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Lateinamerikanische Literatur der ’60er und ’70er

Patricia Cerda (2017)

Keynote des Parataxe Symposiums Puerto Berlín am 19. Mai 2017.

In den 1960er und 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die lateinamerikanische Literatur vornehmlich in Paris oder Barcelona verfasst, das heißt in jenen Städten, die die Autoren des Booms für sich auserkoren hatten. West- wie Ostdeutschland lockten weniger, sie waren kulturell zu fern. In den 1970er Jahren änderte sich dies schlagartig durch das Exil. Die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland wie auch die Deutsche Demokratische Republik den politisch Verfolgten, die vor den Diktaturen in Chile, Argentinien und Uruguay flohen, ihre Türen öffneten, läutete ein neues Kapitel im Kulturaustausch zwischen Deutschland und Lateinamerika ein. Heute, fünfzig Jahre später, scheint ein äußerst guter Zeitpunkt für einen Rückblick auf die lateinamerikanische Literatur jener zwei Jahrzehnte.

Das Selbst-Exil der Boom-Autoren

Als ‚Boom‘ der lateinamerikanischen Literatur wird jener Moment in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts bezeichnet, in dem die lateinamerikanische Literatur außerhalb Lateinamerikas zu einer Mode wurde. Das europäische wie weltweite Interesse an den sozialen und politischen Prozessen, die Lateinamerika durchlebte – allen voran die Kubanische Revolution mit ihren charismatischen Anführern und ihrer Symbolkraft – spiegelte sich im literarischen Feld wider. Auf der anderen Seite war den Boom-Autoren der Wille eigen, mit den lokalen literarischen Mustern zu brechen und vermehrt europäische sowie nordamerikanische Einflüsse zuzulassen. Der Peruaner Mario Vargas Llosa, der Argentinier Julio Cortázar und der Kolumbianer Gabriel García Márquez zollten Flaubert, Kafka und Proust, Poe, Joyce oder Faulkner Tribut. Den Gewohnheiten der vorherigen europäischen und nordamerikanischen Generationen um Rilke, Joyce, Hemingway und Ionesco folgend, traten auch die Boom-Autoren ihre Initiationsreise nach Europa an und besuchten zu allererst die Stadt der Lichter. In den 1960er Jahren galt der Aufenthalt in Paris als eine Pflicht-Etappe auf dem Weg zum Schriftstellerdasein. So hielten sich zur selben Zeit in derselben Stadt Autoren aus unterschiedlichsten lateinamerikanischen Ländern auf und tauschten Vorstellungen und Utopien aus. Dieser unmittelbare Kontakt zwischen den Autoren und ihre jeweils gegenseitige Beeinflussung ist ein weiteres Kennzeichen der Boom-Literatur. Die Forschung hat hierin Anzeichen des bolivarianischen Traums von der lateinamerikanischen Einheit gelesen, ging es doch darum, neue Bilder zu finden, die die lateinamerikanischen Lebensbedingungen auszudrücken in der Lage wären. Der Surrealismus, der zu jener Zeit in Paris en vogue war, wurde zu einer wichtigen Inspirationsquelle des Magischen Realismus Gabriel García Márquez‘. Der Kolumbianer erklärte, sein Roman Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt (El coronel no tiene quien le escriba), hätte ausschließlich in Paris geschrieben werden können, und dass ihm Paris eine neue sowie gelöstere Sicht auf Lateinamerika verschafft hätte.[1] Julio Cortázar machte die Erfahrung seines Pariser Selbst-Exils zu einem Thema von Rayuela. Himmel und Hölle (Rayuela), einem der wichtigsten Romane des Booms. Die Übereinkunft der Boom-Autoren sollte allerdings Mitte der siebziger Jahre aus privaten und politischen Gründen, über die viel spekuliert wurde, entzweibrechen.

Ende der siebziger Jahre löste Barcelona Paris als Lieblingsstadt der Literaten ab. In der spanischen Stadt waren Verlagshäuser wie Plaza & Janes und Seix Barral ansässig, vor allem aber residierte dort die Literaturagentin Carmen Balcells. Heute könnte man sagen, dass Carmen Balcells den Boom produzierte und Hundert Jahre Einsamkeit (Cien años de soledad) ihr Hit war. Wenngleich der Roman in den Jahren 1965 und 1966 während des Aufenthaltes von Gabriel García Márquez in Mexiko verfasst und 1967 in Buenos Aires publiziert wurde, wurde der Verkauf der internationalen Rechte von Barcelona aus organisiert.

In Deutschland fand die Rezeption der Boom-Autoren aufgrund einer althergebrachten Distanz zu Lateinamerika zeitlich verschoben statt. Der Vor-Boom-Roman Pedro Páramo des Mexikaners Juan Rulfo war einer der ersten in der BRD veröffentlichten lateinamerikanischen Romane. Seine spanische Erstveröffentlichung 1955 besorgte der Verlag Fondo de Cultura Económica in Mexiko, seine deutsche Fassung lag in der Bundesrepublik im Jahr 1958 bei Hanser vor, übersetzt von Mariana Frenk-Westheim, einer aus Nazi-Deutschland nach Mexiko Exilierten. In West-Deutschland wurden über achtzig Rezensionen zu Pedro Páramo verfasst, die eher den guten Willen der Rezensenten zeigen, als dass sie von einem Verständnis gegenüber dem zeugten, was der Roman evoziert: das Scheitern der Mexikanischen Revolution und die orphische Hades-Reise eines Sohns auf der Suche nach seinem Vater. In der DDR wurde das Werk Rulfos erst ab dem Jahr 1967 bei Volk und Welt veröffentlicht. Im sozialistischen Deutschland lag das Interesse eher bei der Kubanischen Literatur und beim Thema ‚Diktatoren‘. Nach dem Triumph der Kubanischen Revolution wurden mit großer Sorgfalt erstellte Anthologien publiziert, darunter Ruderer in der Nacht[2], in der revolutionskritische Autoren nicht aufgenommen wurden. Es ging darum, die Kubanische Revolution zu idealisieren und auf die Prozesse hinzuweisen, die zu ihr geführt hatten. Der Roman Der Herr Präsident. Roman aus Guatemala (El señor presidente) des Guatemalteken Miguel Ángel Asturias, im Jahr 1946 in Mexiko erstveröffentlicht, erschien in der BRD im Jahr 1957, in der DDR  im Jahr 1961. Hundert Jahre Einsamkeit kam in der DDR vorerst nicht durch die Zensur, da der Magische Realismus nicht mit dem Sozialistischen Realismus auf Linie war. Dieser Roman wurde in der BRD 1970 bei Kiepenheuer & Witsch verlegt, in der DDR erst im Jahr 1975 bei Aufbau.

Literatur des echten Exils in Ost- und West-Deutschland der 1970er Jahre

Das Selbst-Exil der lateinamerikanischen Autoren in Paris und Barcelona war im Vergleich zum echten Exil der Chilenen, Argentinier und Uruguayer im Deutschland der 1970er Jahre gewissermaßen ein ‚softes‘ Phänomen. Die Schriftsteller, die in die zwei deutschen Staaten ins Exil gingen, brachten extreme Lebenserfahrungen mit. Antonio Skármeta fasste diese wie folgt in seinem Artikel La nueva condición del escritor en el exilio (“Das neue Schriftstellerdasein im Exil”) zusammen: Der Angriff Pinochets, der Tod von Freunden, gefolterte Gefährten, das Verschwinden von Geschwistern, die Inhaftierung von Kollegen, Exil einer ganzen, vielversprechenden Generation …[3] Wenn es den nach Paris und Barcelona selbstexilierten Autoren darum gegangen war, die lateinamerikanische Wirklichkeit zum Ausdruck zu bringen und dabei gemeinsam den bolivarianischen Traum zu träumen, sahen sich die Autoren des echten Exils den unvereinbaren Fronten des Kalten Krieges ausgesetzt. In Chile war die Repression derartig schwerwiegend, das sich in uns Chilenen der Eindruck festsetzte, Chile sei das Land Lateinamerikas, in dem man den Kalten Krieg am meisten zu spüren bekam. Dieser Eindruck war so prägend, dass er noch heute untergründig nachwirkt.

Im Folgenden werde ich das Augenmerk meiner Ausführungen auf die chilenische Exil-Literatur legen, die in beiden deutschen Staaten geschrieben wurde, und auf diesem Wege das Phänomen Literatur-Exil-Gesellschaft genauer beleuchten.

Das Selbstverständnis des im deutschen Exil lebenden lateinamerikanischen Autors ist das eines vom Leben enttäuschten und verletzten, nicht selten wütenden Zeitgenossen. Der Titel der Anthologie In deinem Schmerz seh ich den neuen Tag. Prosa und Lyrik chilenischer Künstler im Exil, im Jahr 1978 in der DDR bei Aufbau publiziert, ist vielsagend. Darin enthalten sind die Erzählungen Angst (Miedo) und Clown (Payaso) von Omar Saavedra Santis, Der Mann mit der Nelke im Mund (El hombre con el clavel en la boca) von Antonio Skármeta sowie Das Schweigen (El silencio) von Carlos Cerda. Die drei genannten Autoren sind emblematisch für das chilenische Exil  in den zwei deutschen Staaten, als auch für die Konflikte der damaligen Generation.

Omar Saavedra Santis, 1944 in Valparaíso geboren, hatte in Chile Journalismus studiert und war Redakteur der in seinem Geburtsort ansässigen Zeitung La Popular gewesen. Eigenen Aussagen zufolge entschied er sich aus ideologischen Gründen für ein Exil in Ostdeutschland. Er lebte zum Teil in Leipzig, wo er Literatur studierte, dann wechselte er nach Rostock. In der Ostsee-Stadt bildete sich um das Institut für Lateinamerikawissenschaften der Wilhelm-Pieck- Universität ein wichtiges Zentrum des chilenischen Exils heraus. Am Volkstheater Rostock entstand das Teatro Lautaro, an dem Autoren wie Omar Saavedra und Carlos Cerda beteiligt waren. Die Romane und Erzählungen von Saavedra Santis gingen mit den Vorlieben des sozialistischen Realismus konform, bis Blonder Tango erschien – dessen Titel auf Spanisch lautet: ¿Y qué hago yo en este país donde todos los gatos son rubios? („Was mache ich bloß in diesem Land, in dem alle Katzen blond sind?“).[4] Hauptfigur ist Rogelio, ein einsamer chilenischer Exilant, der als Lichttechniker arbeitet, und zwar im Volkstheater Rostock. In den Briefen, die er seiner Mutter nach Chile sendet, spinnt Rogelio, damit diese sich nicht um ihn sorgt, eine Lügenwelt zusammen. Er behauptet, eine Familie gegründet zu haben und glücklich zu sein. Er verschickt sogar Fotos von deutscher Frau und Kind. Dass die Briefe, die aus Chile eintreffen, ebenso ersponnene Geschichten erzählen, weil die Mutter schon seit Jahren tot ist und es Verwandte sind, die die Briefe verfassen, das findet Rogelio erst am Ende des Romans heraus. Blonder Tango war in der DDR sehr erfolgreich und wurde von Lother Warneke verfilmt.

Das literarische Umfeld von Omar Saavedra Santis bildete sich in der DDR heraus. Die Solidarität der Ostdeutschen gegenüber den 3000 exilierten Chilenen, die ins Land gekommen waren, war eine Staatsangelegenheit, und die Romane von Saavedra Santis halfen den Gastgebern, die Situation der Exilierten zu begreifen. Im Jahr 1986 veröffentlichte der Autor den Roman Die große Stadt, in dem er mythische Jugendbrigaden erschuf, die im Zuge des Triumphes der Unidad Popular im Jahre 1970 die analphabetischen Massen für die Literatur zu begeistern suchen.[5] Der Roman kam in der DDR in einer Auflage von 20.000 Exemplaren heraus. In Chile wurde er im Jahr 2014 bei Uqbar, einem kleinen unabhängigen Verlag, in einer sehr viel kleineren Auflage publiziert. Es handelt sich um Saavedras einziges in Chile verlegtes Werk.

Carlos Cerda wiederum gehört zur nueva narrativa chilena, die sich in den neunziger Jahre herausbildete. Im Jahre 1942 in Santiago de Chile geboren, war er 1973 als Philosophieprofessor an der Universidad de Chile tätig, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und Chefredakteur der Zeitung El Siglo, dem Presseorgan dieser Partei. Während seines Exils in der DDR wurde er an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert und lehrte dann selbst an dieser Universität. Er verbrachte 12 Jahre in Deutschland. Er war am Volkstheater Rostock tätig und veröffentlichte einen Roman und zwei Erzählbände. Die Narrativik von Carlos Cerda entwickelte sich thematisch vom politischen testimonio, dem Zeitzeugenbericht, und der Einsamkeit des Exils hin zu einer offenen Kritik am Sozialismus. Der Roman Weihnachtsbrot  (Pan de pascua) enthält testimoniale wie fiktionale Anteile. Er lässt sich als hoch informativer Text über den Putsch in Chile lesen, da er auf Unterhaltungen mit der Tochter des damaligen in der DDR exilierten Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chiles, Luis Corvalán, fußt. [6] In dem Erzählband Por culpa de nadie (“Niemandes Schuld”), der zu Teilen im Exil, zu anderen Teilen in Chile geschrieben wurde, nimmt sich Cerda der Anpassungsprobleme an, die die exilierten Chilenen in verschiedenen europäischen Städten erleben mussten.[7] In Morir en Berlín (Santiago-Berlin, einfach[8]), einem im Jahr 1993 in Santiago herausgekommenen Roman, geht es um das Ghetto der in der DDR exilierten Chilenen, um Freiheitsverlust und die Unterwerfung unter eine allgegenwärtige Behördenkultur. Der Text besitzt kafkaeske Züge. Cerda erntete mit diesem Roman gute wie schlechte Kritiken. Es hieß, diese Abrechnung habe früher kommen müssen, als die DDR noch existierte. Carlos Cerda starb im Jahr 2001, mit 59 Jahren.

Unter den in der DDR exilierten Autoren Chiles ist es zweifellos der 1953 in Valparaíso geborene Roberto Ampuero, der am meisten Resonanz in Chile selbst erfahren hat. Ampuero hatte Anthropologie und Literatur an der Universidad de Chile studiert und war 1973  Mitglied der Juventudes Comunistas gewesen. Während seines DDR-Exils lernte er seine erste Frau kennen, die Tochter eines hochrangigen Castro-Generals, und ging mit dieser nach Kuba. In seinem Roman  Nuestros años verde olivo (“Unsere olivgrünen Jahre”) legt Ampuero Zeugnis von der Enttäuschung über seine erste Frau und die Kubanische Revolution ab. Er gibt Auskünfte über so manches pikante Detail aus dem Liebesleben mit der Mutter seines ersten Kindes und liefert Einsichten in die Machtmaschinerie Kubas. Unnötig, die Entrüstung jener Personen und Institutionen aufzuzählen, die im Roman namentlich Erwähnung finden. Nuestros años verde olivo wurde von den Lesern der chilenischen Rechten und der konservativen Kritik gut aufgenommen. Die Lebensgeschichte des Schriftstellers Roberto Ampuero ist interessant, da er im Jahr 2014 Kultusminister unter dem rechten Präsidenten Sebastián Piñera wird. Ein Lebenslauf mit mehrfachem Meinungswandel ist nur in einer von unvereinbaren Ideologien entzweiten Welt wie jener des Kalten Krieges möglich.  In seinem Roman Detrás del muro (“Hinter der Mauer”) im Jahr 2014 in Chile publiziert, kommt Ampuero auf das Thema der fehlenden Freiheit im sozialistischen System zurück. Der Schriftsteller hält so eine polemische Debatte am Leben – und seine Bücher verkaufen sich. Herauszustreichen bleibt, dass Roberto Ampueros Prosa in erster Linie wegen der in ihr behandelten Themen, und weniger wegen ihrer literarischen Qualität besprochen wird. Für die neue, mit dem Kalten Krieg nicht mehr identifizierten Generation ist jedoch die Selbstkritik beachtenswert.  Die kämpferische chilenische Linke hatte nicht bedacht, dass sie mit ihrer konfrontativen revolutionären Haltung  die chilenischen Institutionalität aufs Spiel setzte. Ob dies die Lehre der Geschichte ist,  muss sich erst noch zeigen.

Antonio Skármeta, 1940 in Antofagasta geboren, war der einzige chilenische  Schriftsteller im deutschen Exil mit einer bereits begonnenen literarischen Karriere. Er hatte zwei Erzählbände publiziert sowie Stipendien erhalten und war 1969 für Desnudo en el tejado („Nackt auf dem Dach“) mit dem Premio Casa de las Américas ausgezeichnet worden. Da er 1975 mit einem DAAD-Stipendium nach Westdeutschland kam, musste Skármeta vom Sozialismus nicht enttäuscht sein. Während seines zwölfjährigen Aufenthalts in Berlin schrieb er eine ganze Reihe von Büchern, darunter seinen wichtigsten Roman Ardiente paciencia (Mit brennender Geduld), der im Chile der Jahre 1969-1973 spielt. Erzählt wird von der Beziehung zwischen dem Dichter Pablo Neruda und seinem Briefträger, aus einer universelleren Sicht als jener seiner Kollegen. Das Volk, das in Gestalt des Briefträgers auftaucht, wird ohne doktrinären Impetus gezeichnet. Neruda starb wenige Tage nach dem Staatstreich im September 1973. Der Roman lässt sich als Zeugnis dieser Zeit lesen und wurde zweimal verfilmt.

Ein halbes Jahrhundert nach lateinamerikanischem Selbst-Exil und echtem Exil und der daraus resultierenden Literatur lässt sich sagen, dass die Themen des echten Exils drängendere und unmittelbarere waren als jene der vorhergehenden Boom-Literatur.  Die Literatur de echten Exils absorbierte die Stimmung des Kalten Krieges vollständig. Ein im Jahr 1972 veröffentlichtes artefacto-Gedicht von Nicanor Parra, das wörtlich lautete: “Sind Linke und Rechte vereint, werde sie niemals besiegt sein” (La izquierda y la derecha unida jamás serán vencidas) wurde von der damaligen Generation als absurder Spruch eines irren Verräters aufgefasst. Parra konterte mit einem anderen artefacto-Gedicht: “Bitte die  Kunst in der Revolution nicht mit der Revolution in der Kunst verwechseln“. In einem weiteren, dem Che Guevara gewidmeten artefacto hieß es: Verzeih die Ehrlichkeit/selbst der Stern an deiner Baskenmütze/scheint mir, Comandante, zweifelhaft/und doch kommen mir die Tränen/ (Perdona la franqueza / hasta la estrella de tu boina / Comandante me parece dudosa / Y sin embargo se me caen las lágrimas.) Parra ist der einzige Autor jener Zeit, der den nachfolgenden Generationen etwas auf den Weg mitgab.  Roberto Bolaño erklärte kurz vor seinem Tod: „Parra schulde ich alles.“

Das Exil in der BRD als Horizonterweiterung

Die Schriftsteller des Exils trafen auf eine intellektuelle Welt, die offen und interessiert daran war, die anderen Kultur und gesellschaftliche Wirklichkeit zu verstehen. In der DDR wie in der BRD besaß der chilenische Staatsputsch einen symbolischen Wert. Ein vom Volk erwählter Präsident wird von der Bourgeoisie und unter Hilfe der CIA gestürzt. In der BRD war die Unterstützung durch die jungen Leute der 68-Generation immens. Die 2000 Chilenen, die nach Westdeutschland kamen, genossen eine in diesem Land zuvor niemals erlebte Solidarität. Diese ging von politischen Parteien, Gewerkschaften und von Privatmenschen aus. Um die solidarische Arbeit und die Integration besser organisieren zu können, wurden Chile-Komitees gebildet. Das Interesse an der Gesellschaft und Kultur der neu ins Land Gekommenen galt ebenso der Musik, doch vor allem der Literatur. Die wenigen genannten Romane von Miguel Ángel Asturias und Juan Rulfo, die im Umlauf waren,  lagen nun plötzlich in den Schaufenstern der Buchläden. Ein Jahr nach dem Staatsputsch in  Chile erstellte der Suhrkamp-Verlag  ein Programm zu lateinamerikanischer Literatur, das Michi Strausfeld überantwortet wurde. Wie sie selbst erzählt, bat der Verlag sie um eine Autorenliste für dieses Programm.[9] Im Jahr 1975 publizierte Suhrkamp eine neue Ausgabe von Padro Páramo und im Jahr 1976 erschien die deutsche Erstausgabe von Rulfos zweiter Publikation El llano en llamas (Der Llano in Flammen). Dieses Mal wurde Rulfo als einer der großen Magischen Realisten Lateinamerikas präsentiert. Im Jahr 1976 lagen so viele ins Deutsche übersetzte Bücher von lateinamerikanischen Autoren vor, dass die Buchmesse Frankfurt dem Kontinent einen Schwerpunkt widmen konnte. Auf der Eröffnung der Messe bat Hans Magnus Enzensberger die Autoren, die zugegen waren –Eduardo Galeano, José Donoso, Julio Cortázar, Manuel Scorza und  Mario Vargas  Llosa –, sie mögen geduldig mit den Deutschen sein, waren diese doch „die letzten Entdecker Lateinamerikas“.

Die erfolgreichste Autorin des lateinamerikanischen Exils war ohne Zweifel Isabel Allende. Allende schrieb in ihrem Exil in Caracas einen unter dem Einfluss des Magischen Realismus stehenden Roman, der die Vier-Generationen-Geschichte der Familie Trueba erzählt: La casa de los espíritus (Das Geisterhaus), im Jahre 1982 veröffentlicht. In diesem Roman kommen die sozialen und politischen Bewegungen des postkolonialen Chiles zur Sprache, die Allende an die Macht brachten, die Epoche der Unidad Popular sowie der darauffolgende Putsch. Der Roman wurde im Jahr 1984 bei Suhrkamp auf Deutsch veröffentlicht und sofort zu einem Verkaufsschlager.  Bis zum Jahr 1990 hatte Suhrkamp zwei Millionen Exemplare verkauft. Man könnte sagen, dass der Boom der lateinamerikanische Literatur in den 60er und 70er Jahren ein französisches und spanisches Phänomen war, Isabel Allende wiederum ein deutsches Phänomen.

In der DDR wie in der BRD war das Exil für alle Beteiligten eine mit neuen Erfahrungen beladene Zeit: für die im Ansässigen wie für die Fremden.[10] Es kam zu einem intensiven Kulturaustausch. Auf der Seite der Exilierten bestand der selbstverständliche Wunsch, sich selbst und den anderen das eigene Scheitern zu erklären, auf der anderen, deutschen Seite gab es den Wunsch, die Exilierten zu verstehen. Was von dieser Zeit übriggeblieben ist, ist das Verständnis des Anderen, und ein Selbstverständnis durch den Anderen. Die Antworten auf das deutsche Exil gelangten über die genannten Romane, über Autoren-Interviews und -Anekdoten nach Lateinamerika.  Diese vermittelten ein differenzierteres Bild von Deutschland. Es ist bekannt, dass im Cono Sur, im südlichen Teil Südamerikas, die deutschen, auf die Auswanderer des 19. Jahrhunderts zurückgehenden Kolonien die rechten Diktaturen unterstützten. Die Deutschen waren in Lateinamerika nicht unbedingt als Menschen mit demokratischen Werten bekannt. Auch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hielt sich noch das Bild Nazi-Deutschlands. Die Werte-Umwälzung, die in Westdeutschland Mitte des 20. Jahrhunderts vonstattengegangen war, wurde in Lateinamerika erst mit der Solidaritätsbewegung deutlich, die die Ankunft der Exilierten hervorrief.  Auf lange Sicht bedeutete das Exil, dass nicht nur die Deutschen sich für die lateinamerikanische Literatur und Kultur interessierten, sondern auch, dass die Lateinamerikaner deutsche Literatur und deutsches Kino zu konsumieren begannen. Heute ist Deutschland in Lateinamerika kein fremdes Land mehr. Heute befinden sich Berlin, Paris Barcelona ungefähr auf gleicher kultureller Distanz zum Subkontinent. Ich für meinen Teil, die ich meine Romane hier  schreibe, würde keine der genannten Städte gegen Berlin eintauschen wollen. [11]

 

 

[1] Siehe Gabriel García Márquez: Notas de prensa 1980-1984. Madrid, Mondadori, 1991.

[2] Lene Klein (Hg.): Ruderer in der Nacht. Berlin, 1963.

[3] Antonio Skármeta: La nueva condición del escritor en el exilio, in Araucaria  de Chile Nr. 19, 1982. S. 133-141.

[4] Omar Saavedra Santis: Blonder Tango. Verlag Neues Leben. Berlin, 1983.

[5] Omar Saavedra Santis: Die große Stadt. Verlag Neues Leben. Berlin, 1986.

[6] Carlos Cerda: Weihnachtsbrot. Berlín, Aufbau-Verlag, 1978.

[7] Carlos Cerda: Por culpa de nadie. Santiago, 1986.

[9] Michi Strausfeld: 1974-2004: 30 Jahre Lateinamerika im Suhrkamp/Insel Verlag. In: Diana von Römer und Friedhelm Schmidt-Welle (Hrsg): Lateinamerikanische Literatur im deutschsprachigen Raum. Vervuert Verlag, Frankfurt, 2007: 159-171.

[10] Paraphrasierung  von The Established and the Outsider. Norbert Elias und  John L. Scotson: F Cass, London 1965.

[11] Entre mundos (Cuarto Propio, 2013),  Mestiza (Ediciones B, 2016), Rugendas (Ediciones B, 216).

Aus dem Spanischen von Rike Bolte.
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