{"id":11139,"date":"2015-11-26T02:13:47","date_gmt":"2015-11-26T01:13:47","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=11139"},"modified":"2021-02-01T00:21:02","modified_gmt":"2021-01-31T23:21:02","slug":"ue-berlin-eine-einfuehrungsimpression","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/ue-berlin-eine-einfuehrungsimpression\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Spree setzen. Verschobene Heimat, eigene Sprache."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/event\/ue-berlin-die-internationalen-uebersetzerinnen-berlins\/\">\u00dc-BERLIN<\/a><br \/>\n<em>\u00dcber die Spree setzen. Verschobene Heimat, eigene Sprache.<br \/>\n<\/em><em>Einf\u00fchrungsimpression <\/em><\/p>\n<p>1986 grenzte es an ein Wunder, als welt- und lesehungrige Studentin jenseits des Eisernen Vorhangs nach West-Berlin zu kommen, um ein Semester Germanistik zu studieren. Das Wunder geschah, aus einem Semester an der Freien Universit\u00e4t wurde ein freies Leben.<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl von Freiheit war von Anfang an verbunden mit der existenziellen Erfahrung, das Vertraute zu verlassen, zun\u00e4chst \u00fcber die Oder, dann \u00fcber das sowjetische Meer \u00fcberzusetzten, auf einer fremden Insel und in einer fremden Sprache zu leben.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Bewegung von Menschen und Literaturen von einem Ort zu einem anderen (Metapher), von einer Sprache in die andere hat das Deutsche ein Wort erfunden, dessen Bedeutung zwischen existenziell und sprachlich changieren kann.<\/p>\n<p>Berlin wurde zu meiner verschobenen Heimat, die Sehnsucht nach vertrauten Menschen und nach dieser herrlich herbstlich raschelnden polnischen Sprache lie\u00df sich nur durch das \u00dcbersetzen von Literatur lindern. So ist \u00dcbersetzen mein Beruf und meine Existenzform geworden, eine Art, in der Welt zu sein.<\/p>\n<p>Wenn in mir inzwischen zwei Sprachen in einer gl\u00fccklichen Beziehung zusammenleben und ich von Berlin als meiner Heimat sprechen kann, verdanke ich nicht nur der Gro\u00dfz\u00fcgigkeit dieser Stadt, die f\u00fcr jede Lebensart, jeden Dilettantismus und jedes Brieftaschenvolumen offen ist. Ich hatte das Gl\u00fcck, dass ich Anfang der 1990er Jahre in die Community von deutschen \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzern, quasi als Paradiesk\u00fcken, aufgenommen wurde. Bis heute bin ich sehr dankbar Klaus-J\u00fcrgen Liedtke, dem \u00dcbersetzer aus dem Schwedischen, Martina Kempter, der \u00dcbersetzerin aus dem Italienischen und den Gr\u00fcnderinnen der legend\u00e4ren Russischgruppe Olga Radetzkaja, Gabi Leupold, Birgit Veit und Eveline Passet, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Lekt\u00fcren mit mir so gro\u00dfz\u00fcgig geteilt haben. In dieser Zeit entdeckte ich auch das LCB, das mein literarisches und \u00fcbersetzerisches Zuhause wurde.<\/p>\n<p>Womit ich in die Gegenwart komme. Ich bin in Berlin verwurzelt, f\u00fchle mich mit den deutschen \u00dcbersetzerinnen eng verbunden, doch essenziell und \u00fcberlebenswichtig sind nat\u00fcrlich auch Verbindungen zur Community von polnischen \u00dcbersetzerinnen, zu polnischen Verlagen, Literaturkritikern usw., existenziell ist es f\u00fcr mich, mir die polnische Sprache lebendig zu erhalten und sie zu pflegen.<\/p>\n<p>In den letzten 30 Jahren habe ich ein Sensorium f\u00fcr Differenzen entwickelt, wie unterschiedlich \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer an beiden Ufern der Oder wahrgenommen werden. Die polnische Literatur\u00fcbersetzerszene ist relativ jung, einen sehr engagierten, erfinderischen und dynamischen Verband gibt es seit zehn Jahren, seit 2013 wird in Gda\u0144sk gar ein internationales \u00dcbersetzerfestival \u201eFound in Translation\u201c veranstaltet,\u00a0 doch im \u00f6ffentlichen Bewusstsein vermisst man die W\u00fcrdigung literarischer \u00dcbersetzung als eine eigenst\u00e4ndige k\u00fcnstlerische Leistung schmerzlich. Die \u00dcbersetzer stehen immer noch unter Generalverdacht: das alte Vorurteil, dass literarische \u00dcbersetzung Verrat, Verlust und Verf\u00e4lschung des doch unwiederholbaren Originals sei, entfaltet seine Wirkung nach wie vor. Das spiegelt sich in den erniedrigend miserablen Honoraren wider wie auch darin, dass die polnischen \u00dcbersetzer oft im dritten Rang sitzen oder hinter dem Vorhang auf der B\u00fchne unsichtbar bleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Konstellation ist daher fragil, das Leben als polnische Literatur\u00fcbersetzerin in Berlin ein anspruchsvoller wie anstrengender Balanceakt, der jeden Tag, mal tollpatschig, mal t\u00e4nzerisch, vollf\u00fchrt werden muss. Die Spannung kann manchmal produktiv sein, wenn man sie als Voraussetzung f\u00fcr den Akt einer existenziellen wie literarischen \u00dcbersetzung betrachtet. Die irritierende Differenz, der Abstand, die \u201eUn\u00fcbersetzbarkeit\u201c aktiviert die Sprungkr\u00e4fte \u00fcber den Graben, erm\u00f6glicht den sch\u00f6pferischen Akt des \u00dcbersetzens, wirkt wie ein Elixier belebend, erfrischend, befreiend, sinnstiftend und sinnverdichtend\u2026<\/p>\n<p>Es ist daher wundersch\u00f6n zu wissen, und auch jetzt hier zu erleben, dass ich kein Paradiesk\u00fcken mehr, nicht mal ein Paradiesvogel bin, sondern meine Erfahrung als \u00fcbersetzte Existenz mit zahlreichen Artgenossinnen und Artgenossen im internationalen \u00dcbersetzerbiotop teilen kann. Wir sind das Elixier der Weltliteraturstadt Berlin \u2013 die vielen internationalen \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer, die wir unseren Lebensort an der Spree haben und die deutschsprachige Literatur (oder auch andere Literaturen) in die Sprachen der Welt \u00fcbertragen. Wir durchdringen und bereichern das kulturelle Leben Berlins und bringen neue Impulse f\u00fcr das Zusammenleben in einer bewegten Stadtgemeinschaft. Unser buntes, paradiesisches Biotop braucht deshalb einen verl\u00e4sslichen Naturschutz, sorgf\u00e4ltige Pflege und gute Bedingungen, um zu gedeihen: Den Lichtkegel der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung und F\u00f6rderung, die mit der symbolischen Frage nach Wertsch\u00e4tzung und nach Zugeh\u00f6rigkeit unmittelbar zusammenh\u00e4ngt. Nicht dazugeh\u00f6ren hei\u00dft ausgeschlossen sein von Unterst\u00fctzung und Anerkennung.<\/p>\n<p>Lasst uns also gemeinsam f\u00fcr diesen Lebensraum sorgen und ihn spielerisch gestalten, damit \u00dc-BERLIN eine vertraute Grundstruktur f\u00fcr uns alle werden kann, in der wir uns heimisch und gl\u00fccklich f\u00fchlen &#8211; ein Ort der Verbundenheit und des Sinns.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p class=\"bibliography\">Er\u00f6ffnungsbeitrag des PARATAXE Symposiums VI: <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/event\/ue-berlin-die-internationalen-uebersetzerinnen-berlins\/\"><strong>\u00dc Berlin &#8211; die internationalen \u00dcbersetzer*innen Berlins<\/strong><\/a> am 23.11. 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dc-BERLIN \u00dcber die Spree setzen. Verschobene Heimat, eigene Sprache. 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