{"id":17014,"date":"2021-10-18T10:33:56","date_gmt":"2021-10-18T08:33:56","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=17014"},"modified":"2021-10-19T10:51:37","modified_gmt":"2021-10-19T08:51:37","slug":"deutsche-nasz","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/deutsche-nasz\/","title":{"rendered":"Deutsche nasz"},"content":{"rendered":"<p>(Auszug S. 74\u201378)<\/p>\n<p>Sp\u00e4t nachmittags in der leeren Schule. Anette hat heute Elterngespr\u00e4che. Es kommen ausschlie\u00dflich V\u00e4ter und \u00e4ltere Br\u00fcder. Keine einzige Mutter.<\/p>\n<p>Fatimas Vater fragt, wann seine Tochter in eine normale Klasse kommt. Sie ist die Klassenbeste, das war sie in Syrien auch. Anette erkl\u00e4rt, wie viele Niveaustufen es beim Sprachelernen gibt, auf welcher man sein muss, um in eine normale Klasse gehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eMeine Tochter hatte zwei Jahre Pause\u201c, sagt der Vater \u00e4rgerlich, \u201eund sie war die beste, besonders in Mathematik und Biologie!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber die Sprache ist die Grundlage.\u201c Anette sch\u00fcttelt den Kopf.<\/p>\n<p>Shaid, der in der Klasse am besten Deutsch spricht, kommt mit seinem Vater, einem ehemaligen Direktor einer Schule in Damaskus. Der Vater spricht kein Deutsch, und er sch\u00e4mt sich sichtlich daf\u00fcr. In Syrien hatte er einen hohen gesellschaftlichen Status, hier ist er einer von vielen Fl\u00fcchtlingen. Sein dreizehnj\u00e4hriger Sohn kommt in der neuen Wirklichkeit besser zurecht.<\/p>\n<p>Es ist mir unangenehm, dass ich Zeugin seiner Verlegenheit bin. Shaid h\u00f6rt nicht auf zu reden, als w\u00fcrde er die Verlegenheit seines Vaters \u00fcbert\u00f6nen wollen.<\/p>\n<p>Der Vater von Asnan, einem knabenhaft aussehenden M\u00e4dchen, das die M\u00e4dchen in der Klasse anf\u00fchrt. Immer in zerrissenen Jeans, in einem ausgeleierten T-Shirt. Asnan sagt \u00fcber sich, sie sei ein Puzzle. Sie stammt aus dem Irak, ihr Vater ist Kurde, ihre Mutter T\u00fcrkin. Der Vater spricht schlecht Deutsch, aber er wirkt nicht verschreckt. Man sieht, dass das nicht sein gr\u00f6\u00dftes Problem im Leben ist.<\/p>\n<p>\u201eAsnan ist intelligent, leider verschwendet sie ihre Talente, sie arbeitet nicht, sie macht keinerlei Hausaufgaben\u201c, beginnt Anette.<\/p>\n<p>Der Vater scheint blo\u00df darauf gewartet zu haben.<\/p>\n<p>\u201eWeil sie nur mit der Nase vor dem Smartphone h\u00e4ngt, sie hilft ihrer Mutter nicht, sie h\u00f6rt nicht, sie ist frech und ich wei\u00df nicht mehr, was ich mit ihr noch machen soll!\u201c<\/p>\n<p>Anette r\u00e4t, ihr einfach das Smartphone abzunehmen und erst dann wieder zur\u00fcckzugeben, wenn sie ihre Hausaufgaben gemacht hat. Der Mann sieht sie an, als k\u00e4me sie vom Mond.<\/p>\n<p>\u201eWenn ich ihr sage, sie soll ihre Hausaugaben machen oder der Mutter helfen, zuckt sie blo\u00df mit den Schultern und sagt: ,Das hier ist Deutschland, Demokratie, Gleichberechtigung und ich darf tun, was ich will!\u2018\u201c<\/p>\n<p>Anette kann ihr Lachen nicht unterdr\u00fccken. Was soll man da gro\u00df sagen, schlie\u00dflich geht es letztlich darum.<\/p>\n<p>An der Wand h\u00e4ngt die Ausstellung \u201eOdyssee\u201c mit Zeichnungen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler von ihrem Weg nach Deutschland. Allen V\u00e4tern und Br\u00fcdern zeigt Anette nach dem Gespr\u00e4ch die Bilder. Asnans Vater schaut auf die Boote voller Menschen, die Blitze am Himmel, die orangefarbenen, von Wellen hochgehobenen Westen und auf die Soldaten mit Gewehren. Tr\u00e4nen laufen ihm \u00fcber die Wangen. Er wischt sich die Augen mit einem Taschentuch. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Er murmelt etwas vor sich hin und geht. Anette sagt in Richtung der geschlossenen T\u00fcr:<\/p>\n<p>\u201eAm liebsten w\u00fcrde ich ihn fest umarmen, aber ich wei\u00df, dass in seiner Kultur eine fremde Frau so etwas nicht tun darf.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Said hilft manchmal in der Willkommensklasse als \u00dcbersetzer. Wir sitzen in einem Caf\u00e9 in Charlottenburg. Neben uns streiten sich ein Mann und eine Frau auf Italienisch. In der Ecke ruft ein Mann etwas auf T\u00fcrkisch in sein Telefon. Eine \u00e4ltere Frau hat ihre Tasche auf den Boden gestellt, darinnen sitzt eine franz\u00f6sische Bulldogge, in eine Decke eingewickelt. Die Frau kippt etwas Caff\u00e9 Latte auf eine Untertasse und stellt sie dem Hund hin.<\/p>\n<p>\u201eIch bin in Deutschland zu Hause\u201c, sagt Said. \u201eDas ist meine Heimat.\u201c<\/p>\n<p>Er ist 74 Jahre alt, stammt aus Pal\u00e4stina, er lebt seit seinem neunzehnten Lebensjahr hier. Er ist mit einer Deutschen verheiratet. Sie ist sch\u00f6n und klug, sagt er. Sein Sohn ist Anwalt, er arbeitet in Dubai f\u00fcr Siemens.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren hat er sich zur freiwilligen Arbeit mit Fl\u00fcchtlingen gemeldet. Er \u00fcbersetzt Papiere, begleitet sie zu \u00c4mtern und \u00c4rzten. Er sagt, wenn sie hier leben wollen, m\u00fcssen sie sich anpassen: Du musst dich an die Regeln halten, das ist ein weltlicher Staat, jeder hat das Recht, seiner Religion nachzugehen, niemand darf diskriminiert werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Einwanderer ist der gr\u00f6\u00dfte Schock die Disziplin: dass man um sieben Uhr morgens aufstehen muss, um p\u00fcnktlich in der Schule zu sein, dass man Hausaufgaben machen muss, dass man alles in einer bestimmten Zeit tun muss. Einmal hatte jemand einen Arzttermin. Er kam anderthalb Stunden zu sp\u00e4t, und konnte nicht verstehen, dass ihn der Arzt nicht mehr drannahm, dass er einen neuen Termin ausmachen muss und nicht einfach am n\u00e4chsten Tag kommen kann. Mit den Syrern, vor allem mit den St\u00e4dtern, gibt es gar keine Probleme, da ist es \u2013 oder es war eher \u2013 genau wie im Westen: Man geht in die Schule und zur Arbeit. Aber Afghanen, die vom Lande kommen, verstehen das oft nicht. In einem afghanischen Dorf gehen die meisten Kinder nicht zur Schule, sie k\u00f6nnen weder lesen noch schreiben, oft sind sie gar nicht in der Lage zu lernen.<\/p>\n<p>\u201eJa, die Disziplin ist der absolut gr\u00f6\u00dfte Kulturschock f\u00fcr viele einfache Menschen\u201c, sagt Said.<\/p>\n<p>Die Schule bittet Said oft um Hilfe. Manchmal muss er Tricks anwenden, zum Beispiel damit die M\u00e4dchen mit den Jungen ins Schwimmbad d\u00fcrfen. \u201eIn Berlin gibt es zwei Fl\u00fcsse, massenweise Seen, Teiche und viele Kan\u00e4le, sie sind durch mehr Br\u00fccken miteinander verbunden als in Amsterdam, erkl\u00e4re ich den Eltern. Fr\u00fcher sind viele Kinder von Br\u00fccken gefallen und ertrunken. Schlie\u00dflich hat der Berliner Senat angeordnet, dass alle Kinder Schwimmen lernen m\u00fcssen. Wollt ihr lieber eine tote Tochter oder eine, die schwimmen kann?\u201c, fragt er. Das wirkt immer.<\/p>\n<p>Ein deutsches Ehepaar hat eine irakische Familie aufgenommen, sie wohnte im G\u00e4steh\u00e4uschen im Garten. Der Mann schlug die Frau. Said erkl\u00e4rte dem Mann, dass es in Deutschland verboten ist zu pr\u00fcgeln, und ihm die Kinder weggenommen und ins Waisenhaus gesteckt werden, wenn jemand das mitbekommt. Der Mann konnte das erst nicht glauben, aber er war sichtlich erschrocken, denn seit diesem Gespr\u00e4ch hat er seine Frau nicht mehr anger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nicht immer klappt es. Eine junge Lehrerin hatte Probleme mit Kindern von Beduinen. Es ging wieder um Disziplin, P\u00fcnktlichkeit und um die Hausaufgaben. Und sie akzeptierten sie als Frau nicht.<\/p>\n<p>\u201eIch rede und erkl\u00e4re, pl\u00f6tzlich steht einer auf: ,Oh, es regnet\u2018 und geht zum Fenster, um rauszuschauen\u201c, erz\u00e4hlt Said. \u201eEinfach so, weil er Lust hat. Das, was ich gesagt habe, hat ihn einfach nicht mehr interessiert. Ich habe der Lehrerin gesagt, dass ich ihr nicht helfen kann. Sie war deprimiert.\u201c<\/p>\n<p>Said ist selbst Fl\u00fcchtling. Er ist in Jaffa geboren. Sein Vater war Minister f\u00fcr Bauwesen in der Regierung von Gaza unter britischem Protektorat. Sein Abitur hat Said in einer englischen Schule in Jerusalem gemacht. Gleich danach kam er im Jahr 1961 nach Deutschland zum Studium.<\/p>\n<p>\u201eDie Zionisten haben uns vertrieben\u201c, sagt er. \u201eMein ganzes Leben lang verfolgt mich ein Bild: Winter 1947, der Strand in Jaffa. Dreihundert Meter vom Ufer ein paar Fischkutter voller Menschen. Haupts\u00e4chlich Frauen und Kinder. Das Meer ist aufgew\u00fchlt. Einige \u00fcberf\u00fcllte Kutter kentern. Am Strand massenweise Menschen, keiner kann etwas tun. Das war die Hagana, eine zionistische milit\u00e4rische Organisation, sie hat die D\u00f6rfer pazifiziert. Sie haben Frauen vergewaltigt, dann haben sie sie freigelassen, damit sie in die Nachbard\u00f6rfer liefen und erz\u00e4hlten, was ihnen angetan wurde, damit die Menschen von selbst ihre H\u00e4user verlassen, ohne darauf zu warten, dass ihnen dasselbe widerf\u00e4hrt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Said ist in Berlin mit vielen Juden befreundet, sie sagen, dass sie sich f\u00fcr diesen Teil der j\u00fcdischen Geschichte sch\u00e4men.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr mich ist Zionismus Faschismus\u201c, findet er. \u201eAber ich glaube fest daran, dass der Tag kommt, an dem Juden, Muslime und Christen in einem demokratischen Pal\u00e4stina zusammenleben werden. Kannst du dir vorstellen, dass in Polen jemand sagen w\u00fcrde, dass Polen nur f\u00fcr Katholiken da ist, dass andere ausreisen m\u00fcssen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas muss ich mit nicht vorstellen, eine Abgeordnete der Regierungspartei hat vor ein paar Monaten so etwas gesagt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWirklich?\u201c Said wundert sich. \u201eDas kann ich nicht glauben. Wie damals in Pal\u00e4stina und wie heute in Israel.\u201c<\/p>\n<p>Die Juden flohen vor den Nazis, die Pal\u00e4stinenser flohen vor den Zionisten, die Polen flohen vor dem Kommunismus. Heute fliehen die Eritreer vor einem der brutalsten Regime der Welt, die Syrer vor dem Krieg, die Afghanen vor den Taliban, die iranischen Schwulen vor der Todesstrafe. Die Tschetschenen fliehen vor den Russen, die t\u00fcrkischen Intellektuellen fliehen vor Erdo\u011fan. Nichts deutet darauf hin, dass die V\u00f6lkerwanderungen pl\u00f6tzlich aufh\u00f6ren. Die Menschen sind schon immer gewandert. In den kommenden Jahrzehnten wird sich das Klima ver\u00e4ndern, riesige Weltteile werden von D\u00fcrre betroffen sein, die Menschen werden bessere Lebensbedingungen suchen. Es gibt Prognosen, dass sich vielleicht halb Indien bald auf den Weg macht. Und da lebt eine Milliarde Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/unrast-berlin.de\/de\/zuhause\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">UNRAST Berlin. Deutsch-Polnisches Literaturforum. In Berlin, von Sonntag, den 14. November bis Donnerstag, den 18. November 2021!<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Auszug S. 74\u201378) Sp\u00e4t nachmittags in der leeren Schule. Anette hat heute Elterngespr\u00e4che. Es kommen ausschlie\u00dflich V\u00e4ter und \u00e4ltere Br\u00fcder. Keine einzige Mutter. Fatimas Vater fragt, wann seine Tochter in eine normale Klasse kommt. Sie ist die Klassenbeste, das war sie in Syrien auch. 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