{"id":13448,"date":"2019-02-13T11:32:02","date_gmt":"2019-02-13T10:32:02","guid":{"rendered":"https:\/\/magazin.stadtsprachen.de\/text\/berlinasia-faszination-und-verflechtung-2\/"},"modified":"2020-11-17T16:18:15","modified_gmt":"2020-11-17T15:18:15","slug":"berlinasia-faszination-und-verflechtung-2","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/berlinasia-faszination-und-verflechtung-2\/","title":{"rendered":"Berlinasia \u2013 Faszination und Verflechtung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Keynote. FernostBerlin. Parataxe Symposium V. 23. Mai 2019.<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Berlinasia?<\/strong><\/p>\n<p>Was hat Berlin mit Asien zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel: Asien ist zu fern, zu fremd, viel zu komplex. Berlins Bezugspunkte sind Paris und Prag, Br\u00fcssel und Rom, Amsterdam und London \u2013 und am \u00e4u\u00dfersten Horizont des deutschen Hauptstadtbewohners liegen f\u00fcr gew\u00f6hnlich New York und Moskau. Und sind in der Tat unsere Kulturen und Mentalit\u00e4ten (die asiatische und die europ\u00e4ische) nicht viel zu unterschiedlich und in jeder Hinsicht (geografisch, historisch, religi\u00f6s etc.) zu weit voneinander entfernt, als dass eine Ann\u00e4herung denkbar w\u00e4re? Zweifellos! Dass aber aus Asien nicht nur ein gro\u00dfer Teil der Rohstoffe (etwa das unselige Palm\u00f6l f\u00fcr unseren Biokraftstoff oder das Rattan oder Tropenholz f\u00fcr unsere Terrassenm\u00f6bel) kommt, die unser Leben reicher machen, sondern dass wir auch eine lange gemeinsame und bis in die Wurzeln verflochtene Kulturgeschichte haben und dass auch aktuell zahlreiche wechselseitige Einfl\u00fcsse bestehen, soll mit diesem Panel bewusst gemacht werden: Die kulturellen Verbindungen zwischen Asien und Deutschland sind tiefer und reichen weiter zur\u00fcck, als vielen von uns bekannt und bewusst ist. Nat\u00fcrlich ist ASIEN als Begriff f\u00fcr eine kulturelle Herkunft viel zu ungenau und grob. Welches Asien, m\u00fcsste man sofort fragen, Vorder-, Mittel-, oder S\u00fcdasien, oder gar S\u00fcdostostasien? Und welche von den Tausenden kultureller Traditionen und Sprachen dort sind gemeint? In unserem Symposium gehen wir nicht geografisch und schon gar nicht geografisch ausgewogen vor, das w\u00fcrde den Rahmen eines solchen Vorhabens sprengen und der Sache nicht gerecht: Wir fragen anders, und zwar \u201eIn welchen asiatischen Sprachen entsteht in Berlin derzeit Literatur \u2013 und wer sind deren Autorinnen und Autoren?\u201c Wir werden also zun\u00e4chst die zwei einflussreichsten asiatischen Literaturszenen Berlins, die chinesische und die vietnamesische, im Austausch mit ihren Protagonisten und Kennern n\u00e4her erforschen, anschlie\u00dfend den Blick weiten, auf verschiedenste Sprachen und Einfl\u00fcsse, die die asiatischen Literaturen auf die Gegenwartsliteratur der deutschen Hauptstadt pr\u00e4gen. Und wir werden einige der wichtigen Literaten und ihre Positionen n\u00e4her kennenlernen, die, von Berlin aus, die heutige Literatur ma\u00dfgeblich mitpr\u00e4gen \u2013 und zwar bedeutend st\u00e4rker, als den meisten Berlinerinnen und Berlinern bewusst sein d\u00fcrfte. Wo man Asien in Berlin als erstes und sehr pr\u00e4gend bemerkt, das ist beim Essen. Unz\u00e4hlige asiatische Restaurants, Bistros, Streetfood-St\u00e4nde, Obst-Gem\u00fcse-Blumen-Sp\u00e4tis, aber auch gro\u00dfe L\u00e4den und M\u00e4rkte sind seit dem Mauerfall \u00fcberall in der Stadt aufgepoppt und pr\u00e4gen das Leben Berlins so allt\u00e4glich und selbstverst\u00e4ndlich, als seien sie schon seit der Erstbegr\u00fcndung einer Siedlung durch die slawischen Havelen und Spreewanen vor 10.000 Jahren ebenfalls hier ans\u00e4ssig \u2026<\/p>\n<p>In welchen Sprachen schreibt Berlin heute? Unter den aktuell (2017) Zugezogenen befinden sich mehrheitlich Ausl\u00e4nder: Polen machen mit etwa 6.000 Neuberlinern die gr\u00f6\u00dfte Gruppe aus, es folgen Amerikaner, Rum\u00e4nen, Bulgaren und Italiener. China liegt als st\u00e4rkstes asiatisches Land mit einem Zuzug von 2.330 an sechster Stelle. Die Zukunft Berlins ist ohne Einwanderer schlicht nicht vorstellbar. Von den Berliner Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren haben heute bereits 44,7 Prozent ausl\u00e4ndische Wurzeln. Unter den 25 h\u00e4ufigsten Staatsangeh\u00f6rigkeiten in Berlin (sie ergeben zugleich auch ein Abbild der insgesamt mehr als einhundertzwanzig Sprachen, die in unserer Stadt gesprochen werden) liegt im Jahr 2017 als f\u00fchrendes Land Vietnam an zehnter Stelle, noch weit vor den hier lebenden chinesischen Staatsb\u00fcrgern. Berlin und insbesondere der Bezirk Lichtenberg werden immer attraktiver f\u00fcr Vietnamesinnen und Vietnamesen. Seit Jahren w\u00e4chst die Zahl der vietnamesischen Einwohner in der Stadt stark an. Aktuell wohnen laut statistischem Landesamt 16.652 vietnamesische Staatsangeh\u00f6rige plus 9.652 deutsche Staatsangeh\u00f6rige mit vietnamesischem Migrationshintergrund in der Stadt. Das macht in der Summe mehr als 26.000 Menschen mit vietnamesischen Wurzeln in der deutschen Hauptstadt. Damit leben in Berlin mit gro\u00dfem Abstand die meisten Vietnamesen im Vergleich zu allen anderen Bundesl\u00e4ndern. Waren Vietnamesen viele Jahre lang die gr\u00f6\u00dfte au\u00dfereurop\u00e4ische Zuwanderergruppe f\u00fcr Berlin, so wurden sie in den letzten Jahren von zwei anderen Gruppen \u00fcberholt: Aus Syrien kamen zahlreiche Fl\u00fcchtlinge in die Stadt, sodass die Syrer heute mit 30.999 die gr\u00f6\u00dfte Zuwanderergruppe stellen, die aus einem anderen Kontinent als Europa stammen. Auch US-Amerikaner leben inzwischen zumindest offiziell etwas mehr in Berlin als Vietnamesen (18.677).<\/p>\n<p>Berlin hatte \u00fcbrigens bereits im Sommer 2018 eine wachsende \u201eausl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung\u201c von 725.458 bei insgesamt 3.723.914 Einwohnern \u2013 das sind etwa 19 % Ausl\u00e4nderanteil. Erweitert man die Perspektive auf Menschen \u201emit Migrationshintergrund\u201c, ergibt sich f\u00fcr Berlin die Zahl von 1.244.297 (33,4 %), das hei\u00dft: Fast jeder dritte Berliner hat bereits 2018 seine Wurzeln im Ausland \u2013 bei den unter 18-J\u00e4hrigen laut Berliner Zeitung sogar jeder zweite. Diese kleine statistische Einordnung macht vielleicht auch klar, warum wir uns mit unserem Projekt PARATAXE so vehement der Erforschung der \u201enichtdeutschsprachigen\u201c, wir sagen <em>anderssprachigen<\/em> Berliner Gegenwartsliteratur widmen. Ihre Bedeutung und ihr Einfluss sind \u2013 auch international \u2013 bedeutend gr\u00f6\u00dfer, als den meisten Berlinern und auch den meisten Berliner Kulturinstitutionen bislang bewusst ist. Wenn wir von der Literaturstadt Berlin sprechen, sprechen wir zugleich auch von einer Literatur, die zu einem nicht unbedeutenden Teil in anderen Sprachen als Deutsch geschrieben wird!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Die Berliner Vietnamesen<\/strong><\/p>\n<p>Als ich 2002 begann, mich als literarischer Autor und Veranstalter f\u00fcr die asiatischen Literaturen und ihre Anwesenheit auch in der Realit\u00e4t Berlins zu interessieren, wunderte ich mich bereits, wie deutlich die chinesischen, vietnamesischen, japanischen oder koreanischen Restaurants oder Dienstleistungsangebote im Stadtbild waren und wie sehr man andererseits suchen musste, um auch die kulturellen Angebote zu entdecken \u2013 man musste sie wirklich suchen: Kulturell bleiben die asiatischen Berliner gerne unter sich und suchen nur selten die Aufmerksamkeit der deutschen und internationalen Berliner f\u00fcr ihre kulturellen Ereignisse. Meine erste literarische Arbeit zu diesem Thema war dann dem Klischee folgend auch eine Erz\u00e4hlung (namens \u201eFu\u201c) \u2013 \u00fcber einen Aussteiger aus der vietnamesischen Zigarettenmafia Berlins \u2026 In den folgenden Jahren veranstalteten wir in Berlin zahlreiche internationale Lesungen, etwa mit Manjushree Thapa aus Nepal, Rattawut Lapcharoensap aus Thailand oder Arundhati Roy aus Indien, und jedes Mal musste ich mit den Schultern zucken, wenn mich diese Autorinnen nach der asiatischen Szene unserer Stadt befragten. Insbesondere fiel mir damals auf, dass jeder in Berlin zumindest die Namen von Literaten der gr\u00f6\u00dften Westberliner Einwandererguppe, der T\u00fcrken, kannte, aber was war eigentlich mit der gr\u00f6\u00dften Einwanderergruppe Ostberlins, den Vietnamesen? Jeder konnte ihre Anwesenheit in der Stadt deutlich erkennen \u2013 ihre Bistros und L\u00e4den waren und sind ja \u00e4u\u00dferst popul\u00e4re Alltagstreffpunkte unserer Kieze. Aber wo waren die vietnamesischen Literaten? Es dauerte tats\u00e4chlich Jahre, bis ich erste Spuren in die vietnamesische Literatur Berlins fand \u2013 dank des Dichters The Dung und seiner Freunde, die in Berlin Lichtenberg den kleinen, aber einflussreichen zweisprachigen Exilverlag <em>edition vipen<\/em> betreiben. Erst 2014 konnte ich so zum ersten Mal zwei vietnamesische Schriftsteller aus Berlin in unseren Weltliteratursalon einladen \u2013 aus dem sich \u00fcbrigens inzwischen das heute stadtweite und auch international beachtete PARATAXE-Projekt entwickelt hat. \u201eDie Unsichtbaren\u201c hat der Berliner Fotograf Than Long vor zwei Jahren seine Berliner Ausstellung \u00fcber die in Deutschland lebenden Vietnamesen genannt, und inzwischen verstehe ich auch etwas besser, warum gerade die vietnamesischen Autor*innen f\u00fcr uns deutsche Leser so schwer zu finden sind: Viele von ihnen sind gerade hier, um <em>abseits der \u00d6ffentlichkeit in Ruhe<\/em> zu schreiben und literarisch etwas zur Sprache zu bringen, was in der vietnamesischen Gesellschaft mitunter nur unter Schwierigkeiten offen geschrieben werden kann. Erst mit der sogenannten Zweiten Generation der Einwanderer, also Deutschvietnamesen wie Than Long oder den ZEIT-Autorinnen Vanessa Vu oder Khue Pham \u00e4ndert sich das: \u201eWir neuen Deutschen\u201c nannte etwa Khue Pham ihr Buch \u00fcber das \u201epostmigrantische Selbstverst\u00e4ndnis\u201c dieser Generation, das sie 2012 gemeinsam mit einer deutsch-polnischen und einer deutsch-t\u00fcrkischen Kollegin ver\u00f6ffentlichte. F\u00fcr den vielversprechenden jungen deutsch-vietnamesischen Dichter Thien Tran (geb. 1979) jedoch kam dieser Diskurs zu sp\u00e4t, er nahm sich vereinsamt und innerlich zerrissen 2010 das Leben. Heute wissen wir, auch dank des hier und heute realisierten Panels, dass es in Berlin etliche wichtige vietnamesisch schreibende Autor*innen gerade auch der ersten Generation gibt (z.B. auch die einflussreiche Romanautorin, \u00dcbersetzerin und Bloggerin Pham Thi Hoai), dass es hier einen vietnamesischen Literaturverlag gibt und auch regelm\u00e4\u00dfige Literaturfeste der Berliner Vietnamesen \u2013 von denen wir auch deshalb nur so wenig wissen, weil wir das Vietnamesische kaum sch\u00e4tzen \u2026 Vor allem dank Dr. Dang-Lanh Hoang und seiner unsch\u00e4tzbaren Arbeit als \u00dcbersetzer (im literarischen wie im menschlichen Sinne!) zwischen der vietnamesischen und der deutschen Literatur und Szene konnten wir mit der PARATAXE nun erstmals einen intensiveren Austausch mit der vietnamesischen Literaturszene Berlins erm\u00f6glichen \u2013 und wir hoffen, dass sich diese ge\u00f6ffnete T\u00fcr nicht wieder schlie\u00dft, sondern weitere Schritte des Austausches und der Zusammenarbeit m\u00f6glich macht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Indonesien in Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Das asiatische Land, mit dessen Literatur ich mich seit 2002 am intensivsten besch\u00e4ftigt habe, ist Indonesien, mit seinen 260 Millionen Einwohnern nach Indien und den USA die drittgr\u00f6\u00dfte Demokratie der Welt. Es gibt eine ganze Reihe einflussreicher indonesischer Gegenwartsautoren, die sich Berlin eng verbunden f\u00fchlen und auch literarisch hier wirkten bzw. \u00fcber unsere Stadt schrieben. Neben dem 2009 verstorbenen gro\u00dfen Dichter und Theatermann Rendra sind dies auch die Schriftstellerin Ayu Utami, der Lyriker und Theatermann Agus R. Sarjono, der Dichter und Verleger Goenawan Mohamad sowie in j\u00fcngster Zeit auch die Romanautorin Laksmi Pamuntjak, deren j\u00fcngster Erfolgsroman \u201eHerbstkind\u201c teilweise in Berlin angesiedelt ist (sie wollte kommen, l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen). Sie alle haben zeitweise in Berlin gelebt, sind aber keine dauerhaften Einwohner geworden. Der einzige mir bekannte indonesische Schriftsteller, der in Berlin lebt, ist Husen Chiawi, ein gewitzter Zeitgenosse, der in den Neunzigerjahren f\u00fcr seine experimentellen Literatursalons in Charlottenburger Privatwohnungen gemeinsam mit Thomas Kapielski ber\u00fchmt wurde \u2013 seine wichtigste Ver\u00f6ffentlichung damals hatte den sprechenden Titel \u201eLeck mich am Text\u201c \u2013 leider hat Chiawi nach 2000 das Schreiben aufgegeben und lebt heute als Tangot\u00e4nzer und Barbesitzer ein nach wie vor ruheloses Berliner K\u00fcnstlerleben. Als wir im Sommer 2011 im Auftrag des Regierenden B\u00fcrgermeisters (Wowereit) erstmals ein JAKARTA BERLIN ARTS FESTIVAL in Berlin realisierten, luden wir auch zehn Dichter und Schriftsteller aus der indonesischen Hauptstadt nach Berlin ein und brachten sie literarisch in Kontakt mit Berliner Dichtern \u2013 eine Kombination, die bis heute zu immer neuen Kooperationen f\u00fchrt. Da derzeit also keine indonesisch schreibenden Autoren dauerhaft in Berlin leben, kooperieren wir zu diesem Thema \u2013 wie schon seit vielen Jahren \u2013 mit der Berliner Verlegerin Eva Streifeneder, die mit ihrem <em>regiospectra Verlag<\/em> sowohl literarisch als auch fachlich das profundeste Angebot an Literatur zum deutsch-indonesischen Thema anzubieten hat. Seit zwei Jahren besitzt Berlin nun auch ein indonesisches Kulturhaus <em>rumah budaya<\/em>, das in Tempelhof von der indonesischen Botschaft betrieben wird und auch eine eigene literarische Lesereihe <em>Temu Sastra<\/em> (Literaturtreff) veranstaltet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Chinesisches Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Was nun die einflussreiche und wachsende Gruppe der chinesischsprachigen Berliner Autoren angeht, verlassen wir uns seit einigen Jahren auf die Expertise der deutsch-chinesischen Autorin und Buchgestalterin Yimeng Wu und der Lyrikerin und \u00dcbersetzerin Lea Schneider, deren heutiges Panel mit seinen G\u00e4sten uns alles liefert, was zu diesem Thema derzeit zu wissen lohnt. Lea Schneiders Erkundung der asiatischen Literaturszenen Berlins auf <em>literaturport.de<\/em> bringt Ihnen \u00fcbrigens 16 Orte in Berlin n\u00e4her, die Sie kennenlernen sollten, wenn Sie sich f\u00fcr dieses Thema interessieren. Die Anwesenheit weltweit bekannter Dichter wie Liao Yiwu, Yang Lian und Ai Weiwei in Berlin verdeckt oft, dass in dieser Stadt noch eine ganze Reihe weiterer hochinteressanter Autor*innen in chinesischer Sprache schreiben; in unserem heutigen ersten Panel haben wir einige von ihnen vorgestellt. Eine echte Entdeckung unseres STADTSPRACHEN Festivals von 2016 war zum Beispiel der aus Taiwan stammende Schriftsteller (und Schauspieler) Kevin Chen \u2013 w\u00e4hrend er in Taiwan eine stetig wachsende Schar begeisterter Leser hat, haben wir damals eine der wenigen deutschen Text\u00fcbertragungen seiner Prosa vorstellen k\u00f6nnen \u2013 und wir freuen uns sehr, dass er als Autor mittlerweile auch in Berlin wahrgenommen wird und insbesondere, dass er heute Abend hier in seiner Arbeitsheimat Berlin eine weitere Kostprobe seiner Literatur erstmals auf Deutsch vorstellen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Die japanische Literatur Berlins<\/strong><\/p>\n<p>Ein geradezu einzigartiges Ph\u00e4nomen der asiatischen Literaturszene Berlins ist die aus Japan stammende Schriftstellerin Yoko Tawada, deren deutsch-japanische Grenzg\u00e4nge (sowohl sprachlich als auch kulturell) inzwischen weltweit Beachtung finden. Ihre Arbeit ist ein Kapitel f\u00fcr sich. Sie schreibt sowohl Japanisch als auch Deutsch, Lyrik wie Prosa \u2013 aber ihr unnachahmlicher, eigenwilliger Stil und ihre ungew\u00f6hnlichen B\u00fccher besch\u00e4ftigen inzwischen auch international ganze Seminare von Literaturwissenschaftlern. Weil wir die Ehre und Freude haben, sie heute pers\u00f6nlich unter uns zu haben, will ich jedoch hier nicht weiter \u00fcber ihre bemerkenswerte Arbeit sprechen (das br\u00e4uchte ein eigenes Symposium), sondern dar\u00fcber, welche japanischen Autoren noch in unserer Stadt leben: Gr\u00fc\u00dfen soll ich an dieser Stelle von dem in der Berliner Szene bestens vernetzten, experimentellen Lautdichter und Musikperformer Tomomi Adachi (geb. 1972), der unser Programm gerne mit einer Performance bereichert h\u00e4tte, wenn er nicht schon seit langem fest f\u00fcr ein Festival in M\u00fcnster gebucht gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit Frau Tokiko Kiyota, die stellvertretende Generalsekret\u00e4rin des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin, das ja regelm\u00e4\u00dfig auch \u00f6ffentliche literarische Veranstaltungen anbietet (dort hat man heute leider eine seit langem geplante eigene Konzertveranstaltung, freut sich aber sehr \u00fcber unser Symposium und ist offen f\u00fcr Kooperationen) erfuhr ich, wer derzeit in Berlin auf Japanisch schreibt: Herr Masato Nakamura <a href=\"http:\/\/berlinhbf.com\/2019\/02\/06\/5519\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">schreibt<\/a> als freier Autor\/Journalist haupts\u00e4chlich auf Japanisch f\u00fcr Japaner, die in Deutschland wohnen. Die japanische Journalistin Frau Ichika Rokuso\/Rossow lebt seit \u00fcber 30 Jahren mit ihrem deutschen Mann in Berlin, erkl\u00e4rt den Japanern mit Magazinartikeln die Deutschen und betreibt einen Blog f\u00fcr Japaner \u00fcber Berlin und seine Umgebung und hat einen <a href=\"https:\/\/www.moz.de\/landkreise\/maerkisch-oderland\/bad-freienwalde\/artikel1\/dg\/0\/1\/32023\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Roman<\/a> \u00fcber den japanischen Arzt Dr. Nobutsugu Koyenuma geschrieben, der von September 1945 bis zu seinem Tod 1946 das Krankenhaus der brandenburgischen Stadt Wriezen im Oderbruch geleitet hatte. Sie hat zudem (auf Japanisch) zwei B\u00fccher \u00fcber das langj\u00e4hrige Geheimnis um die deutsche Freundin des Autors Mori Ogai (1862\u20131922) geschrieben, die in \u201eMaihime\u201c (\u201eThe Dancing Girl\u201c) als Vorbild f\u00fcr die Protagonistin galt. Rokuso hat in ihren beiden B\u00fcchern \u2013 2011 und 2013 \u2013 ihre Erkenntnisse \u00fcber Ogais reale Freundin Elise Marie Caroline Wiegert in Deutschland zusammengestellt.<\/p>\n<p>Und damit sind wir bei der wichtigsten (und einzigen) japanischen Literaturgedenkst\u00e4tte, die sich in Berlin findet: Die von der HU betreute Mori-Ogai-Gedenkst\u00e4tte in der Luisenstra\u00dfe in Mitte gedenkt mit einer Ausstellung sowie mit regelm\u00e4\u00dfigen Veranstaltungen des Arztes und Dichters Mori Ogai, der 1887 als Sch\u00fcler Robert Kochs nach Berlin kam und mit seinen Erz\u00e4hlungen und Romanen seine deutschen Erlebnisse verarbeitete und Ende des 19. Jahrhunderts in Japan sehr popul\u00e4r war. Mit seinen \u00dcbersetzungen deutscher Literaturklassiker von E.T.A. Hoffmann bis Goethe (u.a. \u201eFaust\u201c) brachte er zudem deutsche Einfl\u00fcsse in die japanische Literatur seiner Zeit. Er gilt als einer der Gr\u00fcndungsv\u00e4ter der literarischen Moderne in Japan und war schlie\u00dflich bis zum Ende seines Lebens (in den fr\u00fchen 1920ern) Pr\u00e4sident der Japanischen Akademie der K\u00fcnste. Zu den japanisch schreibenden Autor*innen dieser Stadt geh\u00f6rten des Weiteren die \u00dcbersetzerin und Bloggerin Frau <a href=\"http:\/\/ogawa-ito.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ito Ogawa<\/a> sowie Frau <a href=\"https:\/\/leiko.info\/news\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Leiko Ikemura<\/a> \u2013 die international ber\u00fchmte Malerin ist vorrangig Kunstprofessorin an der UdK, aber sie schreibt auch Gedichte, die in den Ausstellungen zwischen den Kunstwerken ausgestellt werden. Es gibt auch ein <a href=\"http:\/\/www.noharabooks.jp\/item.php?id=135\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">K\u00fcnstlerbuch<\/a> mit ihren Bildern und Gedichten. Auch die japanische Berlinerin Frau Sakae Nasuda, Mitarbeiterin an der Kulturabteilung des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin ist aktive Literatin: Unter dem K\u00fcnstlernamen Sakae Kimoto \u00fcbersetzte sie deutsche Kinder- und Jugendb\u00fccher ins Japanische, etwa \u201eTschick\u201c, \u201eMimus\u201c u.a.m.<\/p>\n<p>Unsere Recherchen zu den koreanischen Literaten verliefen bislang noch relativ ergebnisarm, allerdings haben wir auch erst im Vorfeld des Symposiums damit begonnen. Entdeckt haben wir vorerst zwei junge polyglotte Koreanerinnen, die beide vorwiegend auf Englisch schreiben \u2013 die in Dublin in kreativem Schreiben ausgebildete Dichterin Dasom Yang begegnete uns als Redaktionsmitglied des befreundeten Berliner Literaturmagazins SAND, Sie werden sie am Ende dieses Panels als Lyrikerin und unser <em>featured poet<\/em> pers\u00f6nlich erleben k\u00f6nnen. Und auch Aly Cha, die mit japanischem Vater und koreanischer Mutter aufwuchs und in Japan, Korea, Amerika, Kanada und der Schweiz lebte, bevor sie sich in Berlin niederlie\u00df, werden Sie selbst n\u00e4her kennenlernen k\u00f6nnen \u2013 sie liest in unserem abendlichen Leseprogramm aus ihrem Roman \u201eSchnee im April\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Was fehlt?<\/strong><\/p>\n<p>Bleibt noch die andere gr\u00f6\u00dfte Kulturnation Asiens, der indische Subkontinent. Der indischste Berliner \u2013 oder berlinischste Inder, wie Sie wollen \u2013 unter den wenigen dauerhaft in der deutschen Hauptstadt ans\u00e4ssigen Autoren ist das Urgestein der hiesigen Literaturszene, der Autor, Aktivist und erfolgreiche Synchronsprecher Rajvinder Singh. Er schreibt mehrsprachig (Panjabi, Englisch, Deutsch u.a.m.), ist zugleich Berliner und Inder, Aktivist und Sikh und kennt die Berliner Szene wie kaum jemand sonst seit Jahrzehnten. Zugleich ist er ein umtriebiger Kulturvermittler zwischen Indien und Berlin \u2013 wie Sie in unserem Panel feststellen k\u00f6nnen werden, wo Raj, wie ihn seine Freunde nennen d\u00fcrfen, gleich sprechen wird, deswegen will ich alle weiteren Erkl\u00e4rungen ihm \u00fcberlassen. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die regelm\u00e4\u00dfigen Salons, die die indische Designerin Mini Kapur in ihrer Sch\u00f6neberger Galerie <em>Under the Mangotree<\/em> veranstaltet. Bemerkenswert u.a. auch deswegen, weil die indische K\u00fcnstlerin eine ausgepr\u00e4gte Vorliebe f\u00fcr klassische deutsche Lyrik, etwa von Heinrich Heine und anderen, hat und diese mit entsprechend anspruchsvollen Lesungsabenden pflegt. Auch die Berliner Literarische Aktion hatte in den letzten Jahren immer wieder mehrsprachige literarische Begegnungen mit indischen Autoren gepflegt, etwa 2008 mit Kiran Nagakar (Bombay) oder wie schon erw\u00e4hnt 2009 Arundhati Roy, 2011 Altaf Tyrewala (Mumbai) sowie Chandrahas Choudhury (Bombay) und Santosh Kumar Brahma (Kalkutta) 2012 u.a.m. Von in indischen Sprachen schreibenden Literaten in Berlin ist uns in all diesen Jahren jedoch nichts bekannt geworden (f\u00fcr Hinweise sind wir also jederzeit dankbar).<\/p>\n<p>Was ist mit schreibenden Berliner*innen aus Thailand? Myanmar? Kambodscha? Den Philippinen? Ostasien und S\u00fcdostasien, S\u00fcdasien, Mittelasien, Vorderasien (mitunter auch Westasien genannt), Nordasien, Zentralasien \u2026 die ungeheure Vielfalt der Sprachen, Staaten und Kulturen, die wir hinter dem Begriff Asien verstecken ist geradezu unermesslich, insofern ist das Wort ein ganz grober Keil \u2013 und zugleich auch Ausdruck unserer \u2013 jetzt meine ich vor allem uns deutsche und mitteleurop\u00e4ische \u201eWestler\u201c \u2013 Ahnungslosigkeit. Ein Berliner, der aufgrund seiner Herkunft mit dieser Ahnungslosigkeit tagt\u00e4glich konfrontiert wird, ist der auf Sri Lanka geborene Berliner Schriftsteller Senthuran Varatharajah, der in Deutschland aufwuchs, unter anderem klassische europ\u00e4ische Philosophie und evangelische Theologie studiert hat und dennoch immer wieder als \u201easiatischer Autor\u201c klassifiziert wird. Insofern freue ich mich besonders, dass dieser kluge und im Thema erfahrene deutsche Autor unser anschlie\u00dfendes Panelgespr\u00e4ch leiten wird, wobei er hoffentlich auch einige seiner eigenen Erfahrungen und Positionen mit einbringen wird.<\/p>\n<p>Die indifferente geografische und kulturelle Schublade <em>Asien<\/em> ist vielleicht auch ein Ausdruck unserer Bequemlichkeit, uns mit der Andersartigkeit (andere Werte, andere Mentalit\u00e4ten \u2013 wollen wir das \u00fcberhaupt?) und Komplexit\u00e4t des bev\u00f6lkerungsreichsten Teils der Erde genauer besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen, in dem jedoch sprachlich wie kulturell die Urspr\u00fcnge und Quellen unserer eigenen Kulturen liegen. Die wuchtige Dynamik, die den asiatischen Kulturen derzeit innewohnt und die momentan dabei ist, sp\u00fcrbar (auch bis nach Berlin) die Welt zu ver\u00e4ndern, bleibt vielleicht manchem Europ\u00e4er, der sich eigentlich f\u00fcr weltoffen h\u00e4lt, unverst\u00e4ndlich, egal oder gar suspekt. Insofern hilft es unserer bequemen Ahnungslosigkeit vermutlich sehr, wenn wir uns mit der Literatur der asiatisch sprechenden Berliner \u2013 also unseren freundlichen Nachbarn! \u2013 besch\u00e4ftigen, um so einen Einstieg zu bekommen in eine thematische und kulturelle Kraft, die weder bedrohlich noch unwichtig f\u00fcr unsere Gegenwart und Zukunft ist \u2013 eher im Gegenteil: Die asiatischen Autor*innen Berlins treten derzeit aus dem literarischen Schatten und beginnen, mit ihren Texten die Gegenwartsliteratur unserer Stadt allm\u00e4hlich offener und deutlicher zu pr\u00e4gen \u2013 ganz egal, in welcher Sprache sie schreiben.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keynote. FernostBerlin. Parataxe Symposium V. 23. Mai 2019. 1. Berlinasia? Was hat Berlin mit Asien zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel: Asien ist zu fern, zu fremd, viel zu komplex. 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