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Julikinder (Auszug)

Menekşe Toprak (2016)

Aziz näherte sich der Küche, aus der Licht in den langen, dunklen Flur fiel und von wo das Plätschern von Wasser zu hören war. Seine Mutter stand am Spülbecken und wusch Salat.
„Na, was hast du Gutes gekocht?“, fragte Aziz, darum bemüht, seiner Stimme einen heiteren Klang zu geben.
Während seine Mutter sich zu ihm umdrehte, musterte er aufmerksam ihr eingefallenes, von Gram gezeichnetes Gesicht und stellte erleichtert fest, dass sie wenigstens nicht, wie befürchtet, geweint hatte. Dann fiel ihm ein, dass er sie in den letzten Jahren ohnehin kaum noch hatte weinen sehen.
Seine Mutter wies mit ihrer dicken, vom kalten Wasser geröteten Hand auf die Töpfe, die auf dem Herd standen, und von dort auf ein Tablett voller mit Hackfleisch gefüllter Teigbällchen, das auf dem breiten Fenstersims ruhte.
„İçli Köfte und gefüllte Weinblätter … Wirf ruhig einen Blick in einen der Töpfe.“
„Mann, was hab ich die vermisst“, seufzte Aziz.
„Das kann ich mir denken. Wo du jetzt bist, bekommst du doch sicher nirgends so ein gutes Essen wie hier bei Muttern. Wahrscheinlich reicht es nicht einmal für eine warme Suppe …“
Aziz war überzeugt davon, dass er seine Mutter überglücklich machen würde, wenn er ihr jetzt verkündete, noch heute zu ihnen zurückzukehren. Und tatsächlich hatte er vorhin, als er sich bei dem Klassentreffen so lange mit Meltem unterhalten hatte – und sich dabei ständig gefragt hatte, warum dieses Mädchen ihm früher nie aufgefallen war -, eine Rückkehr noch ernsthaft in Betracht gezogen. Sicherlich wäre es nicht allzu schwierig, an eine der Universitäten in Dortmund, Essen oder Köln zu wechseln, die alle höchstens eine Stunde entfernt lagen, und sich dort die Scheine der letzten beiden Semester anerkennen zu lassen. Aber angesichts der angespannten Atmosphäre in diesem Hause, wie er sie heute Morgen und auch jetzt wieder erlebt hatte, war er sich seines Rückkehrgedankens längst nicht mehr so sicher wie zuvor.
„Mama …“, sagte er mit gedämpfter Stimme und horchte in den Flur hinaus. Im Wohnzimmer hatte sein Vater einen jener türkischen Fernsehsender eingeschaltet, die die Nachrichten mehr herauskrakeelten als verlasen.
Aziz räusperte sich, zog einen Stuhl heran und ließ sich nieder. Er sah seine Mutter, die sich auf eine wichtige Mitteilung gefasst machte und mit einem Mal ganz ernst geworden war, aufmerksam an, schluckte und fuhr dann fort: „Meiner Meinung nach wäre es besser für Süheyla, wenn sie nicht alleine bliebe, bis ihr Mann wieder zurückkommt.“
Şükriye Hanım sah ihrem Sohn ratlos dabei zu, wie er vom Stuhl aus die Beine unter den Tisch zu strecken versuchte. Seine Worte schienen sie alles andere als überrascht zu haben. Aus ihrem Gesicht jedenfalls war fast keine Spannung mehr herauszulesen.
„Genau das habe ich ihr auch gesagt, mein Sohn. Wie oft habe ich ihr schon angeboten, bei uns zu bleiben. Du hast es doch heute Morgen selbst noch mitbekommen. Aber sie hat es ja nur eine Nacht bei uns ausgehalten. Dann ein Mordsgezeter, und schon war sie wieder weg.“
Aziz räusperte sich erneut, nahm die Wasserflasche vom Tisch, schraubte den Verschluss ab und stand auf, doch seine Mutter, die direkt neben dem Küchenschrank stand, war ihm zuvorgekommen und streckte ihm bereits ein Glas entgegen. Obwohl er eigentlich gar keinen Durst verspürte, sondern eher das Gefühl, dass ihm jetzt, wo er mit seiner Mutter sprach, ganz einfach wohler zumute wäre, wenn er seine Hände irgendwie beschäftigen könnte, füllte Aziz das Glas zur Hälfte mit Wasser und stürzte es in einem Zug hinunter.
Dann sagte er: „Mama, ich habe Süheyla heute Morgen nach Hause gefahren. Wir haben uns ein wenig unterhalten.“
Şükriye Hanım sah ihren Sohn besorgt an. Auf das Schlimmste gefasst, zog sie den Stuhl, hinter dem sie stand, zu sich heran und wollte sich gerade setzen, da überlegte sie es sich noch einmal anders, ging zur angelehnten Küchentür, und während sie mit einer Hand langsam die Klinke hinunterdrückte, schob sie mit der anderen, sanft und nahezu geräuschlos, die Türe ins Schloss. Dann erst kehrte sie zurück und setzte sich auf ihren Stuhl.
Als seine Mutter so vor ihm saß und ihn flehentlich ansah, mit einem Blick, aus dem zugleich Sorge und Erwartung sprachen, wusste Aziz einen Moment lang nicht, was er sagen sollte. Eigentlich hatte er gar nichts mehr hinzuzufügen. Da fielen ihm die Worte des Psychiaters wieder ein. Unschlüssig sah er seiner Mutter in die Augen und schwieg.
„Sie soll einfach zu uns kommen, mein Sohn. Von mir aus kann sie gerne bleiben. Kümmere dich nicht darum, wenn dein Vater sich darüber aufregt. Er weiß doch selbst vor lauter Sorge nicht, was er noch tun soll. Und wenn sie sich, was ich befürchte, auch noch von Halil scheiden lässt, dann kommt sie sowieso. Ich frage mich übrigens schon den ganzen Tag, ob der Kerl womöglich eine andere hat. Was meinst du, könnte das sein?“
„Nein, das glaube ich nicht“, sagte Aziz. „Meiner Meinung nach hat Süheylas Krankheit nichts mit ihm zu tun.“
Seine Mutter erwiderte nichts. In der Hoffnung, aus seinem Mund die Lösung für die Probleme ihrer Tochter zu hören, sah sie Aziz stumm an. Als dieser jedoch ebenfalls schwieg, nahm sie den Faden wieder auf:
„Sie läuft doch ständig zum Arzt. Und wie häufig sie schon im Krankenhaus gelegen hat …“
„Ich weiß nicht, Mama, aber mir scheint, als hätte ihre Krankheit sehr viel tiefer liegende Ursachen. Ursachen, von denen selbst wir keine Ahnung haben.“
Şükriye Hanım legte ihre dicken, immer noch feuchten Hände, die von der Kälte des Wassers mittlerweile violett angelaufen waren, in ihren Schoß und begann geistesabwesend an ihrem Rock herumzuzupfen. Dabei blickte sie ihrem Sohn mit kaum verhohlener Erregung ins Gesicht.
„Ach ja, ihre erste Ehe hat das Mädchen so zugerichtet. Eigentlich wollte sie ja gar nicht heiraten. Wir haben sie doch regelrecht dazu gedrängt. Dein Vater war da eben früher nicht so zimperlich.“
Bei diesem letzten Satz hatte sie ihre Stimme merklich gesenkt.
„Mama, vielleicht sollten wir aufhören, Papa immer für alles verantwortlich zu machen. Es gibt jede Menge Frauen, die so heiraten. Und entweder finden sie sich damit ab, werden womöglich sogar glücklich, oder sie lassen sich halt wieder scheiden. Ich glaube eher, dass die Probleme meiner Schwester aus ihrer Kindheit herrühren.“
Şükriye Hanım fiel wie aus allen Wolken. Für einen Moment hatte es ihr die Sprache verschlagen.
„Aus ihrer Kindheit?“, brachte sie schließlich hervor. Sicher, sie hatten ein entbehrungsreiches Leben geführt; aber als Süheyla ein kleines Mädchen war, waren fast alle arm gewesen. Wie sie waren die meisten ihrer Verwandten aus dem Dorf und der Kleinstadt nach Deutschland gegangen, die Frauen in Süheylas Alter fingen inzwischen an, ihre eigenen Kinder zu verheiraten, aber so etwas hatte sie noch von keiner gehört. Dabei hatten sie Süheyla doch, nachdem sie bereits zwei Kinder verloren hatten, geradezu auf Händen getragen.
Aziz, der sich bis dahin auf seinem Stuhl zurückgelehnt hatte, beugte sich nun vor, blickte in die ungläubig aufgerissenen Augen seiner Mutter und versuchte sie zu beruhigen: „Ja, Mama, und vielleicht solltest du sie deshalb mal zu diesem Psychologen begleiten. Damit es ihr bald wieder besser geht …“
Da verfärbte sich das Gesicht seiner Mutter mit einem Mal feuerrot, und sie sprang wutentbrannt auf. „Was sagst du da?“, schrie sie, alle zuvor gezeigten Bemühungen, ihre Unterhaltung vor ihrem Mann zu verheimlichen, vergessend. „Was soll ich denn bei einem Arzt? Süheyla ist krank, nicht ich. Das einzige, worunter ich leide, ist die jahrelange Trennung von meinen Kindern.“
„Und genau daher rühren vielleicht auch die Probleme meiner Schwester.“
„Deine Schwester Süheyla war nur sechs Jahre von uns getrennt. Aysu und Yaşar hatten viel mehr zu erdulden. Warum fehlt denen nichts?“
„Vielleicht fehlt ihnen ja doch was, wie sollen wir das auf die Distanz beurteilen? Egal, Mama, vergiss, was ich gesagt habe … Wenn solche Dinge so einfach zu beheben wären, hätte sich schon längst eine Lösung gefunden. Es war ja nur eine Vermutung von mir. Süheyla hat mir da gestern eben so was erzählt …“
„Und zwar?“
„Ach, weißt du, ich bin mir nicht sicher, wie sehr sich der Arzt, zu dem sie geht, überhaupt für sie interessiert. Außerdem ist er Deutscher, sodass ich bezweifle, ob er sich in eine Situation wie die unsere wirklich hineinversetzen kann. Aber Süheylas Probleme haben Ursachen, von denen wir nichts verstehen, von denen nicht einmal sie selbst etwas versteht. Und deshalb wäre es vielleicht gar keine so schlechte Idee, wenn du sie ab und zu mal zum Arzt begleiten würdest.“
„Ich glaube, du hast sie nicht mehr alle. Was habe ich denn beim Arzt verloren? Schlimm genug, dass ich mir gerade noch die Krampfadern entfernen lassen musste, jetzt komm du mir nicht auch noch mit einem Psychologen. Ich bin doch nicht plemplem.“
„Nein, natürlich nicht! Aber eine Frage hätte ich dennoch: Hast du um deine ersten beiden Töchter …“ Aziz geriet, kaum dass er das gesagt hatte, ins Stocken, denn ihm war gleich bewusst geworden, wie sehr es seine Mutter kränken musste, wenn er die von ihr zur Welt gebrachten Kinder, auch wenn er diese nie kennengelernt hatte, als ihre Töchter bezeichnete, so als spreche er von wildfremden Menschen, und er korrigierte sich: „Ich meine, hast du um meine beiden Schwestern, die so früh gestorben sind, eigentlich viel geweint?“
Şükriye Hanım war jetzt völlig verdattert. Was hatten die Dinge von heute damit zu tun, ob sie selbst vor vier Jahrzehnten ihren Töchtern, von denen die erste schon bei der Geburt nur aus einem Klumpen Fleisch bestanden hatte, während die zweite im Alter von vier Jahren, sich im Fieber windend, den Masern erlegen war, hinterhergeweint hatte? Aber auch wenn ihr das alles völlig schleierhaft war, so machte es sie doch neugierig.
„Mama, dem Arzt zufolge gibt es viele mögliche Ursachen für Süheylas Krankheit. Je deutlicher diese herausgearbeitet und besprochen würden, desto größer sei auch ihre Chance, wieder ganz gesund zu werden. Eine dieser Ursachen könnte ja sein, dass dir zu wenig Gelegenheit zum Trauern blieb, nachdem du meine beiden älteren Schwestern verloren hattest … Oder dass du Süheyla, als diese noch ein junges Mädchen war, mit Aysu so einfach hast sitzenlassen … Wenn es stimmt, was der Arzt behauptet, hat das alles mit Verlustangst zu tun. Und bei Süheyla könnte diese Angst am stärksten ausgeprägt sein.“
Wieder sprang Şükriye Hanım mit hochrotem Kopf auf. Ihre trüben, grünen Augen hatte sie weit aufgerissen, sodass die roten Äderchen um ihre Pupillen umso deutlicher hervortraten, je weiter sie auseinanderstrebten.
„Was soll das heißen, mein Sohn? Was sind denn das für Unterstellungen? Ich bin nur deshalb ganz allein als Frau in dieses Land gekommen, weil dein Vater es nicht durfte. Es wurden nämlich keine männlichen Arbeiter mehr angenommen. Ich habe mich aufgeopfert, um nicht auf der Straße betteln zu müssen, um meinen Kindern eine Zukunft zu geben. Was heißt hier sitzengelassen? Weißt du überhaupt, was du da sagst? Das ist ja wohl die Höhe!“
Ihre Augen sprühten Funken vor Zorn, und sie bebte am ganzen Leib.
Aziz stand auf und griff nach ihren zitternden Händen. Reumütig beugte er sich zu seiner winzigkleinen Mutter herab und legte seine Arme um ihre runden, knochigen Schultern. Dabei wurde ihm bewusst, dass er sie schon seit ewigen Zeiten nicht mehr so an sich gedrückt hatte, ja dass sie einander nicht einmal dann berührten, wenn sie sich begrüßten oder verabschiedeten, vom obligatorischen Wangenkuss einmal abgesehen. Er löste seine Umarmung wieder und setzte sich zurück auf seinen Platz.
„Mama, ich weiß doch selbst nicht, inwiefern das alles den Tatsachen entspricht. Aber selbst wenn nichts davon stimmt, so brauchen wir doch alle mal jemanden, dem wir unser Herz ausschütten können. Und sicher ist es dann gut, mit einem Außenstehenden zu sprechen, am besten vielleicht mit einem Psychologen. Inzwischen stellt ja auch die Sprache kein Hindernis mehr dar: Es gibt jede Menge Psychologen, die Türkisch sprechen.“
Seine Mutter stand da und ließ die Schultern hängen. Sie starrte Aziz noch eine Weile an, dann wandte sie sich dem Fleisch zu, das auf einem Teller neben dem Herd stand und allmählich immer kälter geworden war. Sie kämpfte mit den Tränen, musste schlucken. Jetzt bloß nicht weinen, nicht heute. Ihrem Sohn wollte sie den heutigen Tag nicht auch noch verderben, ebenso wenig wie ihrem Mann, der ihnen womöglich gerade mit gespitzten Ohren zuhörte. Sie drehte sich zu Aziz um und sagte in hartem, schneidendem Ton:
„O nein, mein Junge, nein. Deine Schwester ist doch keine Irre. Erinnerst du dich noch an diesen Deutschen, an diesen Radiofritzen vor fünfzehn Jahren? Von dem redet sie doch die ganze Zeit. Sogar ihrem Mann hat sie von ihm erzählt. Und der hat sich daraufhin natürlich aus dem Staub gemacht. Jetzt führt sie sich eben auf wie eine Wahnsinnige.“
„Ja gut, Mama, aber geht sie nicht schon seit Jahren zum Arzt und lässt sich Medikamente verschreiben?“
In diesem Moment begann in seiner Hemdtasche das Handy zu klingeln, und Aziz fuhr erschrocken zusammen; er hatte das Gerät ebenso vergessen wie Meltem, auf deren Anruf er doch die ganze Zeit gewartet hatte. Er zog das Handy aus der Tasche, und tatsächlich: Es war Meltem. Auf einen Schlag rückten sowohl Süheyla als auch ihre Krankheit in weite Ferne, wurden zu fremden Trugbildern, und alles, was seine Mutter gesagt hatte, erschien ihm mit einem Mal völlig plausibel. Innerlich wurde er wieder von jener Welle der Freude durchströmt.
„Okay, Mama, du hast schon recht“, sagte er hastig. „Vielleicht sollte man das Ganze auch nicht überbewerten. Halil kommt ganz bestimmt an einem der nächsten Tage zurück. Ich bin sicher, dass sich dann alles wieder einrenken wird. Du weißt doch, wie sehr er meine Schwester liebt.“
Darauf rannte er, das klingelnde Telefon in der Hand, hinaus in den Flur.
„Na, mein lieber Aziz?“, säuselte Meltem mit gut gelaunter, verführerischer Stimme. Sie erinnerte Aziz an Ankara, an die Freundinnen seiner Schwester Aysu, besonders an Canan.

 

Übersetzung von Johannes Neuner

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