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Luz in Berlin

Patricia Cerda (2017)

Bei den folgenden Texten handelt es sich um verschiedene, unveröffentliche Arbeitsfassungen eines längeren Textes. Das Copyright liegt bei Patricia Cerda. Übersetzung von Rike Bolte

 

Ich steckte mitten in den Reisevorbereitungen, als ich in einem Bus von Providencia ins Stadtzentrum eine unerwartete Begegnung hatte, sagen wir ein vielversprechendes Treffen: eine echte Fügung. Obwohl ich sie im Moment selbst nicht als solche erkannte. Um sie als solche begreifen zu können, hätte ich Wahrsagerin sein müssen. Ich war gerade mit Helena auf dem Weg zu einem Übersetzerbüro, in dem beglaubigte Übersetzungen von Dokumenten aus dem Spanischen ins Deutsche angefertigt wurden. Ich besprach mit Helena, was ich über die Mauer-Stadt gelesen hatte, als mich eine Frau unterbrach, die hinter uns saß. Sie fasste mich an der Schulter. Erschrocken drehte ich mich um. „Verzeihen Sie die Störung, Fräulein. Dürfte ich Sie fragen, in welches Berlin Sie reisen?“ Es war eine einfache Frau. In ihrem Blick lag Angst.

„Nach West-Berlin“, antwortete ich und machte wohl ein Und was geht Sie das an? –Gesicht.

„Ach so“, sagte sie enttäuscht.

Ich nahm das Gespräch mit Helena wieder auf. Sie erzählte mir, halb im Ernst, halb im Scherz, dass sie bereits Geld zur Seite gelegt hatte, um mich besuchen zu können.

Als wir an der Plaza Italia vorbeikamen, fasste mich die Frau erneut an der Schulter.

Und wieder drehte ich mich zu ihr um. Eine seltsame Situation.

„Dürfte ich ein paar Worte mit Ihnen wechseln?“

„Um was geht es denn? Nun erzählen Sie schon.“

„Nicht hier“, sagte sie, und sah sich um. „Wo steigen Sie aus?“

„Bei der Biblioteca Nacional. Steigen Sie mit mir aus, wenn Sie wollen, da können Sie dann erzählen“, bot ich an.

„Abgemacht. Danke.“

 

Jetzt waren Helena und ich gespannt. Wir besprachen nicht länger unsere Pläne, sondern warteten darauf, erfahren zu können, was die Frau, die nun tatsächlich mit uns an der Bibliothek ausstieg, wohl zu erzählen hatte. Sie war um die 45 Jahre alt, vielleicht sogar jünger. Ihr Gesicht war das einer Mestizin, hatte angenehme Züge, ihr Haar war dunkel. Helena schlug vor, uns auf eine Bank am Cerro Santa Lucía zu setzen, der nur wenige Meter entfernt war. Da erst stellte sich die Frau als Macarena Pinto vor. Sie erklärte, Mutter eines Exilanten zu sein, der in Ost-Berlin lebte.

„Zumindest befand er sich dort, als ich das letzte Lebenszeichen von ihm bekam“, schloss sie.

„Und wann war das?“, fragte Helena.

„Es sind mittlerweile zehn Jahre vergangen, ohne dass ich etwas von ihm gehört habe“, sagte sie.

Helena und ich sahen uns an.

„Hoffentlich ist ihm nichts passiert“, erwiderte ich.

Sie änderte die Stimmlage, um mir zu versichern, dass ihr Sohn auf sich achtzugeben wisse.

„Aus irgendeinem Grund schreibt er mir nicht, doch es geht ihm gut. Ich weiß es, fragen Sie nicht, wieso.“ Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und schnäuzte sich geräuschlos die Nase. Dann machte sie eine Pause, um sich zu fassen, und fuhr fort:

„Ich bin alleinstehende Mutter. Javier ist mein einziges Kind. Es ist hart, nichts von ihm zu wissen.“ Mit Mühe unterdrückte sie die Tränen. Helena streichelte ihre Schulter.

„Man hat mir erzählt, dass sich dort alle Chilenen kennen“, sagte sie.

„Und Sie wollen, dass ich versuche, ihn ausfindig zu machen“, fragte ich und nahm vorweg, worum sie mich mit Gewissheit bitten würde.

„Wären Sie denn so nett, ihm einen Brief zu überreichen, wenn Sie ihn finden?“

„Das werde ich gerne tun“, sagte ich.

„Wie lasse ich Ihnen den Brief am besten zukommen? Sind sie morgen wieder im Zentrum?“

„Wenn Sie wollen, komme ich her“, bot ich an.

Ich sah auf die Uhr. Es war zwei Uhr mittags. Ich schlug vor, uns am nächsten Tag um die gleiche Zeit an der gleichen Bank zu treffen.

„Ganz wie es Ihnen passt. Ich werde dann morgen einen Moment meinen Arbeitsplatz verlassen. Jetzt bin ich gerade auf dem Weg zum Arzt.“ Nach diesen Worten stand sie auf.

„Ich habe meinen Namen gar nicht genannt. Ich heiße Luz Rioseco.”

“Danke, Señorita Luz. Bis morgen dann.“

 

Helena und ich sahen ihr nach, bis sie in einen Bus stieg. Dann machten wir uns Richtung Übersetzerbüro auf. Obwohl uns die Begegnung sehr berührt hatte, sprachen wir nicht darüber, bis ich mein Diplom zur Übersetzung abgegeben hatte und wir auf einen Kaffee ins Café Colonia gingen. Helena war der Meinung, dass bei der Frau zumindest ein wenig Hoffnung geweckt worden war. Sie sagte deswegen:

„Das wäre ja ein irrer Zufall, wenn du ihren Sohn fändest. Doch wer weiß, wie das mit den Chilenen dort so ist.“

 

Am Tag darauf, als ich zu der Verabredung mit Macarena Pinto ging, wartete diese bereits auf mich. Sie erhob sich und kam aufrechten Ganges auf mich zu. Ihr lilafarbenes, schlicht geschnittenes Kleid passte gut zu ihrem dunklen Haar. Ich wollte nicht, dass wir auf der Straße blieben. Also schlug ich vor, ins Café Colonia zu gehen, um dort in Ruhe, ohne den Lärm der Busse, sprechen zu können. Auf dem Weg zum Café erzählte sie, sie habe sich von der Arbeit fortgestohlen, einen weiteren Arzttermin vorgegeben und deswegen nicht so viel Zeit.  Ich fragte, wo sie arbeite.

„Im Barrio Alto“, antwortete sie, ohne weitere Details zu nennen.

„Und wo wohnen Sie?“

„Wir sind aus Renca.“

Im Café fragte ich sie, was sie trinken wolle und machte deutlich, dass ich sie einlud.

„Ein Mineralwasser. Danke.“

„Für mich einen Espresso mit Milch“, bat ich.

Und da öffnete Macarena Pinto ihre Handtasche und zog einen Brief und ein Foto hervor. Als erstes reichte sie mir das Foto:

„Das ist mein Javier.“

Ein Schwarz-Weiß-Foto, darauf ein lächelnder Mann mit wunderschönen Augen, wohlgeformten Augenbrauen, schön gezeichneten Lippen. Gesichter wie dieses betören mich.

„Ein schöner Kerl“, gab ich zu.

„Und intelligent dazu. Er war im zweiten Semester der Ingenieurswissenschaften an der Gewerbeschule, als Allende stürzte. Er lernte nachts und arbeitete tagsüber bei Inchalam. Er war Gewerkschaftsführer, deswegen musste er von hier weg.“

„Was glauben Sie, wieso er sich nicht meldet?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung“, sagte sie und gab mir den Brief. Nach einem langen Seufzer fügte sie hinzu: „Hoffentlich finden Sie ihn.“

Ich steckte Brief und Foto in meine Handtasche.

„In dem Brief erkläre ich ihm, dass er nun zurückkommen kann. Er wird in einer Liste von September 1985 genannt. Ich weiß nicht, ob dort solche Informationen ankommen.“

„Das weiß ich auch nicht, ich denke aber, sie kommen an“, sagte ich.

 

Ich wusste es nicht. Ich kannte die Welt der Exil-Chilenen nicht. 1973 war ich zehn Jahre alt gewesen. Und hatte das Pech gehabt, in einem Land mit Diktatur aufzuwachsen. Mir war immer bewusst, dass meine Persönlichkeit ganz selbstverständlich nicht vereinbar war mit der Ignoranz und der Überheblichkeit, die die Militärs vermittelten, doch war ich niemals in einer politischen Partei. Ich ging auf die Straße, um zu demonstrieren, das schon – soweit ich konnte oder den Mut fand. Ich bin ängstlich. Kaum vorzustellen, man könne mich festnehmen und misshandeln. Politisch gesehen bin ich feige, und doch freute ich mich über jeden Erfolg der Opposition. Ich zog los, um die „Concertación por el No“, die Vereinbarung für das Nein im Referendum, mit meinen Philosophie-Kommilitonen zu feiern. Mehr tat ich nicht.

Macarena erklärte, in dem Briefumschlag sei auch die Telefonnummer einer Apotheke, die sich in der Nähe ihre Wohnstätte in der Calle Puyehue befand, und wo ihr Sohn sie anrufen könnte. Man würde ihr dann sofort Bescheid sagen. In dem Augenblick erst brachte der Kellner das Wasser. Macarena leerte ihr Glas in einem einzigen Zug und erklärte, sie müsse zur Arbeit zurück.

„Gehen Sie“, bat ich sie.

„Ich werde für Sie beten und Romualdito ein paar Kerzen anzünden.“

„Wer ist Romualdito?“, fragte ich.

„Meine wunderbringende Seele am Hauptbahnhof. Viel Glück in Deutschland, Señorita Luz. Auf Wiedersehen.“

 

Was für eine Aktion! Eine Unbekannte in einem Bus ansprechen und sie bitten, sie möge dem Sohn in Deutschland einen Brief überreichen, und gleichzeitig hoffen, eine wunderbringende Seele möge dabei mitwirken, dass der Brief den Adressaten auch wirklich erreiche. Macarena Pinto hatte sich ganz unverstellt gezeigt, hatte weder eine Opferhaltung eingenommen noch Wut an den Tag gelegt. Sie war so offen und deutlich gewesen, dass sie mich über Ehrlichkeit als solches nachdenken ließ, die eine echte Gabe ist. Eine Gabe, die in Diktaturzeiten selten war. Ich trank meinen Kaffee aus und rief mir einen Vater-Sohn-Dialog ins Gedächtnis, den ich in einem Buch von Francisco de Quevedo gelesen hatte: Willst du die Welt sehen, so folge mir, sagt der Vater. Ich werde dich zur Hauptstraße führen, auf der alle Figuren unterwegs sind, und werde dir zeigen, wie die Welt wirklich ist, denn du siehst nichts als das, was bloß zu sein scheint. Und wie heißt diese Straße?, wollte der junge Mann wissen. Sie nennt sich Heuchelei. Kaum jemanden gibt es, der dort nicht ein Haus, oder zumindest ein Zimmer oder eine andere Unterkunft besitzt.

 

Als ich in die Wohnung zurückkam, nahm Helena das Thema der Kinder, die sich von ihren Eltern distanzieren zum Anlass, mich zu fragen, ob ich mich von meiner Mutter in Concepción zu verabschieden gedachte. Ich muss hier etwas weiter ausholen, wenn ich die Frage nicht im Raum schweben lassen möchte. Ich sagte ja bereits, dass meine Eltern sich 1973 trennten. Von da an waren wir zu zweit – bis ihr Militärfuzzi, Hauptmann Fernando Moncada, auftauchte. Zum Glück geschah das erst kurz bevor ich zum Studium nach Santiago aufbrach. Das war eine Art Befreiung, denn der Typ war ständig bei uns zuhause. Mit abweisender, überheblicher Miene saß er auf dem Sofa vor dem Fernseher und ließ sich von meiner Mutter bedienen. Seine Bemerkungen und Meinungen zeugten in einer ganz unerträglichen Weise von Ignoranz dem Leben, dem menschlichen Wesen sowie dem Prinzip Gut und Böse gegenüber. Als meine Mutter erklärte, dass ich Philosophie an der Universidad de Chile studieren werde, wollte er wissen, wozu so ein Studium gut sein solle. Weder meine Mutter noch ich gaben ihm eine Antwort. Kurz darauf vergiftete er die Stimmung, in dem er kundgab:

„Soweit ich weiß, gehen aus solchen Studiengängen nur Kommunisten hervor.“

Widerlich! Selbst meine Mutter fuhr zusammen und setzte ein Hör nicht auf ihn-Gesicht auf.

Da ich meine Abneigung gegen ihn nie überspielt hatte, entfremdeten meine Mutter und ich uns unweigerlich ein wenig voneinander. Denn sie fand ihren Militärfuzzi toll. Um zusammenzufassen: Die Antwort auf die Frage von Helena lautete: Nein. Ich werde mich nicht persönlich von meiner Mutter verabschieden, und so eine Begegnung mit Hauptmann Moncada vermeiden. Ich rief sie an. Von meinem Vater verabschiedete ich mich gar nicht. Mit ihm hatte ich keinerlei Kontakt. Nicht einmal seine Telefonnummer besaß ich.

 

Helena brachte mich zum Flughafen. Während wir einen letzten Saft zusammen tranken und noch einmal ihr Vorhaben besprachen, mich in Berlin besuchen zu kommen, kam ein Zeitungsverkäufer vorbei und bot La Segunda an… „Das Exil ist vorbei, alle können zurück!

(…)

 

(Luz macht Javier Pinto ausfindig):

 

Ich führte Helena in die Küche, um ihr hinter verschlossenen Türen zu erzählen, was geschehen war: Ich hatte Javier Pinto gefunden.

Arturo und ich klingelten an der Tür des Hauses gegenüber dem Bahnhof Bernau. Wir warteten eine Weile, dann öffnete er selbst uns. Ich erkannte ihn sofort. Ein paar Falten durchzogen seine Stirn, der Blick wirkte traurig, doch er war immer noch der attraktive Mann von dem Foto.

„Guten Tag“, sagte ich, auf Spanisch. „Was für eine Freude, Sie zu sehen. Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen. Doch warten Sie bitte einen Augenblick.“

Ich nahm Arturo am Arm, führte ihn zum Auto, das er dem Bahnhof gegenüber abgestellt hatte und bat ihn, mich allein mit dem Chilenen reden zu lassen.

„Kennst du ihn?“

„Mehr oder weniger. Ich rufe dich sobald wie möglich an und erkläre dir alles.“

„Gut“, sagte er verwirrt, stieg ins Auto und fuhr davon.

Ich ging zurück zur Tür, von der aus Javier die Szene beobachtet hatte, ohne etwas zu begreifen.

„Und, was hast du Javier Pinto gesagt“, wollte Helena ungeduldig wissen.

„Ich soll Ihnen Grüße von Ihrer Mutter ausrichten.“

„Von wem sprechen Sie?“, hakte er nach.

„Von Macarena Pinto.“

Er sah mich verwundert an und führte mich in ein kleines Wohnzimmer, in dem der Fernseher lief. Er sah gerade Westfernsehen. Das Haus wirkte verwaist. Über dem Sofa hing ein Bild mit zwei Frauen, das an ein berühmtes Gemälde von Pedro Lira erinnerte. Ich kann mich an den Namen nicht erinnern.

„El niño enfermo, das kranke Kind“, sagte Helena.

„Ja, genau.“ Er lud mich ein, Platz zu nehmen und setzte sich selbst auch.

„Woher kennen Sie sie?“, fragte er mich.

„Sie sprach mich in einem Bus an, als sie hörte, ich würde nach Deutschland reisen.“

„Und wann war das?“

“Vor anderthalb Jahren.”

Ich erzählte also, ich hätte einen Brief für ihn, den ich ihm so schnell wie möglich überreichen wollte. Ich bot ihm an, ihn per Post zu schicken. Er erschrak.

„Nein, bloß nicht. Briefe gehen hier in der Regel verloren.“

„Kommen sie oft ins andere Berlin?“

„Nein“, antwortete er trocken, ohne weitere Ausführung.

„Dann bringe ich ihn vorbei. Ich habe es Ihrer Mutter versprochen. Ich kann gleich morgen kommen, wenn Sie wollen. Sind Sie da zuhause?“

Javier bejahte.

„Dann morgen Nachmittag“, sagte ich.

Helena riet mir, Uwe nichts davon zu erzählen, und ich selbst hatte das auch gar nicht vorgehabt. Meine Freundin nutzte den Augenblick hinter verschlossenen Türen, um mich zu fragen, ob sie ihren Aufenthalt um einen Monat verlängern könnte.

„Du kannst solange bleiben, wie du willst“, bot ich an.

„Und Uwe?“

„Der hat gar nichts mehr zu melden.“

 

Übersetzung von Rike Bolte

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