Es begann inoffiziell eine große Demobilisierung und diese Soldaten hier durften offensichtlich nach Hause. Es sah seltsam aus. Außer ihren voll gestopften Feldrucksäcken trug fast jeder von ihnen eine volle Plastiktüte mit sich, in der er sicherlich seine Geschenke aus dem Süden für seine Lieben im Norden mitbrachte. Logos auf diesen Plastiktüten waren Hynos, Sanyo oder Sony.

Waren diese Plastiktüten etwa das Symbol für die ersten, einzig realen, konkreten und greifbaren Siegestrophäen, die hier Deutsche und dort Vietnamesen nach jahrzehntelanger Trennungen erbeuten konnten?

 

Ende April 2003 hatte ich durch Zufall erfahren, dass die Grenze auf der Insel Zypern, die seit 1974 das Land in zwei Teile trennte, in Nikosia ab dem 22. 04. 2003 für Besucher zeitweise geöffnet werden sollte. Würde dies eventuell ein nächster Mauerfall sein, den ich erleben durfte? Du hast ja den Fall der Grenze in Vietnam, der zufällig oder auch nicht, auch im April stattfand, sowie den Mauerfall in Berlin im November 1989 erlebt, warum nicht auch den in Nikosia? Da ich Ende April sowieso Urlaub machen wollte, nahm ich gleich eine Maschine nach Zypern. Ich hatte das Glück gehabt, ein Last-minute-Angebot von einem kleinen Reisebüro am Ost-Bahnhof zu ergattern, denn Touristen fliegen um diese Zeit nicht so gern dorthin, wo gerade das orthodoxe Osterfest gefeiert wird.

Die Mauer in Nikosia ist ein absurdes Bauwerk, wie alle Mauern dieser Welt, die nur deswegen gebaut wurden, um die Freiheit einzuschränken. Es ist eine doppelte Mauer, eine wurde von den Türken, eine von den Griechen gebaut und der Pufferstreifen dazwischen wird von UN-Blauhelmen überwacht. Der Streifen trennt nicht nur die Stadt in zwei Teile, Nord- und Süd-Nikosia. Er läuft nicht nur durch die Straßen oder Höfe, sondern auch durch zerstörte Häuser, sogar durch Zimmer verlassener, unbewohnter, leerer Wohnungen. Ich glaubte fast, in einem im Pufferstreifen gelegenen Haus ein getrenntes Badzimmer mit einem zerbrochenen Spiegel erkannt zu haben. Diese doppelte Mauer bildete die sogenannte „Green
Line“. Man muss sehr humorvoll gewesen sein, um sie so zu nennen, denn in meinen Augen sah sie wirklich sehr grau und richtig erbärmlich aus. „The Grey Line“ wäre sicherlich viel treffender gewesen.

Ich lief eine Weile an der griechischen Mauer entlang, also auf dem Süd-Teil von Nikosia. Ich wusste nicht, wie sie im Norden, im türkischen Teil aussah, aber hier pulsierte das Leben, bunt, laut, voller Leben, hektisch und fröhlich. Überall waren Geschäfte, Kneipen, Restaurants, Hotels und Touristen zu sehen. Die ganze Zeit fragte ich mich, was würden Leute, die hier leben, wohl denken, was würden sie empfinden, wenn sie über die Mauer hinweg in den Nord-Teil von Nikosia, der einst auch zu ihrer Stadt gehörte, schauen könnten. Und die Leute vom Norden, wenn sie das Gleiche tun könnten. Falls irgendwann mal diese Mauer auch fallen würde, welche Plastiktüten würden die Leute hier als Siegestrophäen tragen?

Schließlich blieb ich einfach vor einem Wachposten stehen. Hinter dem Wachposten, also auf der Green Line, liefen ein paar Blauhelmsoldaten gelangweilt hin und her. Ich glaubte, sogar einen gähnen gesehen zu haben. Direkt neben dem Wachposten war eine Kneipe, die sich fast an die Mauer der griechischen Seite anlehnte. Vor der Kneipe war eine Art Biergarten, der genau wie die Kneipe voll mit Touristen war. Ich weiß nicht mehr, wie die Straße, oder der Wachposten, heißt. Ich bin mir aber fast sicher, dass die Kneipe „Berlin – Check Point Charlie“ hieß. Und, dass ich dieses gesamte Bild der Wachposten mit den gelangweilten Soldaten, der Green Line, die eigentlich dunkelgrau war, und der voll mit lauten Touristen überfüllten Kneipe irgendwie sehr komisch fand. Ich ging zum Biergarten und es kam mir nicht mal seltsam vor, dass fast wie in einem Berliner Biergarten am Alex nurDeutsch zu hören war. Ich fragte einige Leute, die am Rand saßen und auf mich irgendwie freundlich wirkten:

– Seid Ihr hier etwa alle Berliner?
– Woher denn sonst? antwortete lachend eine Frau. Und du?
– Ick ooch!, antwortete ich.

 

Ich war also 1975 in Vietnam, als Saigon am 30. April fiel und die Grenze zwischen Nord und Süd verschwunden war.

1989 war ich in Berlin und erlebte mit, wie die Mauer gefallen ist.

2003 besuchte ich Nikosia.

Dass man neulich in Ungarn, genau dort, wo 1989 der Fall der Berliner Mauer eigentlich begann, einen Zaun baut, zeigt humorlos, wie naiv und illusionistisch es war, zu träumen, die Reise immer weiter fortsetzen zu dürfen.

 

Eine andere Version der Geschichte wurde am 8. Nov. 2014 in der Zeit-Online veröffentlicht.

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