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Es lebe der Krieg

Kenan Khadaj (2016)

Bestens ging es ihnen jetzt, da die Stadt ihre wahre Natur offenbart hatte. Sich freundlich, zugetan, großzügig zeigte, geradezu mütterliche Fürsorge ausstrahlte. So gab sie zu guter Letzt doch noch eine Heimat ab. Ihnen, den Ausgegrenzten, den Randexistenzen.

Sie hatten ein Zuhause gefunden, nachdem ihnen eine feste Bleibe stets verwehrt geblieben war. Immerzu vertrieben von Ort zu Ort ziehend, waren sie kaum als lebenswerte Geschöpfe angesehen worden. Sobald sie auftauchten, hatten die Frauen die Flucht ergriffen und die Männer angewidert den Blick abgewandt. Nur die Kinder waren freudig auf sie zugestürmt. Bewaffnet mit Steinen.

All das hatte Mario erlebt. Allerdings war er nicht unvorbereitet gewesen. Seine Mutter hatte ihn oft gewarnt. Dennoch. Er hielt an der Überzeugung fest, dass die Bewohner der Stadt ein gewisses Maß an Mitgefühl besaßen. Deshalb hatte er es seinen Geschwistern nicht gleichgetan und sich verkrochen, als die Kindermeute angerannt kam.

Mario sah alles noch deutlich vor Augen.

Die Kinder stehen vor ihm. Sie rücken näher, immer näher, kesseln ihn ein. Er begreift noch nicht. Glaubt, sie wollen mit ihm spielen. Er gibt keinen Mucks von sich, schaut sie nur mit großen Augen an. Die tun mir nichts. Ich bin auch ein Kind, denkt er. Schon bereut er sein Vertrauen.

Sie ohrfeigen ihn, treten ihn. Einfach nur so, ohne Grund. Dann werfen sie ihn wie einen Ball umher. Er fleht und wimmert. Es hilft nichts. Immer fester dreschen sie auf ihn ein. Und am Ende werfen sie ihn in die Mülltonne. „Da bleibst du jetzt“, bestimmt der Anführer. „Für Dreck ist hier kein Platz.“

Viele schreckliche Erlebnisse hatten sich Mario ins Gedächtnis eingebrannt.

Einmal im Restaurant: Er bittet einen Gast, ihm etwas von seinem Essen abzugeben, bekommt aber nur Ärger. Trotzdem. Er bleibt hartnäckig, wird angebrüllt. Dann kommt der Wirt und jagt ihn wutschnaubend hinaus.

„Warum seid ihr so böse?, will Mario sagen. Warum quält ihr uns? Wir wollen auch leben!“

Ein anderes Mal betritt er eine Metzgerei, will ein Stück Fleisch. Nur ein kleines Stück, um den Magen für ein paar Stunden zu beruhigen. Der Fleischer läuft vor Wut rot an. Er sagt kein Wort, bittet Mario nicht, den Laden zu verlassen. Nein, er greift gleich zum Beil und fuchtelt wild damit herum. Jetzt laufen Mario die Tränen und der Zorn endgültig über. Aber der Metzger lässt sich nicht erweichen, ist herzlos.

Die Stadt war hart. Gnadenlos hart. Allein schon den Tag überlebt zu haben, war ein Triumph, dem am Abend höchste Anerkennung gebührte. Zwar hatte sie ihre Toten hier nie begraben, würdigten sie aber dennoch, indem sie allen Widrigkeiten zum Trotz ein gutes Leben führten. Zumindest, so gut es im Rahmen der Möglichkeiten ging. Sie waren glücklich über jeden weiteren Tag, den sie erlebten. Und wenn sie vom Vortag noch Reste übrig hatten, dankten sie Gott.

Das alles gehörte nun der Vergangenheit an, war nicht mehr von Bedeutung. Gott hatte Marios Bitten erhört. Inzwischen hatten sie ein Dach über dem Kopf und mussten nicht mehr hungrig schlafen. Die Stadt war jetzt ihr Königreich. Nichts konnte ihnen mehr das Leben vermiesen, auch wenn es hin und wieder zu Streitereien zwischen ihnen kam.

Dennoch hatten die schweren Zeiten ihre Spuren hinterlassen.

Heute zum Beispiel: Sie saßen beisammen am reich gedeckten Tisch. Die ganze Familie, glücklich und zufrieden. Da schnappte der ältere Bruder Mario das Fleisch vor der Nase weg und verzog sich damit in eine Ecke. Mario setzte sich nicht zur Wehr. Das wagte er nicht. Sein Bruder war größer und stärker. Stattdessen weinte er sich bei der Mutter aus.

Wie alle Mütter duldete sie keinen Zank unter ihren Kindern. Besonders nicht, wenn es um solche Belanglosigkeiten ging. Zärtlich strich sie Mario über die Stirn. „Mach dir nichts draus, mein Kleiner“, tröstete sie ihn. „Es ist genug Essen für uns alle da. Dem Massaker sei Dank.“

„Es lebe der Krieg!“, rief die Hundefamilie.

 

Damaskus, 26/4/2013

 

 

Übersetzung von Mamoon Bouassi, Leila Chammaa, Kenan Khadaj, Rabie Kiwan, Mekdam Al Nabwani, Taman Al Nabwani, Raguel Roumer, Annika Welte

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