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Pferd!

Ian Orti (2017)

Ich schrieb dir eine Geschichte und sie ging so. Da warst du, aber es warst nicht du, es war eine Art anderes du und ich war dein Vater und wir waren Flüchtlinge auf einem Boot und unterwegs verloren wir alles, was wir besaßen, also waren es nur du und ich und dieses Pferd – dieses Plastikpferd – ein Spielzeug, welches wir unterwegs irgendwo aufgehoben haben, und es war das letzte und das einzige, was wir gerettet haben und auf dem kalten Floß umklammertest du es. Es war das perfekte Pferd, niemals müde, nicht einmal zitternd, und niemals nahm es seinen entschiedenen Blick von dem, was bevorstand, und du umklammertest es, – sagte ich das schon? – nun, tatest du, so wie ich die Vision von dir umklammerte, mit deinem Gesicht gegen meines gepresst, als ich dich vor dem Wasser, welches ins Schlauchboot spritzte, abschirmte, als es die Wellen traf, als wir uns in Richtung der Küste vorarbeiteten. Noch immer kann ich das Salz in deinem Haar riechen, als ich zu Gott betete, dass dieses unsolide Stück Gummi es schaffen wird, ohne zu kentern, so wie das, welches die anderen trug. Das einzige zwischen uns war dieses Pferd, ich fühlte den harten Plastikkörper zwischen uns, geradeaus starrend, sein Haar, perfekt geflochten von seiner Gebieterin – du! –  der Sattel perfekt montiert von seiner Gebieterin – du! – in einem Sattel, der nur einer Person auf dieser Erde gerecht wird – du! du! du! – und du hieltest es in deinen Armen, als ich deine Ärmel über deine Hände zog und in deine Arme blies, um deine kalten Finger zu wärmen, bis wir es zur Küste schafften, und als wir das seichte Gewässer betraten, starrte das Pferd mir in die Augen und ich wusste, dass ich ins eisige Wasser springen muss, auf den Felsen rutschen, und mir die Knöchel, die ich kaum noch spürte, zerkratzen, um das Gummiungeheuer die letzen paar Meter zum Ufer zu ziehen, und du warst die erste, die ich vom Boot zog bevor wir in eine silberne Decke gewickelt wurden.

Dieses Pferd.

Es waren auch Schurken in der Geschichte, die ich dir schrieb, weil jede Geschichte einen hat oder mehrere, denn welchen Zweck hat die Geschichte sonst, und da waren Kinder im Camp, größere Kinder, und eins stahl dein Pferd, und so traurig wie ich dich schon gesehen hatte, so hatte ich noch nie eine Traurigkeit gesehen, wie die auf deinem Gesicht, als du mir erzähltest, dass das Kind, das größere Kind mit den Brüdern oder Schwestern, dein Pferd genommen hatte, und obwohl ich nichts in dieser Welt bestimmen konnte, so würde ich bestimmen, welchen Weg das Pferd einschlug. Also marschierte ich ‘rüber zu den Kindern und forderte das Pferd zurück, und weil sie Schurken waren, eine Schurkenfamilie, hatten sie einen Vater, der es verweigerte, das Pferd zurückzugeben, da, wie er sagte, es jetzt seiner kleinen Tochter gehörte. Und ich flehte und argumentierte mit ihm, aber es half alles nicht, und dann starrte mich das Pferd wieder an, mit seinen toten Augen, in einer Weise, die sagte, lass sie nicht das Pferd deiner Tochter stehlen – tu, was das königliche Pferd mit dem perfekt geflochtenen Haar und dem Sattel für eine, nur eine auf dieser Welt tun würde – und ich schnappte es weg von der Tochter des Mannes, und hier entwich die Geschichte mir, hier fing sie an, aus den Ruder zu laufen, und ich verlor die Geschichte und ich verlor das Pferd, weil genau dann der Vater-Schurke das Messer aus seiner Tasche zog und seine fürchterlichen Söhne uns umkreisten, und er drückte das Messer tief in meinen Körper, in meinen Bauch, so viele Male, und dann in mein Herz – in mein Herz! – glaubst du es! Oh meine Liebe – genau hier verlor ich die Geschichte und das Pferd und ich habe dich seit diesem kalten und grauenhaften Tag nicht mehr in den Armen gehalten und du hast das Pferd nicht gehalten seit dem Tag, wo sie es von dir stahlen, und nun schau dich an, meine Liebe, großgewachsen in einer europäischen Stadt, die unser Stall sein sollte.

Ich sollte glücklich sein.

Du hast dir die Sprache angeeignet. Warst okay in der Schule. Hattest Freunde, einen besten Freund hier und da, Kinder in deinem Alter mit Skateboards, die dir beibrachten, wie man Zigaretten rollt, und dass die Schule nicht alles ist, aber ich weiß, da waren diese älteren Kids, die behaupteten, deine Freunde zu sein, aber deine Drinks bei deiner Abschlussfeier mit Schuss versahen. Unterm Strich bist du okay gealtert, du hast deine Sache okay gemacht, meine Liebe. Du fandest gute Musik und Splitter des Glücks auf dem Weg. Du wurdest eine Läuferin wie dein Papa und eine bessere – so viel besser! – Mein Gott, wie gerne würde ich jetzt mit dir laufen! – Seite an Seite, Schulter an Schulter, vorbei an den Ferienhäusern und Windmühlen, der Küste entlang und die letzten hundert Meter würden wir um die Wette rennen und ich müsste dich nicht mal gewinnen lassen, weil du einfach schneller bist, einfach besser. Einfach stärker.

Genau wie das Pferd.

Aber du läufst nicht mehr und das Pferd ist weg und ich weiß, dass deine Erinnerung an mich verblasst und fast weg ist und ich weiß, dass du deine Augen fest schließen musst, um mich zu sehen, und selbst dann entschlüpfe ich und verschwinde, wenn du deine Augen wieder öffnest. Aber eines, meine Liebe, eines kann ich tun. Ich kann dir erzählen, dass ich etwas gefunden habe, hier in der Erhabenheit, wo du mich nicht sehen kannst, aber ich dich sitzen sehe, am Rande des Piers, wo deine Füße hoch über dem kalten Meer hängen, und wo du noch immer der Motor, der Vulkan und die explodierende Supernova meines gesamten Wesens bist. Hörst du es?

Hör zu, meine Liebe.

Das ist kein Sturm, doch es wird Zerstörung geben jenseits deiner wundervollsten Träume. Dreh dich nur um, meine Liebe, und ich verspreche dir, deine Augen werden dich nicht täuschen. Hör, wie die langen Scherben, von weit oben, auf den Bürgersteig prallen. Hörst du den Zement zerbröseln? Du könntest schwören, es war der Donner, aber es ist nur ihr Atem, der ihre Nasenlöcher durchströmt!

Dreh dich um, meine Liebe!

Hast du jemals etwas so wunderbares gesehen?

Wie ihre Knöchel die Gebäude stürzen, als ob sie aus Sand wären! Augen groß wie Bibliotheken! Hab keine Angst! Steh und bürste die kalten Kiesel von deinen Hosen und sieh zu! Hast du das gesehen? Sie könnte den Mond zerquetschen mit ihren beiden Vorderbeinen in der Luft. Es ist in den Knochen, meine Liebe. Es ist in den Knochen des Pferdes und was sie von dir unterscheidet. Wabenförmige Trabekulärknochen mit diesen kleinen unterstützenden Federn, mit der Zeit umgestaltet für die Stärke, die sie brauchen, und nicht geschwächt wie die deinen und die meinen von dem Kummer, der uns niederbeugt. Welche Kraft! Schau durch die Asche des zertrampelten Fernsehers, wie sich die Kollateralbänder unter dem Fell verlängern und welche glorreiche Beugung in den Gelenken ist, als ihre Füße durch geodätische Kuppeln schneiden, als ob sie aus Zucker wären, schleudernd und bremsend mit harten Hufen auf Gruppenhäuser und Haftzentren. Oh, sie ist eine Schönheit! Welche Kraft von ihrem Hinterteil ununterbrochen über den geschmeidigen longissimus dorsi fließt, als sie deine alten Schulen zum Staub verpulvert, was für eine herrliche Masse von Sehnen, die vom Brustbein zu den Beckengürteln laufen, als Hufe das Fußballstadion zerstampfen.

Welche.

Geschmeidigkeit.

Mein Gott, eine ganze Überführung nur unter einem Huf‘! Und hast du jemals so perfekt geflochtenes Haar gesehen? Jemals so viel Eleganz? Schau, wie sie schneidet und tritt. Piaffe! Piaffe! Sie ist irgendwas auf der Spur, weißt du. Da ist eine Familie in einem Haus und sie schaffen es nicht, meine Liebe. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass diese Geschichte nicht so blutig wäre, aber wir sind jetzt beide erwachsen und wissen beide, dass die Welt so ist, und ich habe zwar dein Pferd gefunden, aber niemals sagte ich, dass ich sie kontrollieren könnte – es gibt in diesem Universum keine Zügel für sie, meine Liebe – und ich wünschte, dass ich dir versprechen könnte, dass es dieser Familie der schurkenhaften Pferdediebe in diesem Haus gut gehen wird, aber wird es nicht. Piaffe!  Hast du ihnen jemals vergeben? Piaffe!  Ich niemals! Piaffe!  Ich niemals! Mein Gott, wieder auf zwei Beinen und hast du jemals zwei Beine so auf ein Haus treten sehen? Hast du je die Erde so rütteln sehen? Ihr Haus ist zermalmt, meine Liebe, nur Brei und Splitter und Staub und Blut, das von den Hufeisen, breit wie Züge, tropft.

Oh, das Gemetzel, meine Liebe, das Gemetzel! Wie sie die Panzer zwischen ihren Zähnen hält und das Blut von ihrem Zahnfleisch leckt, nachdem sie Stahl zu Futter verwandelt hat, und als sie die großen Geschütze rausbringen, meine Liebe, bietet sie ihre Brust an, steigt hoch auf die Hinterbeine, bis sie ihren Leib öffnen. Aber es ist alles Teil des Plans, meine Liebe – alles Teil des Plans! Wenn die Raketen ihren Brustkorb treffen, fließt ihr Inneres nach außen, bis die Straßen mit Leichen gefüllt sind, meine Liebe, und die Geschosse steigen mit dem Blut auf. Und die wenigen, die überleben, die wenigen, die auf den Dächern verschont wurden, versprechen, Schriften mit dir als Gebieterin umzuschreiben. Das Pferd, werden sie schreiben, deine mächtige Stute, machte sich auf den Weg zu ihrer Gebieterin, badend, fünfzig Knoten draußen, senkt sie ihren Kopf unter den Ozean. Und die Wale gaben ihre Därme über ihre Bäuche zu den Haien auf, und Aale nähten die Wunden deines Pferdes und versiegelten sie mit Krill. Schritt für Schritt geht sie, um zu dir zu kommen, Sehnen glühen in ihren Gelenken, bis der Ozean noch einmal steigt und die Flut auf das Land vorstößt.

Mein Gott, was für ein Pferd, werden sie sagen.

Mein.

Gott.

Was für ein.

Pferd.

Ich habe es versucht, meine Liebe, versucht, sie und ihre ganze Geschichte im Zaum zu halten, aber sie zerriss die Zügel und meine Handflächen und regierte die ganze Geschichte, nun ist die Stadt entleert, meine Liebe, sie machte sie, dir zur Ehren, dem Erdboden gleich, vertrieb sie aus ihrer Geschichte und löschte in ihr den Schrecken aus.

Nun sind für sie der einzig übriggebliebene Ort die Knöchel ihrer Gebieterin.

Zieh die Turnschuhe aus, meine Liebe, beende das Schwappen deiner Schuhe. Fühle den Ozean sich zwischen deinen Zehen bewegen und ein letztes Mal verbeugen. Oh, diese schwarzen Augen wie Bibliotheken, die sagen, es ist so lange her und ich hab euch beide so vermisst. Oh, wie sie sich majestätisch vor dir hinkniet. Oh, wie sie aus dem Meer unter deinen Füßen aufsteigt und ihr Atem dich umhüllt und dich wärmt wie tropische Luft. Klettere in die seidenen Knoten in ihrem Haar, meine Liebe, und schlafe für immer dort.

 

Übersetzt von Joey Bahlsen

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