{"id":12828,"date":"2020-09-04T14:34:47","date_gmt":"2020-09-04T12:34:47","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?p=12828"},"modified":"2023-11-02T17:01:51","modified_gmt":"2023-11-02T16:01:51","slug":"texttransit-ein-multilingualer-schreibkurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/texttransit-ein-multilingualer-schreibkurs\/","title":{"rendered":"TextTransit: Ein multilingualer Schreibkurs"},"content":{"rendered":"<p>TextTransit: Ein sprachoffener Schreibkurs in Berlin. Zwei Erfahrungsberichte<\/p>\n<p><em>In der Schreibgruppe TextTransit des Studierendenwerks Berlin arbeiten verschieden sprachige oder interkulturell interessierte Studierende unter der Leitung von unterschiedlichen Autor*innen an ihren Texten. Im Sommersemester 2020 wurde der Kurs von der Berliner Schriftstellerin Franziska Hauser geleitet.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Gruppe ist offen f\u00fcr Autor*innen, die andere Sprachen als Deutsch sprechen und schreiben oder die als Nichtmuttersprachler*innen auf Deutsch ihre literarischen Texte verfassen wollen. Mehr Informationen: <a href=\"https:\/\/www.stw.berlin\/kultur\/projekte\/literatur.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.stw.berlin\/kultur\/projekte\/literatur.html<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mehrsprachig schreiben<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Letztens wurde ich gefragt, wie es ist, mehrsprachig zu schreiben. Es fiel mir zuerst keine gute Antwort auf die Frage ein, weil ich mich eher fragen w\u00fcrde: Wie w\u00e4re es, <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">nur in einer <\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">Sprache zu schreiben?\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Schon im Haus, in dem ich aufgewachsen bin (und ich geh\u00f6re der wurzellosen Spezies an, die das nicht unbedingt Zuhause nennt), beendete \u201eGood night!\u201c einen Tag, an dem ansonsten ausschlie\u00dflich Franz\u00f6sisch zu h\u00f6ren war. Am Telefon mit meiner schottischen Gro\u00dfmutter h\u00f6rte ich meines Vaters \u201eaccent \u00e0 couper au couteau\u201c und die Akzente meiner Schwestern, hybrid und unzuschreibbar, sowie meinen. Doch war damals Franz\u00f6sisch meine Muttersprache oder, um genauer zu sein, meine Vatersprache. Ich las oder schrieb kaum auf Englisch und wollte mit meiner Mutter nicht in ihrer Heimatsprache sprechen, was ich bis heute nicht wirklich erkl\u00e4ren kann.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Erst sp\u00e4ter nahm Englisch eine wesentliche Rolle in meinem Leben ein, als ich Sch\u00fclerin in einem internationalen Gymnasium war und schlie\u00dflich in England mein Studium abschloss. Dann kam Deutsch, eine Sprache, die ich als Teenager zu lernen angefangen hatte, aber mit schwacher Begeisterung und ohne jemals daran zu denken, dass sie einen Gro\u00dfteil meines Alltags ausmachen w\u00fcrde. Die drei Sprachen sind mit bestimmten Teilen meines Lebens verbunden, aber ich kann sie nicht so einfach nach Identit\u00e4ten, Gef\u00fchlen oder Pers\u00f6nlichkeit trennen. Bei mir sind sie eher gleichwertig, und sie zu mischen ist f\u00fcr mich das Spontanste. Warum mal Englisch, mal Franz\u00f6sisch, mal Deutsch, ist schwierig zu rechtfertigen. Manchmal passt ein Wort einfach besser, ist sch\u00f6ner, hat eine genauere Bedeutung, oder funktioniert besser mit dem Rhythmus des Satzes. Manchmal sind bestimmte W\u00f6rter mit einem Ort oder einer Erfahrung verbunden, die ich nur in einer der Sprachen akkurat ausdr\u00fccken kann. Manchmal hat es auch eher mit Faulheit zu tun: Die W\u00f6rter kommen in einer Sprache schneller und so schreibe ich sie.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Frage wird zu einer ganz anderen, wenn es darum geht, mehrsprachig nicht nur f\u00fcr mich selbst zu schreiben, sondern auch f\u00fcr andere, die meine drei Sprachen oft nicht verstehen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Statt das als Problem zu betrachten, sehe ich in der \u201eUndeutlichkeit\u201c mehrsprachigen Schreibens vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten. Durch sie werden Ambivalenz, Fragmentation und die Schwierigkeit deutlich, etwas genau auszudr\u00fccken. Diese Elemente sind so oder so oft das Spannendste am literarischen Schreiben, was oft mit dem zu tun hat, was unerkl\u00e4rbar, unverstehbar bleibt, und nicht unbedingt effiziente Kommunikation sein muss.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Mehrsprachige Texte k\u00f6nnen auch besonders gut Differenz betonen. Wer verschiedene Stimmen, Perspektiven, Spannungen oder Harmonien, die dazwischen entstehen, erkunden will, findet in dem mehrsprachigen Schreiben ein hilfreiches Werkzeug. Verschiedene Sprachen zu verwenden dient auch dazu, \u00c4nderungen im Text sichtbar zu machen \u2013 ob das ein Handlungssprung ist oder eine Ver\u00e4nderung im Tempo oder in der Melodie.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nicht-Muttersprachler*innen entwickeln andere Zug\u00e4nge zu Sprachen, die nicht die \u201eeigene\u201c sind. Diese k\u00f6nnen zum Beispiel zu einer erh\u00f6hten Sensibilit\u00e4t f\u00fcr den Klang von Worten oder die Eigenheiten der Grammatik f\u00fchren. Eine Autorin, die damit spielerisch umgeht, ist die Japanisch-Muttersprachlerin Yoko Tawada, deren Werke die Absurdit\u00e4ten der deutschen Sprache liebevoll reflektieren. Eine Nicht-Muttersprache kann auch ein emanzipatorischer Raum sein, um sich von literarischen sowie gesellschaftlichen Normen zu befreien. So war es Franz\u00f6sisch f\u00fcr die Englisch-muttersprachige Dichterin Ren\u00e9e Vivien. In ihren \u00dcbersetzungen von Sapphos Fragmenten und ihrer eigenen Werke nutzte sie Franz\u00f6sisch, um die lesbische Liebe auszudr\u00fccken \u2013 das Begehren und die sexuellen Erfahrungen, wof\u00fcr es im literarischen Kanon kaum eine Sprache gab.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Mehrsprachigkeit und die einzigartige Vielfalt, eine Sprache zu gestalten, er\u00f6ffnet zweifellos neue M\u00f6glichkeiten, die Welt anders darzustellen oder zu sehen und schafft Raum f\u00fcr Alternativen und Explorationen. Yet in some places I\u2019ve lived, being multilingual is perceived as an act of snobbery. It was never my choice, but I do not know what language I dream in. That which, as a child, I perceived as a curse, which marked me apart, I now see as a blessing. Les couleurs n\u2019en sont pas moins vives, les sons pas moins clairs, un effleurement pas moins ressenti. Et rien de tout cela ne pourra jamais \u00eatre absolument partag\u00e9.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><em>Giselle Bernard\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein multilingualer Schreibkurs<\/strong><\/p>\n<p>Mein Leben spricht schon lange nicht mehr nur Deutsch: Morgens in der Uni (beziehungsweise zurzeit im Online-Seminar) erkl\u00e4rt mir mein Professor seine Theorie auf Englisch; nachmittags erz\u00e4hlt mir mein Freund er habe einen \u201erastrello\u201c gekauft, das deutsche Wort \u201eHarke\u201c kennt er noch nicht; abends lacht vielleicht meine Tandem-Partnerin \u00fcber meine arabische Aussprache oder ich schreibe eine Mail auf Esperanto.<\/p>\n<p>So multilingual mein Alltag, so wenig habe ich alle diese Sprachen f\u00fcr das literarische Schreiben genutzt. Von einigen kleinen Versuchen abgesehen, bin ich, was Kurzgeschichten und Gedichte angeht, an meiner Muttersprache kleben geblieben. Am Konzept der multilingualen Schreibgruppe des Studierendenwerks Berlin hat mich daher gereizt, Mut und Motivation zu finden, Texte auf Englisch, Spanisch oder Esperanto zu schreiben. Nicht erwartet habe ich, dass ich durch diese Erfahrung stattdessen meiner Muttersprache n\u00e4herkommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Drei deutsche Muttersprachlerinnen sowie drei Teilnehmende aus Frankreich, Russland und der T\u00fcrkei hatte Autorin und Leiterin Franziska Hauser f\u00fcr die Schreibgruppe TextTransit ausgew\u00e4hlt. Jede von uns spricht mehrere Sprachen. Trotzdem wurden die meisten Texte auf Deutsch und Englisch verfasst. Vermutlich lag das vor allem daran, dass sich die jeweiligen Sprachkenntnisse nicht immer \u00fcberschnitten. Ein Text auf T\u00fcrkisch beispielsweise klingt in meinen Ohren sch\u00f6n, aber dessen literarische Qualit\u00e4t kann ich nicht beurteilen. Vor allem f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen Studierenden wurde Englisch daher zu einer sprachlichen Br\u00fccke, zu einem Mittelweg zwischen der Muttersprache und dem vielleicht noch unsicheren Deutsch.<\/p>\n<p>Kann eine Schreibgruppe, welche sich zumeist auf zwei Sprachen beschr\u00e4nkt noch als multilingual bezeichnet werden? Meiner Meinung nach, ja. Denn durch diese Gruppe habe ich gelernt, dass sich Multilingualit\u00e4t nicht unbedingt durch die Verwendung verschiedener Sprachen auszeichnet, sondern auch durch verschiedene Arten, dieselbe Sprache zu nutzen. Nat\u00fcrlich ist die Dominanz des Englischen zu hinterfragen, vor allem wenn dadurch andere Sprachen verdr\u00e4ngt werden. Doch was mir die multilinguale Schreibgruppe gezeigt hat, ist, wie vielf\u00e4ltig eine einzige Sprache sein kann und wie unsere Beziehung zu dieser Sprache den Schreibprozess beeinflusst.<\/p>\n<p>So erkl\u00e4rt meine Mitschreibende Ira aus Russland: \u201eDa Englisch nicht meine Muttersprache ist, bin ich st\u00e4ndig im Prozess des Lernens. Manchmal h\u00f6re ich einfach nur einen Satz, der mir auff\u00e4llt, und ich fange an zu \u00fcberlegen, wer das wann, wie, wo so sagen k\u00f6nnte. So kann ich aus einem einfachen Satz einen Charakter erfinden. Ich glaube, solche Aufmerksamkeit hat niemand f\u00fcr seine Muttersprache.\u201c Giselle dagegen schreibt am liebsten auf \u201eFranglisch\u201c. Sie spickt etwa einen englischen Text mit Abs\u00e4tzen auf Franz\u00f6sisch. Obwohl ich kaum ein Wort Franz\u00f6sisch spreche, verstehe ich die Geschichte. Ich muss nicht die genaue \u00dcbersetzung der W\u00f6rter kennen. Die Wirkung ihres Textes entsteht auch durch den Kontrast der Melodien beider Sprachen. Diese Spannungen oder Harmonien, welche sich aus der Mischung von Englisch und Franz\u00f6sisch ergeben, sind f\u00fcr Giselle besonders interessant.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die deutschen Muttersprachler*innen war Englisch ein wichtiges Werkzeug innerhalb der Schreibgruppe. So haben wir zum Beispiel zehn verschiedene deutsche \u00dcbersetzungen f\u00fcr des letzten Satzes aus &#8222;The Great Gatsby&#8220; mit dem englischen Original verglichen. Welches Wort trifft nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Stimmung des Originals? Wie genau kann der Rhythmus des Satzes ins Deutsche \u00fcbertragen werden? Erst durch eine solche \u00dcbung wurden mir Unterschiede zwischen den beiden Sprachen deutlich, welche ich vorher nie n\u00e4her untersucht hatte. Dabei kann es auch interessant sein, sich f\u00fcr die deutsche Sprache vom englischen Satzbau etwas abzuschauen oder umgekehrt, wie uns Franziska Hauser erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich haben wir die englische Sprache auch verwendet, wenn doch einmal ein deutsches Wort unklar war. Doch oftmals kommt man damit an seine Grenzen. Was ist zum Beispiel \u201eKehricht\u201c? Wie definiert man \u201everwahrlost\u201c? Nie habe ich mich mit dem Deutschen so intensiv auseinandergesetzt wie im Austausch mit Nichtmuttersprachler*innen. Das bedeutete auch zuzuh\u00f6ren, wenn ein deutscher Text erstmal falsch oder unangenehm klingt. Denn oft ist es sehr inspirierend, wie Menschen, die nicht mit Deutsch aufgewachsen sind, neue W\u00f6rter verwenden.<\/p>\n<p>Einen fremdsprachigen Text habe ich immer noch nicht geschrieben. Stattdessen habe ich erkannt, dass Einsprachigkeit auch Mehrsprachigkeit bedeuten kann, wenn wir eine Sprache zu unserer ganz eigenen machen. Und dass Nichtmuttersprachler*innen einem so viel \u00fcber die eigene Sprache beibringen k\u00f6nnen. Mit dieser Erkenntnis im Kopf traue ich mich vielleicht dann auch mal an eine fremdsprachige Kurzgeschichte.<\/p>\n<p><em>Christina Focken<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12829 size-medium\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/GruppenfotoTextTransit2-500x322.jpeg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/GruppenfotoTextTransit2-500x322.jpeg 500w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/GruppenfotoTextTransit2-1024x660.jpeg 1024w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/GruppenfotoTextTransit2-768x495.jpeg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/GruppenfotoTextTransit2-469x302.jpeg 469w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/GruppenfotoTextTransit2.jpeg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p>Franziska Hauser mit der Schreibgruppe TextTransit<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TextTransit: Ein sprachoffener Schreibkurs in Berlin. 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