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Sag niemals Jobcenter

Rasha Abbas (2017)

Seit ich in Berlin lebe, wohne ich in Neukölln. Neukölln war mir von Anfang an vertraut; mit all seinen arabischen und türkischen Supermärkten in Fußnähe, wo ich jede nur erdenkliche Kochzutat finden kann, vom noch so spezifischen Gewürz bis hin zu sämtlichen Obst- und Gemüsesorten, die es braucht, um in Berlin exakt die Gerichte meiner Mutter nachzukochen. Und so weit das Auge reicht Shisha-Läden, ja, sogar arabische Friseursalons – ein Umstand von essenzieller Bedeutung, vor allem die Sache mit den Friseursalons, da man so zumindest ausschließen kann, dass einem die Haare aufgrund eines Übersetzungsfehlers verschnitten werden. Wobei dir der Friseur mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die Haare auch dann verschneiden wird, wenn er dieselbe Muttersprache hat wie du. Selbst wenn du ihm noch so detailliert erklärst, was er tun soll. Beispielsweise wird er darauf bestehen, deinen Auftrag „Bitte nur die gebrochenen Spitzen schneiden. Die Spitzen, wirklich, nur die Spitzen. Ungefähr zwei Millimeter“ zu interpretieren als „Ich will meine schmutzigen Haare, das physische Gedächtnis meiner Sünden, ein für und alle Mal loswerden, ich möchte mich durch Selbstverstümmelung für die Sünden meines bisherigen Lebens bestrafen, ich möchte einen Haarschnitt von der Sorte ‚Bin gerade aus dem Knast entlassen worden‘ oder ‚Mein Friseur ist schwer drogenabhängig‘.“

Aber eigentlich ist Neukölln an sich gar nicht mein Thema, sondern vielmehr die Verwirrung, die ich jedes Mal empfand, wenn einer meiner Verwandten oder Freunde in Syrien mir einmal wieder merkwürdige Fragen über mein Leben in Deutschland stellte: „Stimmt es, dass die Deutschen alle Rassisten sind?“, „Stimmt es, dass, wenn man jemanden auf Englisch nach dem Weg fragt, er sich weigert zu antworten, selbst wenn er perfektes Englisch kann?“, „Stimmt es, dass die Straßen dort sauberer sind als die Krankenhäuser bei uns?“, „Stimmt es, dass, wenn man in Deutschland auf der Straße tot umfällt, sich keiner nach einem umdreht?“

Am meisten davon wunderte mich die Frage mit dem Rassismus. Die Tatsache, dass ich mit dieser Frage so wenig anfangen konnte, schob ich auf meine subjektiven Erfahrungen im Alltag: Ich war keinem einzigen Mal etwas wie Rassismus begegnet, auch nicht bei all den Behördengängen, die ich machen musste. Doch schließlich wurde mir der wahre Grund bewusst: Eigentlich wusste ich überhaupt nicht, wo diese Deutschen steckten!

Ich meine, ich sehe eigentlich nie welche um mich herum. Ich sehe meine Landsmänner, sehe Türken und vielleicht noch ein paar Italiener oder Spanier und eine Handvoll Amerikaner. Aber über die Deutschen kann ich so gut wie gar nichts sagen, weil ich sie gar nicht sehe, und deshalb habe ich auch keine Ahnung, ob Rassismus unter ihnen etwas Verbreitetes ist oder nicht. Bis es mich eines Tages im Zuge eines Behördenganges in den tiefsten Osten der Stadt verschlug. Mein Freund hatte sich bereit erklärt, mich zu begleiten. Erst fuhren wir mit der U-Bahn zur S7, dann stiegen wir um. Kaum hatten wir die S7 betreten, überkam mich eine große Freunde, während mein Blick staunend über die Unmengen an blondem Haar wanderte. So viel Blond in einer derartigen Dichte, an einem Ort geballt, hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Mein Gott! Das sind sie also, die Deutschen. Endlich! Ich habe schon so viel von ihnen gehört! Hallöchen, meine Lieben! Mein Freund zerrte mich aus meiner Faszinationsstarre und wir setzten uns auf zwei freie Plätze. Immer noch starrte ich selig die Passagiere an. Da kam eine alte Dame, setzte sich mir gegenüber und auch sie starrte uns an, wenn auch nicht ganz so freudig.

Ich wandte mich meinem Freund zu, um mit ihm zu besprechen, welche Jobcenter-Formulare wir noch auszufüllen hatten, damit die Unterlagen für meinen Erstantrag komplett würden. Er stieß mir den Ellbogen in die Rippen und flüsterte mir zu: „Sprich das Wort nicht auf Englisch aus, das verstehen die doch alle.“ Ich blickte mich um und siehe da, er hatte recht: Die missgünstigen Blicke waren mehr geworden. Ich versuchte mir die Situation aus ihrer Sicht vorzustellen: Von zwei dunkelhaarigen Menschen, die fremd wirkten, oder besser: wie Flüchtlinge, die sich in einer seltsamen, aggressiv klingenden Sprache unterhalten, ertönt plötzlich ein einziges verständliches Wort: Jobcenter. Für den Rest der Fahrt machte ich meinen Mund nicht mehr auf.

Später wurde mir bewusst, dass offenbar viele andere Menschen ebenso von diesem Problem betroffen waren. Mir fiel auf, dass andere Flüchtlinge, denen ich zufällig in öffentlichen Verkehrsmitteln, Behörden oder an der Sprachschule begegnete, ein ganzes Repertoire an Ersatzwörtern für das Jobcenter erfunden hatten, damit sie es ja nicht in der Öffentlichkeit aussprechen und womöglich damit jemandes Missgunst erregen würden. Manche begnügten sich damit, „Das Job“ zu sagen. Andere sagten auf Arabisch: „Gestern hatte ich einen Termin mit dem ‚Arbeitszentrum‘. … Du verstehst schon was ich meine, oder?“ Wiederum andere beschränkten sich auf die vage Umschreibung „Die Crew“. „Ich war heute bei der Crew. Dann wollte die Crew von mir das und das.“ Wobei Letzteres für mich, ehrlich gesagt, weitaus ominöser klingt als Jobcenter. Es hört sich mindestens nach zweifelhaften Kontakten zu einer extremistischen Gruppe oder im besten Fall zu Drogendealern an.

Doch beschränkte man sich längst nicht darauf, Themen wie das Jobcenter vor deutschen Staatsbürgern, deren Zorn man nicht erregen wollte, zu vertuschen. Es war Anfang 2014, also zu einem Zeitpunkt, als sich die Fluchtbewegung der Syrer gen Europa noch in Grenzen hielt. Damals wollten viele nicht zugeben, dass sie entweder vorhatten, Asyl zu beantragen, oder bereits einen Flüchtlingsstatus hatten. Dieses Phänomen ließ sich vor allem in mehr oder weniger gebildeten Kreisen beobachten. Dort empfand man Asyl als einen Makel. So sagten mir seltsamerweise alle Syrer, die ich in meiner Anfangszeit in Deutschland kennenlernte, dass sie mit einem Arbeits- oder Studienvisum gekommen waren und dass sie niemals Asyl beantragen würden. Wobei sie sich dann immer beeilten, gnädigerweise hinzuzufügen, dass sie „es jenen einfacheren Menschen“, die dazu gezwungen wären, natürlich nicht verdenken würden, wenn diese Asyl beantragten. Einer von dieser Sorte erzählte mir einmal aufgeregt von der moralischen Verkommenheit derjenigen unter den Künstlern und Intellektuellen, die Asyl beantragen. Einige Tage später traf ich ihn zufällig in der langen Warteschlange vor dem Lageso. Sichtlich peinlich berührt sagte er, er sei lediglich hier, um sich für einen Freund zu erkundigen, dessen er sich angenommen habe.
Als wir die Phase des Asylverleugnens hinter uns gelassen hatten, da es einfach zu offensichtlich geworden war, war es mit der Asyldistanzierung jedoch längst noch nicht vorbei. Es entstand ein neues Phänomen, eine Art Wettstreit nach dem Motto: „Wer ist weniger Flüchtling als der andere?“ So kam es, dass ich einmal ein Gespräch mithörte, wo der eine gegenüber dem anderen damit prahlte, dass seine Aufenthaltsgenehmigung fünf Jahre lang gültig war und nicht etwa drei, da er schließlich „ein Gast“ sei – ein Status, den es natürlich nicht gibt – und keinFlüchtling. Mit dieser Behauptung wollte er den anderen, der nur eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung hatte, hänseln. Dieser wiederum versuchte seinerseits gegen den ersten zu punkten, indem er ihm entgegenhielt, dass er selbst ja Gottseidank arbeite und Steuern zahle und nicht wie so manch anderer (damit meinte er den ersten) vom Jobcenter lebe, weswegen er im Übrigen auch schneller die Staatsbürgerschaft erhalten werde.

Manchmal spielte es sich aber auch andersherum ab, und es gab große Streitigkeiten zwischen Freunden, weil sie je einen anderen Status, beziehungsweise andere Begünstigungen erhalten hatten.

Ich erinnere mich zum Beispiel an diese zwei arabischen Familien, deren Bekanntschaft ich machen durfte, als ich meinen Asylantrag stellte. Die beiden Familien verband eine alte Freundschaft, bevor die beiden Männer, die Ahmad und Munir hießen, beschlossen, ihre Frauen und Kinder im Schlepptau, gemeinsam Asyl zu beantragen, damit sie in der Nähe wohnen würden und nichts sie in der Fremde auseinanderrisse. Das nächste Mal traf ich Ahmad allein an. Ich fragte ihn, wie es Munir und seiner Familie gehe. Da schnaubte er genervt und sagte, mit Munir würde er nicht mehr sprechen. „Warum?“ fragte ich ihn. Voller Bitterkeit antwortete er: „Stell dir nur vor, ihm und seiner Familie geben sie zweitausend Euro monatlich und mir geben sie nur eintausendzweihundert! Und außerdem haben sie ihn in einem Hotel untergebracht und mich in einer miserablen Jugendherberge!“ Ich verstand zwar, ehrlich gesagt, nicht ganz, wieso er seinen Freund, der in Sachen staatliche Zuwendungen eben mehr Glück gehabt hatte und dem eine bessere Unterkunft zugewiesen worden war, dafür bestrafen wollte, indem er nicht mehr mit ihm sprach, aber ich sagte ihm Dinge, die man in solchen Situationen eben so sagt: Er solle sich doch beruhigen, der Herr werde es hoffentlich richten, er soll es nicht so schwer nehmen und so weiter.

Bei meinem nächsten Lageso-Gang traf ich ihn schon wieder. Freudig kam er auf mich zu und sagte: „Jetzt haben sie uns an einen großartigen Ort verlegt! Viel besser als dieses Hotel, wo Munir wohnt!“

Diesmal wusste ich beim besten Willen nicht, was ich antworten sollte. Für mich war absolut unklar, auf welchen Teil seiner Aussage ich mit dem Grad an Freude hätte eingehen sollte, den sein Gesicht ausdrückte. Freute er sich so, weil er seinen Freund überboten hatte? Oder weil er ein höchst merkwürdiges Konzept von Freundschaft hatte?

 

aus: Rasha Abbas: Die Erfindung der deutschen Grammatik. Geschichten. Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl. mikrotext und Orlanda Verlag, März 2016, 160 Seiten, 12,95 Euro oder 3,99 Euro (Kindle Edition)

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