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Zeitzeugen

Patricia Cerda (2015)

Die Waschfrau, die Sie hier betrachten, bin ich, ich, die seit jenem Moment Unsterbliche … „Was tun Sie da?“, fragte er mich mit seinem fremdländischen Akzent. „Sehen Sie das nicht?“, erwiderte ich, „na, Wäsche waschen, was denn sonst?“

„Darf ich fragen, wie Sie heißen?“

„Eulalia“, antwortete ich und spielte die Schüchterne. Er wirkte wie ein gutmütiger Herr, frisch eingetroffen aus einer anderen Welt.

„Sehr erfreut, Eulalia, ich bin Don Juan Mauricio, ich bin Maler. Würden Sie mir erlauben, Sie zu malen, während Sie Wäsche waschen?“

„Meinetwegen gern, aber das müssen Sie erst mit meiner Herrin besprechen, weil ich darüber nicht allein entscheiden kann.“

 

Mama wollte alles haarklein erfahren. Als ich ihn ihr beschrieb, hatte sie keinerlei Zweifel, dass es sich um den Maler handeln musste, der drei Tage zuvor aus Deutschland angereist war. Sie brach in schallendes Gelächter aus, als ich ihr erzählte, dass er ein Bild von mir malen wollte. Am nächsten Morgen, ich hatte soeben Wasser aufgesetzt, um mir einen Mate zu machen, kam mein Cousin Jacinto hereingestürzt, ganz außer Atem, weil „Frau Elisita“ ihn geschickt hatte, um mich zu holen …

 

… Alles war makellos und aufgeräumt für den Besuch des Malers. Auf dem Esstisch lag eine nagelneue Häkeldecke.

„Hallo, Eulalia, setz dich eine Minute, ich möchte dich etwas fragen“, sagte Frau Elisa mit einer Miene, in der durchaus Verachtung lag, was immerhin auf Gegenseitigkeit beruhte … Ruhig Blut, sagte ich mir und setzte mich auf einen Hocker.

„Erzähl mir mal, was gestern am Bach passiert ist und womit du den Maler so tief beeindruckt hast.“

„Nichts ist passiert, Frau Elisa, ich habe ja kaum mit ihm gesprochen.“

„Jetzt will er ein Bild von unserem Anwesen malen, mit dir beim Wäsche waschen.

„Die Stelle ist auch wirklich sehr schön“, unterbrach ich sie.

„Wo genau befindet sie sich?“

„Den Pfad hinunter, der auf die Straße zu den Indios führt, und dann vor dem Eichenwäldchen gleich rechts“, erklärte ich vage.

Frau Elisas Stimme nahm einen mahnenden Ton an …

„Und dass du mir ja manierlich bist! Ich will keine Klagen von Don Juan Mauricio über dich hören.“

„Ja, Frau Elisa, keine Sorge“, erwiderte ich und dachte: Aber klar doch, du blöde Zicke, als ob ich die Ratschläge einer ollen Häkeltante bräuchte.

 

Als ich am folgenden Tag gegen fünf Uhr nachmittags, nachdem die größte Hitze vorbei war, zum Bach hinunterging, war er bereits dort. Er suchte lange nach einer geeigneten Position für die Staffelei und holte gleich darauf seine Pinsel, Paletten und Farbtuben aus dem Koffer … Er schien mit Begeisterung bei der Sache zu sein. Er blickte mich an, aber ohne mich zu sehen … Zwei Tage später stand die Staffelei an einer anderen Stelle, etwas näher. Dort stellte er sie in den folgenden drei Wochen wieder und wieder auf, so lange brauchte er, um das Bild zu malen. Diesmal kostete es mich keinerlei Anstrengung zu arbeiten, als wäre nichts. Ich vergaß seine Anwesenheit völlig, bis er mich fragte, ob ich sehen wolle, wie weit er gekommen war … Aber viel gab es noch nicht zu sehen. Der größte Teil des Gemäldes existierte bisher nur in seinem Kopf oder vielleicht nicht einmal dort  …

„Aber es fehlt noch eine Menge“, sagte ich.

„Malen braucht Zeit“, versetzte er. „Malen verträgt keine Eile. Man muss das Motiv nach und nach herausarbeiten, es langsam auf die Leinwand bringen.“

„Klar, ist ja auch für die Ewigkeit“, erwiderte ich.

Er quittierte meinen Kommentar mit einem Lächeln, was ich als Zustimmung empfand … Als ich fertig war, im Vorbeigehen, konnte ich nicht umhin, ihm zu sagen: „Sie sind ein sehr freundlicher Mensch. Meine Mama meint, Sie seien der netteste Besuch, den Santa Clara je hatte.“

„Wer ist Ihre Mama?“

„Petronila, die Köchin.“

„Ah ja, die Frau mit den lebhaften Augen.“

 

Ich wollte Mama gleich bei meiner Rückkehr erzählen, was er über sie gesagt hatte, doch dafür war keine Zeit … „Her mit dem Korb und ab nach Hause! Ich erkläre es dir später.“ Als wir am Abend den letzten Mate des Tages schlürften, begriff ich, was los war. Die jungen Herrinnen wollten wissen, wo sich der Ort befand, an dem ich gemalt wurde. Meine Mama sagte, den kenne sie nicht, was ja stimmte …

„Dann sag Eulalia, wenn sie die Wäsche bringt, soll sie in den Salon kommen“.

Das glaubst auch nur du, dachte Mama und richtete es mir nicht aus.

In dieser Nacht schlief ich zwischen Sorge und Glück ein. Die jungen Herrinnen verstanden den Ernst der Lage, was es bedeutete, dass ich gemalt wurde, und nicht sie, dass ich es war, die unsterblich sein würde, ich, Eulalia, und nicht Dolores oder Socorro oder Rosario. Am nächsten Tag, nachdem meine Mutter gegangen war, besuchte mich Ángel, dieser Prachtkerl. Wir hatten uns seit über zwei Wochen nicht gesehen. Wir blieben lange zusammen, saßen zuerst auf dem Bett, legten uns dann hin, liebkosten und genossen einander, denn Ángel hatte mich längst gelehrt, was gut im Leben ist, bis er irgendwann dann doch das Thema anschnitt …

„Was hat es eigentlich damit auf sich, dass du gemalt wirst?“

„Er benimmt sich sehr korrekt mir gegenüber“, schickte ich vorsichtshalber voraus.

„Ich weiß, ich habe euch gestern zugeschaut.“

„Heimlich?“

„Ja, heimlich.“

„Ich habe dich gar nicht bemerkt.“

„Natürlich nicht, deshalb habe ich mich ja versteckt. Wenn ich gewollt hätte, dass du mich siehst, hätte ich mich nicht versteckt.“

 

Mittlerweile begeisterte mich meine Rolle als Malermodell. Ich fühlte mich bedeutend, als Teil von etwas Besonderem, etwas, das ich zwar nicht recht begriff, aber das war mir egal; wer versteht schon die Rätsel des Lebens? Diesen Tag widmete er sich ausschließlich meinem Gesicht. Er kam mir häufig sehr nahe. Noch nie hatte mich jemand so angesehen …

 

„Sprich nicht von dem Bild, es verdirbt mir nur die Laune“, sagte meine Mama. „Die jungen Herrinnen lassen dir ausrichten, dass sie dich morgen erwarten. Sie wollen dich besser kennenlernen, sagen sie, weil der Maler so viel Gutes über dich erzählt hat.“

So ein Aufstand, bloß weil ich gemalt wurde! Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern, die Rollen waren vergeben. Durch puren Zufall würde ich die einzige Person von Santa Clara sein, deren Abbild für immer festgehalten war. Alles andere würde vergehen. Die Herren würden schnurstracks und ohne Umweg in der Versenkung verschwinden, und Santa Clara würde zu einem Kaff mit einem Durchgangsbahnhof für die Züge von Norden nach Süden und umgekehrt. Nicht einmal Rauch würden sie hinterlassen, geschweige denn angenehme Erinnerungen. Nein, sagte ich mir, mich konnten diese vergänglichen Herrinnen nicht einschüchtern. Ängstlich war ich nie. Mit diesen Gedanken schlief ich ein und erwachte am Morgen überzeugter denn je, dass ich nicht zu ihnen gehen würde. Während ich meinen Mate aufgoss, fiel mir ein Hinderungsgrund nach dem anderen ein … Ich werde mir ihr falsches Lächeln nicht mehr gefallen lassen. Ich habe nicht vor, ihnen weitere Vorwände zu liefern, um über mich herzuziehen. Sollen sie sich in ihrem Neid suhlen; es ist immer noch besser, Neid zu erwecken als zu empfinden. Sie behaupten, sie wollten mich besser kennenlernen. Und dabei wollen sie sich nur überlegen fühlen, mich verleumden. Aber das wird ihnen nicht gelingen. Statt zum Haus ging ich zum Sägeschuppen, um meinen Ángel zu sehen. Er nahm mich mit in das Wäldchen hinter dem Sägeschuppen … Es gibt nichts Besseres gegen Kummer als einen Mann, der glüht wie ein Himmel voll roter Wolken (hörte ich einen beliebten Dichter sagen). Wir schlenderten durch den Wald, mit zärtlichen Pausen, Händchen hier, Händchen da, entfernten wir uns vom Rest der Welt … Schließlich sanken wir ins weiche Moos und trösteten uns über alles hinweg: die Wut, den Neid, die Bosheit, die Armut …, es gab so vieles zur Seite zu schieben für eine kleine Weile der tiefen Seufzer, aneinander geschmiegt in der Geborgenheit der Natur und ihrer Melodien aus Wasser und Wind.

 

Über die Schmähung wurde nicht viel geredet, aber meine Mutter musste schwer dafür büßen. Sie fingen an, sie wegen allem anzuschreien. Beim Fünf-Uhr-Imbiss, während der Maler mit mir am Bach war und sein Werk vollendete, nahmen die Tischgespräche immer rauere Töne an. Frau Elisa und ihre Töchter lachten schallend über die Schnapsidee des deutschen Malers, ein Bauerntrampel zu malen … „In Chile“, sagte Rosario, laut genug, damit Mama es bis in die Küche hören konnte, „würde sich kein Mensch das Bild einer schlitzäugigen, lausigen Magd an die Wand hängen.“ Der schlimmste Moment für Mama war, als sie hörte, dass Herr Anselmo den Maler bitten wollte, ihm das Bild zu verkaufen, um es zu verbrennen, damit das Gezeter ein für alle Mal ein Ende habe. An dem Tag, an dem ich mich zum letzten Mal mit dem Maler treffen sollte, kam ich niedergeschlagen zum Bach. Wenn also Herr Anselmo das Bild kaufte, wäre die ganze Mühe umsonst gewesen. Wie auch immer, ich nahm meine gewohnte Position ein und begann zu waschen. Als ich sah, mit welcher Besessenheit der Maler sein Bild beendete, bekam ich sogar Mitleid mit ihm. Der arme Kerl hatte ja keine Ahnung, in was er hier hinein geraten war …

 

… Am folgenden Tag, als Johann Moritz Rugendas verkündete, dass er das Werk dem Präsidenten der Republik schenken wollte, um sich für die Gastfreundschaft  des Landes zu bedanken, hörte man nur das Summen der Fliegen im Speisezimmer. Bei der abendlichen Familienzusammenkunft veranstaltete die Herrschaft ein Riesentheater. Sie befanden das Bild für wunderschön und die Landschaftsdarstellung ihres Anwesens für sehr gelungen. Noch nie hatte ich mich so fehl am Platz gefühlt, aber meine Mama war im siebten Himmel. Ab und zu schien sie auch besorgt daran zu denken, was wohl am nächsten Tag geschehen würde, wenn der Maler aufgebrochen wäre, doch darüber sprachen wir nicht in diesem Moment.

 

… Eine Minute nachdem Rugendas’ Kutsche hinter den Pappeln verschwunden war, forderte Frau Elisa meine Mutter und mich auf, mit ihr in den Salon zu kommen, weil sie uns etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Sie kam direkt zur Sache … „Eulalia, es ist besser, du suchst dir eine andere Bleibe.“ Das war das letzte Mal, dass ich ihre Kommandostimme hörte. Meine Mutter schwieg, sah mich nur an und fing an zu weinen. Ich beschwichtigte sie und sagte ihr, sie müsse sich keine Sorgen machen, alles würde gut … Mit einer langen, langen Umarmung nahm ich in der Küche Abschied von ihr und ging dann zu unserem Häuschen, um meine Sachen zu packen. Das ist schon ziemlich lange her. Seither hat sich vieles verändert. Die Pappelallee, die zum Herrenhaus von Santa Clara führte, gibt es nicht mehr. Auch Santa Clara gibt es nicht mehr. An die Herrschaften will sich niemand mehr erinnern. Die Zeit hat alles ausgelöscht. Nur dieses Bild ist noch da. Manchmal höre ich den Kommentaren meiner Betrachter aufmerksam zu … Sie sagen, Künstler sähen die Welt mit anderen Augen. Künstler, sagen sie, sind wie Zauberer, sie bringen die verborgene Seite der Dinge ans Licht und bewahren sie für die Ewigkeit.

 

Ich bin die, die dort wäscht. Ich bin und werde immer sein. Bis heute kann ich es kaum fassen.

 

Gekürzte Fassung

Übersetzung aus dem chilenischen Spanisch: Petra Zickmann

Quelle: alba08, herausgegeben durch den Verein für Kulturaustausch Lateinamerika-Deutschland: alba.lateinamerika lesen e.V.

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