{"id":13462,"date":"2018-05-15T20:00:02","date_gmt":"2018-05-15T18:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/magazin.stadtsprachen.de\/text\/wovon-wir-reden-wenn-wir-von-mehrsprachiger-lyrik-reden-2\/"},"modified":"2020-11-17T17:12:38","modified_gmt":"2020-11-17T16:12:38","slug":"wovon-wir-reden-wenn-wir-von-mehrsprachiger-lyrik-reden-2","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/wovon-wir-reden-wenn-wir-von-mehrsprachiger-lyrik-reden-2\/","title":{"rendered":"Wovon wir reden, wenn wir von mehrsprachiger Lyrik reden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Keynote. Berlin Polylingual. Parataxe Symposium IV, 23. November 2018<\/strong><\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Das Gedicht ist in einer Sprache geschrieben.<\/p>\n<p>Das Gedicht ist niemals in einer Sprache geschrieben.<\/p>\n<p>Das einsprachige Gedicht spricht mehr als eine Sprache.<\/p>\n<p>Das mehrsprachige Gedicht spricht <em>als<\/em> Sprache.<\/p>\n<p>Das Gedicht, das zwischen Sprachen schreibt, redet sich um Kopf und Kargen.<\/p>\n<p>Diese Reden sind seine Ladung, seine Aufladung.<\/p>\n<p>Fehler im tippenden Finger, schwankt,<\/p>\n<p>Verschiebung des herrschenden Ausdrucks.<\/p>\n<p>Das Gedicht ist dies, ihr cargo schmargo.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Diese Keynote ist ein Ausschnitt aus dem Translabor. Das Translabor ist meine own private Werkst\u00e4tte, ein Zusammendenken von \u00dcbersetzung, Poesie und Mehrsprachigkeit als translatorische oder translantische poetische Praxis. Die Artikulationsformen, die mich interessieren, sind im Werden begriffen, sind vom Wesen her instabil oder im Flux. Das ABC des Translabors liest sich: Formen of <em>ankomming, becoming <\/em>und <em>curiousness<\/em>. Hier buchstabiert sich das Prozesshafte, auch Fehlerhafte, halb Gelungene oder in kuriosen Abst\u00e4nden zu Sprachgrenzen herumlungernde Sprechen. Im Namen Translabor spiegelt sich das experimentelle Labor und die englischsprachige Arbeit, <em>labor, <\/em>ebenso wie das <em>Trans <\/em>der \u00dcbersetzung, aber auch das <em>Trans <\/em>als Durchdringens von etwas, das sonst getrennt bleibt, wie eben Sprachen, oder Diskurse, das akademische, essayistische, poetische Sprechen. Au\u00dferdem <em>Labor<\/em> von Latein <em>labare<\/em>: wanken, also kippen, sich unsicher hin und her bewegen. Ein Zittern zwischen den Zeilen der Nationalsprachen. Und schlie\u00dflich die englischsprachigen Geburtswehen, <em>labor, <\/em>das zur Welt bringen, das Mehr-Werden, Mehr-als-eins-Werden, das borgende oder bergende Multiplizieren von Sprachen in Sprache.<\/p>\n<p>In der heutigen Versuchsanordnung m\u00f6chte ich zwei Beobachtungen nachgehen, die zwar zun\u00e4chst widerspr\u00fcchlich klingen, die mir aber hilfreich scheinen bei dem Versuch, weiter einzukreisen, wovon wir sprechen, wenn wir von translingualer Lyrik sprechen.<\/p>\n<p>Die erste Beobachtung lautet:<\/p>\n<p>Ein mehrsprachiges Gedicht ist nicht notwendigerweise ein translinguales Gedicht.<\/p>\n<p>Die zweite:<\/p>\n<p>Ein translinguales Gedicht ist nicht notwendigerweise ein mehrsprachiges Gedicht.<\/p>\n<p>Oder so:<\/p>\n<p>Ein mehrsprachiges Gedicht kann in seinem Denken einsprachig sein.<\/p>\n<p>Und:<\/p>\n<p>Ein einsprachiges Gedicht kann in seinem Denken mehrsprachig sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Wir leben in einer Welt, und wir leben in einer Stadt, in der Menschen oftmals nicht sprechen, von wo sie herkommen, oder nicht sprechen k\u00f6nnen, wo sie ankommen. Eine Welt, in der unterbrochene Vergangenheiten und diasporische Zuk\u00fcnfte zu grundlegenden Erfahrungen geh\u00f6ren. Damit einhergeht die Ausbildung verschiedenster Sprachkompetenzen \u2013 von flie\u00dfender Mehrsprachigkeit \u00fcbers Holpern der Lernsprachen zu Kiez-Kreol oder fr\u00f6hlich brokener Literatursprache. Immer mehr Menschen wachsen polyglott auf. Andererseits navigieren auch solche Menschen, deren Alltag einsprachig bleibt, zunehmend heterogene linguistische Zonen und lernen, auf Verstehen und Nichtverstehen sprachlich zu reagieren \u2013 nicht nur mit Unverst\u00e4ndnis. Erschreckenderweise aber wird diese Entwicklung ebenso flankiert, ja vielleicht sogar bedroht, von einem nationalsprachlich verankerten Denkmodus, der auf identit\u00e4re Formen des Beherrschens und Ausgrenzen aufbaut. Ich erinnere beispielsweise nur daran, wie der Bundesvorsitzende der FDP, Christian Lindner, die Br\u00f6tchenbestellung in gebrochenem Deutsch beim B\u00e4cker mit mangelnder Rechtschaffenheit oder gar Illegalit\u00e4t in Verbindung bringt. Dass immer \u00f6fter Politiker aller Parteien mit solch z\u00fcndelnden Verkn\u00fcpfungen \u00f6ffentlich diesem Sprachdenken Vorschub leisten, l\u00e4sst f\u00fcr die Zukunft nichts Gutes ahnen. Gefragt sind gegendefinitorische Unterwanderungsarbeiten des nomadischen Denkens. Im Gedicht? Ja, im Gedicht.<\/p>\n<p>Ich spreche von der Zunahme mehrsprachiger Wirklichkeiten und Biographien im Bezug auf Literatur, weil sie daf\u00fcr gesorgt hat, dass literarische Mehrsprachigkeit viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Ich meine jedoch nicht, dass sie notwendig ist, um ein translinguales Gedicht zu machen. Nat\u00fcrlich gehen sehr viele poetische Impulse von Autor*innen aus, in deren Biographien Sprachwechsel, Bilingualit\u00e4t und Emigration eine Rolle spielen. Autor*innen die, wie die mehrsprachige Dichterin Caroline Bergvall schrieb, \u201emit einer Katze in der Kehle\u201c sprechen: \u201eOne must clear one\u2019s throat, clear a space, step away, spit out the mother tongue.\u201c Doch m\u00fcssen biographisch-nomadische Ereignisse nicht unbedingt ein Garant f\u00fcr polylinguales, geschweige denn translinguales Denken sein. Das stellt auch der amerikanische Germanist David Gramling in seiner Studie \u201eThe Invention of Monolingualism\u201c fest, wenn er schreibt: \u201eIndeed speakers of multiple languages can and do use language in ways that are more monolingual, or monological, than those who \u2018only\u2019 speak one language.\u201d (34)<\/p>\n<p>F\u00fcr mein Nachdenken \u00fcber translinguale Lyrik hei\u00dft das: Die poetische Verst\u00f6rung der Muttersprache oder Einzelsprache und der damit verkn\u00fcpften Identit\u00e4tsdiskurse kann auch von vordergr\u00fcndig einsprachigen Autoren ausgehen. Sie ist ein \u00e4sthetisches, kein biographisches Moment. Sie h\u00e4lt fest, was nicht festzuhalten ist: Dass die eigene Sprache nicht beherrscht werden kann, ein Ort der Unzugeh\u00f6rigkeit \u00a0und Ungeh\u00f6rigkeit bleibt. Was hier vielleicht unmittelbar einsichtig klingt, geh\u00f6rt noch lange nicht zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit in den Literaturwissenschaften oder im Literaturbetrieb. Oftmals herrscht noch eine interpretative R\u00fcckkopplung an Autorbiographie und soziokulturelle Kontexte vor, die den Blick auf das produktiv sprachverst\u00f6rende Potential solcher Literatur im Zaum h\u00e4lt. Dabei wird unterschlagen, so die Literaturwissenschaftlerin Esther Kilchmann, dass auch \u201eAutorinnen und Autoren der sogenannten interkulturellen Literatur gerade auch avantgardistischer Verfahren des Sprachexperimentes bedienen. [\u2026] Auch f\u00fcr mehrsprachige Literatur muss mithin gelten, dass der poetische Effekt nicht bereits allein aus einer Abweichung von der monolingualen Norm entsteht.\u201c (Kilchmann 44) Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass auch von <em>einsprachigen oder einmuttersprachigen<\/em> Autoren translinguale Literatur durch verschiedene Schreibstrategien erzeugt werden kann, um festgef\u00fcgte Sprachordnungen zu verunsichern. (F\u00fcr einen kurzen Moment \u00fcbrigens schien es, als ob die Robert-Bosch-Stiftung bei der \u00fcberraschenden Vergabe des Chamisso-Preises 2016 an Esther Kinsky und mich selbst in diese Richtung zielte: Ein Literaturpreis f\u00fcr Autor*innen jedweder Herkunft, deutsch-muttersprachliche eingeschlossen, die Sprach- und Kulturwechsel thematisieren und \u00e4sthetisch durchspielen. Dann wurde er abgeschafft.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Nun aber zur\u00fcck zu meinen Beobachtungen. Diese lauten: Wenn wir von translingualer Lyrik sprechen, hei\u00dft das keineswegs zwangsl\u00e4ufig, dass wir nur von einer quantitativ messbaren Pr\u00e4senz mehrerer Sprachen im Gedicht sprechen m\u00fcssen. Im Gegenteil, ein mehrsprachiges Gedicht kann in seinem Denken nach wie vor einsprachig sein. Es gilt dann, was wir oben von mehrsprachigen Sprechern konstatiert haben: Ein solches Gedicht, \u201ecan and does use language in ways that are more monolingual, or monological\u201c. Dies trifft beispielsweise zu, wenn ein Gedicht fremdsprachige Namen oder \u00c4u\u00dferungen quasi touristisch verwendet, um Authentizit\u00e4t oder Verortung in anderssprachiger Wirklichkeit auszustellen. Oder wenn es aus Zeilen in mehreren Einzelsprachen besteht, die jeweils \u00fcbersetzt werden. Wir h\u00e4tten es dann zu tun mit einem Nebeneinander von Sprachen, einer Vielsprachigkeit als <em>glossodiversity<\/em>, die auf dem Paradigma von klar geschiedenen Einzelsprachen aufbaut, zwischen denen Bedeutung hin und her \u00fcbersetzt werden kann. Die beteiligten Sprachen aber werden vom Fremdsprechen wenig affiziert, sie bleiben stabil, Tr\u00e4ger von Bedeutung. Die Differenz zwischen Sprachen ergibt zwar eine mehrsprachige Polyfonie, nicht aber eine Polysemie: Das Gesagte bleibt das Gesagte. Es entsteht aus der Sprachenmischung keine Dissonanz, kein Bedeutungsexzess, keine Bedeutungsarmut in der unaufl\u00f6sbaren Unverst\u00e4ndlichkeit, die die Aussagen produktiv entstellt.<\/p>\n<p>Dagegen inszeniert translinguales Schreiben als <em>semiodiversity, als <\/em>Vieldeutigkeit zwischen Sprachen, eine Form des Durch-Sprachen-Schreibens oder Schreiben am Rand, auf der Kippe, der Zungenspitze von Einzelsprachigkeit. Und solche Texte k\u00f6nnen, meine ich, auf der Oberfl\u00e4che einsprachig sein und doch entweder durch eine ausgestellte Poetik der Anderssprachigkeit oder eine zugrundeliegende translationale Poetik, translingual, d.h. zwischen Sprachen angesiedelt sein. Ich denke hier zum Beispiel an die innerlich exophonen Prosagedichte <em>Schlechte W\u00f6rter<\/em> von Ilse Aichinger. Oder die \u201eAbziehbilder\u201c des deutschen Dichters Schuldt, der Prosagedichte komponierte aus den deutschsprachigen Worten, die ins britische Englisch gewandert waren. Oder die Gedichte von Paul Celan, beispielsweise im Gedicht \u201eBei Wein und Verlorenheit\u201c. Hier wird aus der Wortfolge \u201eNeige-Schnee-N\u00e4he-Wiehern\u201c (dt. Schnee, frz. neige, engl. near, engl. neigh) ein Netz aus Sprachbeziehungen unter oder hinter dem Gedicht abgebildet, welches (so steht zu vermuten), die Entstehung des Gedichts erst vorantreibt oder bedingt und so das monolinguale Postulat unterwandert, die deutsche Mutter- und M\u00f6rdersprache minorisiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V<\/p>\n<p>Es ist schwierig, von einem Gedicht zu reden.<\/p>\n<p>Es ist schwierig, von einem Gedicht in mehr als einer Sprache zu reden.<\/p>\n<p>It is difficult for a poem in more than one language to speak.<\/p>\n<p>Das Reden keimt in den Pr\u00e4positionen.<\/p>\n<p>The speaking chimed in dens, proposition.<\/p>\n<p>The proposition was a tensed Kaiser. Sie hatte zum Tanz keine Kleider.<\/p>\n<p>After the naked dancing, key deers followed in rays.<\/p>\n<p>Das Gedicht nackt sehen hei\u00dft, den Reh nicht raus zu haben.<\/p>\n<p>Dear dares, what are you talking about.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>***<\/strong><\/p>\n<p><em>Paul Celan<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Wein und Verlorenheit, bei<\/p>\n<p>beider Neige:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ich ritt durch den Schnee, h\u00f6rst du,<\/p>\n<p>ich ritt Gott in die Ferne \u2013 die N\u00e4he, er sang,<\/p>\n<p>es war<\/p>\n<p>unser letzter Ritt \u00fcber<\/p>\n<p>die Menschen-H\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie duckten sich, wenn<\/p>\n<p>sie uns \u00fcber sich h\u00f6rten, sie<\/p>\n<p>schrieben, sie<\/p>\n<p>logen unser Gewieher<\/p>\n<p>um in eine<\/p>\n<p>ihrer bebilderten Sprachen.<\/p>\n<p><em>(15.3.1959, aus: &#8222;Die Niemandsrose&#8220;)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>***<\/strong><\/p>\n<h6>Quellen:<\/h6>\n<h6>Ilse Aichinger: Schlechte W\u00f6rter. Fischer 1976. Auf Englisch: Ilse Aichinger, Bad Words. Selected Short Prose. Translated from the German by Uljana Wolf and Christian Hawkey. Seagull Books 2018.<\/h6>\n<h6><em>Robert Kelly, Jacques Roubaud, Schuldt: Abziehbilder, heimgeholt. Droschl 1995<\/em><\/h6>\n<h6><em>David Gramling:\u00a0 The Invention of Monolingualism. Bloomsbury 2016.<\/em><\/h6>\n<h6><em>Yasemin Yildiz: Beyond the Mothertongue. The Postmonolingual condition. Fordham University Press 2012.<\/em><\/h6>\n<h6><em>Esther Kilchmann: \u201eAlles Dada oder: Mehrsprachigkeit ist Zirkulation der Zeichen!\u201c In: Till Dembeck \/ Anne Uhrmacher (Hg.): Das literarische Leben der Mehrsprachigkeit. Methodische Erkundungen. Winter 2016, S. 43-64.<\/em><\/h6>\n<p>Uljana Wolf f\u00fcr (c) Parataxe 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keynote. Berlin Polylingual. Parataxe Symposium IV, 23. November 2018 I Das Gedicht ist in einer Sprache geschrieben. 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