{"id":15604,"date":"2021-03-02T11:23:21","date_gmt":"2021-03-02T10:23:21","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=15604"},"modified":"2021-03-18T18:03:49","modified_gmt":"2021-03-18T17:03:49","slug":"gedichte_alexandru_bulucz","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/gedichte_alexandru_bulucz\/","title":{"rendered":"Gedichte"},"content":{"rendered":"<p><b>Isenheimer Schmerzasyl<\/b><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-15604-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Isenheimer-Schmerzasyl.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Isenheimer-Schmerzasyl.mp3\">https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Isenheimer-Schmerzasyl.mp3<\/a><\/audio>\n<p>Schw\u00e4rzliches Mutterkorn dr\u00e4ngt aus den Spelzen der \u00c4hre hervor<\/p>\n<p>wie das Haupt der Medusa, enthauptet sich selbst in der Reife,<\/p>\n<p>verharrt \u00fcbern Winter am Boden. Im Fr\u00fchjahr erhebt sich aus ihm<\/p>\n<p>eine Anzahl an K\u00f6pfchen, mit Warzen bedeckt. Sie beherbergen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlangenhaarsporen, die Winde in Roggenbl\u00fct\u2019narben zerblasen.<\/p>\n<p>Die bilden in ihnen Myzele. Dann Honigtau. Ausbruch im Herbst:<\/p>\n<p>Nach vermahlenem Roggen, gebackenem Brot f\u00e4hrt schon Taubheit<\/p>\n<p>in Glieder. Es kommen das Kribbeln, das Ameisenlaufen in Gang,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>zwar f\u00f6rmlich. Die Muskeln verkrampfen. Belebt wird das alles<\/li>\n<\/ol>\n<p>verschlechternde Kohldampfgeschiebe im Irrkreis des giftigen Laibs.<\/p>\n<p>Katarakte betr\u00fcben die Augen. Dann tot. \u2026 o. Ausbruch im Herbst:<\/p>\n<p>Um die Steine \u2013 durch Trocknung verrunzeltes Fruchtfleisch, \u2019ne D\u00f6rr-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>pflaum\u2019 am \u00c4rmchen u. welche am Bein, Pergamenthaut mit Pusteln,<\/p>\n<p>mit Blasen, mit Grind um die Knochen. Die Akrenverluste, von H\u00e4nden<\/p>\n<ol>\n<li>F\u00fc\u00dfen. Als w\u00fcrde der Wegerich helfen. Das Z\u00e4hnegeknirsche,<\/li>\n<\/ol>\n<p>Geschrei vor den Schmerzen. Der heil\u2019ge Antonius! Das Feuer \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ein Innenverw\u00fcster. Ein Flackern vor Augen. Dann Schwachheit,<\/p>\n<ol>\n<li>tot \u2013 wie die Gans mit dem spastisch verkr\u00fcmmtesten Hals.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Zu verdanken ist dies jenen wenig geeigneten Sieben der Armut.<\/p>\n<p>Mitunter gebraucht sie von siebenden Bauern verworfene Mengen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>f\u00fcr Kl\u00f6\u00dfe u. Mehlsupp\u2019, zugunsten des Brandes danach, eines Durstes,<\/p>\n<p>den Wasser doch nimmermehr l\u00f6scht. Die nicht sterben am R\u00f6stspie\u00df<\/p>\n<p>des Meisters Hieronymus Bosch, die verleben die Tage als bettelnde<\/p>\n<p>Kr\u00fcppel auf Kr\u00fccken, als h\u00f6lzerne Stelzf\u00fc\u00df\u2019 mit Lazarusklappern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn Mutterkorn dr\u00e4ngt aus den Spelzen der \u00c4hre hervor, u. die Armen,<\/p>\n<p>sie kommen, laut Sprichwort, aus\u2019m Spelzchen aufs Stelzchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Vorrat verbraucht<\/b><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-15604-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Vorrat-verbraucht.mp3?_=2\" \/><a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Vorrat-verbraucht.mp3\">https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Vorrat-verbraucht.mp3<\/a><\/audio>\n<p><i>Schreiben hei\u00dft jetzt, etwas \u00fcber sich verm\u00f6gen, denn was schreiben,<\/i><\/p>\n<p><i>\u2026 wo ein, ich wei\u00df nicht woher genommener, ungeheurer Vorrath<\/i><\/p>\n<p><i>von Leid, Verzweiflung, Opferung und Noth im Gro\u00dfen verbraucht<\/i><\/p>\n<p><i>wird, als g\u00e4b es irgendwo Alle im Ganzen und nirgends den Einen;<\/i><\/p>\n<p><i>nirgends mehr ist das Maa\u00df des einzelnen Herzens anzulegen,<\/i><\/p>\n<p><i>das doch sonst die Einheit war der Erde und des Himmels und aller<\/i><\/p>\n<p><i>Weiten und Abgr\u00fcnde. \u2026 Wie unvordenklich ist alles geworden,<\/i><\/p>\n<p><i>Heiligendamm, Zeiten wie die Kindheit selbst, so entlegen und<\/i><\/p>\n<p><i>arglos, wer wird wieder je so f\u00fchlen!? <\/i>Rainer Maria Rilke<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Sensen, die Sicheln, die Forken, die Axt, sie alle verrosten.<\/p>\n<p>Noch steht auf dem H\u00fcgel ein Manderl f\u00fcrs Heu, es vermorscht.<\/p>\n<p>Kein Nutztier zertrampelt Getreide. Die Milchkuh, sie wurde verkauft.<\/p>\n<p>Von den Mandlern blieb einer, u. zwar unterm Holzkreuz am Bach.<\/p>\n<p>Um die Scheune steht\u2019s schlecht, denn kein Strohlicht mehr deutelt<\/p>\n<p>von innen die W\u00e4nde. Es fehlt das gespaltene Brennholz im Stapel<\/p>\n<p>zum Kochen. Niemand ersucht um getrocknetes Reisig die W\u00e4lder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inmitten von Eden stand keinem der Sinn, nach dem Vorrat<\/p>\n<p>an Wonne zu fragen, ob schier unersch\u00f6pflich, ob eher auf Zeit.<\/p>\n<p>Agafia u. Petrus sind weg. Auch Majka ist weg. Wer bespricht<\/p>\n<p>ihre Werte, begeht ihre Wege u. liest ihr gemeinsames Werk?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schmerzen des Wachstums, sie kamen versp\u00e4tet, zur Nachtzeit<\/p>\n<p>wie Reif. Die Behauptung, des Menschensohns L\u00f6segeld w\u00fcrde<\/p>\n<p>auf immer u. ewig uns alle von Qualen befreien, ist so was von falsch.<\/p>\n<p>Denn der Messie-Messias kann nicht im Entferntesten horten<\/p>\n<p>im heiligen Vorratsverschlag jene Arten von Schmerz, die bei drei<\/p>\n<p>auf den B\u00e4umen nicht sind. Verbraucht sind die Vorratsgef\u00fchle,<\/p>\n<p>das Brombeergelee in den Gl\u00e4sern von Mutter! Verrat an der S\u00fc\u00dfe!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>\u2026 im Andenken an Werner Hamacher,<\/i><\/p>\n<p><i>dessen unvollendet gebliebener Aufsatz \u00bbAndere Schmerzen\u00ab<\/i><\/p>\n<ol>\n<li><i> a. auch das Kapitel \u00bbVorrat verbraucht (Rilke, 1915)\u00ab vorsah.<\/i><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Gespr\u00e4che mit Baumrinden II<\/b><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-15604-3\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Gespra\u0308che-mit-Baumrinden-2.mp3?_=3\" \/><a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Gespra\u0308che-mit-Baumrinden-2.mp3\">https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Gespra\u0308che-mit-Baumrinden-2.mp3<\/a><\/audio>\n<p>Nie nahmst du\u2019s ab, als ich von Boris tr\u00e4umte,<\/p>\n<p>von Feldern gr\u00fcner Pastinaken. Es war dir gleich,<\/p>\n<p>was sich verbarg hinter dem Geschmack des Dills<\/p>\n<p>im K\u00e4se aus der Teigtasche,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>was Petersilie \u00fcber die Seele wei\u00df.<\/p>\n<p>Nie fragtest du nach den transsilvanischen \u00c4pfeln<\/p>\n<ol>\n<li>warum sie in der k\u00fchlenden Erde lagern,<\/li>\n<\/ol>\n<p>den Pilzen, die Majka anbriet u. salzte,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>den Zwetschgen, dem Schnaps, dem Urgro\u00dfvater,<\/p>\n<p>dem Holzkreuz am Bach. Radieschen f\u00fcr Radieschen,<\/p>\n<p>Zwiebel f\u00fcr Zwiebel hast du weggeschaut.<\/p>\n<p>Nie auf den Sonnenflecken im Zimmer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>wei\u00dfen Holunder f\u00fcr Holunderwasser trocknen lassen.<\/p>\n<p>Weder in Andrejs unreife Dreiecksbirnen gebissen,<\/p>\n<p>die ich vom Wegrand f\u00fcr uns klaubte,<\/p>\n<p>noch in die bitteren Quitten wie Emil der Rabe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nie vom Brot die dunkle Rinde gekaut,<\/p>\n<p>die Marmelade, die Mutter uns brachte,<\/p>\n<p>das wei\u00dfe Hirn einer unreifen Walnuss,<\/p>\n<p>deren Haut man mit den N\u00e4geln abzieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Keine Wand mit Unsinn beschmutzt<\/p>\n<p>mit ihrer gr\u00fcnen Schale.<\/p>\n<p>Dir keinen Apfelstiel als Erde gedacht,<\/p>\n<p>keinen Apfel als Sonne,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>gabst keinem Aberglauben nach,<\/p>\n<p>drehtest keinen Apfelstiel, bis er abriss,<\/p>\n<p>um zu erfahren, wie viele Uml\u00e4ufe um die Sonne<\/p>\n<p>du noch brauchst bis zum Ende deiner Bahn.<\/p>\n<p>Wieder u. wieder flog der Stumpf deines Apfels<\/p>\n<p>auf den Kompost. Nie rechnetest du<\/p>\n<p>in Nachbars Garten mit dem Hundebiss<\/p>\n<p>in der Krone des Kirschbaums mit einem Ohr<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>als Kurztrieb von zwei S\u00fc\u00dfkirschen.<\/p>\n<p>Nie hat\u2019s dich gejuckt am R\u00fccken<\/p>\n<p>ein Hagebuttensamen, -seamus.<\/p>\n<p>Nie hast du versucht,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>die R\u00fcckenschmerzen vom Spargelstechen<\/p>\n<p>mit dem Schmerz von Brennnesselhieben auszutreiben,<\/p>\n<p>bis Brennnessel Ersatz war f\u00fcr Spinat,<\/p>\n<p>B\u00e4rlauch f\u00fcr Knoblauch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nie nach dem Diebstahl des Lauchs<\/p>\n<p>die Schwarzerde im Mund Schwarzrede an Gott,<\/p>\n<p>weil du kein Wasser hast, die Erde abzuwaschen.<\/p>\n<p>Nie hat dich wie mich der schlesische Engel besucht<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>beim Pfandflaschensammeln.<\/p>\n<p>Warum sagst du es dennoch wie ich<\/p>\n<p>den K\u00e4fern in der Rinde<\/p>\n<p>in winzigen Worten f\u00fcr winzige Schritte?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>aus: Alexandru Bulucz: <a href=\"https:\/\/www.schoeffling.de\/buecher\/alexandru-bulucz\/was-petersilie-%C3%BCber-die-seele-wei%C3%9F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>was Petersilie \u00fcber die Seele wei\u00df<\/i><\/a>. Gedichte, Frankfurt am Main (Sch\u00f6ffling &amp; Co.) 2020. Die Audioaufnahmen des Autors stammen von der Lesung auf der <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/event\/parataxe-presentation-open-air-0b569476\/\">PARATAXE presentation<\/a> vom 15. August 2020 in der Berliner Novilla <em>(c) stadtsprachen magazin<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Isenheimer Schmerzasyl Schw\u00e4rzliches Mutterkorn dr\u00e4ngt aus den Spelzen der \u00c4hre hervor wie das Haupt der Medusa, enthauptet sich selbst in der Reife, verharrt \u00fcbern Winter am Boden. Im Fr\u00fchjahr erhebt sich aus ihm eine Anzahl an K\u00f6pfchen, mit Warzen bedeckt. Sie beherbergen &nbsp; Schlangenhaarsporen, die Winde in Roggenbl\u00fct\u2019narben zerblasen. Die bilden in ihnen Myzele. 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