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ICH KANN NICHT ATMEN

MC Jabber (2017)

Objekt Vierzehn

Wie eine Krankheit in der Familie. Oder, vielmehr ihre Ankündigung. Nachbarn werfen dir mitfühlende, verschämte Blicke zu. Du zuckst mit den Achseln, lächelst, ‘Jetzt nicht mehr lange.’ Seit der erste Brief kam hast du dich vorbereitet. Energetische Sanierung. Modernisierung. Novellierung. Wärmedämmung. Erinnert mich an die ‘Götterdämmerung’. Oder ‘unser Haus ist sprichwörtlich verdämmt’. Der Brief für alle im Haus.

Schon komisch. Wir nennen es ein Haus, diese Appartmentansammlung,– letzte Zählung, elf Kinder, einschließlich: sechs-Monate-alte Zwillinge (wenn ihre Mama alleine einkaufen geht, muss sie alles etappenweise nach oben bringen, genau wie das Wolf-Ziege-Kohlkopf Flussüberquerungsrätsel), also begegnet man im Treppenhaus manchmal einem seelenruhigen Neugeboren, der einen aus dem Kinderwagen beäugt; zwei Anwälte; ein Richter, der mindestens zehn Jahre jünger ist als ich (bin irgendwo falsch abgebogen); ein Graphic Designer, der 3D Landschaften der neuen Luxuswohnanlage gegenüber entwirft, und deren präzise Schatten überträgt, die über die urbane Farm geschlagen werden (und der Entwurf ermöglicht es einem hineinzuzoomen und auf dem virtuellen Balkon zu stehen, um zielgenau den Quadranten des Himmels auszumachen, dort, wo die neuen Blöcke deine Sicht auf den Sonnenuntergang blockieren werden), Hautkrebs in Remission und Wasser tropft durch die Decke von irgendwelchen Dachaktivitäten der Arbeiter; zahlreiche amerikanische Coder (eine Coder-‘Wolke‘?), involviert im Unterbau irgendeines kleinen plinky-plonky Play-Doh® Start-Ups; das Schulmädchen, das lernt Klavier zu spielen und jeden Abend um sechs eine halbe Stunde lang mit einem einzelnen Zeigefinger die ersten vier Takte von Händels Messias in ein 15bpm Klagelied verwandelt; das Pärchen, das nachts, mit offenen Fenster, richtig abrockt so, dass man versucht zu einer Symphonie des dermalen Schamgegend-zu-Gesäß Klatschens einzuschlafen (das ganze Haus verwandelt sich zum widerwilligen auralen Äquivalent von Voyeuren – ‘Auditeure’ vielleicht?) welches so klingt, als sollte es erotisch sein bis du den Typen morgens beim Briefkasten triffst und realisierst, dass ihn nackt zu sehen so sein muss wie Aug in Aug mit den letzten Hühnchen bei Aldi® zu sein und sich von ihm in der Intimsphäre eines Boudoirs überfallen zu lassen so wäre, als ob ein Kleiderschrank, in dem der Schlüssel steckt, auf einen drauf fällt; die polnischen Neuvermählten, gerade erst im tageslichtarmen Parterre eingezogen, denen vom Vermieter gleich nach dem Unterzeichnen des Vertrages mitgeteilt wurde, dass eventuell noch ein paar Monate Arbeit am Hause fällig wären (genau 20% Wahrheit); ein echt niedliches Lesbenpärchen, das niemals zusammen das Haus verlässt, sondern dich lieber finster-blickend alleine auf der Treppe beäugt, trotzdem alle die hier leben wissen, dass sie ein echt niedliches Lesbenpärchen sind und ein Typ im Hinterhaus, irgendein Mechaniker, der mit teuren Autos werkelt (toller Kerl – sieht aus als ob er jeglicher gesellschaftlicher Institution entschlüpft ist, wie wir alle hier vorm Geld wegrennend, tabakbraune, selbstdrehende Finger, Lego®-Gesicht mit Feuerschaden – Ich fragte ihn mal, als er auf dem Rückweg war ‘Hast ‘ne gute Nacht gehabt’ und er sagte, ‘Ja, lange Woche – wohlverdient– ich musste kaum die Flasche hochheben. Das Bier sprang mir in den Rachen’). Bei welcher Werkstatt er auch arbeitet, jeden Sonntag he literally pulls a fast one, und taucht mit einen Lamborghini™ oder Ferrari™ oder so was auf, parkt ihn draußen für die Kinder so, dass all die Eltern im Café an der Ecke Pause machen können. Es ist ja nicht so, als ob er mit so ‘nem klischeehaften rauen Brüllen anfährt, es gibt Doppelstellplätze und es ist eh alles voll mit Kinderwagen auf dem Bürgersteig und fettarmen Eis und ‘Ich will das da’ und Trotzanfällen und Achtjährigen, die ihre alten Dinosaurier auf einer Decke in die Mitte des Bürgersteiges drängeln, wo der regste Verkehr herrscht aber der italienische Motor schnurrt leise, und mein Kumpel ist im Fahrersitz, sitzt auf der Haut eines ungeboren Kalbes, von italienischen Artisanen mit Vakuum aus einem frisch gekillten Mutterschaf gesaugt, Dach offen, glitzernde Ziffernblätter, Ellenbogen draußen, Radio an, Eltern im Café sagen zu ihren Kindern, ‘Na klar darfst du schauen,’ und fragen sich ob er nicht auch ein Kinder-Betatscher ist wie der Seifenblasen-Typ im Park vor ein paar Jahren (wie hieß er noch, Paedophilio der Clown?) und mein Hinterhof-Mechaniker-Nachbar, zurückgelehnt im Weichleder, halb Fahrersitz/halb Strandliege, entwickelt für Kontoverwalter, um ihre umfassenden Ärsche auszubreiten und über rumänische Anhalterinnen zu fantastisieren– dem gerade erzählt wurde, dass sein Apartment einen neuen Balkon bekommt, der eine luxuriöse, sonnenlose Aussicht auf Fahrräder und Mülleimer erlaubt und seine Miete um ein Viertel erhöht– sitzt einfach da, saugt die Bewunderung der Kinder auf, rollt sich einen Single-Skin auf den Vorstandssportwagenpergament, und lebt den Traum jedes Grease Monkeys.

Also, jeder im Haus bekam diesen Brief von einer Anwaltskanzlei. Paraphrasiert:

‘Sehr geehrte/r Okkupant/Okkupantin, Objekt Vierzehn, Rollerkoffer Straße, Wir fucken euch up und berechnen euch das Vergnügen. Details folgen. Bis zum Ende des Monats müsst ihr schriftlich zustimmen, sonst säen wir euer abgestammtes Land mit Salz und führen euch einem Vermieter-freundlichen Richter vor, der uns ermächtigen wird eure erbärmlichen Bankkontos wie frisch geöffnete Austern zu knacken, so dass du, deine Träume, deine Nachfahren und die Träume deiner Nachfahren bis zur soundsovielten Generation unsere Spielbälle sein werdet. Mit freundlichen Grüßen, Wilhemina Kotzenfutter.’

Also das Gerüst steht, die Balkonpflanzen versinken im Staub, all die Originaltüren und Fenster werden mit den typischen, skandinavisch angehauchten Equivalenten ausgetauscht, heißt, alles innerhalb von zwei Metern vom Rahmen wird entweder entfernt und in der Mitte des Raumes unter einer Plastikplane aufgetürmt oder, wie im Fall des Hochbetts der Kids (ein hölzernes Monster, dessen Konstruktion fast den ganzen letzten Dezember verschlang und das jetzt „das Bett, dass den Advent aufaß“ heißt), auseinandergenommen und im Flur aufgestapelt, die Hölzer beschriftet mit „linke Stütze 1“  und „4. Querbalken, Unterseite, rechts Vorne“ und der Lärm von Pressluftbohrern schallt so intensiv und in so niedriger Frequenz durch das ganze Gebäude, das, wenn du auf einem hölzernen Küchenstuhl sitzt, es ist wie, wenn jemand die Unterseite deiner Eier mit einem Schneebesen abfächelt, was längst nicht so angenehm ist wie’s klingt.

Die Arbeiter haben das Erdgeschoß mit Baustellenteppich abgeGaffa®t, so einen, wie ihn Gefangene herstellen, das Ambiente wie die Farbe alter Knetmasse, wo selbst die Originaltöne in fettiges Grau ausgebleicht sind. Der Teppich ist außerdem mit büscheligen Stückchen klebrigen Rot’s und Blau’s besprenkelt, wahrscheinlich von diversen Verschnitten, gewebt von Kinderschändern und Frauenschlägern in ihren Zellen, so dass das ganze Ensemble so in etwa dem ähnelt, was man bekommt wenn man einen Hund mit einer Hand voll bunter Streusel zwangsernährt und ihn dann in den Bauch tritt bis er das ganze Zeug wieder auskotzt. Schon beim Zuschauen jucken meine Zähne.

Der Teppich dient als olfaktorischer Aperitif zum drohendem Styropor-Hauptgang – dies plastinierte Isoliermaterial, welches letztendlich die Außenwände in seiner erstickenden Umarmung verkleiden wird. Die Fliesen, Mauerwerk und Nachkriegs-Wandvertäfelung des Hausflurs verliehen dem Raum mal eine gesegnete Coolness, so dass die Kids und ich ein Ritual hatten, wenn wir zurückkamen von einem Tag draußen in der Welt der globalen Erwärmung (30° plus Mitte September? Als nächstes erzählts du mir du glaubst nicht an Evolution. Da sonnen sich die Leute im Park und Kastanien fallen auf ihre Köpfe, ich muss meinen  Burkini anziehen nur, um zum Bäcker an der Ecke zu gehen und ich würde dies nackt tippen, wäre ich nicht so durch meinen traumhaften Körper ablenkt. Die Kinder und ich würden herein kommen und unsere Stirn an die kühlen Kachel lehnen und „aaahhh“ machen wie Ben Hur, wenn er die Oase erreicht. Aber von dem Eingang geht nun eine Art von klumpiger Abgestandenheit  aus, der Teppich riecht wie Hochwasser-geschädigter-Wohltätigskeitsbuchladen gekreuzt mit dem Hinterzimmer eines Fleischers, wo das Blut in die Sägespäne versickert ist. Da ist ein gewisser würg-förderlicher, Umami Unterton, wo Gerüche, von wochenlangem Fleischfett kochen, angefangen haben die Teppichfasern zu infiltrieren. Die Luft scheint dünner irgendwie, als wenn Stickstoff und Sauerstoff beiseite gedrängt werden von freien Radikalen, entfernt mit jedem Schritt, den du auf den webenden, exotischen, molekularen Verbindungen nimmst, im Slalom deine Stimmritzen runter, um ihre blutstillenden, kleinen, rezeptorischen Chemikalen an Alveolargänge tief im Innern deiner Lungen anzudocken.

Einiges von diesem Zeug, das das Haus bedecken wird, wurde mit Geburtsschäden in Zusammenhang gebracht, aber glücklicher Weise hat die Macht der Lobbyisten dafür gesorgt, dass das Verwendungsverbot für ein Jahr verschoben wurde, was ein Grund dafür ist, dass man so viele von diesen Gerüsten sieht, die gerade jetzt aufgebaut werden, wie metastasierende Krebsgeschwüre durch den Körper der Stadt. Der Ort und sogar die Ätiologie dieser Infektionspunkte hängt von zahlreichen exogenen Faktoren ab: ob ein Gebäude vor kurzem einer wuchernden Steueroasen-Firma verkauft wurde, mit einem faden, Esperanto-isch, Big-Pharma-Namen (Vivico®, Immo®, Vonovia®, Bonobo), die wie eine Zäpfchenmarke klingt, eifrig darauf bedacht die Immobilie so schnell wie möglich zu Geld zu machen; die Existenz von legislativen Rahmenplänen, die bemüht sind, Arbeit die im Innern eines Gebäudes geschieht von Veränderungen an seiner Außenstruktur zu unterscheiden, wo Mieter viel geringere Chancen auf Rechsthilfe haben; das primitive deutsche Rechtssystem das, anders als in den meisten europäischen Ländern, es nicht erlaubt Gerichtsverfahren als Gruppe– Sammelklagen – statt als Individuen vorzutragen (deshalb klappt die „Teile und Herrsche“ Methode bei uns im Haus so toll, wobei alle ihre eigenen kleinen Deals mit den Besitzern machen um ihre Mieterhöhungen so gering wie möglich zu halten, was das Scheiße-fressende Grinsen des Anwalttyps von unten erklärt, dass dir seit neustem entgegen funkelt); die Gestasi Kultur der Unternehmensschnüffelei, die dazu führt, dass sogenannte „Sozial“-Wohnungsanbieter Dossiers der dreistesten Mieter zusammenstellen, die sie bloß nicht als Kandidaten für die Räte der Mieter-Vermieter Vereine wollen; die Unwirksamkeit transnationaler politischer und legislativer Körperschaften, wenn es darum geht den asset-stripping Ansatz von nicht-nationalen Firmen anzufechten, welches bewirkt, dass altmodische, Dritte-Weg-Konzepte wie „Steuern zahlen” dem Pfad von Phlogiston, Phrenologie und MySpace folgen; eine denkfaule und egoistische politische Klasse, besonders in Berlin, welche Gebäude errichten mit Entwicklung verschmelzt, und diese ganz hegemoniale Superstruktur des Mäzenatentums, herablassend, Lügen, Marketisierung, Öko-Heuchelei und engstirnige, gegenwarts-verweilende kulturelle Feigheit wird unterstützt von einem Bestiarium (schau sie dir an wie sie um uns kreisen wie bei Fletcher’s Hecate Szene in Macbeth und du bist im Kessel) von Anwälten, Lobbyisten, Investment Banker und Hedge-Fund Manager, Architekten, Buchhälter, Apologeten, Marketer, Konferenzbetreibern, Broschüren-, Infofilm- und Web-Designern, chemischen Firmen, Copywriters, Gesindelarbeitgebern und schmollgesichtigen Provinz-Politikern Hosenbund hochziehend, als ob sie gerade irgend ein nerviges Hinderniss für ungültig erklärt hätten (nur jetzt bist du in der Toilettenschüssel, schaust hoch als sie dich wegspülen), strahlen ihre Aufgeblasenheit aus von den Postern an den Laternenpfählen, angebunden mit diesen Polizeistandard Plastikhandschellen, die man immer ums Handgelenk von Linken am 1. Mai sieht, das baumelnte Band das horizontal raussteht, stets bereit durch eine vorbeigehende Iris zu sensen, die Überlegenheit in ihren dünnlippigen Visagen lädt beinahe zu einer Salbung mit einem Ballon voller Pisse ein, ein Strudel von Freaks und Beistiftrock-tragenden Dämonen auf Drehsesseln, ein Bosch Triptychon von teuer geschneiderten Blutegeln in absoluter Topform, aus Autos steigend und ihre Jacken abklopfend, Tabellen studierend an elliptischen Konferenztischen aus umweltverträglichen Pinien­-Substitut, unangetastete Perrier® Flaschen vor ihnen aneinandergereiht wie Präparate, und lächelnd, wenn sie einen Spaten in den Boden stecken, der Boden, der sich jetzt in in die Spitze deines Kopfes verwandelt, das ganze Hogarthische Mischmasch springt in deinem Gehirn umher, Beschreiter der Erde, umzingelt von einem Goyanisch Koboldchor mit ausgestreckten Mikrophonen und einer einzuhaltenen Deadline, Meister eines Prostituierten-Universums, das Gesicht einer gesamten Hauptstadt, für zukünftige Generationen, grundlegend und unwideruflich verändernd.

Übersetzung von Joey Bahlsen

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