{"id":17963,"date":"2022-03-25T09:49:28","date_gmt":"2022-03-25T08:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=eventkrake_artist&#038;p=17963"},"modified":"2022-03-25T13:02:50","modified_gmt":"2022-03-25T12:02:50","slug":"manfred-retzlaff","status":"publish","type":"eventkrake_artist","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/artist\/manfred-retzlaff\/","title":{"rendered":"Manfred Retzlaff"},"content":{"rendered":"<p>Manfred Retzlaff (4.11.1938 \u2013 1.6.2018) \u00fcbertrug und adabtierte in seiner Lebenszeit Poesie aus dem Deutschen, Griechischen, Lateinischen, Polnischen, Russischen, Englischen, D\u00e4nischen, um nur einige zu nennen, in die Plansprache Esperanto.<\/p>\n<p>Sprachen haben Manfred schon seit seiner Kindheit interessiert, in der Schule hatte er bereits einen Zweig mit Latein und Alt-Griechisch gew\u00e4hlt. Die Nachkriegszeit sah zwar eine andere Profession f\u00fcr ihn vor, doch zeitlebens blieb sein Interesse f\u00fcr Sprachen. Vor jeder Auslandsreise stand der Versuch, sich mit der jeweiligen Landessprache anzufreunden und sie zumindest ein wenig zu sprechen.<\/p>\n<p>1972 schlie\u00dflich lernte er die Sprache kennen, der fortan seine gr\u00f6\u00dfte Begeisterung galt: Esperanto. Diese Sprache war f\u00fcr ihn eine Offenbarung, nicht nur wegen ihrer Rolle als Br\u00fccke zwischen den Menschen, sondern vor allem wegen ihres Reichtums an Formen und Ausdrucksm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Anfangs war Esperanto f\u00fcr ihn einfach ein Kommunikationsmittel, um Freunde weltweit \u2013 und auch seine Frau Thea, meine Mutter \u2013 kennenzulernen, doch 1976 wurde es zudem literarische Ausdrucksform. Zun\u00e4chst fing er an, Kinder- und Gute-Nacht-Lieder f\u00fcr meine beiden Schwestern und mich zu \u00fcbertragen. Jedes Pixi-Buch und obligatorisch nat\u00fcrlich f\u00fcr mich Wilhelm Buschs Bubengeschichte &#8222;Max und Moritz&#8220; hatte winzig klein, in akkuraten Bleistiftlettern eine \u00dcbertragung in Esperanto auf seinen Seiten. Manchmal gar zwischen den Originalzeilen notiert, wenn sonst kein Platz zu finden war.<\/p>\n<p><em>\u00dcbertragungen von Gedichten<\/em><\/p>\n<p>Nach und nach, als wir \u00e4lter wurden, wandte Manfred sich auch bekannteren deutschen Dichtern zu. Schlie\u00dflich fing er vorsichtig an, anderssprachige Gedichte aus immer mehr Sprachen zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Viel Wert legte er darauf, Gedichte nicht nur inhaltlich zu \u00fcbertragen, sondern auch f\u00fcr Form, Sprachausdruck und Rhythmus eine Entsprechung zu finden, die selbstredend dem Originaltext, aber auch der Sprache Esperanto mit ihren Eigenheiten gerecht w\u00fcrde. So waren ihm Auslassungen von Silben besonders Endungen, um ein Versma\u00df zu erreichen, ein Dorn im Auge, da diese in seinen Augen zu sehr den Charakter des Esperanto verf\u00e4rben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Einzelne Verse hat er unz\u00e4hlige Male neu \u00fcbersetzt, immer wieder abgewandelt und geschliffen, bis Versma\u00df und Rhythmus gefunden waren. Es war seine Leidenschaft, und Geschwindigkeit kein relevantes Kriterium. Gartenarbeit war die Monotonie genommen, wenn neben dem K\u00f6rper auch der Geist eine Besch\u00e4ftigung hatte. Auf einem Baumstumpf lag meist ein kleines Notizb\u00fcchlein, und hin und wieder, nachdem ein paar \u00c4ste dem H\u00e4cksler zugef\u00fchrt waren, wurde auch dem Buch ein Vers hinzugef\u00fcgt oder ersetzt.<\/p>\n<p>In etwa vierzig Jahren sind \u00fcber vierhundert \u00dcbertragungen entstanden, die er stets unter seinem Esperanto-Namen Manfredo Ratislavo gef\u00fchrt hat. Auf www.poezio.net sind 275 dieser \u00dcbertragungen neben den Originaltexten (so vom Urheber oder deren Erben autorisiert) zu finden. 2003 hatte ich ihm diese Online-Gedichtdatenbank erstellt und 2010 noch einmal \u00fcberarbeitet. Eigentlich zun\u00e4chst nur, damit seine eigenen \u00dcbertragungen gr\u00f6\u00dferes Publikum finden, doch war Manfred mit seinen \u00dcbertragungen, die er selbst immer nur als Versuche tituliert hat, zur\u00fcckhaltend und bescheiden, und so wollte er seine eigenen \u00dcbertragungen nicht exponiert wissen, sondern sie m\u00f6glichst immer neben denen von anderen Autoren und \u00dcbersetzungen in andere Sprachen stellen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Es waren eben Sprachen, die ihn fasziniert haben, besonders, wenn durch Poesie bis an ihre Grenzen ausgereizt.<\/p>\n<p>Als Zeugnis finden sich auf www.poezio.net nun insgesamt 906 Gedichte, von denen Manfred Retzlaff 275 \u00fcbertragen hat, neben 761 \u00dcbertragungen vieler anderer Autoren. Von dem Gedicht &#8222;Ho, mia kor'&#8220;<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> des Begr\u00fcnders von Esperanto, Ludwig Lazarus Zamenhof, finden sich gar zehn Versionen neben dem Original und Heinrich Heines &#8222;Lorelei&#8220;<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> steht immerhin neben neun \u00dcbertragungen. Insgesamt sind 22 Sprachen vertreten.<\/p>\n<p><em>Hinterlassene Sch\u00e4tze<\/em><\/p>\n<p>Ein Epos ist unter all den Gedichten in der Datenbank versteckt: &#8222;Dreizehnlinden&#8220;<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref4\"><sup>[5]<\/sup><\/a> von Friedrich Wilhelm Weber. Es war das einzige gr\u00f6\u00dfere Werk, an das sich mein Vater gewagt hat. Das gesamte Epos in 25 Ges\u00e4ngen im vierf\u00fc\u00dfigen Troch\u00e4us hatte er bereits vor Jahren \u00fcbertragen, doch f\u00fcr Poezio.net wollte Manfred es noch einmal \u00fcberarbeiten und sicherstellen, dass alles seinen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgt, bevor es die \u00d6ffentlichkeit zu sehen bekommen sollte. Dies ist ihm nur noch mit den ersten 11 Kapiteln gelungen. Die anderen 14 Kapitel mussten un\u00fcberarbeitet bleiben, und ich ringe mit der Frage, was wir mit diesem Nachlass tun sollen. So ist das Rate-Bilderbuch &#8222;ABC de la bestoj&#8220;<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref4\"><sup>[6]<\/sup><\/a> das einzige Buch geblieben, das zu seinen Lebzeiten in Kooperation mit Guido Brandenburg als physisches Buch erschienen ist.<\/p>\n<p><em>Max-Gerd Retzlaff<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manfred Retzlaff (4.11.1938 \u2013 1.6.2018) \u00fcbertrug und adabtierte in seiner Lebenszeit Poesie aus dem Deutschen, Griechischen, Lateinischen, Polnischen, Russischen, Englischen, D\u00e4nischen, um nur einige zu nennen, in die Plansprache Esperanto. Sprachen haben Manfred schon seit seiner Kindheit interessiert, in der Schule hatte er bereits einen Zweig mit Latein und Alt-Griechisch gew\u00e4hlt. 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