{"id":24220,"date":"2025-07-03T13:10:00","date_gmt":"2025-07-03T11:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?p=24220"},"modified":"2025-07-03T13:14:28","modified_gmt":"2025-07-03T11:14:28","slug":"interview-mikaella-clements","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/interview-mikaella-clements\/","title":{"rendered":"&#8222;I hope it can still do something meaningful&#8220; \u2013 Interview mit Mikaella Clements"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Im Nachgang zum <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/event\/parataxe-symposium-xvi\/\">PARATAXE Symposium XVI = Antipoden: Down under in Berlin &#8211; die australischen und neuseel\u00e4ndischen Autor*innen Berlins<\/a>, haben wir ein Interview mit <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/artist\/mikaella-clements\/\">Mikaella Clements<\/a> gef\u00fchrt, einer Teilnehmerin des zweiten Panels HOME &#038; AWAY. Berlinisches Schreiben zwischen Austalgie und Expatriotismus. Angesichts des zunehmenden Konservatismus auf der ganzen Welt sprachen wir dar\u00fcber, wie Queerness und queere Identit\u00e4ten in ihrem Werk, vor allem in ihrem zweiten Roman <\/em>Feast While You Can<em> auftauchen und inwiefern queere Medien den feindlichen politischen Narrativen entgegenwirken k\u00f6nnen. Das Interview f\u00fchrte Fedora Scheffen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><br>Was ist der wichtigste Aspekt bei der Erschaffung einer queeren Figur: ist es ihre Queerness, die Figur in ihrer Vollst\u00e4ndigkeit oder etwas ganz anderes?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist eine sehr gute Frage. F\u00fcr mich sind sie, wahrscheinlich weil ich selbst queer bin, sehr eng miteinander verbunden. Es ist schwer auszumachen, welche Teile meiner Pers\u00f6nlichkeit und meiner Art von meiner Queerness beeinflusst werden und welche auch so existiert h\u00e4tten. Wenn ich also queere Figuren erschaffe, ist dies ein integraler Part ihrer Identit\u00e4t. In <em>Feast While You Can<\/em> hat es mir besonders gut gefallen zwei queere Charaktere zu schaffen die sich im Grunde sehr \u00e4hnlich sind: beide lesbisch, beide BiPoc und aus kleinen D\u00f6rfern. Den Fokus habe ich allerdings darauf gelegt, wie verschieden sie dennoch sind. Queerness setzt nicht eine einzige Erfahrung voraus, sondern erm\u00f6glicht viele verschiedene. Sogar in unserem ersten Roman, <em>The View Was Exhausting<\/em>, in dem ein heterosexuelles Paar im Vordergrund steht, wurde mir von queeren Lesern gesagt, dass zu sp\u00fcren w\u00e4re, dass er von einer queeren Person geschrieben wurde. Die queere \u00c4sthetik kommt in der Struktur durch und das ist unvermeidbar.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wo bekommst du die Inspiration f\u00fcr deine queeren Charaktere? Stammt sie von queeren Medien oder von realen Personen aus deinem Leben?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beides ist der Fall. Ich finde, dass viele Autor:innen wie Elstern sind, wir sehen etwas gl\u00e4nzen und wir folgen der Spur. Eine fr\u00fche Inspiration f\u00fcr <em>Feast While You Can<\/em> stammte aus dem Film <em>10 Things I Hate About You<\/em> (1<em>0 Dinge, die ich an dir hasse<\/em>). Dort gibt es eine Szene, in der sich Heath Ledger und die j\u00fcngere Schwester einen sehr geladenen Blick entgegen werfen, obwohl sie noch nicht so viel interagiert haben. Meine Frau und ich haben das gesehen und uns gedacht: \u201cWas, wenn die beiden lesbisch w\u00e4ren?\u201d Dieser etwas subtile, emotional geladene Moment hat wirklich etwas ausgel\u00f6st. Ich bin auch in einer Zeit aufgewachsen, in der es sehr wenig queere Repr\u00e4sentation gab. So viele der Liebesgeschichten, die ich in meiner Kindheit toll fand, waren heterosexuell gepr\u00e4gt, aber es gab in ihnen Dynamiken, die ich als queerer aufgefasst habe, als sie wahrscheinlich beabsichtigt waren. Das hat mir sehr viel gegeben. Manchmal sind Charaktere auch inspiriert von Leuten, die ich getroffen habe. Eine Figur in unserem neuen Buch ist frei nach einer Person inspiriert, die wir mal vor einem Jahrzehnt gekannt haben. Es kann schon sehr inspirierend f\u00fcr ein charakterliches Detail sein, wenn man jemanden in einem fantastischen Outfit auf einer Party sieht. Berlin besonders ist voller queerer Menschen. \u00dcberall gibt es Inspiration.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Du hast in verschiedenen St\u00e4dten gelebt. Wie haben diese verschiedenen Orte deine Erfahrungen mit queeren Gemeinschaften beeinflusst?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin an verschiedenen Orten aufgewachsen, habe aber die letzten Jahre meiner Teenagerzeit und meine Jahre an der Universit\u00e4t in Melbourne verbracht, welches \u00e4u\u00dferst queer und besonders sehr lesbisch gepr\u00e4gt ist. Dort gab es diese gro\u00dfartige Energie von queeren Frauen, wie sie durch die Welt gehen. Dann habe ich ein paar Jahre mit meiner &#8211; damals &#8211; Freundin, jetzt Frau, in Bristol gelebt. Bristol ist sehr toll und artsy, aber die queere Szene dort war sehr klein und sehr m\u00e4nnlich gepr\u00e4gt. Als wir dann nach Berlin gezogen sind, hat es sich angef\u00fchlt, als w\u00fcrde man endlich irgendwo ankommen. Obwohl es kulturell und sprachlich anders war, hat es sich heimisch angef\u00fchlt und man war wieder von gleichgesinnten Personen umgeben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em>Feast While You Can<\/em> hast du gemeinsam mit deiner Frau, Onjulia Datta geschrieben. Wie funktioniert euer kollaborativer Schreibprozess?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir brauchen beim Schreiben Zeit. Viel Zeit verbringen wir damit, \u00fcber den Inhalt, also die Figuren, die Handlung und die \u00c4sthetik zu sprechen, bevor wir etwas zu Papier bringen. Wir sind gemeinsam besessen, als h\u00e4tten wir eine geheime Fangemeinde, die nur wir verstehen. Es ist, als h\u00e4tten wir eine dramatische Freundesgruppe, \u00fcber die wir st\u00e4ndig tratschen. Wenn es ans eigentliche Schreiben geht, wechseln wir uns szenenweise ab, ungef\u00e4hr in chronologischer Reihenfolge. Wir versuchen nicht, uns gegenseitig zu \u00fcberraschen und schreiben im Tandem. Darauf folgt eine enorme Menge an \u00dcberarbeitungen. Am Ende sind die Stimmen so vermischt, dass selbst wir oft nicht mehr sagen k\u00f6nnen, wer was geschrieben hat. Manchmal raten meine Schwestern, und in der Regel stammen ihre Lieblingszeilen von meiner Frau, was ich etwas beleidigend finde. Aber wir schreiben seit \u00fcber einem Jahrzehnt zusammen und unsere Stimmen sind sich sehr \u00e4hnlich geworden. Es ist unsere Version dessen, was manche Paare tun, wenn sie H\u00e4user renovieren oder Kinder kriegen. Wir schrieben B\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mir ist aufgefallen, dass queere Figuren oftmals auf eine einzige \u201eTrope\u201c reduziert werden. Wie denkst du \u00fcber das st\u00e4ndige Einbringen von Homophobie und dem \u201eComing-Out\u201c als dominantes Narrativ in queeren Medien?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wird vor allem dann stumpf, wenn es von Leuten wiederholt wird, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben.Offenkundige Homophobie l\u00e4sst sich leicht beschreiben und leicht erkennen. Mich interessieren aber mehr die subtilen, heimt\u00fcckischen Arten, wie sie sich zeigt. Zum Beispiel, wenn meine Frau und ich bei einem \u00e4lteren Verwandten sind und diese Person uns als \u201edie M\u00e4dchen\u201c bezeichnet. Es ist klar, dass sie das nicht sagen w\u00fcrde, wenn wir ein heterosexuelles Ehepaar w\u00e4ren. Es ist diese seltsame Art der Verkindlichung. Es gibt diese \u201cTropes\u201d in der queeren Literatur: Homophobie, die Coming-out-Geschichte. Ich kann nachvollziehen, warum sie so h\u00e4ufig vorkommen. Aber ich glaube auch, dass sich in den H\u00e4nden eines gro\u00dfartigen Autors alles wieder neu anf\u00fchlen kann. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Geschichten, und wir erz\u00e4hlen sie schon seit Tausenden von Jahren. Ich bin davon noch nicht gelangweilt. Als wir <em>Feast While You Can<\/em> geschrieben haben, waren die Charaktere Mitte zwanzig, bereits geoutet und sehr zufrieden mit ihrer Identit\u00e4t. Ich dachte: Das ist kein Coming-out-Buch. Ich dachte, ich h\u00e4tte nichts mehr zum Coming-out zu sagen, ich h\u00e4tte es ja schon vor 16 Jahren getan. Aber dann begann ich, ein Kapitel mit R\u00fcckblenden zu schreiben, und pl\u00f6tzlich sprudelten Tausende von W\u00f6rtern nur so aus mir heraus. Ich war \u00fcberrascht, wie sehr mir diese Erfahrung immer noch am Herzen lag. Also, ja, ich denke, es gibt noch einen Platz f\u00fcr solche Geschichten. Aber sie m\u00fcssen lebendig erz\u00e4hlt werden, nicht nach Schema F. Ein Coming-out ist kein gro\u00dfer Moment mit einem Happy End danach. Ich oute mich immer noch mehrmals pro Woche, je nachdem, wo ich bin und wie ich aussehe. Manchmal habe ich nicht einmal Kontrolle dar\u00fcber, ob ich mich oute. Diese Komplexit\u00e4t m\u00f6chte ich gerne erforschen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ich habe viel dar\u00fcber nachgedacht, wie Beziehungen mit Altersunterschied in queeren Medien manchmal romantisiert werden, beispielsweise in <em>Call Me by Your Name<\/em> oder <em>Carol<\/em>. Wie denkst du \u00fcber die Darstellung solcher Dynamiken in Literatur und Film?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist in letzter Zeit ein gro\u00dfes Thema in queeren Kreisen. Mein Eindruck ist: Ich lese Belletristik nicht als Leitfaden f\u00fcr ein ethisches Leben. Ein Buch erz\u00e4hlt eine Geschichte. Es gibt keine Anweisungen. Man kann diese Geschichten durchaus kritisieren, aber ich h\u00fcte mich davor, vorschnell zu sagen: \u201eWeil diese Beziehung problematisch ist, muss der Autor sie bef\u00fcrworten.\u201c Manchmal zitieren Leute etwas, was eine Figur zu mir gesagt hat, und ich muss sagen: \u201eDas war der B\u00f6sewicht.\u201c Nur weil eine Figur etwas sagt, hei\u00dft das nicht, dass ich es guthei\u00dfe. Ich mag chaotische Figuren. Ich mag Figuren, die schlechte Entscheidungen treffen oder unmoralisch handeln. Das hei\u00dft nicht, dass ich so leben m\u00f6chte wie sie. Es bedeutet nur, dass ich es genie\u00dfe, diese Dynamiken zu erforschen. Manchmal macht diese Spannung Belletristik erst interessant. Eine toxische Beziehung oder ein Machtungleichgewicht mag unangenehm zu lesen sein, aber das macht sie nicht wertlos. Tats\u00e4chlich haben mich viele der B\u00fccher, die ich liebe, verunsichert oder sogar bedauernd zur\u00fcckgelassen, so nach dem Motto: \u201eH\u00e4tte ich das nur nicht gelesen.\u201c Aber ich denke st\u00e4ndig an sie. Sie bleiben. Und auch das ist bedeutsam.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Angesichts der aktuellen Entwicklungen \u2013 Buchverbote, anti-queere Rhetorik \u2013 was k\u00f6nnen queere Literatur und Medien f\u00fcr Menschen tun, die in diesem Klima aufwachsen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hoffe, dass sie noch etwas Sinnvolles bewirken kann. Aber ehrlich gesagt bin ich nicht immer optimistisch, was die Weltver\u00e4nderung durch Literatur angeht. Es gibt diese Fantasie, dass B\u00fccher alles richten k\u00f6nnen, und manchmal frage ich mich, ob ich meine Energie nicht besser f\u00fcr Proteste auf der Stra\u00dfe einsetzen sollte, anstatt zu schreiben. Regierungen erschweren den Zugang. In den Vereinigten Staaten hat Trump diesen Monat gesagt, die Regierung werde Pride nicht mehr anerkennen. B\u00fccher werden wieder verboten. Und das macht mir Angst. Ich bin in den 90ern und fr\u00fchen 2000ern aufgewachsen, als queere Literatur schwer zu finden war. Ich erinnere mich, wie ich einmal im Matheunterricht heimlich ein queeres Buch gelesen habe und ein M\u00e4dchen, das ich nicht kannte, mich gesehen hat. Sie kam zu mir und fragte, ob ich \u201csolche B\u00fccher\u201d m\u00f6ge. Ich sagte ja. Sie schrieb mir auf Millimeterpapier aus unseren Matheheften eine Liste mit etwa zehn queeren B\u00fcchern. Das war, bevor das Internet das war, was es heute ist. Vor Goodreads oder Queer Bookstagram. Diese Liste war alles. Ich hoffe also, dass, selbst wenn die Lage schlimmer wird, immer noch jemand ein Blatt Papier herumreicht. Und wenn ich ein Buch schreiben kann, das auf dieser Liste landet, ist das immer noch ein kleiner Akt des Widerstands. Selbst wenn die gr\u00f6\u00dferen Strukturen gegen uns sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Nachgang zum PARATAXE Symposium XVI = Antipoden: Down under in Berlin &#8211; die australischen und neuseel\u00e4ndischen Autor*innen Berlins, haben wir ein Interview mit Mikaella Clements gef\u00fchrt, einer Teilnehmerin des zweiten Panels HOME &#038; AWAY. Berlinisches Schreiben zwischen Austalgie und Expatriotismus. 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