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Mein Lyrisches Ich

Sonia Solarte (2017)

„Ich habe weder Ehrgeiz noch Wünsche. / Dichter zu sein ist nicht mein Bestreben. / Es ist meine Art einsam zu sein.“ (Alberto Caeiro: „Der Hüter der Herden“, übersetzt von Inés Koebel und Georg Rudolf Lind)

 

… Ich bewohne die flüchtige Heimat des Gedichts …

 

Mein lyrisches Ich ist Träger einer eigenwilligen und gefühlvollen Sprache, durch die ich ein Miniaturuniversum für meine Gummipüppchen erschaffe. In ihm erkenne ich mein Umherirren am Abgrund durch Sätze und Ausdrücke als rechtmäßig an, predige aufrecht den Flug und den Weg, bin zärtlich und offen für Verschwörungen aller Art. Ich wähle unter den Wörtern und Dingen jene aus, die Gefahr laufen, sich um die Falle herum zu scharen, die ich mir selbst mit ihren Spiegeln stelle.

Jedes Mal schreibe ich aus unerforschten inneren Räumen, wo ein Gefühlsausbruch der fulminanten Vision vorangeht, die die Erinnerung an vergangene und zukünftige Augenblicke enthält.

 

Ich schreibe von einem verhärteten Ort aus

zwischen Wüstensand

Oasen im Nebel

Meeren und Tälern

Gipfeln und Abgründen

Ich spreche mit Konfigurationen des Anderen in mir

Aus der Tiefe steige ich empor zu den Worten

als tauchte ich in den mütterlichen Wassern des Sinns

Ich bin also

ein enthülltes Geheimnis

 

Ich spreche nicht nur von der Lust und vom Körper, noch vom Zeitgeist aus, noch zeichne ich nur meine Begegnungen mit dem Tod nach. Ich spreche vom gestaltenden Innern her, aus dem Schicksalsstern heraus, der mir leuchtet und mich mit seinen magnetisch freundlichen Strahlen lockt. Was würde ich alles sagen, wäre der vollständige Ruhezustand dauerhaft für alle lebendige Materie möglich!

Empfänglich beharre ich darauf, die Größe der kleinen Dinge zu bewundern, die Tonlagen der Abenddämmerungen oder Sonnenaufgänge, das feurige Pochen der Lebensadern. Halte mich ans Träumen und Singen, bestehe auf das Abenteuer, das die Quelle zum Fluss macht, den Stein zum Monument, den Baum zum Buch, um den Tod durch schöpferisches Denken zu besiegen. Ich versuche im Geist die Stimmen zu finden, die Wesen und Dinge zu benennen und in einem blitzartigen Bild all ihre pulsierende Kraft zu binden. Und wozu auf die Suche nach einem Sinn bestehen, der das Erstaunen über die Morgenröte und den Sonnenuntergang benennt. Ich gebe zu, mich bewegt die Einfalt eines solchen Plans, während ich im Dunkel auf den zerstörten Pfaden meiner Augenblicke umherpilgere.

Wenn keines der Bilder und Wörter der Absicht genügt, einen unumstößlichen Sinn zu erschaffen, so gelingt es doch, das Zufällige aufzuzeigen, den Blitzschlag, den Prüfstein. Und doch untermauert die Erwägung der praktischen Implikationen dieses Gedankengangs die implizite Schwierigkeit: mit mir selbst in Einklang zu sein in den verschiedenen Ausdrucksweisen, durch die ich das deute, was ich zumeist nur trügerisch verstehe, zerstreut in die Netze aus eigenen Komplexen und Hemmungen. Welche nicht allzu kurzlebige Gewissheit also vermag ein gespaltenes Selbst auszudrücken? Wie die Träume, Pläne, Enttäuschungen und Eitelkeiten des Lebens formulieren ausgehend von der Frau in mir, die nicht aufhören will, auf dem Seil des Bewusstseins zu tanzen und die dabei versucht, Schritt um Schritt, in der Balance dieses Spiels den Sinn der Dinge zu verstehen, und gleichzeitig zu spüren, dass darin etwas Transzendentes steckt, das die neuerliche Gründung und Taufe des Selbst auf unbekannten Gebieten des Geistes ermöglicht?

 

Sprünge ins Leere machen mir keine Angst, auch nicht die brüske Art, Wege abzuschneiden oder Knoten noch fester zu zurren, um die flüchtige Seltsamkeit der Eingebungen hervorzuheben. Nur langsam gewöhnt man sich an das Unwetter und an die Freude über alltägliche Erfolge mit fast kindlicher Unschuld.

 

Manchmal betrachte ich die Menschen, die meinen Weg kreuzen, mit dem fremdartigen Gefühl, mich vollständig in ihnen zu erkennen. Wie kann es sein, dass sie lieben und verletzen, andere Namen tragen und von anderen Ängsten geplagt sind, wenn ich doch in ihnen poche und mit ihnen atme? Ich habe ihre Geschichte nicht gehört und ihre Gesichter erinnern mich nicht an irgendeinen Winkel meines eigenen Wege; und trotzdem zeigen mir ihre bloße Anwesenheit und ihr Blick die üppigen Frachten ihrer Träume, Wünsche und Zweifel, deren Gewicht ich auf den Schultern meines Gewissens wiedererkenne.

 

Die Stimme bricht mir, wenn ich vom Tod spreche, die Schreie so vieler Mütter, die entsetzt den Leichnam ihrer Söhne in blutüberströmten Gräbern liegen sehen. Ich werde herzblind und es gelingt mir nicht, den Faden meiner Sehnsüchte in das Nadelöhr des Denkens zu fädeln.

Ich frage mich: Wenn ich von Glück oder von Schicksal spreche, wenn ich einen Zweck für meine Schritte erfinde, wenn ich zu glauben beginne, dass ich in diesem Augenblick das Gewicht aller Sekunden hinter mir lasse, wenn es mir gelingt, dieses gehende, weinende, sogar lügende Wesen von außen zu betrachten, wozu dann dieselben Spielzeuge zusammen- und auseinanderbauen, dieselben Gesten jedes Mal neu deuten, wenn es doch in diesem Spiel nichts zu verlieren oder zu gewinnen gibt, als das Ufer der makellosen Leere?

 

Wenn ich schreibe, webe ich mein Sehnen mit dem Faden des Begehrens, ich wandle erfolgreich die Schattierungen meines Innenlebens in ein Kaleidoskop, akzentuiere zuvor übersehene und fortgeworfene Räume, lege meine Einsamkeit auf das Katheder, berühre die Unendlichkeit in einem Augenblick der Ruhe.

Wenn ich schreibe, webe ich einen neuen Handlungsfaden für die Monstren und Engel aus meiner Fantasie. Dort sollen ihre Eier aus Entsetzen oder Barmherzigkeit nisten. In dieses Netz können andere Gefangene der Sprache festgenommen oder befreit werden, blinde Sklaven im Elend eines übernatürlichen Bebens: das Ursprungsbeben, das an das fleischgebundene Wort grenzt.

 

Ich zerstreue mich mittels der Sprache, durch die Sprache, in Bildern, die ihre Anker ins weiße weiche Meer aus Papier werfen, um dort zu verweilen wie vom Geheimnis ihrer eigenen lichten Dunkelheit umfangene Sphingen. Ich zerstreue mich in dem, was hätte sein können, jener nicht vergossenen Träne, dem Kuss, der vor Zorn gerann, der Reise in einem fiktiven Boot auf einem Meer ohne Hafen. Ich will weiter wachsen – sage ich mir – als sich das Mädchen an meinen Rockzipfel klammert und mich daran hindert, einen Schritt weiter aus meinem Keller heraus zu gehen. Was also kann ich nicht finden, inmitten meiner Lebensbehausung, wie kann ich den Blick abwenden von so vielen verlorenen Dingen, still und ruhig bleiben, die Sphären des Buddha in meinem Inneren spüren?

Ja, ich zerstreue mich im Bilderstrom, im Körper des Gedichts und ich finde mich überraschend unter dem Schattendach der Zeit, zerkaue die unförmigen Gefühlsspuren, die im Gewebe meiner Erinnerung verwurzelt sind. Und ich finde mich selbst in dem Moment, als ich endlich den Sinn des bewohnten Nichts berühre, der mich ruft mit fremden und eigenen Worten.

 

KLAGE

Poesie:

Warum entreißt du mir dein Feuer

hast du mich doch verurteilt, deine Maske aus Licht zu tragen?

Warum versteckst du dich in dieser bitteren Phase aus meinem Leben?

Gib mir zurück das Brausen deines Bluts in meinen Adern

leg in mich deine Sonnenlarven

wiege mich an deiner tönernen feuchten Brust

lass mich deine Lieder hören

in der Stille einer Einsamkeit, die nur dir eignet

und danach singen, ich selbst singe

mit der Stimme, die du mir schenkst

wenn du mich in deinen Umhang hüllst

Ich brauche deine Bilder, damit ich weiter glaube und erschaffe

Ich verharre ruhig in diesem fremden Warten

sitze auf deinen schon nicht mehr brennenden Spuren

ich will nicht mehr grübeln im Schutz derselben blinden Straßen

im Zorn der Spiegel

mich nicht auf Prozessionen schleppen

mit anderen Überresten nach nirgendwo

um weiter den knochigen Staub des Todes zu trinken

Erlöse mich jetzt und für immer von diesem endlosen Durst

Ich will wieder deiner Flamme sein und in deiner Herzensquelle wohnen

Ich brauche den Segen deiner duftenden Worte und Gegenwart jeden Tag.

Amen.

 

Welchem makabren Willen gehorcht der flüchtende Gnom der Inspiration, welcher seltsamen und mörderischen Trostlosigkeit? Die poetische Art des Alleinseins zu verlieren, ist wie der Verwaisung des Bluts und des Geistes nachzugeben. Mich willkürlich und düster von mir selbst zu isolieren, einsam und nackt vor den Spiegeln der Verbannung zu stehen und auf die Erleuchtungen durch die Liebe zu verzichten, die Stimme zu verlieren, das Licht, den Anker, mich selbst im Dickicht eines Vegetierens ohne Horizont.

 

Das Gedicht ist das Wort,

das die Wege aufdeckt

und zeigt, wo der Schlag traf,

wo der Mörder empfangen wurde

wo der Körper niederfiel,

der auf der Haut den Atem

und die Umarmung glücklicher Stunden erwartete

 

Ich habe meine Gedichte verwandelt, in die ich das Gewicht meines Gewissens und die Zerbrechlichkeit oder die Kanten meines Denkens ablege, auf einer Brücke zwischen der Frau, die dem Befremden ihrer eigenen Geschichte ausgeliefert ist, und der Emanzipierten, die Rätsel und Mysterien im Inneren ihrer eigenen Existenz zu entschlüsseln versteht.

Ich forsche zwischen Schmerz und Fieber, zwischen den Schleiern von Liebe und Einsamkeit, nach der wahrhaftigen Tiefe ihrer Spuren. Diese Tat verurteilt mich zu nicht gekannter und unbarmherziger Wehrlosigkeit. Gleichzeitig ist sie die Quelle, aus der ich Samen schöpfe, Hefe, Zärtlichkeit und Erzittern, die notwendig sind, um mit geöffneten Herzensaugen weiterzugehen, nachsichtigen Blicks, ohne vor den Bildern, Überschreitungen, Kreaturen und gewaltsamsten Formen menschlicher Unschuld wahnsinnig zu werden.

 

Was lenkt den Zufall meiner Suche nach dem richtigen Wort, das in sich alle steinigen Pfade des subjektiven Lebens enthält, das alle Blutwallungen, Traumpartituren, Abgründe und Gipfel benennt?

Welcher unsagbare Stoff pocht in jeder Gewissheit, jeder Ahnung und liegt dennoch jenseits des Sagbaren?

In der Summe aus Spielen und Masken, die das Tal der Kindheit, das Meer der Jugend, das Feuer des Schaffens bilden, sehe ich eine geographische Vision schmelzen und sich formen, einen hilflosen Blutstrom, eine Landkarte aus Spuren, die den ewigen Weg in der ewigen Rückkehr der Lebenskräfte zeichnen.

Unter der Tür meines Bewusstseins fließen glückliche Visionen aus anderen Tiefen. Sie sagen, ich müsse weitersingen, denn meine Gesänge hätten genug Leidenschaft und Feuer, um die mit den Knochen der Erinnerung verschmolzenen Schlacken aus Ahnenerinnerung in diesem Universumstropfen zu verbrennen. Das ist meine Aufgabe.

 

Obwohl ich weder Gesichter noch Namen derer kenne, die meine Kritzeleien lesen werden und sich auf irgendeine Weise in meinen gedruckten Spuren wiederfinden, noch meinen Frieden und meinen Wahn in ihren Augen sehe, werde ich doch mit ihnen meine freiste und abenteuerlustigste Intimität geteilt haben.

 

Obwohl mein Schreiben nicht das Mädchen schützen kann, das Wörter buchstabieren lernte, die den Inhalt ihrer Sprünge und Läufe auf dem fruchtbaren Boden der Sprache begründeten, …

obwohl die Kette zwischen dem Wunsch zu schreiben, der mit unergründlicher Kraft in meine Blutströme und die Dämmerung meiner Tage einbrach, und den losen Seiten, die ich in ewigem Lauschen in mich selbst und das Pochen der Welt schreibe, eine fast blinde Verbindung ist, …

obwohl meine Gedichtkinder glücklich zwischen Hausarbeiten geboren wurden, in denen die Samen meines Suchens und meiner Entdeckungen, meiner Fehler und Erfolge, der aus einer ungewohnten Konstellation entstandenen Visionen, enthalten sind,

obwohl sich der Sinn dessen, was ich schreibe, fortwährend ändert, wie der Sinn von Gefühl, Gesang, Geschrei und obwohl ich dennoch in den Spiegeln der Schrift das dauerhafte Gewebe meiner Geschichte erkenne, …

obwohl ich das Gewicht meiner Identität auf die Säulen der Sprache stütze und mich nicht mehr fürchte, mein Inneres zu entblößen zwischen den Schleiern der Öffentlichkeit, …

obwohl mich die Verteidigung meines Rechts, das Wort wie eine Waffe gegen Krieg, Ungerechtigkeit, Enteignung, Einsamkeit zu schwingen, mich zu Frustration oder Schweigen verurteilt, …

obwohl ich schreibe, um die Avatare meiner Erinnerung wiederzuerwecken oder um der Berufung treu zu sein, in der Einheit die Unterschiede zu benennen, die Schattierungen im Wirklichkeitsaquarell, …

obwohl ich nichts anderes tue …

ist meine Beziehung mit der Poesie noch immer die flüchtige Brücke, die ich spanne, um zum anderen Ufer meiner Selbst zu gelangen, wo die Schiffbrüche aufhören und ich Leuchttürme entzünde in einem Hafen jenseits von Gut und Böse, um die Leerstellen zu feiern und zu vergessen, dass ich aus dem Paradies vertrieben lebe.

 

 

Sonia Solarte Orejuela

(Kapitel aus dem unveröffentlichten Werk: „Las Palabras Contadas“ dt. etwa: „Die gezählten Worte“)

MEIN LYRISCHES ICH

„Ich habe weder Ehrgeiz noch Wünsche. / Dichter zu sein ist nicht mein Bestreben. / Es ist meine Art einsam zu sein.“ (Alberto Caeiro: „Der Hüter der Herden“, übersetzt von Inés Koebel und Georg Rudolf Lind)

 

… Ich bewohne die flüchtige Heimat des Gedichts …

 

 

Mein lyrisches Ich ist Träger einer eigenwilligen und gefühlvollen Sprache, durch die ich ein Miniaturuniversum für meine Gummipüppchen erschaffe. In ihm erkenne ich mein Umherirren am Abgrund durch Sätze und Ausdrücke als rechtmäßig an, predige aufrecht den Flug und den Weg, bin zärtlich und offen für Verschwörungen aller Art. Ich wähle unter den Wörtern und Dingen jene aus, die Gefahr laufen, sich um die Falle herum zu scharen, die ich mir selbst mit ihren Spiegeln stelle.

Jedes Mal schreibe ich aus unerforschten inneren Räumen, wo ein Gefühlsausbruch der fulminanten Vision vorangeht, die die Erinnerung an vergangene und zukünftige Augenblicke enthält.

 

Ich schreibe von einem verhärteten Ort aus

zwischen Wüstensand

Oasen im Nebel

Meeren und Tälern

Gipfeln und Abgründen

Ich spreche mit Konfigurationen des Anderen in mir

Aus der Tiefe steige ich empor zu den Worten

als tauchte ich in den mütterlichen Wassern des Sinns

Ich bin also

ein enthülltes Geheimnis

 

Ich spreche nicht nur von der Lust und vom Körper, noch vom Zeitgeist aus, noch zeichne ich nur meine Begegnungen mit dem Tod nach. Ich spreche vom gestaltenden Innern her, aus dem Schicksalsstern heraus, der mir leuchtet und mich mit seinen magnetisch freundlichen Strahlen lockt. Was würde ich alles sagen, wäre der vollständige Ruhezustand dauerhaft für alle lebendige Materie möglich!

Empfänglich beharre ich darauf, die Größe der kleinen Dinge zu bewundern, die Tonlagen der Abenddämmerungen oder Sonnenaufgänge, das feurige Pochen der Lebensadern. Halte mich ans Träumen und Singen, bestehe auf das Abenteuer, das die Quelle zum Fluss macht, den Stein zum Monument, den Baum zum Buch, um den Tod durch schöpferisches Denken zu besiegen. Ich versuche im Geist die Stimmen zu finden, die Wesen und Dinge zu benennen und in einem blitzartigen Bild all ihre pulsierende Kraft zu binden. Und wozu auf die Suche nach einem Sinn bestehen, der das Erstaunen über die Morgenröte und den Sonnenuntergang benennt. Ich gebe zu, mich bewegt die Einfalt eines solchen Plans, während ich im Dunkel auf den zerstörten Pfaden meiner Augenblicke umherpilgere.

Wenn keines der Bilder und Wörter der Absicht genügt, einen unumstößlichen Sinn zu erschaffen, so gelingt es doch, das Zufällige aufzuzeigen, den Blitzschlag, den Prüfstein. Und doch untermauert die Erwägung der praktischen Implikationen dieses Gedankengangs die implizite Schwierigkeit: mit mir selbst in Einklang zu sein in den verschiedenen Ausdrucksweisen, durch die ich das deute, was ich zumeist nur trügerisch verstehe, zerstreut in die Netze aus eigenen Komplexen und Hemmungen. Welche nicht allzu kurzlebige Gewissheit also vermag ein gespaltenes Selbst auszudrücken? Wie die Träume, Pläne, Enttäuschungen und Eitelkeiten des Lebens formulieren ausgehend von der Frau in mir, die nicht aufhören will, auf dem Seil des Bewusstseins zu tanzen und die dabei versucht, Schritt um Schritt, in der Balance dieses Spiels den Sinn der Dinge zu verstehen, und gleichzeitig zu spüren, dass darin etwas Transzendentes steckt, das die neuerliche Gründung und Taufe des Selbst auf unbekannten Gebieten des Geistes ermöglicht?

 

Sprünge ins Leere machen mir keine Angst, auch nicht die brüske Art, Wege abzuschneiden oder Knoten noch fester zu zurren, um die flüchtige Seltsamkeit der Eingebungen hervorzuheben. Nur langsam gewöhnt man sich an das Unwetter und an die Freude über alltägliche Erfolge mit fast kindlicher Unschuld.

 

Manchmal betrachte ich die Menschen, die meinen Weg kreuzen, mit dem fremdartigen Gefühl, mich vollständig in ihnen zu erkennen. Wie kann es sein, dass sie lieben und verletzen, andere Namen tragen und von anderen Ängsten geplagt sind, wenn ich doch in ihnen poche und mit ihnen atme? Ich habe ihre Geschichte nicht gehört und ihre Gesichter erinnern mich nicht an irgendeinen Winkel meines eigenen Wege; und trotzdem zeigen mir ihre bloße Anwesenheit und ihr Blick die üppigen Frachten ihrer Träume, Wünsche und Zweifel, deren Gewicht ich auf den Schultern meines Gewissens wiedererkenne.

 

Die Stimme bricht mir, wenn ich vom Tod spreche, die Schreie so vieler Mütter, die entsetzt den Leichnam ihrer Söhne in blutüberströmten Gräbern liegen sehen. Ich werde herzblind und es gelingt mir nicht, den Faden meiner Sehnsüchte in das Nadelöhr des Denkens zu fädeln.

Ich frage mich: Wenn ich von Glück oder von Schicksal spreche, wenn ich einen Zweck für meine Schritte erfinde, wenn ich zu glauben beginne, dass ich in diesem Augenblick das Gewicht aller Sekunden hinter mir lasse, wenn es mir gelingt, dieses gehende, weinende, sogar lügende Wesen von außen zu betrachten, wozu dann dieselben Spielzeuge zusammen- und auseinanderbauen, dieselben Gesten jedes Mal neu deuten, wenn es doch in diesem Spiel nichts zu verlieren oder zu gewinnen gibt, als das Ufer der makellosen Leere?

 

Wenn ich schreibe, webe ich mein Sehnen mit dem Faden des Begehrens, ich wandle erfolgreich die Schattierungen meines Innenlebens in ein Kaleidoskop, akzentuiere zuvor übersehene und fortgeworfene Räume, lege meine Einsamkeit auf das Katheder, berühre die Unendlichkeit in einem Augenblick der Ruhe.

Wenn ich schreibe, webe ich einen neuen Handlungsfaden für die Monstren und Engel aus meiner Fantasie. Dort sollen ihre Eier aus Entsetzen oder Barmherzigkeit nisten. In dieses Netz können andere Gefangene der Sprache festgenommen oder befreit werden, blinde Sklaven im Elend eines übernatürlichen Bebens: das Ursprungsbeben, das an das fleischgebundene Wort grenzt.

 

Ich zerstreue mich mittels der Sprache, durch die Sprache, in Bildern, die ihre Anker ins weiße weiche Meer aus Papier werfen, um dort zu verweilen wie vom Geheimnis ihrer eigenen lichten Dunkelheit umfangene Sphingen. Ich zerstreue mich in dem, was hätte sein können, jener nicht vergossenen Träne, dem Kuss, der vor Zorn gerann, der Reise in einem fiktiven Boot auf einem Meer ohne Hafen. Ich will weiter wachsen – sage ich mir – als sich das Mädchen an meinen Rockzipfel klammert und mich daran hindert, einen Schritt weiter aus meinem Keller heraus zu gehen. Was also kann ich nicht finden, inmitten meiner Lebensbehausung, wie kann ich den Blick abwenden von so vielen verlorenen Dingen, still und ruhig bleiben, die Sphären des Buddha in meinem Inneren spüren?

Ja, ich zerstreue mich im Bilderstrom, im Körper des Gedichts und ich finde mich überraschend unter dem Schattendach der Zeit, zerkaue die unförmigen Gefühlsspuren, die im Gewebe meiner Erinnerung verwurzelt sind. Und ich finde mich selbst in dem Moment, als ich endlich den Sinn des bewohnten Nichts berühre, der mich ruft mit fremden und eigenen Worten.

 

KLAGE

Poesie:

Warum entreißt du mir dein Feuer

hast du mich doch verurteilt, deine Maske aus Licht zu tragen?

Warum versteckst du dich in dieser bitteren Phase aus meinem Leben?

Gib mir zurück das Brausen deines Bluts in meinen Adern

leg in mich deine Sonnenlarven

wiege mich an deiner tönernen feuchten Brust

lass mich deine Lieder hören

in der Stille einer Einsamkeit, die nur dir eignet

und danach singen, ich selbst singe

mit der Stimme, die du mir schenkst

wenn du mich in deinen Umhang hüllst

Ich brauche deine Bilder, damit ich weiter glaube und erschaffe

Ich verharre ruhig in diesem fremden Warten

sitze auf deinen schon nicht mehr brennenden Spuren

ich will nicht mehr grübeln im Schutz derselben blinden Straßen

im Zorn der Spiegel

mich nicht auf Prozessionen schleppen

mit anderen Überresten nach nirgendwo

um weiter den knochigen Staub des Todes zu trinken

Erlöse mich jetzt und für immer von diesem endlosen Durst

Ich will wieder deiner Flamme sein und in deiner Herzensquelle wohnen

Ich brauche den Segen deiner duftenden Worte und Gegenwart jeden Tag.

Amen.

 

Welchem makabren Willen gehorcht der flüchtende Gnom der Inspiration, welcher seltsamen und mörderischen Trostlosigkeit? Die poetische Art des Alleinseins zu verlieren, ist wie der Verwaisung des Bluts und des Geistes nachzugeben. Mich willkürlich und düster von mir selbst zu isolieren, einsam und nackt vor den Spiegeln der Verbannung zu stehen und auf die Erleuchtungen durch die Liebe zu verzichten, die Stimme zu verlieren, das Licht, den Anker, mich selbst im Dickicht eines Vegetierens ohne Horizont.

 

Das Gedicht ist das Wort,

das die Wege aufdeckt

und zeigt, wo der Schlag traf,

wo der Mörder empfangen wurde

wo der Körper niederfiel,

der auf der Haut den Atem

und die Umarmung glücklicher Stunden erwartete

 

Ich habe meine Gedichte verwandelt, in die ich das Gewicht meines Gewissens und die Zerbrechlichkeit oder die Kanten meines Denkens ablege, auf einer Brücke zwischen der Frau, die dem Befremden ihrer eigenen Geschichte ausgeliefert ist, und der Emanzipierten, die Rätsel und Mysterien im Inneren ihrer eigenen Existenz zu entschlüsseln versteht.

Ich forsche zwischen Schmerz und Fieber, zwischen den Schleiern von Liebe und Einsamkeit, nach der wahrhaftigen Tiefe ihrer Spuren. Diese Tat verurteilt mich zu nicht gekannter und unbarmherziger Wehrlosigkeit. Gleichzeitig ist sie die Quelle, aus der ich Samen schöpfe, Hefe, Zärtlichkeit und Erzittern, die notwendig sind, um mit geöffneten Herzensaugen weiterzugehen, nachsichtigen Blicks, ohne vor den Bildern, Überschreitungen, Kreaturen und gewaltsamsten Formen menschlicher Unschuld wahnsinnig zu werden.

 

Was lenkt den Zufall meiner Suche nach dem richtigen Wort, das in sich alle steinigen Pfade des subjektiven Lebens enthält, das alle Blutwallungen, Traumpartituren, Abgründe und Gipfel benennt?

Welcher unsagbare Stoff pocht in jeder Gewissheit, jeder Ahnung und liegt dennoch jenseits des Sagbaren?

In der Summe aus Spielen und Masken, die das Tal der Kindheit, das Meer der Jugend, das Feuer des Schaffens bilden, sehe ich eine geographische Vision schmelzen und sich formen, einen hilflosen Blutstrom, eine Landkarte aus Spuren, die den ewigen Weg in der ewigen Rückkehr der Lebenskräfte zeichnen.

Unter der Tür meines Bewusstseins fließen glückliche Visionen aus anderen Tiefen. Sie sagen, ich müsse weitersingen, denn meine Gesänge hätten genug Leidenschaft und Feuer, um die mit den Knochen der Erinnerung verschmolzenen Schlacken aus Ahnenerinnerung in diesem Universumstropfen zu verbrennen. Das ist meine Aufgabe.

 

Obwohl ich weder Gesichter noch Namen derer kenne, die meine Kritzeleien lesen werden und sich auf irgendeine Weise in meinen gedruckten Spuren wiederfinden, noch meinen Frieden und meinen Wahn in ihren Augen sehe, werde ich doch mit ihnen meine freiste und abenteuerlustigste Intimität geteilt haben.

 

Obwohl mein Schreiben nicht das Mädchen schützen kann, das Wörter buchstabieren lernte, die den Inhalt ihrer Sprünge und Läufe auf dem fruchtbaren Boden der Sprache begründeten, …

obwohl die Kette zwischen dem Wunsch zu schreiben, der mit unergründlicher Kraft in meine Blutströme und die Dämmerung meiner Tage einbrach, und den losen Seiten, die ich in ewigem Lauschen in mich selbst und das Pochen der Welt schreibe, eine fast blinde Verbindung ist, …

obwohl meine Gedichtkinder glücklich zwischen Hausarbeiten geboren wurden, in denen die Samen meines Suchens und meiner Entdeckungen, meiner Fehler und Erfolge, der aus einer ungewohnten Konstellation entstandenen Visionen, enthalten sind,

obwohl sich der Sinn dessen, was ich schreibe, fortwährend ändert, wie der Sinn von Gefühl, Gesang, Geschrei und obwohl ich dennoch in den Spiegeln der Schrift das dauerhafte Gewebe meiner Geschichte erkenne, …

obwohl ich das Gewicht meiner Identität auf die Säulen der Sprache stütze und mich nicht mehr fürchte, mein Inneres zu entblößen zwischen den Schleiern der Öffentlichkeit, …

obwohl mich die Verteidigung meines Rechts, das Wort wie eine Waffe gegen Krieg, Ungerechtigkeit, Enteignung, Einsamkeit zu schwingen, mich zu Frustration oder Schweigen verurteilt, …

obwohl ich schreibe, um die Avatare meiner Erinnerung wiederzuerwecken oder um der Berufung treu zu sein, in der Einheit die Unterschiede zu benennen, die Schattierungen im Wirklichkeitsaquarell, …

obwohl ich nichts anderes tue …

ist meine Beziehung mit der Poesie noch immer die flüchtige Brücke, die ich spanne, um zum anderen Ufer meiner Selbst zu gelangen, wo die Schiffbrüche aufhören und ich Leuchttürme entzünde in einem Hafen jenseits von Gut und Böse, um die Leerstellen zu feiern und zu vergessen, dass ich aus dem Paradies vertrieben lebe.

 

 

Sonia Solarte Orejuela

(Kapitel aus dem unveröffentlichten Werk: „Las Palabras Contadas“ dt. etwa: „Die gezählten Worte“)

MEIN LYRISCHES ICH

„Ich habe weder Ehrgeiz noch Wünsche. / Dichter zu sein ist nicht mein Bestreben. / Es ist meine Art einsam zu sein.“ (Alberto Caeiro: „Der Hüter der Herden“, übersetzt von Inés Koebel und Georg Rudolf Lind)

 

… Ich bewohne die flüchtige Heimat des Gedichts …

 

 

Mein lyrisches Ich ist Träger einer eigenwilligen und gefühlvollen Sprache, durch die ich ein Miniaturuniversum für meine Gummipüppchen erschaffe. In ihm erkenne ich mein Umherirren am Abgrund durch Sätze und Ausdrücke als rechtmäßig an, predige aufrecht den Flug und den Weg, bin zärtlich und offen für Verschwörungen aller Art. Ich wähle unter den Wörtern und Dingen jene aus, die Gefahr laufen, sich um die Falle herum zu scharen, die ich mir selbst mit ihren Spiegeln stelle.

Jedes Mal schreibe ich aus unerforschten inneren Räumen, wo ein Gefühlsausbruch der fulminanten Vision vorangeht, die die Erinnerung an vergangene und zukünftige Augenblicke enthält.

 

Ich schreibe von einem verhärteten Ort aus

zwischen Wüstensand

Oasen im Nebel

Meeren und Tälern

Gipfeln und Abgründen

Ich spreche mit Konfigurationen des Anderen in mir

Aus der Tiefe steige ich empor zu den Worten

als tauchte ich in den mütterlichen Wassern des Sinns

Ich bin also

ein enthülltes Geheimnis

 

Ich spreche nicht nur von der Lust und vom Körper, noch vom Zeitgeist aus, noch zeichne ich nur meine Begegnungen mit dem Tod nach. Ich spreche vom gestaltenden Innern her, aus dem Schicksalsstern heraus, der mir leuchtet und mich mit seinen magnetisch freundlichen Strahlen lockt. Was würde ich alles sagen, wäre der vollständige Ruhezustand dauerhaft für alle lebendige Materie möglich!

Empfänglich beharre ich darauf, die Größe der kleinen Dinge zu bewundern, die Tonlagen der Abenddämmerungen oder Sonnenaufgänge, das feurige Pochen der Lebensadern. Halte mich ans Träumen und Singen, bestehe auf das Abenteuer, das die Quelle zum Fluss macht, den Stein zum Monument, den Baum zum Buch, um den Tod durch schöpferisches Denken zu besiegen. Ich versuche im Geist die Stimmen zu finden, die Wesen und Dinge zu benennen und in einem blitzartigen Bild all ihre pulsierende Kraft zu binden. Und wozu auf die Suche nach einem Sinn bestehen, der das Erstaunen über die Morgenröte und den Sonnenuntergang benennt. Ich gebe zu, mich bewegt die Einfalt eines solchen Plans, während ich im Dunkel auf den zerstörten Pfaden meiner Augenblicke umherpilgere.

Wenn keines der Bilder und Wörter der Absicht genügt, einen unumstößlichen Sinn zu erschaffen, so gelingt es doch, das Zufällige aufzuzeigen, den Blitzschlag, den Prüfstein. Und doch untermauert die Erwägung der praktischen Implikationen dieses Gedankengangs die implizite Schwierigkeit: mit mir selbst in Einklang zu sein in den verschiedenen Ausdrucksweisen, durch die ich das deute, was ich zumeist nur trügerisch verstehe, zerstreut in die Netze aus eigenen Komplexen und Hemmungen. Welche nicht allzu kurzlebige Gewissheit also vermag ein gespaltenes Selbst auszudrücken? Wie die Träume, Pläne, Enttäuschungen und Eitelkeiten des Lebens formulieren ausgehend von der Frau in mir, die nicht aufhören will, auf dem Seil des Bewusstseins zu tanzen und die dabei versucht, Schritt um Schritt, in der Balance dieses Spiels den Sinn der Dinge zu verstehen, und gleichzeitig zu spüren, dass darin etwas Transzendentes steckt, das die neuerliche Gründung und Taufe des Selbst auf unbekannten Gebieten des Geistes ermöglicht?

 

Sprünge ins Leere machen mir keine Angst, auch nicht die brüske Art, Wege abzuschneiden oder Knoten noch fester zu zurren, um die flüchtige Seltsamkeit der Eingebungen hervorzuheben. Nur langsam gewöhnt man sich an das Unwetter und an die Freude über alltägliche Erfolge mit fast kindlicher Unschuld.

 

Manchmal betrachte ich die Menschen, die meinen Weg kreuzen, mit dem fremdartigen Gefühl, mich vollständig in ihnen zu erkennen. Wie kann es sein, dass sie lieben und verletzen, andere Namen tragen und von anderen Ängsten geplagt sind, wenn ich doch in ihnen poche und mit ihnen atme? Ich habe ihre Geschichte nicht gehört und ihre Gesichter erinnern mich nicht an irgendeinen Winkel meines eigenen Wege; und trotzdem zeigen mir ihre bloße Anwesenheit und ihr Blick die üppigen Frachten ihrer Träume, Wünsche und Zweifel, deren Gewicht ich auf den Schultern meines Gewissens wiedererkenne.

 

Die Stimme bricht mir, wenn ich vom Tod spreche, die Schreie so vieler Mütter, die entsetzt den Leichnam ihrer Söhne in blutüberströmten Gräbern liegen sehen. Ich werde herzblind und es gelingt mir nicht, den Faden meiner Sehnsüchte in das Nadelöhr des Denkens zu fädeln.

Ich frage mich: Wenn ich von Glück oder von Schicksal spreche, wenn ich einen Zweck für meine Schritte erfinde, wenn ich zu glauben beginne, dass ich in diesem Augenblick das Gewicht aller Sekunden hinter mir lasse, wenn es mir gelingt, dieses gehende, weinende, sogar lügende Wesen von außen zu betrachten, wozu dann dieselben Spielzeuge zusammen- und auseinanderbauen, dieselben Gesten jedes Mal neu deuten, wenn es doch in diesem Spiel nichts zu verlieren oder zu gewinnen gibt, als das Ufer der makellosen Leere?

 

Wenn ich schreibe, webe ich mein Sehnen mit dem Faden des Begehrens, ich wandle erfolgreich die Schattierungen meines Innenlebens in ein Kaleidoskop, akzentuiere zuvor übersehene und fortgeworfene Räume, lege meine Einsamkeit auf das Katheder, berühre die Unendlichkeit in einem Augenblick der Ruhe.

Wenn ich schreibe, webe ich einen neuen Handlungsfaden für die Monstren und Engel aus meiner Fantasie. Dort sollen ihre Eier aus Entsetzen oder Barmherzigkeit nisten. In dieses Netz können andere Gefangene der Sprache festgenommen oder befreit werden, blinde Sklaven im Elend eines übernatürlichen Bebens: das Ursprungsbeben, das an das fleischgebundene Wort grenzt.

 

Ich zerstreue mich mittels der Sprache, durch die Sprache, in Bildern, die ihre Anker ins weiße weiche Meer aus Papier werfen, um dort zu verweilen wie vom Geheimnis ihrer eigenen lichten Dunkelheit umfangene Sphingen. Ich zerstreue mich in dem, was hätte sein können, jener nicht vergossenen Träne, dem Kuss, der vor Zorn gerann, der Reise in einem fiktiven Boot auf einem Meer ohne Hafen. Ich will weiter wachsen – sage ich mir – als sich das Mädchen an meinen Rockzipfel klammert und mich daran hindert, einen Schritt weiter aus meinem Keller heraus zu gehen. Was also kann ich nicht finden, inmitten meiner Lebensbehausung, wie kann ich den Blick abwenden von so vielen verlorenen Dingen, still und ruhig bleiben, die Sphären des Buddha in meinem Inneren spüren?

Ja, ich zerstreue mich im Bilderstrom, im Körper des Gedichts und ich finde mich überraschend unter dem Schattendach der Zeit, zerkaue die unförmigen Gefühlsspuren, die im Gewebe meiner Erinnerung verwurzelt sind. Und ich finde mich selbst in dem Moment, als ich endlich den Sinn des bewohnten Nichts berühre, der mich ruft mit fremden und eigenen Worten.

 

KLAGE

Poesie:

Warum entreißt du mir dein Feuer

hast du mich doch verurteilt, deine Maske aus Licht zu tragen?

Warum versteckst du dich in dieser bitteren Phase aus meinem Leben?

Gib mir zurück das Brausen deines Bluts in meinen Adern

leg in mich deine Sonnenlarven

wiege mich an deiner tönernen feuchten Brust

lass mich deine Lieder hören

in der Stille einer Einsamkeit, die nur dir eignet

und danach singen, ich selbst singe

mit der Stimme, die du mir schenkst

wenn du mich in deinen Umhang hüllst

Ich brauche deine Bilder, damit ich weiter glaube und erschaffe

Ich verharre ruhig in diesem fremden Warten

sitze auf deinen schon nicht mehr brennenden Spuren

ich will nicht mehr grübeln im Schutz derselben blinden Straßen

im Zorn der Spiegel

mich nicht auf Prozessionen schleppen

mit anderen Überresten nach nirgendwo

um weiter den knochigen Staub des Todes zu trinken

Erlöse mich jetzt und für immer von diesem endlosen Durst

Ich will wieder deiner Flamme sein und in deiner Herzensquelle wohnen

Ich brauche den Segen deiner duftenden Worte und Gegenwart jeden Tag.

Amen.

 

Welchem makabren Willen gehorcht der flüchtende Gnom der Inspiration, welcher seltsamen und mörderischen Trostlosigkeit? Die poetische Art des Alleinseins zu verlieren, ist wie der Verwaisung des Bluts und des Geistes nachzugeben. Mich willkürlich und düster von mir selbst zu isolieren, einsam und nackt vor den Spiegeln der Verbannung zu stehen und auf die Erleuchtungen durch die Liebe zu verzichten, die Stimme zu verlieren, das Licht, den Anker, mich selbst im Dickicht eines Vegetierens ohne Horizont.

 

Das Gedicht ist das Wort,

das die Wege aufdeckt

und zeigt, wo der Schlag traf,

wo der Mörder empfangen wurde

wo der Körper niederfiel,

der auf der Haut den Atem

und die Umarmung glücklicher Stunden erwartete

 

Ich habe meine Gedichte verwandelt, in die ich das Gewicht meines Gewissens und die Zerbrechlichkeit oder die Kanten meines Denkens ablege, auf einer Brücke zwischen der Frau, die dem Befremden ihrer eigenen Geschichte ausgeliefert ist, und der Emanzipierten, die Rätsel und Mysterien im Inneren ihrer eigenen Existenz zu entschlüsseln versteht.

Ich forsche zwischen Schmerz und Fieber, zwischen den Schleiern von Liebe und Einsamkeit, nach der wahrhaftigen Tiefe ihrer Spuren. Diese Tat verurteilt mich zu nicht gekannter und unbarmherziger Wehrlosigkeit. Gleichzeitig ist sie die Quelle, aus der ich Samen schöpfe, Hefe, Zärtlichkeit und Erzittern, die notwendig sind, um mit geöffneten Herzensaugen weiterzugehen, nachsichtigen Blicks, ohne vor den Bildern, Überschreitungen, Kreaturen und gewaltsamsten Formen menschlicher Unschuld wahnsinnig zu werden.

 

Was lenkt den Zufall meiner Suche nach dem richtigen Wort, das in sich alle steinigen Pfade des subjektiven Lebens enthält, das alle Blutwallungen, Traumpartituren, Abgründe und Gipfel benennt?

Welcher unsagbare Stoff pocht in jeder Gewissheit, jeder Ahnung und liegt dennoch jenseits des Sagbaren?

In der Summe aus Spielen und Masken, die das Tal der Kindheit, das Meer der Jugend, das Feuer des Schaffens bilden, sehe ich eine geographische Vision schmelzen und sich formen, einen hilflosen Blutstrom, eine Landkarte aus Spuren, die den ewigen Weg in der ewigen Rückkehr der Lebenskräfte zeichnen.

Unter der Tür meines Bewusstseins fließen glückliche Visionen aus anderen Tiefen. Sie sagen, ich müsse weitersingen, denn meine Gesänge hätten genug Leidenschaft und Feuer, um die mit den Knochen der Erinnerung verschmolzenen Schlacken aus Ahnenerinnerung in diesem Universumstropfen zu verbrennen. Das ist meine Aufgabe.

 

Obwohl ich weder Gesichter noch Namen derer kenne, die meine Kritzeleien lesen werden und sich auf irgendeine Weise in meinen gedruckten Spuren wiederfinden, noch meinen Frieden und meinen Wahn in ihren Augen sehe, werde ich doch mit ihnen meine freiste und abenteuerlustigste Intimität geteilt haben.

 

Obwohl mein Schreiben nicht das Mädchen schützen kann, das Wörter buchstabieren lernte, die den Inhalt ihrer Sprünge und Läufe auf dem fruchtbaren Boden der Sprache begründeten, …

obwohl die Kette zwischen dem Wunsch zu schreiben, der mit unergründlicher Kraft in meine Blutströme und die Dämmerung meiner Tage einbrach, und den losen Seiten, die ich in ewigem Lauschen in mich selbst und das Pochen der Welt schreibe, eine fast blinde Verbindung ist, …

obwohl meine Gedichtkinder glücklich zwischen Hausarbeiten geboren wurden, in denen die Samen meines Suchens und meiner Entdeckungen, meiner Fehler und Erfolge, der aus einer ungewohnten Konstellation entstandenen Visionen, enthalten sind,

obwohl sich der Sinn dessen, was ich schreibe, fortwährend ändert, wie der Sinn von Gefühl, Gesang, Geschrei und obwohl ich dennoch in den Spiegeln der Schrift das dauerhafte Gewebe meiner Geschichte erkenne, …

obwohl ich das Gewicht meiner Identität auf die Säulen der Sprache stütze und mich nicht mehr fürchte, mein Inneres zu entblößen zwischen den Schleiern der Öffentlichkeit, …

obwohl mich die Verteidigung meines Rechts, das Wort wie eine Waffe gegen Krieg, Ungerechtigkeit, Enteignung, Einsamkeit zu schwingen, mich zu Frustration oder Schweigen verurteilt, …

obwohl ich schreibe, um die Avatare meiner Erinnerung wiederzuerwecken oder um der Berufung treu zu sein, in der Einheit die Unterschiede zu benennen, die Schattierungen im Wirklichkeitsaquarell, …

obwohl ich nichts anderes tue …

ist meine Beziehung mit der Poesie noch immer die flüchtige Brücke, die ich spanne, um zum anderen Ufer meiner Selbst zu gelangen, wo die Schiffbrüche aufhören und ich Leuchttürme entzünde in einem Hafen jenseits von Gut und Böse, um die Leerstellen zu feiern und zu vergessen, dass ich aus dem Paradies vertrieben lebe.

 

(Kapitel aus dem unveröffentlichten Werk: „Las Palabras Contadas“ dt. etwa: „Die gezählten Worte“)

 

Übersetzt  von Christiane Quandt

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