{"id":13483,"date":"2018-05-15T19:00:49","date_gmt":"2018-05-15T17:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/magazin.stadtsprachen.de\/text\/berliner-futur-2\/"},"modified":"2020-11-23T13:06:39","modified_gmt":"2020-11-23T12:06:39","slug":"berliner-futur-2","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/berliner-futur-2\/","title":{"rendered":"Berliner Futur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Keynote. Berlin Polylingual. Parataxe Symposium IV, 23. November 2018<\/strong><\/p>\n<p>Martin Jankowski hat mich gebeten, \u00fcber literarische Mehrsprachigkeit und mehrsprachige Literaturen in Berlin nachzudenken und dabei so etwas wie ein Berliner Futur zu entwerfen. Dieser Bitte komme ich sehr gerne nach und danke zugleich vielmals f\u00fcr die Einladung zu diesem wunderbaren Symposium. Ich denke und spreche als Literaturwissenschaftlerin, die sich mit deutschsprachiger Literatur sowie dem Zusammenspiel von Mehrsprachigkeit und Zugeh\u00f6rigkeit, auch und gerade mit Blick auf Berlin, besch\u00e4ftigt. Wenn ich Mehrsprachigkeit sage, meine ich damit in der Regel literarische Mehrsprachigkeit; zur Diskussion steht in diesem Zusammenhang, inwiefern Literatur immer mehrsprachig ist. Keine Sprache existiert im luftleeren Raum, es g\u00e4be sonst auch keine Literatur.<\/p>\n<p>Das Futur bezeichnet bekannterma\u00dfen eine Zeitform des Zuk\u00fcnftigen, die sich grammatikalisch auf die Konjugation von Verben bezieht \u2013 es geht hier also weniger um die Mehrsprachigkeit als vielmehr um das Sprechen selbst, mithin das zuk\u00fcnftige Berliner Sprechen. Das gesprochene Wort ist an seine gesellschaftliche Umgebung gebunden, zeigt sich als Redevielfalt im Alltag und im Schriftverkehr, es kennt verschiedene Sprechgattungen (Bachtin) und bezieht immer schon mehr als eine Sprache ein. Dieser Umstand ist f\u00fcr mein Verst\u00e4ndnis von Mehrsprachigkeit wichtig, denn Sprechen und Schreiben sind Teil von ihr, sie sind aufeinander bezogen, stehen in Austausch miteinander und zielen damit auf ein Konzept von Mehrsprachigkeit, das sich auch als Mehrstimmigkeit denken l\u00e4sst. Mehrsprachige Texte verbinden nicht nur verschiedene Sprachen, sie k\u00f6nnen die Differenz zwischen Sprechen und Schreiben h\u00f6rbar machen, sie geben verschiedenen Stimmen Raum und bahnen dadurch Wege durch die Stadt. Dies ist gerade im Falle von Berlin-Literatur besonders hervorzuheben, da die Geschichte der deutschen Teilung nicht nur Spuren im Deutschen hinterlassen hat, sondern auch in der Kenntnis anderer Sprachen und Literaturen. Dar\u00fcber hinaus hat die Teilung Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsl\u00e4ndern und unterschiedlichen Gr\u00fcnden an unterschiedliche Orte in Berlin gef\u00fchrt, was sich in der Stadt bis heute zeigt und entsprechend auch ihre Literatur pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Allt\u00e4gliches Sprechen ist eng an seine Umgebung gebunden und wird von dieser beeinflusst, dies gilt sowohl f\u00fcr den Berliner Stadtraum oder konkrete Pl\u00e4tze und Geb\u00e4ude als auch f\u00fcr die verschiedenen Sprachen, die diesen Raum erf\u00fcllen. Berlin-Literatur meint Literatur, die Berlin zum Gegenstand hat oder deren Produktion an Berlin gebunden ist. Der Name des Magazins \u201eStadtsprachen\u201c hebt diesen Zusammenhang besonders hervor, er verweist auf die Pluralit\u00e4t von Menschen, Sprachen und Zugeh\u00f6rigkeiten im transkulturellen Stadtraum. Doch nicht nur im Berliner Alltag, auch wissenschaftlich setzt sich allm\u00e4hlich die Einsicht durch, dass nicht Einsprachigkeit, sondern Mehrsprachigkeit der historische Normalfall ist. Mehrsprachigkeit ist als Dialog von Sprechen und Schreiben eine kontinuierliche Bewegung, die f\u00fcr die Zukunft offen ist und gerade im literarischen Text immer neue Formen auspr\u00e4gt. Auch in diesem Sinn ist Schreiben eine Zeitform, eine Zeitform, die auch als Futur nicht von der Vergangenheit gel\u00f6st werden kann. In \u201eEngel sprechen Russisch\u201c hat Mitja Vachedin diese Verkn\u00fcpfung in das Bild von den farbigen Zahnpasta-Schichten gefasst, die das Sprechen begleiten.<\/p>\n<p>Die literaturwissenschaftliche Mehrsprachigkeitsforschung befasst sich sehr stark mit den Normen der Einsprachigkeit und dem sogenannten monolingualen Paradigma, ein Begriff, den Yasemin Yildiz gepr\u00e4gt hat. Er zielt auf die Vorstellung der Muttersprache als eine Art Gabe und \u201anat\u00fcrlichen Besitz\u2018 eines jeden Menschen, ein Besitz, \u00fcber den der Autor im Schreiben zugleich verf\u00fcgt, sodass Muttersprache und Literatursprache eins werden. Dieser Diskurs wird gerade im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert besonders wirkm\u00e4chtig und pr\u00e4gt die Nationalphilologien, aber auch die weitere literarische \u00d6ffentlichkeit bis heute. Sprachkompetenz ist daher nicht nur eine der wichtigsten Voraussetzungen f\u00fcr die Teilhabe an der deutschen Gesellschaft, sie ist auch die Bedingung f\u00fcr die Anerkennung als deutschsprachiger Autor.<\/p>\n<p>In ihrer B\u00fcchnerpreisrede hat Ter\u00e9zia Mora erst k\u00fcrzlich reflektiert, dass es immer noch erw\u00e4hnt werden muss, dass Sie Ausl\u00e4nderin, also Ausl\u00e4nder und Frau ist, und damit selbstverst\u00e4ndliche Teilhabe keineswegs gegeben ist. Auch Tomer Gardi, den wir heute Abend noch h\u00f6ren werden, hat sich in seinem Roman \u201eBroken German\u201c mit der Spannung zwischen Einsprachigkeit und Mehrsprachigkeit und deren Konsequenzen f\u00fcr den Literaturbetrieb befasst. Schon der Titel bricht buchst\u00e4blich die Vorstellung des nat\u00fcrlichen und reinen Deutsch auf, das im gebrochenen Deutsch <em>ex negativo<\/em> anklingt. Er \u00fcbersetzt es ins Englische und macht damit gebrochenes Deutsch zum titelgebenden Geschehen, weist es aber auch der Vergangenheit zu. Ob damit Mehrsprachigkeit als Normalfall gesetzt, ob Englisch als neue lingua franca gefeiert werden soll, oder ob es sich hier um die bewusste Vermischung von Sprachen, vielleicht sogar eine neue Kunstsprache handelt, w\u00e4re sp\u00e4ter noch zu diskutieren. In jedem Fall ist der Titel einsprachig, n\u00e4mlich englisch, und mehrsprachig zugleich, weil sein Kontext deutschsprachig ist und der Titel darauf nicht nur wegen des \u201agerman\u2018 Bezug nimmt. Erst durch diese Bezugnahme entfaltet er seine volle, mehrsprachige Wirkung.<\/p>\n<p>Ter\u00e9zia Mora und Tomer Gardi liefern zwei Beispiele f\u00fcr ein Schreiben, das ich im Anschluss an Yildiz als postmonolingual bezeichnen m\u00f6chte. Dieser Begriff macht deutlich, dass auch mehrsprachiges Schreiben auf die Norm der Einsprachigkeit bezogen ist, in dieser Bezugnahme aber zugleich offen f\u00fcr die Zukunft ist. Das hei\u00dft auch, dass wir uns zumal in Berlin nicht ohne Weiteres von der nationalen Geschichte l\u00f6sen k\u00f6nnen, die in die Sprache und die Wahrnehmung der Stadt eingelagert ist. Jenny Erpenbeck hebt diesen Zusammenhang mit ihrem Titel \u201eGehen, ging, gegangen\u201c hervor, der die Formen der Zeit aus verschiedenen Perspektiven von Flucht und Vertreibung durchkonjugiert und damit zum literarischen Dialog im transkulturellen Berlin beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Mit dem Wandel von Migration und Flucht im Zuge der politischen Entwicklungen nach 1989\/90 ver\u00e4ndert sich die Stadt und wechseln die Sprachen, die in ihr besonders vernehmlich werden. Hat der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs Berlin nach Osten ge\u00f6ffnet, wie etwa Nellja Veremej postuliert hat, so kamen beispielsweise mit den Fl\u00fcchtlingen aus Jugoslawien wieder neue Sprachen und neue Geschichten. In diesem Zusammenhang ist die transkulturelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus besonders hervorzuheben, denn sie ist heute Teil eines transnationalen Ged\u00e4chtnisses, das es einerseits erlaubt, rechtsradikale \u00dcbergriffe jedweder Art zur\u00fcckzuweisen, und andererseits Ankn\u00fcpfungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Exil-Erfahrungen in der aktuellen Literatur von Gefl\u00fcchteten bietet.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend l\u00e4sst sich auch anhand verschiedener West-Berliner Texte der Migration \u2013 zum Beispiel von Aras \u00d6ren, Zafer \u015eenocak oder Emine Sevgi \u00d6zdamar \u2013 zeigen, dass der historische, soziale und kulturelle Wandel der Stadt und der Wandel der Literatur Hand in Hand gehen. Dabei zeichnen sich etwa bis zur Jahrtausendwende zwei miteinander verschr\u00e4nkte Bewegungen ab: zum einen eine zunehmende Aneignung des Stadtraums, der lange nur vom Kreuzberger Mauerrand perspektiviert wurde, und zum anderen die Aneignung der deutschen Sprache als Literatursprache. Mit der Aneignung der Stadt nach dem Mauerfall geht die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte einher; eine Bewegung von der Peripherie ins Zentrum, die dem neuen Hauptstadt-Charakter Rechnung tr\u00e4gt. Gleichzeitig bleibt dieser Status nicht unhinterfragt, weil die Spannung von Peripherie und Zentrum in Erz\u00e4hlungen von Ausschluss und Teilhabe, Zugeh\u00f6rigkeit und Nicht-Zugeh\u00f6rigkeit wiederkehrt.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben sich durch neue Fluchtbewegungen auf der einen Seite, aber auch durch die verst\u00e4rkte Globalisierung, d.h. den Zuzug internationaler Studierender, K\u00fcnstler oder <em>Start Up<\/em>-Gr\u00fcnderinnen neue Herausforderungen f\u00fcr das mehrsprachige Berlin ergeben. Sie sind zwar in gewisser Weise die beiden Seiten derselben Medaille, stellen aber erneut die Frage, wer einheimisch, wer zugewandert und was eigentlich ein Berliner ist.<\/p>\n<p>Eine Chronistin dieser Entwicklung ist Ter\u00e9zia Mora, deren Romane nicht nur Geschichten von Flucht und Migration erz\u00e4hlen, sondern dem rapiden gesellschaftlichen Wandel durch eine kontinuierliche Entwicklung ihrer mehrstimmigen Verfahren Rechnung tragen. Dabei zeigt sich in puncto Mehrsprachigkeit eine gegenl\u00e4ufige Bewegung etwa zur Berlin-Istanbul-Trilogie von Emine Sevgi \u00d6zdamar. Denn \u00d6zdamars Versuch, in Deutschland anzukommen und sich in die deutsche Literaturgeschichte einzuschreiben, geht mit dem literarischen Nachweis von zunehmend ungebrochenem Deutsch einher, der ihre Trilogie zum Bildungsroman macht. Bei Mora zeigt sich dagegen zehn Jahre sp\u00e4ter, dass sie Mehrsprachigkeit als Teil ihrer pers\u00f6nlichen Geschichte, aber auch als Teil ihrer Romane eher st\u00e4rker zum Thema macht. Die beiden ersten B\u00fccher der Darius Kopp-Trilogie sind sogar explizit mehrsprachig, beide reflektieren dabei auch auf Hierarchien zwischen Sprachen, einmal bezogen auf die Bedeutung des selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzten Business-Englisch f\u00fcr den Ostdeutschen Darius, zum anderen bezogen auf die Hierarchie zwischen Deutsch und Ungarisch, die in \u201eDas Ungeheuer\u201c sogar durch einen schwarzen Strich markiert wird. Dass Mora gerade den B\u00fcchnerpreis erhalten hat, best\u00e4tigt nicht nur ihr mehrstimmiges Verfahren, sondern \u00f6ffnet auch den einsprachigen Horizont des deutschen Literaturbetriebs.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist Mora ein gutes Beispiel daf\u00fcr, dass es k\u00fcnftig nicht darum gehen kann, Mehrsprachigkeit zu idealisieren oder Konzepte von Einsprachigkeit und Mehrsprachigkeit einander einfach gegen\u00fcberzustellen. Ihre Texte zeigen deutlich, dass mehr Sprachen keineswegs zu mehr Verst\u00e4ndigung beitragen. Zudem gibt es sehr unterschiedliche Gr\u00fcnde und Motivationen f\u00fcr Verfahren des Sprachwechsels oder der Sprachmischung, die existentiell so schwerwiegend sein k\u00f6nnen, dass sich ein \u201aLob der Mehrsprachigkeit\u2018 von selbst verbietet. Dies gilt f\u00fcr die Erfahrung des Exils, dies gilt aber ebenso f\u00fcr die vielen anderen, nicht zuletzt sozialen Gr\u00fcnde, die Spracherwerb oder normierten, richtigen Sprachgebrauch verhindern. So wie es nicht darum geht, Mehrsprachigkeit an sich zu bevorzugen, kann es auch nicht darum gehen, Einsprachigkeit oder sprachliche Normen einfach abzulehnen, denn diese gehen der spielerischen Variation und literarischen Reflexion immer schon voraus. Normen wirken keineswegs nur ausschlie\u00dfend, sie schaffen allererst die Grundlagen f\u00fcr gleichberechtigtes, demokratisches Miteinander.<\/p>\n<p>Wie sieht nun zuk\u00fcnftiges Berliner Sprechen und Schreiben aus? Wie klingt es? Wie zeigt sich darin Zugeh\u00f6rigkeit und Nicht-Zugeh\u00f6rigkeit? Wenn ich nun versuche, Trends f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Entwicklung mehrstimmigen, postmonolingualen Schreibens in Berlin zu bestimmen, w\u00fcrde ich sagen, dass drei Faktoren ausschlaggebend sind: (1) Zuerst ist sicherlich der weitere Einfluss verschiedener Sprachen auf das allt\u00e4gliche Sprechen und dann das Schreiben zu nennen; dabei ist es von Bedeutung, welche Sprachen das sind, was sie historisch und literarisch im Gep\u00e4ck haben und warum sie nach Berlin gekommen sind. (2) Zudem ist es wichtig, wie Berlin durch die Brillen anderer Orte und anderer St\u00e4dte wahrgenommen wird. Es ist kein Zufall, dass viele Berlin-Romane auch als Romane \u00fcber Istanbul, Baku oder St. Petersburg gelesen werden k\u00f6nnen. Sie tragen in hohem Ma\u00dfe dazu bei, Berlin zu verorten. F\u00fcr das polylinguale Berlin ist es nicht unerheblich, ob es als deutsche, als europ\u00e4ische, als globale, als westliche oder wom\u00f6glich als \u00f6stliche Stadt erscheint. (3) Und schlie\u00dflich drittens: Berlin-Literatur ist nicht an die deutsche Sprache gebunden. Es gibt schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Texte \u00fcber Berlin, die am literarischen Berlin mitschreiben und die heute ebenfalls Teil eines kulturellen Ged\u00e4chtnisses sind, das nicht allein national gedacht werden kann. Dies gilt auch f\u00fcr konkrete Orte, z.B. das russische Charlottenburg, das heute wieder eine Bezugsgr\u00f6\u00dfe f\u00fcr Zugeh\u00f6rigkeit bildet. Zu denken ist beispielsweise aber auch an die Berlin-Texte von Aras \u00d6ren, die auf T\u00fcrkisch geschrieben sind.<\/p>\n<p>Ich denke daher nicht, dass ein unterschiedsloser Sprachmix das Berliner Futur bestimmt, sondern dass Mehrstimmigkeit als Verfahren die Pluralit\u00e4t des Berliner Lebens darstellen und reflektieren kann. Diese Pluralit\u00e4t gilt es anzuerkennen, auch als plurales Miteinander von Sprachen und ganz unterschiedlichen pers\u00f6nlichen Geschichten. Mehrsprachigkeit hat viele Gesichter. Insofern lautet die wichtigste Frage, wer die Subjekte des zuk\u00fcnftigen Berliner Sprechens sind. Denn nur die Verben machen keinen Satz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keynote. Berlin Polylingual. Parataxe Symposium IV, 23. November 2018 Martin Jankowski hat mich gebeten, \u00fcber literarische Mehrsprachigkeit und mehrsprachige Literaturen in Berlin nachzudenken und dabei so etwas wie ein Berliner Futur zu entwerfen. 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