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Once upon a time there lived a circle in a community of squares

Sharon Dodua Otoo (2016)

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Once upon a time there lived a circle in a community of squares. The circle spoke like the squares and behaved like them too. In many ways, the circle was very capable of looking like a square when the situation called for it – as it very often did. Gradually, the squares began to see past the formal difference of shape and treated the circle as an equal. The circle’s roundness was hardly ever mentioned. It did not have to be. The squares considered the circle to be ‘one of them’.

Manchmal – aber wirklich nur manchmal – fühle ich mich wie ein Kreis, der zwischen lauter Vierecken lebt. Und mit Vierecken kenne ich mich bestens aus. Ich gewinne sogar Preise für die Geschichten, die ich über sie schreibe …

The circle was well-versed in the history of the square. For example, the circle knew that the sum of all the square’s angles equalled 360 degrees. It was only when one day another circle showed up in the community of squares that the first circle realised that there was something different about it. It took a long time for the circles to pluck up the courage to talk to each other – but eventually they did meet up.

Was passiert aber, wenn in einer Gemeinschaft, die fast ausschließlich aus Vierecken besteht, ein Kreis plötzlich und ganz unverhofft einen anderen Kreis kennenlernt?

„Ein Hoch auf WoMANtís RANDom!“ Ein Gedicht von Jayrôme C. Robinet
(in: das licht ist weder gerecht noch ungerecht. w_orten und meer, Berlin 2015)

Wer ein spontanes Picknick mit dir auf dem Tempelhofer Feld je gemacht hat, kann das sicher nicht vergessen
Es war ein Nachmittag auf unserer Blickhöhe
ein Picknick auf der Höhe unseres Blickes
ein Picknick, das unserem Blick gewachsen war
ein Picknick, aus deiner Idee herausgewachsen

Um uns herum murmelten Gespräche
und plötzlich zauberten wir
Forellen, Tomaten und Bier aus Aldi
und ich, überrascht draußen zu sitzen
mit dem echten Gesang der Vögel
und dem echten Geruch vom Grill

Ich weiß nicht mehr, welchen Tag oder welche Stadt wir hatten
es war eine Art und Weise, die Dinge anders zu entscheiden
die Wünsche anders kreisen zu lassen
und die Details zu begrüßen
Die Pappverpackung, die sich in einen Thron für unsere Forellen verwandelte
Tomaten, mit fein gehacktem Knoblauch vor dem tiefblauen Himmel
eine Sonne, wie durch die Wiese ausgebaucht
die Flamme des Feuerzeugs, die mit der Hitze der Luft konkurrierte
und ein kühles Bier
Der plötzliche Wunsch, meine Gedanken durchzustrecken
zur Horizontlinie
in der Ferne funkelten die vorbeifahrenden Aufbauten
Und der Park wurde zu woanders
zu einem Feld am Meer
Dafür reichte, an einen Ort zurückzukehren, wo alles möglich scheint
Danke Dir
Fürs wegweisend sein
Es passiert nicht jeden Tag, so eine majestätische Begegnung auf seinem Weg zu haben.

The conversation was full of wonderful new vocabulary like ‘round’ and ‘smooth’ and the word ‘angle’ was never mentioned once. The circles laughed long and hard into the night. The next day a group of squares asked the circles why they had been making so much noise that night. The first circle tried to explain about ‘round’ and ‘smooth’ and found the squares staring blankly at it. The second circle twirled around and tried to demonstrate what it meant. Again the squares did not understand.

Wie haben ja immer gelernt, es ist wichtig Deutsch zu sprechen, um in Deutschland klarzukommen. Aber was ist, wenn Sprache zur Verständigung doch nicht ausreicht?

„Die zweite Person Ich“ – Ein Gedicht von Yoko Tawada
(in: Abenteuer der deutschen Grammatik. Konkursbuchverlag, Tübingen 2010)

Als ich dich noch siezte,
sagte ich ich und meinte damit
mich.
Seit gestern duze ich dich,
weiß aber noch nicht,
wie ich mich umbenennen soll.

Eventually they reached a compromise that the circles were in fact ‘funny triangles’. One of the squares had travelled once and had discovered an entirely different shaped community. They had called themselves triangles. The circles were also different, so they were called ‘funny triangles’. The circles were happy with this new distinction because at last it had been recognised that they were ‘also’ shapes.

Also: Genauigkeit in der Sprache ist nicht so wichtig. Hauptsache integriert. Oder?

„Sprachfelder“ – Ein Gedicht von Franco Biondi
(in: Eine nicht nur deutsche Literatur. Zur Standortbestimmung der „Ausländerliteratur“. Herausgegeben von Irmgard Ackermann und Harald Weinrich. Piper, München 1986)

In meinem Kopf
haben sich
die Grenzen zweier Sprachen
verwischt

doch
zwischen mir
und mir
verläuft noch
der Trennzaun
der Wunden zurückläßt

jedesmal
wenn ich ihn öffne

Many years later, in a community of all different shapes (but still predominantly squares), the ‘funny triangles’ began to see that the term ‘funny triangle’ was in fact an error. They were not ‘funny triangles’, but they were circles. And they were not ‘angle-less’ or ‘bendy-straight’ but they were round and smooth.

„grenzenlos und unverschämt – ein gedicht gegen die deutsche sch-einheit [1990]“ von May Ayim
(in: Grenzenlos und unverschämt. Orlanda Verlag, Berlin 1997)

ich werde trotzdem
afrikanisch
sein
auch wenn ihr
mich gerne
deutsch
haben wollt
und werde trotzdem
deutsch sein
auch wenn euch
meine schwärze
nicht paßt
ich werde
noch einen schritt weitergehen
bis an den äußersten rand
wo meine schwestern sind
wo meine brüder stehen
wo
unsere
FREIHEIT
beginnt
ich werde
noch einen schritt weitergehen und
noch einen schritt
weiter
und wiederkehren
wann
ich will
wenn
ich will
grenzenlos und unverschämt
bleiben

The debate over the re-naming raged for many years. Many squares laughed at the ‘funny triangles’ because, they said, it was just semantics. They argued that it didn’t matter what was said, as long as it was agreed that everyone meant the same thing. Some ‘funny triangles’ were too old, or too aligned to the views of the squares to care about these new-fangled circles. It was only a few squares who sat down with the circles and really listened.

Also: Zuhören ist wichtig. Wirklich zuhören, um dazu zu gehören?

„Nicht fertig werden“ ein Gedicht von Rose Ausländer
(in: Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001)

Die Herzschläge nicht zählen
Delphine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
horchen was Bach
zu sagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauern
höher leben
tiefer leben
noch und noch

Nicht fertig werden

Many years later, circles and squares and triangles lived in a community and all knew what ‘straight’, ‘curved’, ‘smooth’ and ‘corner’ meant. Each shape was self-defined and able to speak without causing another shape offence.

The End.

Vielen Dank für die Einladung, für die wunderbare Organisation, fürs zahlreiche Kommen, vor allem aber fürs hartnäckig bleiben. Festhalten an Sprachen. Festhalten an der Kommunikation. Das brauchen wir in diesen Zeiten – mehr als je zuvor.

Ich habe in meinem Bachmann-Text Sprachen mit Gefängnissen verglichen. Wir brauchen Sprachen, davon bin ich fest überzeugt. Ich sehe sie allerdings nicht als Ziel an sich, sondern als Mittel zum Zweck. Was können – was wollen wir mit Sprache bewirken?

Was ich mit Sprache und Kommunikation erreichen will, kann ich am besten mit Kunst erreichen: eine Annäherung aneinander, Menschlichkeit feiern, Empathie wachsen lassen. Deswegen schreibe ich. Um Sachen auszudrücken, die eigentlich nicht mit Sprache auszudrücken sind. Um Wahrheiten zu erzählen, die meist überhört, verleugnet oder ignoriert werden, weil sie schmerzhaft sind, weil sie unbequem sind.

Ich habe gerade Gedichte auf Deutsch vorgelesen, von verschiedenen auf-Deutsch-schreibenden-Personen, die nicht, oder nicht ausschließlich, deutsch sind. Ich beende meinen Beitrag heute Abend mit einem Gedicht von mir. Eine Premiere! Ich möchte sagen, ich widme dieses Gedicht allen anwesenden Frauen. Denn dieses Gedicht kommuniziert diverse Wahrheiten von mir übers Frau sein, übers Schwarze Frau sein. Ein Gedicht auf Englisch. Es heißt:


“all cognitive functions”

i am close to the point of no return

which means that when you leave it:
will hurt a lot. full stop.

as opposed to when you leave i:
may be a little distracted… ellipsis.

logical thought, recent qualitative research and repeated experience shows it would be completely cishet of me to trust you.

you are a man. your kind.

you are a man who could kill me with his bare hands

in the act of making love you could ignore my wish to stop and simultaneously not hear my heart breaking and you could put your hands around my throat and squeeze until your fingers ached and call it kinky.

you are a man.

who can tell me he loves me without caring if i hear or feel it and you will always not phone me back until it is almost too late because you can do that. empathy will never be your strongest asset.

open brackets. (actuallyiamsoterrifiedithinkmyboundingheartmightburstthroughmychestandlandatyourfeet) close brackets.

i rub my sweating hands together for i am a little nervous

but you don’t know-tice ‘cause i am able to hide it behind my funny yet intelligent jokes and seductive body

open brackets. (isitaparticularlybadcaseofjunglefever? question mark. Hashtag! #doblackmeninwhitecountriescatchthattoo? question mark.) close brackets.

you don’t do the between the lines, you didn’t realise how much i meant it – you just lusted after the smell of me. greed is more than a word to you.

you are.

a man – whatever kind – who wants me to quotation marks “trust me baby” quotation marks would have to prove it over days, weeks, months and years over and over again and over days, weeks, months and years over and over again

but, my love,

one word answers are not text messages are not emails are not letters are not loving stories read to me by candlelight as i fall asleep
a wank is not a blow job is not a quickie is not a fuck is not making love is not the first time we hold hands when you look in my eyes and tell me you have a very important question to ask me

you are a

man. your kind. i wish i were you how easy it would be for a part of me to rise hard then flop soft again and all the while i would not have to worry about whether or not one moment of – haaa – irresponsible coming would lead to nine months of responsible planning and a life time of responsibility

you

do not really need to think about contraception

you

do not really need to worry about gender issues, sexism or harassment

you

can wear what you like and say what you like even if it is suggestive even if it is a come-on even if it is a tease you would not deserve it if you were assaulted not even sexually it is never your fault

you are the kind of man who can go through the world with his eyes shut tight and still have people slap him on the back to congratulate him i would love to be you i would love to be like you i would love to try it just once… ellipsis.

but

a woman. my kind. i am.

with the courage to overcome

and the desire to lie by your side

and the patience to feel you grow inside me

to pleasure me with your touch, your kiss, your sex, your intimacy –

and while my trust in you kindles (fledging and frail)

my fear of you dies (one jagged piece at a time)

and i presently am left with

– against my better knowledge and experience and judgment and research and with all cognitive functions screaming against it –

unconditional love

 

Ich wünsche uns ein wunderschönes Festival.
Ich wünsche uns viele schöne Momente.
Und ich wünsche uns eine multilinguale, bewegende Zeit.

 

 

Berlin, Freitag, den 28. Oktober 2016

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