{"id":12484,"date":"2020-05-17T10:35:50","date_gmt":"2020-05-17T08:35:50","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=12484"},"modified":"2020-11-16T13:56:43","modified_gmt":"2020-11-16T12:56:43","slug":"das-rot-das-nach-asche-riecht","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/das-rot-das-nach-asche-riecht\/","title":{"rendered":"Das Rot, das nach Asche riecht"},"content":{"rendered":"<p>&#8230; Berlin, Wedding, 1. Mai 1929<\/p>\n<p>Es war nur ein Zufall, dass sie ausgerechnet an diesem Mittwoch nach Berlin kamen. Ida \u0160pieler und Aleksander Kukla. Aus Dessau. Ida hatte eine Freundin, die Busenfreundin Anni, Anni hatte Eltern und die Eltern hatten eine Gartenlaube. Im Wedding. Und so waren sie jetzt da, endlich ungest\u00f6rt, zusammen, in Berlin. Ida hat ihn ausgezogen, wie ein Kind, gesagt, er soll sich doch mal auch eine bessere Hose kaufen und danach haben sie sich geliebt: Das erste Mal zusammen in einem Bett geschlafen. Eigentlich gar nicht geschlafen. Aber zusammen. In einem Bett. Eine ganze Nacht. Und das war nur der Anfang. Haben sie gedacht. Sie wollten bis Sonntag in dieser Gartenlaube nicht schlafen, f\u00fcnf ganze Tage lang, haben auch alles M\u00f6gliche eingekauft, Zigaretten, Wein, Kekse. Es gab K\u00e4se und drau\u00dfen gab es auch kleine unreife Tomaten, gr\u00fcn oder gr\u00fcngelb; am Tag darauf, es war der erste Mai, Mittag war schon l\u00e4ngst vorbei, ist Ida kurz rausgegangen, hat ein unreifes Tom\u00e4tchen gepfl\u00fcckt, ist zur\u00fcckgekommen, hat ihm so ein gelbgr\u00fcnes K\u00fcgelchen in den Mund gestopft und sich dann vor Lachen verbogen.<\/p>\n<p>Er hat die Lippen gesch\u00fcrzt, die Nase ger\u00fcmpft, worauf sie dann so getan hatte, als ob sie ein Foto von seinem sauren Gesicht machen w\u00fcrde, worauf auch er lachte, worauf sie dann gleich eine ganze Geschichte gesponnen hatte: Der gro\u00dfe Stadtplaner, Aleksander Kukla besser bekannt als \u0160vabo, h\u00e4tte in seiner Jugend zusammen mit seiner gr\u00f6\u00dften Liebe, sagenhaft sch\u00f6nen Ida \u0160pieler in einer verwunschenen Laube gelebt, wo sie nichts anderes zu Essen gehabt h\u00e4tten als gelbgr\u00fcne unreife Tomaten. Und wenn sie nicht gestorben w\u00e4ren, dann lebten sie noch immer in dieser Gartenlaube, denn wer soll sie auch vertreiben wollen, es waren ja keine unreifen \u00c4pfel gewesen. Danach paffte Ida die blauen Rauchringe und schwieg verschmitzt. Nicht lange. Vielleicht zwei, vielleicht drei Minuten. Dann krachte es, f\u00fcrchterlich.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr st\u00fcrzte herein, krachte zu Boden, es war auch gar keine richtige T\u00fcr, nur ein paar schnell zusammengezimmerte Bretter. Zehn, f\u00fcnfzehn, zwanzig Polizisten sprangen herein, Helm, Gewehre, St\u00f6cke, sie waren bereit zu schie\u00dfen, zu schlagen, zu sterben, hier in diesem Loch w\u00e4ren die Feinde verbarrikadiert, wurde ihnen gesagt, Rebellen gegen Gott und Vaterland. Wutentbrannt wollten die Polizisten alles vernichten, alles was ihnen im Wege stand, es galt wir oder die. Doch die, die den Polizisten hier im Wege standen, das, was da in einem schmalen Klappbett lag, ein d\u00fcnnbeiniges M\u00e4nnlein und ein Weibchen, das sich mit einem kleinen Seidenschal zudecken wollte, das war wahrlich keine Beute, die man haben wollte. Trotzdem wurde das M\u00e4nnlein am Hals hochgezogen und rausgeschmissen, er kam gleich zur\u00fcck, wollte doch seine Hose haben, bekam aber nur eins auf die Fresse. Das Weiblein bekam seine R\u00f6cke ins Gesicht. Und eine Ohrfeige dazu. Die rote Nutte. Danach wurden sie abgef\u00fchrt. Er konnte seine Socken nicht finden. Sie ihren Hut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aus: Milenko Goranovi\u0107, Das Rot, das nach Asche riecht. Roman. Wieser Verlag, Klagenfurt 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; Berlin, Wedding, 1. Mai 1929 Es war nur ein Zufall, dass sie ausgerechnet an diesem Mittwoch nach Berlin kamen. Ida \u0160pieler und Aleksander Kukla. Aus Dessau. 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