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Tala Ngai

Steve Mekoudja (2015)

Am Tag, an dem Du geboren wirst, mein Kind, werde ich Dich in den Kivusee werfen und ein Gebet an die Wassergötter richten, damit sie Dich weit weg von dieser Erde führen. Weit weg von dieser nach Hass stinkenden Erde. Weit weg von diesem schändlichen Kongo, dieser Wiege der Ungerechtigkeit und Gewalt, diesem Wald von Männern, die von einem unerträglichen Egoismus befallen sind, diesem Kongo, der von kleinen Machthabern gelenkt wird, die auf ihren Einfluss sorgsam bedacht sind. Weit weg von dieser Welt, wo einer Frau die eigene Existenz vorgeworfen wird, wo sie nur zum Weinen, zum Schreien, zum Bluten taugt. Weit weg von der Vergewaltigung. Weit weg vom Krieg.

Am Tag, an dem Du geboren wirst, werde ich Dich Tala Ngai nennen.

Tala Ngai, schau mich an. Ich erzähle Dir das, damit Du es mir nicht nachträgst. Nicht eine Sekunde vergeht, ohne dass ich mir Dein Gesicht vorstelle. Im Traum. Es lässt mich nicht los, Dein Gesicht. Es ist entsetzlich: Es ähnelt dem dieses Mannes. Diesem grundhässlichen, abscheulichen Wesen, das mich beschmutzt, mein Schicksal umgangen hat. Deinem Erzeuger … Leider bist Du die Frucht einer Niederlage, ein armer, der Barbarei entsprungener Fötus, ein armer Unschuldiger, der in mich gesät wurde, ohne dass ich es bemerkt, ohne dass ich es gewollt habe. Dein Gesicht, es lässt mich nicht los. Es hat die Nase dieses Verbrechers. Eine platte, glänzende, dreckige Nase. Da waren auch diese riesigen Augen, so rot, dass man meinen konnte, sie bluteten, diese Augen, in die ich hinein gestarrt habe, während er in jener Nacht meinen Körper befleckt hat, diese Augen, die mir diesen dreckigen, wilden Blick entgegengeschleudert haben, einen Blick, den man Exkrementen zuwirft, einen Blick, mit dem man etwas von niederem Wert ansieht. Ich stelle mir Dich ebenso hässlich wie dieser schlaksige, unheimlich schwarze Mann vor, und sage mir, dass Du nichts bist als ein bloßes Versehen der Natur. Du hättest nicht existieren sollen. Du hättest nicht mein Leben verpfuschen sollen. Du verdienst das Leben nicht. Ich habe darum gebetet, dass Du verschwindest. Ich habe alles versucht, um Dich wegzumachen, aber Du hast Dich ans Leben geklammert, ebenso fest wie dieser Mann mir den Mund zugehalten hat, um mich am Schreien zu hindern. Ich wollte mich lieber umbringen, als Dich in mir zu spüren, doch selbst der Tod hat mich verstoßen. Verflucht sei jene Nacht, in der Dein Erzeuger mich vergewaltigt hat. Seit jener Nacht verfolgt mich der Ekel vor seinem Geruch, der mir das Atmen erschwert und mein Bewusstsein trübt. Was mache ich, wenn Du mit diesem Geruch gesalbt bist? Bin ich stark genug, um zu ertragen, dass ich dem Abscheulichsten Gestalt gegeben habe? Vielleicht wirst Du nicht die Züge dieses Mannes haben, sein verächtliches Gesicht, seinen Geruch. Vielleicht werden Deine Zähne nicht so ungleichmäßig wie die seinen angeordnet sein, und Deine Adern vielleicht nicht so unersättlich, doch ich bin nicht mutig genug, um Dich zu lieben. Verlange nicht das Unmögliche von mir, ich habe selbst Ablehnung und Hass erfahren.

Wenn Du ein Mädchen wirst, nenne ich Dich Tala Ngai, schau mich an. Ich werde Dich in den Kivusee werfen, um Dich vor der Schmach zu bewahren, die den Frauen von hier angetan wird, damit Du nicht eine dieser Illusionen wirst, die man heiratet, doch die letztendlich nur das sind, was ihre Schenkel verbergen. Du wirst das nicht erleben. Du wirst nicht vergewaltigt. Das lasse ich nicht zu. Das schwöre ich Dir. Ich lasse Dich von keinem Mann in seinen Dreck ziehen. Du wirst meine Wiedergeburt. Ja. Nach Deinem Tod werde ich wiedergeboren. Werde ich strahlen. Du wirst mein Jesus, jener aller Frauen von Kivu, aller Frauen, deren Schicksal wabert wie eine von Männerhand entfachte Flamme, die durch ein Wunder, durch Widerstand, durch Aufstand erlöschen kann. Du wirst sterben, um uns zu erlösen, um dieser traurigen Musik aus Wehlauten ein Ende zu setzen, in deren Rhythmus das ganze Land erzittert. Um dieses bedrückende Feuer nie versiegender Tränen von Müttern zu löschen, die trotz ihres Leids große Anstrengungen unternehmen, um stoisch, allein, ihre Familien zu versorgen. Als ob es nicht schwer genug wäre, eine Frau zu sein. Eine Frau zu sein in diesem Afrika, das seine Frauen nicht achtet. Als ob es nicht die schwerste, heiligste Bürde der Menschheit wäre, ein Kind im Leib zu tragen. Aber noch erfüllt mich Hoffnung, denn Du bist da. Ich biete dieser Schwangerschaft die Stirn, trage Dich tapfer neun Monate im Leib, dann bringe ich Dich Gott. Als Opfer. Es gibt kein besseres Opfer als das Menschenopfer, als das Opfer von Fleisch, Opfer der Frucht aus dem Mutterschoß. Ich gebe Dich dem Allmächtigen und flüstere ihm ein paar inständig bittende Worte zu. Unter Tränen werde ich den besagten Tag der Vergewaltigung wieder aufrühren, meinen tiefsten Schmerz wieder ausgraben.

Wenn hier eine Tochter geboren wird, freut man sich nur allzu selten. Die Männer, die sich immer in den Kneipen versammeln, rufen: „Ah, noch eine ndoumba, eine Hure“, dann trinken sie nach wie vor unbekümmert ihr Bier und lockern ihre Sitten durch Ndombolo und Rumba. Sie haben ihren Spaß daran, den jungen analphabetischen, unanständig gekleideten Mädchen den Hof zu machen, die die Straßen bevölkern und hoffen, dass man ihnen ein paar Geldscheine schenkt oder ihnen sagt, dass sie schön sind. Schönheit … Also lassen sich die Frauen des Kongo in ihrer Schönheit zusammenfassen? Darin, dass sie ihr Leben damit verbringen, sich schön zu machen, um dem Mann zu gefallen. Die Märkte durchkämmen, auf der Suche nach neuen Perücken aus China. Sich das Haar entkrausen oder auffällig färben, um die Liebe der Männer zu gewinnen. Auf den Wunsch des Mannes die Hautfarbe ändern. Ich war eine von ihnen … Sie bringen so viele Opfer, um einen Ehemann zu finden, um Madame Soundso zu werden. Sie entwürdigen sich, um diesen Männern zu schmeicheln, die ihnen im Gegenzug die so ersehnte Hochzeit schenken. Doch sind sie wirklich glücklich? Ich weiß es nicht. Ich habe eine Niederlage erfahren. Ich möchte nicht, dass Du eine von ihnen wirst, mein Kind. Versteh mich, verzeih mir.

Wenn Du ein Junge wirst, nenne ich Dich Tala Ngai, schau mich an. Ich werde Dich in den Kivusee werfen und dabei nicht weinen. Möge es mir vergeben werden. Männer haben mein Leben zerstört. Sie gedeihen in uns, diese Männer, kommen zwischen unseren Schenkeln zur Welt, doch haben wir sie erst einmal aus uns hervorgebracht, offenbaren sie ihren Egoismus, bedrohen uns mit dem Tod, führen sich auf wie die Fürsten irgendeines Königreichs, um uns am Ende zu vergewaltigen. Du bekommst diese Gelegenheit nicht. Ich werde Dich in den Kivusee werfen und werde es nicht bereuen. Nie wieder vertraue ich einem Mann, nicht einmal dem, der unter meinem Herzen gewachsen ist.

Und doch habe ich sie geliebt, diese Männer …

Bevor ich zu der verletzten und empörten Frau wurde, die ich bin, bevor ich eine hemmungslose Verrückte wurde, war ich Monique Lukusa, genannt Bibiche, ein siebenundzwanzigjähriges, ausschweifendes, leichtes Mädchen, und ich habe die Männer geliebt. Bevor ich hier angelangt bin, war ich eine Schneiderin aus dem Süden von Bukavu, nicht irgendeine Schneiderin – eine Schneiderin mit brauner Haut, fleckenlos braun, ohne Hautaufheller, und ich habe die Männer geliebt. Ich habe sie in den Kneipen verführt, ihnen Geld abgenommen, bevor ich mit ihnen geschlafen habe. Ich habe ein schmutziges Leben geführt, bis zu dem Tag, als meine Mutter, eine lange, rundliche Frau, mich eines Morgens in meinem Zimmer aufsuchte und mir drohte: „Bibiche, glaubst du ernsthaft, dass wir dich noch länger in diesem Haus wohnen lassen? Alle deine Schwestern haben geheiratet, sogar deine kleine Schwester Poupina. Ein schönes Mädchen wie du, ein braunes obendrein, du bist da, kommst und gehst mit Männern. Denkst du, ich richte dir weiter den saka saka an, während du dich mit deinen Liebhabern amüsierst? Du bist bald dreißig, okomi mama mubimba, eine reife Frau, finde einen Ehemann.“ Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und wiegte ihr enormes Hinterteil in Richtung ihres Schlafzimmers. Ich sah ihr nach. Sie warf meinem Vater einen Blick zu: „Du solltest besser deiner Tochter einen Ehemann finden, anstatt mich anzusehen, als wäre ich ein Weihnachtsbaum.“ Sie änderte ihren Kurs, hob ihr zu Boden gefallenes, indigoblaues Kopftuch auf und verließ das Haus, in Gedanken bei ihren nächsten Betrügereien, wobei sie beinahe meinen Vater zum Stolpern brachte, der mir einen Blick zuwarf, der mir zu bedeuten schien: „Sieh es ihr nach, sie weiß nicht, was sie tut.“ Er sagte aber nichts zu mir, ließ sich in seinem alten, gelb-roten, um die Taille gebundenen Waxprint und an seiner Kolanuss kauend auf der Veranda nieder. Soweit meine Erinnerung reicht, ist mein Vater immer ruhig gewesen, ein zurückhaltender Mensch, und das schon vor seiner Krankheit. Er war von einer üblen Krankheit unbekannten Namens geschlagen worden, die sein Gehirn angriff, ihn fantasieren ließ. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ich war in der sechsten Klasse. Er hatte folglich seine Stelle als Finanzinspekteur verloren, mit der Begründung „Konzen-trationsstörungen“. „Das ist ungerecht!“, hatte Mama geschrien. „Das ist Hexerei, wahre Hexerei“, hatte sie weitergemacht, „wovon sollen wir leben?“ Sie war im Wohnzimmer auf und ab gegangen und hatte dabei abwechselnd geweint und geschrien: „Mama na ngayé!“ Meine drei Schwestern und ich hatten eine mexikanische Serie im staatlichen Fernsehen geschaut. Mama hatte den Fernseher plötzlich ausgemacht: „Während wir über wichtige Dinge reden, sehen die feinen Damen fern“, hatte sie gesagt. „Steht auf, ihr Dummköpfe! Lasst uns beten!“ Und wir hatten gebetet …

Damals war Mama weniger depressiv, weniger empfindlich als heute. Sie litt noch nicht an ihrer schrecklichen Übelkeit, die sie nachts um den Schlaf brachte, sie kannte noch keinen Rheumaschmerz. Sie bat mich noch nicht, ihr jeden Abend den Schenkel zu massieren, wenn ich ganz steif von der Arbeit kam. Damals brüstete sie sich am Steuer eines klimatisierten Mercedes, den Papa ihr gekauft hatte. Ihre Füße vertrugen nur Markenschuhe, die ihr aus Spanien zugestellt wurden. Ihre Hände waren allergisch gegen jede Tasche, die keine Luxustasche war. Zwei Monate nach Papas Entlassung verkaufte sie alles. Die Luxushandtaschen, die Markenschuhe, die Chanel No 5-Parfums, die Abendkleider mit den feinen Ärmeln, ihr Auto, dann die Nippfiguren im Wohnzimmer, die nur sie polieren durfte, weil sie so kostbar, so teuer waren, die Seidenvorhänge und den Teppich aus Marokko. Sie verkaufte alles. Da wurde unser Haus so leer, dass man das Echo unserer Stimmen hören konnte. Das Fleisch zu den Mahlzeiten schrumpfte nach und nach, bis es letztendlich ganz verschwand. Die Anzahl der täglichen Mahlzeiten sank von vier auf zwei, dann von zwei auf eine. Mama konnte nicht mehr. Sie verkaufte den Fernseher billig auf einem Samstagabendmarkt, dann das Radio und das Bett im Fremdenzimmer. Als nichts mehr zu verkaufen da war, fing sie an, uns zu verkaufen, eine nach der anderen. Meine große Schwester Cindy gab sie für neuntausend Dollar einem alten, polygamen, dickleibigen Oberst zur Frau. Poupina, die Jüngste, hatte einen Bewerber mit nach Hause gebracht, einen jungen Mathelehrer, einen recht gutaussehenden Mann – ziemlich schön, ziemlich verträumt, ziemlich jung, mein Geschmack von Mann. Ich bedauerte beinah, ihn nicht vor ihr kennen gelernt zu haben. Mama sagte zu ihm, er sei zu jung, zu flatterhaft, schickte ihn weg und nahm meine Schwester beiseite: „Was willst du mit einem Lehrer? Hm? Lehrer haben nichts. Sei unbesorgt, ich gebe dich Monsieur Mboyo, dem ehemaligen Kollegen deines Vaters.“ Und sie tat es. Diesmal für nur sechstausend Dollar, die meine Ausbildung zur Schneiderin ermöglichten. Nina, die zweitgeborene Tochter, beglückte Mama, indem sie einen Belgier heiratete, der in den Kongo gekommen war, um unsere Diamanten zu erschließen. Sie ließen sich dann in Brüssel nieder und verpflichteten sich, meiner Mutter jeden Monat hundert Euro für ihre medizinische Behandlung zu schicken.

Nach dem Drängen meiner Mutter beschloss ich, einen Ehemann zu finden – aber wen? Alle meine Liebhaber waren verheiratete Männer und ich verabscheute Polygamie. Ich begann damit, mein Leben zu verändern und versuchte, meinen klebrigen Ruf zu läutern, indem ich nicht mehr in Kneipen ging, meine Miniröcke durch von mir selbst angefertigte Waxprintkostüme ersetzte und sonntags in die Kirche ging. Und ich fand einen Ehemann …

Eines Abends, in einem Taxi auf dem Weg nach Hause, wurde meine Ruhe durch einen neben mir sitzenden, den Geruch eines billigen Parfums verströmenden Mann mit Krawatte gestört, dessen Art zu sprechen ebenso schwerfällig war wie sein Tun. „Oza kitoko“, flüsterte er mir ins Ohr. Ich lächelte, geschmeichelt, entzückt von der Ruhe des Mannes und seiner karamellbraunen Haut. Er hieß Ferdinand. Ferdinand Gizenga. „Sie sind sehr schön, kitoko“, raunte er mir zu. Er reihte so viele „kitoko“ aneinander, dass ich mich am Ende so schön glaubte wie M’pongo Love …

Jene Nacht ging in einem Bett des Hotels der Unabhängigkeit zu Ende. Einen Monat später heirateten wir. Die Mitgift hatte nur eintausend Dollar betragen. Eine Niederlage für meine Mutter. Nach langen und dornigen Verhandlungen war ihr nichts anderes übrig geblieben, als einzuwilligen. Sie hatte dreitausend Dollar gefordert, die mein Mann akzeptiert hatte, doch sie hatte die Rechnung ohne die Hartnäckigkeit meiner Schwiegermutter gemacht, die sich heftig widersetzt hatte. Meine Schwiegermutter … Ein Monster! Eine scheußliche Witwe! Eine Kreatur mit buntem Teint, die so schnell sprach, dass ich mich fragte, ob sie vor dem Denken sprach oder umgekehrt. Als sie mich das erste Mal gesehen hatte, hatte sie mir ein falsches Lächeln zugeworfen und gesagt: „Ferdinand hat recht gehabt. Du bist wirklich kitoko!“ Daraufhin hatte sie mich ausgiebig geküsst. Aber ich mochte sie nicht. Etwas Heuchlerisches lag in ihrem dunklen Blick, etwas Wildes, Maßloses in ihrem schlagartigen Lachen, etwas Falsches in ihren wiederholten Aufmerksamkeiten. Ich mochte sie nicht. Sie mochte mich ebenso wenig und ließ es mich auch bald wissen.

Mein Mann und ich zogen hierher, in den Norden von Bukavu. Er unterrichtete Geschichte am Plateau-Gymnasium und ich arbeitete als Schneiderin. Die ersten zwei Jahre waren ruhig, bis zu dem Tag, als meine Schwiegermutter eines verregneten Juliabends aus einem alten Buschtaxi stieg und ihre Enkelsöhne einforderte. Sie schimpfte mich eine „ékomba“, eine unfruchtbare Frau. Aus kitoko war ékomba geworden. Nach nur zwei Jahren. Ich hatte es gewusst, meine Schwiegermutter mochte mich nicht. Dabei tat ich mein Möglichstes, um schwanger zu werden, schüttete sämtliche bittere Absude in mich hinein, die meine Mutter mir schickte, aber nichts! Nichts und wieder nichts! Nada! Von nun an war ich nicht mehr schön. Ich war unfruchtbar.

Mein Mann liebte mich trotzdem noch, sprach so langsam zu mir wie zuvor, bezahlte noch immer die Miete meiner Eltern, allen Drohungen seiner Mutter zum Trotz. Er liebte mich. Das wusste ich. Sonntags gingen wir gemeinsam zum Beten in die Kirche und gaben ordnungsgemäß unseren Zehnt, damit der Himmel uns ein Kind schenken mochte. Ruhig. Geduldig. Und es kam am Schlimmsten …

Es kam am Schlimmsten an einem drückend heißen Abend. Bewaffnete Männer zertrümmerten das Fenster meines Schlafzimmers, schlugen meinen Mann nieder und vergewaltigten mich dann. Mein Kind, eine Vergewaltigung erzählt man nicht. Eine Vergewaltigung erzählen, heißt, sie wiedererleben, sich ein zweites Mal vergewaltigen lassen. Das mache ich nicht.

Drei lange Monate hing Schweigen über meinem Zuhause. Ferdinand sprach nicht mehr mit mir, sah mich nicht mehr eingehend an, berührte mich nicht mehr. Er kam abends sehr spät nach Hause, betrunken. Drei Monate lang. Weder meiner Mutter noch meinem Vater sagte ich etwas, als ich eines Tages herausfand, dass ich von meinem Vergewaltiger schwanger war. Ich sagte es eines Abends meinem Mann, als er nüchtern war. Er tobte: „Monique, du bist beschmutzt, widerwärtig, nkelè.“ Er setzte mich vor das Haus. Ich lief zu meiner Schwiegermutter, die mich nicht mochte und die ich auch nicht mochte. Sie wiederholte ihrerseits: „Monique, du bist nkelè. Raus aus meinem Haus.“ War es meine Schuld? War es meine Schuld, dass ich von kitoko zu ékomba, dann von ékomba zu nkelè geworden war? Ich war von nun an nkelè, obwohl ich mich vollstopfte mit abscheulichen Mitteln, um schwanger zu werden. Nkelè, obwohl ich meine Mutter angefleht hatte, die Mitgift von tausend statt dreitausend Dollar zu akzeptieren. Nkelè, obwohl ich nichts getan hatte, gar nichts, um das zu verdienen.

Am Tag, an dem Du geboren wirst, mein Kind, werde ich Dich in den Kivusee werfen und ein Gebet an die Wassergötter richten, damit sie Dich weit weg von dieser Erde führen, damit sie das Herz der Männer weicher machen, damit sie die Frauen des Kongo erlösen.

 

 

Übersetzung von Ina Böhme

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