{"id":16767,"date":"2021-08-31T13:01:07","date_gmt":"2021-08-31T11:01:07","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=16767"},"modified":"2021-09-07T11:44:28","modified_gmt":"2021-09-07T09:44:28","slug":"die-rixdorfer-handschriften-oder-neukoelln-als-ein-dorf-von-einwanderern","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/die-rixdorfer-handschriften-oder-neukoelln-als-ein-dorf-von-einwanderern\/","title":{"rendered":"Die Rixdorfer Handschriften oder Neuk\u00f6lln als ein Dorf von Einwanderern"},"content":{"rendered":"<p><em>Vor etwa f\u00fcnf Jahren entdeckte das Fachgebiet Westslawische Sprachen (geleitet von Prof. Dr. Roland Meyer) der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin im Archiv im B\u00f6hmischen Dorf<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> mehrere Tausend Seiten tschechischer Handschriften, haupts\u00e4chlich Predigten und Lebensl\u00e4ufe. Das Besondere daran war, dass sie im Berlin des 18. Jahrhunderts verfasst wurden. Die Lebensl\u00e4ufe handelten von Menschen aus Landwirtschaft und Handwerk und wiesen Merkmale von Autobiografien auf. Aleksej Tikhonov widmete den Handschriften seine Doktorarbeit in Sprachwissenschaften und konnte mit Methoden der digitalen Geisteswissenschaften die schreibenden H\u00e4nde ausfindig machen, die Entstehung der Lebensl\u00e4ufe nachzeichnen und herausfinden, ob einfache Menschen tats\u00e4chlich ihre Lebensl\u00e4ufe selbst verfassten und wie die Situation von Frauen in der f\u00fcr damalige Zeiten progressiven Br\u00fcdergemeine aussah.<\/em><\/p>\n<p>Mit den Schlagworten &lt;B\u00f6hmisch&gt; und &lt;Dorf&gt; werden zumeist die b\u00f6hmischen D\u00f6rfer aus der entsprechenden Redewendung assoziiert. Mit &lt;Das sind b\u00f6hmische D\u00f6rfer f\u00fcr mich&gt; meint der\/die Sprecher*in meistens, dass sie oder er nicht versteht, worum es sich in dem Gespr\u00e4ch handelt. Die Redewendung meint also kein konkretes Dorf und hat heute nur bedingt etwas mit B\u00f6hmen oder der Tschechischen Republik zu tun. Die Urspr\u00fcnge liegen wohl noch in der Zeit der Habsburger Monarchie, als die deutschsprachige Bev\u00f6lkerung die diversen westslawischen Sprachen und Dialekte oft nicht verstanden und daher auch nicht dazwischen unterschieden hat. Die genaue Herkunft dieser gel\u00e4ufigen Wendung bleibt im Dunkeln. Im Gegensatz dazu bleibt eine Berliner Geschichte nicht mehr im Dunkeln oder im Sagenhaften. Zwischen der turbulenten Karl-Marx-Stra\u00dfe und dem S-Bahnhof Sonnenallee liegt das B\u00f6hmische Dorf Berlins \u2013 Rixdorf. Dabei ist es keine Redewendung \u00fcber das dynamische Neuk\u00f6llner Leben, sondern meint tats\u00e4chlich hunderte niedergeschriebener Geschichten \u00fcber und von protestantischen Gefl\u00fcchteten, die vor rund dreihundert Jahren bei und in Berlin eine neue Heimat gefunden haben.<\/p>\n<p>B\u00f6hmisch Rixdorf, oder einfach das B\u00f6hmische Dorf, mit seinem Zentrum am Richardplatz, kann heute gewiss noch als ein Geheimtipp f\u00fcr Neu- und Alt-Berliner*innen angesehen werden. In etlichen Berliner Bezirken gibt es noch \u00dcberreste oder sogar vitale Dorfkerne aus der Zeit vor Gro\u00df-Berlin, bevor Lichtenberg, Sch\u00f6neberg, Wilmersdorf, Charlottenburg, Spandau, K\u00f6penick und Neuk\u00f6lln 1920 zu dem Berlin wurden, das wir heute kennen. Rixdorf, das erst seit den 1910er Jahren Neuk\u00f6lln hei\u00dft, hat aber einige Alleinstellungsmerkmale. Zum einen sind Anwohner*innen selbst. Einige tragen heute nicht nur die Familiennamen, die ihre Vorfahren aus B\u00f6hmen, M\u00e4hren und Schlesien mitgebracht haben, sondern leben tats\u00e4chlich noch auf dem Grund und Boden, der in Preu\u00dfen in den Besitz der Familien \u00fcberging. Auch einige der Geb\u00e4ude aus dem 18.\u201319. Jahrhundert stehen noch, wobei sich einige der \u201eDenkm\u00e4ler\u201c als Scheunen oder Schuppen in den Innenh\u00f6fen verstecken. Was aber die Namen angeht, so sind einige heute noch als tschechische Namen erkennbar, z.B. Krystek oder Weyprachtitzky. Andere Familien wiederum haben ihre Namen schon sehr fr\u00fch w\u00f6rtlich ins Deutsche \u00fcbertragen lassen. So wurde bereits 1769 Proch\u00e1zka zu Spazier, um 1771 Vesel\u00fd zu Lustig sowie um 1795 Li\u0161ka zu Fuchs. Eine solche Familie war auch die Familie Jel\u00ednek. Die Jel\u00edneks \u00fcbersetzten ihren Namen als Hirschel. Soweit die Datenlage die Aussage erlaubt, war es eine der ersten Familien, die diesen Integrationsschritt bereits um 1755 unternahm. Dabei war sie nicht einfach eine von vielen Familien, die Anfang der 1730er Jahre nach Berlin und Rixdorf kam. Jel\u00ednek bzw. Hirschel war eine Predigerfamilie, die ma\u00dfgeblich an den Rixdorfer Lebensl\u00e4ufen mitgewirkt hat.<\/p>\n<p>Bis heute wird in Rixdorf die Anfertigung eines Lebenslaufs praktiziert. Dabei geht es nicht um einen Lebenslauf wie wir ihn heute als eine tabellarische \u00dcbersicht bei Bewerbungen einreichen. Es geht, wie es damals hie\u00df, um den Gang durch die Zeit. Es diente auch nicht einer Bewerbung oder einem anderen materiellen Zweck. Die Darstellung \u00fcber den Gang durch die Zeit sollten Schwestern und Br\u00fcder der Br\u00fcdergemeine eigenst\u00e4ndig anfertigen, wenn sie versp\u00fcrten, dass sie bald aus dem Leben scheiden k\u00f6nnten. Ihre Lebensdarstellung wurde dann beim Begr\u00e4bnisritual vorgetragen. Einige au\u00dfergew\u00f6hnliche oder umgekehrt eher musterhafte Lebensl\u00e4ufe kursierten auch in den Gemeinnachrichten. Die Gemeine ist in diesem Kontext ohne das &lt;d&gt; korrekt, denn die Gemeine ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal Rixdorfs.<\/p>\n<p>Ab den 1730er Jahren sind immer mehr Menschen nach Preu\u00dfen gekommen, weil sie in ihrer Heimat verfolgt wurden. Im Zuge der Rekatholisierung B\u00f6hmens, M\u00e4hrens und Schlesiens wurden Protestant*innen wegen ihrem Glauben verfolgt. Die Willk\u00fcr der Machthabenden reichte dabei von Geldstrafen \u00fcber Enteignungen bis hin zu Folter und Haftstrafen. Viele wollten ihren Glauben nicht ablegen und sind daher geflohen. \u00dcber viele Umwege durch Sachsen und Brandenburg, in kleinen Gruppen und zumeist bei Nacht und zu Fu\u00df unterwegs, um die Gefahr der Verhaftung zu minimieren, kamen die Protestant*innen in Berlin an. Ihr Protestantismus war dabei aber ein \u00dcberbegriff. Die Gefl\u00fcchteten waren sich in ihren Glaubensansichten alles andere als einig. Die wohl einzigen Gemeinsamkeiten waren, dass sie nicht zum Katholizismus konvertieren wollten und sich deshalb f\u00fcr die Flucht entschieden hatten. Haupts\u00e4chlich schlossen sich die tschechischen Gefl\u00fcchteten der Reformierten und der Lutherischen Kirche sowie der Br\u00fcdergemeine an. Die Br\u00fcdergemeine war Anfang des 18. Jahrhunderts die Glaubensgemeinschaft, die den Tschech*innen kulturell und historisch am n\u00e4chsten stand. Von den drei Gemeinschaften war es die Kirche, die direkt auf den tschechischen Reformator Jan Hus und den Vater moderner P\u00e4dagogik sowie Theologen Jan Amos Comenius aka Komensk\u00fd zur\u00fcckging. Durch die enorme Kraft der Gegenreformation hat sich die Br\u00fcdergemeine \u201eUnitas Fratrum\u201c im Exil des 16.\u2013 17. Jahrhunderts fast vollst\u00e4ndig aufgel\u00f6st, w\u00e4ren da nicht der junge Nikolaus Ludwig Graf und Herr von Zinzendorf gewesen. Ab den 1720er Jahren nahm Zinzendorf auf den G\u00fctern seiner Familie in Sachsen Gefl\u00fcchtete auf. Es waren aber vor allem deutschsprachige Anh\u00e4nger*innen der Br\u00fcdergemeine aus M\u00e4hren, weshalb die tschechischsprachigen Gefl\u00fcchteten dort nur kurzweilig blieben und weiter nach Preu\u00dfen zogen. Nichtsdestotrotz wurden die Berliner und die Rixdorfer Br\u00fcdergemeine sp\u00e4ter als ein Teil der globalen Br\u00fcdergemeine anerkannt. In dem globalen Wirken und Denken liegt auch der Unterschied zwischen Gemeine und Gemeinde innerhalb der br\u00fcderischen Tradition. W\u00e4hrend die Gemeinde eine lokale Gemeinschaft darstellt, ist die (Br\u00fcder-)Gemeine eine globale Einheit, die nicht nur spirituell, sondern auch materiell verbunden ist. Einerseits waren und sind es die Losungen \u2013 f\u00fcr jeden Tag des Jahres im Voraus ausgeloste Bibelzitate, die in jedem Gemeinort gelesen werden. Anderseits waren es auch die Gemeinnachrichten \u2013 eine Art handgeschriebene Zeitung, die auch die Lebensl\u00e4ufe beinhaltete. Das Deutsche war zu der Zeit die globale Sprache der Br\u00fcdergemeine, jedoch gab es auch Ausnahmen, wie das Tschechische in Berlin und Rixdorf.<\/p>\n<p>Die reformierten, die lutherischen und die br\u00fcderischen Fl\u00fcchtlinge waren nicht die ersten Tschechen in Berlin. Einige tschechische H\u00e4ndler, Geistliche und Handwerker waren bereits zuvor nach Berlin gegangen. Die Religionsfl\u00fcchtlinge bildeten aber einen zu der Zeit bemerkbaren Zuzug. Bei ca. 80 000 Einwohnern im damaligen Berlin machten allein die tschechischsprachigen Fl\u00fcchtlinge etwa 1,5 % der Stadtbev\u00f6lkerung aus, wobei auch zahlreiche franz\u00f6sische und Salzburger Exulanten in Berlin siedelten. Dar\u00fcber hinaus gab es sp\u00e4ter Arbeitsmigrant*innen aus den gleichen Gebieten. Die st\u00e4ndig wachsende preu\u00dfische Armee brauchte immer mehr Handwerker*innen und B\u00e4uer*innen, die vor allem die Stoffe f\u00fcr die Uniformen anfertigten und Lebensmittel produzierten. Auf das heutige Berlin projiziert, w\u00fcrde es bei einer Bev\u00f6lkerungszahl von rund 3,7 Millionen Menschen um die Aufnahme von mehr als 56 000 Religionsfl\u00fcchtlingen einer Herkunft, aber drei verschiedener Konfessionen (Reformiert, Lutherisch und die Br\u00fcdergemeine), innerhalb von etwa 70 Jahren gehen. Die Tradition der Lebensl\u00e4ufe betrifft dabei ausschlie\u00dflich die Br\u00fcdergemeine.<\/p>\n<p>Heute werden im Archiv des B\u00f6hmischen Dorfs 183 Lebensl\u00e4ufe mit den Sterbejahren zwischen 1760 und 1819 aufbewahrt. Die meisten Texte aber sind mit einem Sterbejahr von vor 1799 datiert. Der Bestand zeigt jedoch keinesfalls alle Lebenswege auf, die in Rixdorf zu Papier gebracht wurden. Der Standort des Archivs oder der Aufbewahrungsort wechselte in den rund 300 Jahren mehrmals. Besonders in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts unternahmen die Manuskripte eine lange Reise durch ihre historische Heimat. Sie wurden von anonymen Predigern aus Prag entliehen und w\u00e4ren damit wahrscheinlich verschollen gewesen, w\u00e4re da nicht die Buchhandlung Ba\u0161teck\u00fd aus Prag gewesen. Josef Ba\u0161teck\u00fd (1844\u20131922) war urspr\u00fcnglich evangelischer P\u00e4dagoge, Dichter und Schriftsteller, aber ebenfalls als Verleger und Buchh\u00e4ndler mit dem Fokus auf volkst\u00fcmliche und br\u00fcderische Literatur in Prag t\u00e4tig. Ihm gelangten die Handschriften v\u00f6llig ungeordnet in die H\u00e4nde, und als er ihre Herkunft erkannte, schickte er sie zur\u00fcck nach Berlin. In Berlin wurden dann die Handschriften Ende des 19. Jahrhunderts geordnet und zu mindestens zwei B\u00fcchern gebunden. Vor 1945 waren es mindestens zwei B\u00fccher, heute sind es nur noch zwei. Zwischen Mitte des 18. und Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Rixdorf von mindestens einem Gro\u00dfbrand und mehreren Kriegen heimgesucht. Der zuk\u00fcnftige Professor der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Karlsuniversit\u00e4t Prag Rudolf \u0158\u00ed\u010dan (1899\u20131975) besuchte Rixdorf in den Jahren 1941 bis 1943 und fertigte mehrere Kopien der Lebensl\u00e4ufe an. Dadurch konnte nun im 21. Jahrhundert festgestellt werden, dass im Zweiten Weltkrieg auch einige Lebensl\u00e4ufe oder gar komplette B\u00fccher mit Lebensl\u00e4ufen verloren gingen. Auf der Reise durch B\u00f6hmen, wegen des Brandes und der Kriege m\u00fcssen mindestens f\u00fcnf B\u00fccher verloren gegangen sein, da die in diversen Archiven verzeichneten Signaturen der Lebenslaufb\u00e4nde bis VII gehen und heute in Rixdorf nur zwei B\u00e4nde vorliegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erste Beobachtung, die bei der Analyse der Lebensl\u00e4ufe gemacht wurde, war, dass viele der Texte in der 1. und 3. Person geschrieben wurden. Logischerweise gibt es auch Texte, die komplett in der 3. Person verfasst sind. Texte ausschlie\u00dflich in der 1. Person sind nicht m\u00f6glich, da die betreffende Person ja nicht nach ihrem Tod \u00fcber das Begr\u00e4bnisritual schreiben kann. Die ersten Stichproben zeigten auch, dass die Textteile in der 1. und 3. Person sich statistisch unterscheiden, z.B. waren die S\u00e4tze in der 3. Person um das Vielfache l\u00e4nger. Letztendlich konnte bei allen Texten nachgewiesen werden, dass die Textteile in der 1. und 3. Person tats\u00e4chlich von verschiedenen Autor*innen stammen, das hei\u00dft von Menschen, die diese Texte z.B. diktiert oder die Urversion geschrieben haben. Es sind also Menschen, denen die Urheberschaft zugeordnet werden kann. Eine andere Frage stellt sich bei den schreibenden Personen, also den Schreiber*innen. Sie fertigten die tats\u00e4chlichen Handschriften an \u2013 hatten im w\u00f6rtlichen Sinne die Federf\u00fchrung. Die mathematische Berechnung von Entfernungen zwischen jedem der 183 Lebensgeschichten hat ergeben, dass gar nicht so viele Menschen daran beteiligt waren. Bei der Urheberschaft ist die Zahl von maximal 26 Menschen zu nennen. Bei den schreibenden Personen ist die Zahl noch geringer. Hier liegt sie bei maximal 12 Menschen. Im Umkehrschluss hei\u00dft das, dass die 183 Protagonist*innen der Lebensl\u00e4ufe die Texte weder selbst diktierten, noch selbst die Urversionen oder die endg\u00fcltigen Biografien verfassten. Anfangs wurde im Forschungsprojekt angenommen, dass die B\u00e4uer*innen und Handwerker*innen ihre Biografien selbst verfassten. Das war kein verkehrter Gedanke, denn sie hatten ja schon in den fr\u00fchen 1730er Jahren ihren eigenen Lehrer mitgebracht. An den Schulen der Br\u00fcdergemeine in Rixdorf wurde Jungen Lesen und Schreiben auf Deutsch und Tschechisch beigebracht, den M\u00e4dchen zumeist nur das Lesen. Auch das war f\u00fcr die Zeit im Vergleich mit preu\u00dfischen Schulen sehr progressiv. W\u00e4hrend die Urheberschaft nicht mehr exakt rekonstruiert werden kann, ist die schreibende Hand quantitativ und qualitativ greifbar. Von den 12 maximalen H\u00e4nden konnten neun mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden. Zwei weitere Schreiber*innen k\u00f6nnen nicht ausgeschlossen werden, sie konnten aber nur durch sehr wenige Hinweise ermittelt werden. Die zw\u00f6lfte Person, die nicht ermittelt werden konnte, kann nie existiert haben. Sie hat sich rein statistisch ergeben, zum Beispiel dadurch, dass bei einer Sammlung von Texten eine dem Projekt unbekannte Vorlage benutzt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Schreiber*innen stammen aus drei Familien \u2013 Pulkr\u00e1bek, Kov\u00e1\u0159 und Jel\u00ednek, wobei die letzteren beiden durch diverse Eheschlie\u00dfungen miteinander verwandt waren. Die Pulkr\u00e1beks geh\u00f6rten zum tschechischen Burgadel und waren daher des Schreibens m\u00e4chtig. Anzumerken ist hier auch, dass von den elf mit Namen ermittelten Personen f\u00fcnf Frauen gewesen sind, die jeweils Schwestern, Ehefrauen oder Helferinnen von Predigern oder Lehrern waren, von denen es bei den Kov\u00e1\u0159s und Jel\u00edneks reichlich gab. Oft fertigten Frauen die ersten kurzen Notizen oder die Urversionen an. Ihre Ehem\u00e4nner, Br\u00fcder oder die Vorgesetzten leiteten davon oft die Endversion ab, die dann beim Begr\u00e4bnis vorgelesen wurde. Eine weitere Reinschrift wurde zum Archivieren angefertigt und genau das ist die Fassung, in der heute die meisten Texte in Rixdorf vorliegen. Mit einem \u00e4hnlichen Ansatz konnte bereits Mitte der 1990er Jahre die Autorschaft von Shakespeares Dramen untersucht werden. Jonathan Hope \u2013 heute Professor f\u00fcr Englische Literatur an der Arizona State University \u2013 zeigte Zusammenh\u00e4nge zwischen John Fletcher, Thomas Middleton und dem ber\u00fchmtesten englischen Klassiker. Die Ergebnisse erm\u00f6glichten eine objektive Sicht auf Shakespeares Praktiken des kollaborativen Schreibens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was das soziale Geschlecht der Menschen in den 183 Lebensl\u00e4ufen betrifft, so scheint es auf den ersten Blick recht ausgewogen zu sein \u2013 70 Texte \u00fcber Frauen, 74 \u00fcber M\u00e4nner und 39 \u00fcber Kinder. Wenn jedoch die L\u00e4nge der Texte betrachtet wird, so sind die Lebensl\u00e4ufe der M\u00e4nner fast immer l\u00e4nger gewesen. F\u00fcr die meisten Lebensl\u00e4ufe brauchten die Autor*innen in etwa 500 bis 1000 W\u00f6rter. Die m\u00e4nnlichen Lebensl\u00e4ufe waren dabei mindestens um einige Dutzend W\u00f6rter l\u00e4nger. Mit einer Ausnahme: Sobald im Text explizit geschrieben stand, dass er von der Frau selbst verfasst wurde, so schlugen diese Texte statistisch aus. Sie waren l\u00e4nger als die durchschnittlichen Frauenlebensl\u00e4ufe und in einigen F\u00e4llen auch l\u00e4nger als vergleichbare M\u00e4nnerlebensl\u00e4ufe von Br\u00fcdern mit dem gleichen Beruf und\/oder Alter. Der Begr\u00fcnder der erneuerten Br\u00fcdergemeine Zinzendorf war von der pietistisch-progressiven Erziehung seiner Gro\u00dfmutter sowie der Franckeschen Stiftungen in Halle gepr\u00e4gt. Nach seinem Tod 1760 wurde die Gemeine konservativer, zum Beispiel wurden Frauen, die in Schreiberstuben t\u00e4tig waren, von Gemein\u00e4ltesten kritisiert. Auch die nachgezeichneten Entstehungsschritte von Lebensl\u00e4ufen zeigen, dass die letzte Korrektur, K\u00fcrzung und zum Teil auch Zensur immer die M\u00e4nner vornahmen. Die Ausnahme von sozial h\u00f6her gestellten Frauen zeigt aber auch, dass Frauenlebensl\u00e4ufe deutlich l\u00e4nger wurden, sobald sie nicht so stark beziehungsweise gar nicht korrigiert wurden. Die Lebensl\u00e4ufe bestanden dann nicht nur daraus, wann die Protagonistin zur Br\u00fcdergemeine fand, wann und wie viele Kinder sie gebar und wann diese starben. Die Lebensl\u00e4ufe schilderten dann auch die Verfolgung in der Heimat, die Flucht und manchmal auch das Leben in der neuen Heimat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch einige W\u00f6rter aus der neuen Realit\u00e4t fanden Eingang ins Tschechische der Rixdorfer Tschechen. Wichtig dabei ist der Umstand, dass es im Tschechischen dieser Zeit auch so schon viele Germanismen gegeben hatte. Der Wiener Slawist Stefan Michael Newerkla widmete ihnen ein ganzes W\u00f6rterbuch. Es lassen sich aber mit den Methoden der Korpuslinguistik einige Germanismen nachweisen, die h\u00f6chstwahrscheinlich erst in Berlin ins Tschechische der Rixdorfer kamen, darunter &lt;fanta\u017firowal&gt; (de.: er tr\u00e4umte), &lt;Cantitatka&gt; (de.: Kandidatin), &lt;Kirchhof&gt;, &lt;Rychta\u0159&gt; (de.: (Dorf-)Schulze), &lt;Quartier&gt;, &lt;S\u017fandary&gt; (de.: Standarte bzw. Gendarme), &lt;Pas\u017f&gt; (de.: Schmuggel), &lt;\u017fw\u00e9 Fauchty&gt; (de.: &lt;seiner Fuchtel&gt;), &lt;An\u017ftaltu&gt; (de.: der Anstalt), &lt;oznamil Kommendantovi&gt; (de.: er meldete dem Kommandanten), &lt;od S\u017flak-Flu\u00dfu&gt; (de.: vom Schlagfluss bzw. vom Schlaganfall) und die &lt;S\u017faratie&gt; (de.: Charit\u00e9).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zunehmend integrierten sich die Rixdorfer Exulanten in die Mehrheitsgesellschaft. Es war eine \u00fcberraschende Erkenntnis der ausf\u00fchrlichen Analyse ihrer Handschriften, dass sich die Integrations- und Assimilationsprozesse im 18. Jahrhundert so abspielten, wie sie vielleicht auch in Berlin des 21. Jahrhunderts beobachtet werden k\u00f6nnen. W\u00e4hrend die erste Generation emotional oft an der alten Heimat hing, stand die zweite Generation genau zwischen zwei L\u00e4ndern, zwei Kulturen und zwei Sprachen und konnte zwischen ihnen entsprechend vermitteln. Die dritten und vierten Generationen entfernten sich zumeist maximal von ihrer historischen Heimat und so wurde zum Beispiel aus Jel\u00ednek Hirschel. Nach den Toleranzpatenten von 1781 wurden die Protestant*innen in B\u00f6hmen, M\u00e4hren und Schlesien zumindest offiziell nicht mehr verfolgt. Eine R\u00fcckkehr war zu dem Zeitpunkt jedoch so gut, wie unm\u00f6glich, denn nach etwa 50 Jahren waren die Rixdorfer Tschech*innen aus Berlin nicht mehr wegzudenken und f\u00fcr die Tschech*innen in der alten Heimat wurden sie zu sonderbaren Landsleuten. 1876 wurde in Berlin die Zeitung \u201e<em>Vlast`: v\u011bstn<\/em><em>\u00ed<\/em><em>k \u010deskoslovansk\u00fdch spolk\u016f zahrani\u010dn\u00edch<\/em>\u201c (de.: \u201e<em>Heimat: der Bote der tschechoslowakischen Auslandsgesellschaften<\/em>\u201c) gegr\u00fcndet, die bis 1915 existierte. Sie war das globale Medium der tschechischen und slowakischen Gemeinschaft, verlegt in Berlin und verschickt fast in die ganze Welt \u2013 in die USA, nach Russland und Brasilien. In Berlin sind heute keine Spuren mehr von der Zeitung vorhanden. Die tschechische Nationalbibliothek in Prag konnte aber die meisten Ausgaben erhalten. Die Zeitung griff in den Beitr\u00e4gen aus den Jahren 1901 bis 1915 mehrmals das Thema der Rixdorfer Exulant*innen auf. In der Ausgabe 5 (S. 3, 1901) schildert ein Artikel den Charakter des Verh\u00e4ltnisses der neuen tschechischen Migrant*innen in Berlin zu den Alt-Berliner Tschech*innen in Rixdorf mit folgenden Worten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201e<em>F\u00fcr uns Tschechen hat Rixdorf \u2013 die ehemals tschechische Siedlung \u2013 einen besonderen Stellenwert [\u2026] Sie sind alten Traditionen und alten Br\u00e4uchen treu geblieben und unterscheiden sich in ihrer ganzen Art und Erscheinung von der jungen, modernisierten Generation. Sie sind Menschen der alten Welt und das Alte bleibt mit ihnen bis zum \u2013 Aussterben. Leider stirbt diese alte, liebe und einfache Generation aus. Noch vor einigen Jahren hatte Rixdorf noch einige dieser munteren alten tschechischen Nachbarn \u2013 den Rest der ehemaligen tschechischen Auswanderer und der tschechischen Siedlung. Inzwischen sind fast alle dahingeschieden. Die junge Generation [\u2026] hat nichts f\u00fcr ihre Herkunft \u00fcbrig \u2013 sie hat sich noch in jungen Jahren germanisiert.<\/em>\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eigenname: <a href=\"https:\/\/www.boehmischesdorf.de\/\">https:\/\/www.boehmischesdorf.de\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Pro n\u00e1s \u010cechy m\u00e1 zvl\u00e1\u0161tn\u00ed v\u00fdznam Rixdorf, b\u00fdval\u00e1 \u010desk\u00e1 osada [\u2026] Jsou v\u011brni star\u00fdm tradic\u00edm, star\u00fdm oby\u010dej\u016fm a l\u00ed\u0161i se cel\u00fdm sv\u00fdm zp\u016fsobem i zevn\u011bj\u0161kem \u017eivotn\u00edm od mlad\u00e9, zmodernisovan\u00e9 generace. Jsou lidmi star\u00e9ho sv\u011bta, to star\u00e9 trva s\u00a0nimi a\u017e do \u2013 vym\u0159eni. A vym\u00edr\u00e1, \u017eel, vym\u00edr\u00e1 ta star\u00e1, mil\u00e1, prosta generace. Je\u0161t\u011b p\u0159ed l\u00e9ty m\u00edval Rixdorf n\u011bkolik t\u011bch bodr\u00fdch, star\u00fdch \u010desk\u00fdch soused\u016f ten zbytek n\u011bkdej\u0161\u00ed \u010desk\u00e9 emigrace, \u010desk\u00e9 osady, nyn\u00ed t\u00e9m\u011b\u0159 ji\u017e v\u0161ichni vym\u0159eli. Mlad\u00e1 generace nem\u00e1 [\u2026] l\u00e1sky pro sv\u016fj p\u016fvod \u2013 ona se ji\u017e v\u00a0mlad\u00ed zgermanisovala.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor etwa f\u00fcnf Jahren entdeckte das Fachgebiet Westslawische Sprachen (geleitet von Prof. Dr. Roland Meyer) der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin im Archiv im B\u00f6hmischen Dorf[1] mehrere Tausend Seiten tschechischer Handschriften, haupts\u00e4chlich Predigten und Lebensl\u00e4ufe. Das Besondere daran war, dass sie im Berlin des 18. Jahrhunderts verfasst wurden. 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