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Wie ich gewohnt bin von da wo ich begonnen wurde…

Irina Bondas (2017)

Wir sitzen mit dir – lass es bei mir sein, und – lass das Wir. Weil bei mir das so gesagt wird. Auch wenn es nur zwei sind, die da sitzen: wir mit dir, also. So vermeidet man sich als erstes zu nennen. Aus Eigenheit sage ich das nur, solltest du fragen. Aber du stellst fest. Von dir aus. Dass du zu wenig weißt. Und ich weiß nicht, wo ich beginne.

Ich bin gewohnt – erst mal – auf einem schiefen Fußboden eines den Hang hinunter rutschenden Hauses. Es wurde nichts gerichtet, die Murmeln rollten von selbst. Eine ganze Wohnung für eine einzige Familie, ererbt aus dem Parteiglauben unerlebter Großväter. Heißt Luxus. Hieß Zuhause. Weintrauben klettern in den vierten Stock zu meinen Händen hoch, die sie stets in verschiedenen Graden der Unreife pflücken, die ich gelernt habe zu unterscheiden. Ungezählte Kleinigkeiten entfallen dem Küchenfenster, aus diesen Händen, verschwinden auf dem Grund eines ausufernden Sandkastens, beim Glück spielen. Nicht wieder ausgegraben, Pech gehabt. Wo nur kommt das Verlorene an. Die berüchtigten Hauseingänge, offen, riechend nach öffentlichen Toiletten – und dann die öffentlichen Toiletten erst. Wozu noch saubermachen, besser deutlich Spuren hinterlassen. Sascha und Vanja waren hier. Und eine Wandvoll anderer. Ein großes Fahrrad, dessen Sitz sich in die Schulterblätter bohrt, fährt mich gegen Bordsteine, Mauern, Menschen. Pfützen für Korkenschiffe und Fenster für Bälle und tief innen im Hof wachsen Kinder. Wie üblich, warteschlangenfest auftreiben, was es gibt. Geben, was man hat. Heute Mandarinen, morgen Milch. Der Mann der Kollegin aus der Autoteilfabrik. Schwer zu sagen, welche Teile eigentlich. Die haben normalerweise gefehlt. Wir brauchen ohne Auto Schuhe – die fehlen auch –, aber der Mann der Kollegin weiß, wie man zaubert. Der Vater eines Schülers macht selbst Wurst. Man entlohnt in Sahnegläsern, Pralinenschachteln oder Kristallschalen. Oder Wurst eben. Eigentlich zahlt man in Alkohol, in jeder Form. Ecken als Einrichtung der Erziehung, dort Finger zählen und die Wand sprüngig starren. Spätestens mit der Geburt entschieden, was es wird. Schulen für alle, für besonders Begabte, für Besondere und den Rest. Für die Musik. Verwurzelt in Hintertüren, wo im Verborgenen Finger laufen lernten, die Angst vor Versagen verbergend. Lärm und sich wiederholende Passagen, mit Geschrei und Tränen, auch von Schülern, mit Schuldgefühlen und Scham verletzten Stolzes. Pubertäre Jungen mit zitternden Unterkiefern, das Instrument in der Hand. Unsauber, unsauber, falsch, unsauber, nochmal. Von Anfang.

Ein Tag ohne zu üben ist ein verlorener Tag. Musiker hören keine Musik, sie ernähren sich davon. Sie strömt aus jedem Spalt, rollt aus den Schallplatten, sendet aus dem Amerika eines eingewanderten Ghettoblasters in unser kleines, schon seit Jahrhunderten an Existenzmarkierungen lebendes Daheim. Haben wir verkauft. Gab zum Leben nicht viel her. Mehr gegeben, verschenkt, sich abnehmen und klauen lassen. Nun – nicht mehr genug. Zu wenig übernommen, von anderen. Von den Älteren, die die Schule kannten und unanständige Worte, die ausgesprochen verhängnisvoll wurden, hatte ich befürchtet und bereits bei der ersten Silbe in den Himmel aufgeblickt und Bestrafung erwartet. Zu wenig gelernt, um darauf selbst verzichten zu können. Ich habe gehen und gehend lieben gelernt. Weite Straßen mit Bäumen und Teerkratern und Schuttflächen ausgetretener Pfade der kürzesten Wege zur Haltestelle. Lange Strecken auf Geburtstage, zu Besuch oder einfach nur lange. Man kam ohne Anruf, man war einfach da. Was später kam – Läden mit Essen, heile Schaufenster, Aufbruchswehen, hatte sich schon angedeutet. Bis zum erneuten Verfall der Werte, weil man sie nicht verwalten konnte und keinen Grund sah. Klauen wird nicht alt. Dazu kam ich nicht. Wir gingen, klinkten uns aus der Gleichschaltungsnot. Wir hätten an der Grenze alles zurücklassen müssen, hätten wir. Betrunkene Zollbeamte schleppten fremde Fernseher durch die Nacht eines polnischen Autobahnparkplatzes. Stunden im Wartezustand auf ein Weiterwarten. Wir hatten es nicht eilig. Es gab nichts, wohin.

Unvorbereitet traf Wohlstand ein. Unbegreiflich greifbare Unterschiede in feierlich-bunten Produktbuchstaben auf glänzender Verpackung: wer soll so viel essen können. Fieberhaftes Sichnichtentscheidenmüssenwollen. Verinnerlichtes Sichnichtäußernkönnen. Nach der Uhrzeit fragen langweilt auf Dauer alle Beteiligten. So hörte ich auf, den einzigen Satz mit Spielkameraden zu teilen, hörte auf mit den Spielkameraden, bis den vielen Sätzen nur noch der richtige Dialekt fehlte, hörte auf mit dem Spielen. Es wurde spät. Man fragte uns, warum wir da seien. Ich musste mir bewusst werden, warum. Man fragt mich, wie viel ich noch wisse und ich sage: nicht viel. Ich kenne nur unverwandte Friedhöfe von nächtlichen Mädchenmutproben, wie ich die gern erinnerten Trickfilme aus dem Fernsehen kenne – nicht aus der Kindheit. Angeeignete Erfahrungen anderer Zugehörigkeit. Weihnachten und Kommunion, Feiern in Gärten vor Familienhäusern blieben für andere vorbestimmt. So knapp daneben.

Hier: unser in Sorgen verschüttetes Außerhalb. Überschäumend und niederdrückend warm, wenn kleine füllige überarbeitete Frauen, in kämpferisch unsicheren Schritten durch Ämter rennen, an Blusen zupfend, in dicken Parfüms, wenn sie Böden wischen, mit Diplomen im Koffer, in engen Küchen versuchen Geborgenheit zu kochen, mit viel Brot und Öl, mit Zwiebeln und Knoblauch und wenn sie vor dem Flimmern des Fernsehers überlassene Hosen kürzen und Beziehungen flicken, zählen und zahlen, am Telefon angeeignete Begriffe in ihre Sprache konjugieren, wohlmeinende Ratschläge geben und immer mitleiden, gerne helfen. Wo alles gerne gut wird. Unbeklagt opfernd habt ihr euren Kindern Möglichkeiten geschenkt. Wenn ich euch wiedersehe, wie habe ich euch angetroffen, erinnert mich. Wie ich gewohnt bin, wo anders. Zu wenig und nicht genug, um gewöhnt zu sein. Wir sitzen so selbstverständlich, von einander verschieden. Bei uns werden in Abstellkammern Schätze verstaut. Ganze Rucksackladungen ungeahnter Reisen. Wie einholen, was nicht mehr wird. Du brauchst nur gegangen zu sein.

 

 

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