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Herkunft light

Dorota Kot (2017)

Eine Hauptstadt – 189 Sprachen – 78 Länder – 4 Kontinente und… zeige Deine Herkunft po polsku?

Film, Prosa, Poesie, Essays, Blogeinträge, Zeitschriften, Facebook, Insta, Fanpages und Berliner Lifestyle – einerseits will man in der Weltstadt die neuen Trends verfolgen, andererseits legen viele Wert auf die bewusste Bestimmung eigener Wurzelsuche, auch in der Literatur.

Über die Polen wird in den Medien immer mehr gesprochen und sie selbst sprechen lauter als früher auf der Straße, oder? Zu welcher Generation gehören die neuen Polen, die jungen Literaten? Wer reflektiert über ihre Herkunft? Gibt es ein starkes Identitätsgefühl unter den Berliner Polen?

Warum muss man sich die Frage stellen? Die polnische Community lebt in zwei „Lagern“ – politisch, generationenbedingt sowie mentalitäts- und berufsbezogen aufgeteilt. Zu welcher Gruppe gehöre ich? Den sog. neuen Migranten? Wo sind die Grenzen zwischen dem Neuen und Alten – machen sie einen großen Unterschied? Schwer einzuschätzen, wo ich hingehöre… Gibt es diese Aufteilung in der Literatur von  der Berliner Polen. Die Sprache hat tiefe Wurzeln in unserer Kultur und Geschichte. Nur dank der Sprache und seinem Identitätsgefühl hat Polen die 123-jährige Abwesenheit auf der Weltkarte überlebt. Also muss unser Herkunftsbewusstsein sehr ausgeprägt gewesen sein. Trotzdem übersieht man uns in der deutschen Gesellschaft oder wir sind schon assimiliert – die gut integrierte Lieblingsmigrantengruppe von Sarrazin, sagt E.-M. Slaska.

Wir, die neuen Migranten, sind anders – oder bilden wir uns das nur ein? Die neue polnische Küche in Berlin ist anders – eindeutig! Jeder interpretiert den Alltag, das Essen und Berlin anders – die Pushfaktoren fallen in jeder Migrationswelle anders aus, aber die generationenübergreifende literarische Grenze ist nicht scharf. Zu welcher Gruppe der Migrationswelle fühlst du dich gehörig? Ohne/mit Polnisch aufgewachsen, Strebermigrant, polnischer Versager, perfekt integrierter Mitbürger? Ich will mich keiner zuordnen. Wir sind einzigartig!

Früher waren Schriftsteller eine Art Botschafter, die mit ihren Texten grundlegendes Wissen über die Welt und den Alltag vermittelten. Heutzutage ist die Sprache eine Art der Entfaltung, der Selbstreflexion, Reaktion auf die zwischenmenschlichen Verhältnisse und den Wandel (Globalisierung etc.), oft auch eine Retrospektive auf den Migrationsweg, ein vergleichender Rückblick auf das frühere Leben.

Eindeutig erkennt man schon einen Unterschied zwischen den alten und neuen Berliner Polen – auch in der Literatur und den neuen Texten, die durch die Digitalisierung einfacher zugänglich sind. Die neue Generation lebt und kommt ohne einen Buckel voller geschichtlicher und politischer Bürden. Egal ob Nachkommen der alten Migranten oder neuzugewanderte Polen – junge Schriftsteller, Texter, Migranten zeichnet Geschichts- und Herkunftsbewusstsein aus. Aber jeder reflektiert seine Wurzeln anders.

Themen und Formen – hier erkenne ich durchaus unterschiedliche Schwerpunkte. Die älteren Migranten finden an Prosa und Gedichten Gefallen und reflektieren gern die Migration – ein idealer Anhaltspunkt sowohl für das Publikum aus der alten als auch der neuen Migrationswelle. Private Inhalte, Kritik und Anekdoten aus dem Alltag, in denen jeder ein Stück eigenen Lebens findet – also identitätsbezogene Suche nach den Wurzeln. Während die früher gut integrierten Migranten über Selbstwahrnehmung und ihr unsichtbares Leben als Migrant grübelten, thematisieren die neuen Polen gerne die politische und kulturelle Situation in der Heimat – Antworten, Aufrufe, Reflektieren, Bewegen, Gehirnfutterversorgung – das wollen sie vermitteln. Die neuen Literaten bleiben inhaltlich gerne beim bürgerlichen Aktivismus und verhalten sich oft ironisch-kritisch, in Distanz zu den bisherigen polnischen Konventionen, alte Werte verlachend, oft spöttisch und sarkastisch, emotional geladen: Selbstreflexion.

Jeder hat das Recht auf seine Form der Reflexion, dh. neben Prosa und Gedichten haben sich nun auch Blogger, Comic-Graphiker und Phantasten in Berlin etabliert, die keiner Stigmatisierung unterliegen und  keine Belastung als Migrant/Pole im Ausland nachweisen müssen. Diese Formen ermöglichen einen neuen Start: du kannst jemand anderer sein (neue Identität), unabhängig von Traditionen, alte Normen hinter dir lassend. In den Blogs werden gerne Nischeninhalte, politikbezogene Kommentare und/oder alltägliche Berichte aus dem Migrantenleben untergebracht.

Die neue Literatur ist light, dh. Inhalte, die leicht verständlich geschrieben werden. Heutzutage ist alles „light“ und „to go“. Früher war der Arbeitsprozess des Schreibens länger, im digitalen Heute gerät Vieles leichter. Unabhängig von der Form ist Leichtigkeit zu spüren – gerne kürzere und angenehm geschriebene Inhalte – leichte Formen für junge Leser. To go, dh. bloggen, Fanpage auf SocialMedia, E-Books – alles angepasst an die digital fortschreitende Globalisierung und das „Unterwegs-Leben“.

 

Unter den Jüngeren herrscht eine internationale und herkunftsbewusste Einstellung: Ich als Weltbürger, europäisch erzogen und in Polen geboren. Literarische Inhalte werden öfters universal verfasst, damit deine Altersgenossen dich auch verstehen können. – das passiert bewusst und unbewusst. Mit der Tendenz, ein breiteres Publikum zu bekommen, gern auch mit auf Englisch verfassten Texten. Auffällig ist die Vielzahl an polnisch-deutschen Anthologien, die vor allem zweisprachig herausgegeben werden, denn dafür gibt es leichter Finanzierungen. Ansonsten dominieren Online-Texte, E-Bücher, Gedichte, Ausschnitte, Reflexionen, die für jeden zugänglich sind – die Buchform nimmt langsam nur noch den zweiten oder dritten Platz ein, nicht selten auch aus finanziellen und marketingbezogenen Gründen.

Aber auch das gute alte Buch wird in seiner Form bewahrt: Wo sonst kann sich ein Autor während der Autorenabende / Lesungen usw. mit seiner Unterschrift verewigen, wenn er kein Buch vorweist? Was kann er während des Abends verkaufen?

Was das literarische Sprachgefühl der jungen Berliner Polen angeht, gibt es diverse Entwicklungen: von der strengen Reinheit des Polnischen über lockeres Deutsch-Polnisch bis zur bewussten Germanisierung oder auch der Verwendung moderner Anglizismen.

Das Identitätsgefühl unterliegt einem ständigen Wandel – unabhängig von der Generation der Literaten. Das betrifft auch die Kritik aus der Heimat, seitens der Diaspora und dem Vor-Ort-Publikum, dh. der Berliner unterschiedlicher Herkunft – auf Achterbahnfahrt zwischen Begeisterung und negativer Kritik reflektieren alle, unabhängig von der Generation – mit unterschiedlichem Schwerpunkt und Ausdruck. Deswegen werden derzeit gerne Momentaufnahmen präsentiert – egal ob es die Vergangenheit oder den gegenwärtigen Alltag angeht.

Womit sind heute die Inhalte verbunden, woher kommt die Schreiblust? Die jungen polnischsprachigen Literaten und Kulturaktivisten nehmen gerne DIE FREIHEIT von Berlin in Anspruch. Die Berliner Szene bietet den nötigen Freiraum. Keiner schaut dir auf die Hände: Nicht Staat, Oma, Nachbarin, nicht Tante, Priester oder oder oder…  Berlin hat andere Regeln als andere europäische Städte. Kein Geld oder Ruf sind nötig, um hier eine Karriere zu starten oder eigene Texte zu präsentieren – es gibt genügend Bühnen! Es gibt keinen Erwartungsdruck auf den Super-Star, jeder kann in der eigenen Nische bleiben.

Muss man po niemiecku – auf Deutsch – schreiben? Ab wann sind die Sprachkenntnisse ausreichend, um eigene Texte in der Fremdsprache zu produzieren und sich damit dem Publikum zu stellen? Vielleicht ist auch Polnisch gefragt? Ich wünsche mir mehr Übersetzungen und Translation-Workshops für Nischeninhalte – perfekte Gelegenheiten für jungen Dolmetscher und Übersetzer und kleine „Hut ab“-Geste für die Autoren, die dadurch allmählich bekannter werden können.

Die polnische Sprache wird in der BVG ständig mit Russisch verwechselt, öfters ist sie auch mit einem starkem Akzent im Deutschen verbunden, verrät den Migrationshintergrund. Muss man ständig auf die eigene Herkunft reduziert werden? Die Wortwahl macht den Literaten, also: Kugelschreiber in die Hand, Finger auf die Tastatur,   Mund auf, schreibt weiter in der Muttersprache! Letztlich jedoch kann jeder gute Text begeistern und vielleicht sogar die Welt verändern – egal in welcher Sprache.

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