{"id":17015,"date":"2021-10-18T13:41:58","date_gmt":"2021-10-18T11:41:58","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=17015"},"modified":"2021-10-19T10:47:27","modified_gmt":"2021-10-19T08:47:27","slug":"die-kinder-des-diktators-schlamm-suesser-als-honig","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/die-kinder-des-diktators-schlamm-suesser-als-honig\/","title":{"rendered":"Schlamm, su\u0308sser als Honig. Stimmen aus dem kommunistischen Albanien"},"content":{"rendered":"<p><strong>DIE KINDER DES DIKTATORS<\/strong><\/p>\n<p><em>Lieber Onkel, lieber Enver,<\/em><br \/>\n<em>Zucker bringst du in den H\u00e4nden,<\/em><br \/>\n<em>Kaki-Frucht ist in der einen,<\/em><br \/>\n<em>Zucker h\u00e4ltst du in der and`ren.<\/em><\/p>\n<p><em>Wie oft habe ich dieses Gedich<\/em>t schon geh\u00f6rt, seit ich nach Albanien gekommen bin?<br \/>\nMein 30j\u00e4hriger Freund sagt es auf und lacht dabei, doch seine 60j\u00e4hrige Mutter sch\u00fcttelt nur den Kopf:<br \/>\n\u201eGlaube mir, es gab niemanden in Albanien, bei dem diese Verse nicht wie in Stein gemei\u00dfelt w\u00e4ren.\u201c<br \/>\nIhre 90j\u00e4hrige Schwiegermutter, die Ehefrau eines Partisanen und Tochter eines Kulaken, die oft vergisst, wie ich hei\u00dfe und warum ich hier bin, rezitiert das Gedicht fehlerfrei und seufzt.<br \/>\nDas liebe Onkelchen aller Albaner wusste stets, was f\u00fcr jedes Sch\u00e4fchen in seiner Herde das Beste war.<br \/>\nWenn dir das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Gl\u00fcck zuteil wurde und du eine Studienplatz-Zusage erhalten hast, musstest du anschlie\u00dfend ein Formular ausf\u00fcllen.<br \/>\nPunkt 1: die Fachrichtung, die von der Partei erw\u00fcnscht ist.<br \/>\nPunkt 2 und 3: die Fachrichtungen, die du selbst studieren m\u00f6chtest.<br \/>\nIn Ausnahmef\u00e4llen, wenn du das Gl\u00fcck hattest, eine gute famili\u00e4re Vorgeschichte aufzuweisen, erf\u00fcllte dir die Partei deinen Wunsch; doch meistens suchte sie f\u00fcr dich das aus, was das Land gerade ben\u00f6tigte.<br \/>\nWelch riesigen Eingriff es in die pers\u00f6nliche Freiheit darstellte, wird mir erst dann bewusst, wenn ich meinen Bekannten zuh\u00f6re, die mir von ihren Eltern erz\u00e4hlen:<br \/>\n\u201eMeine Mutter ist Juristin, dabei wollte sie urspr\u00fcnglich in einem Labor t\u00e4tig sein.\u201c \u201eMein Vater ist Lehrer, obwohl er immer als Geologe arbeiten wollte.\u201c<br \/>\nDer Schatten ihrer verpassten Tr\u00e4ume schleicht hinter den Menschen her.<br \/>\nDie, die \u00c4rztin werden wollte, wurde Architektin, obwohl sie nicht einmal zeichnen konnte. Der, der vom Fu\u00dfball getr\u00e4umt hat, wurde zum Philologie-Studium abdelegiert. Zu deinem eigenen Wohl war es besser, pragmatisch zu tr\u00e4umen \u2013 und nicht deine eigenen, sondern die W\u00fcnsche deines Landes zu erf\u00fcllen.<br \/>\nDie Partei suchte dir das Studium aus, die Partei schickte dich in die Stadt oder aufs Land, die Partei segnete die Brautleute, die Partei beendete unpassende Beziehungen und achtete darauf, dass keine Mesalliancen begangen wurden. Der \u201eB\u00f6se\u201c musste sich die \u201eGute\u201c aus dem Kopf schlagen. Die \u201eGute\u201c musste den \u201eB\u00f6sen\u201c vergessen und einen \u201eGuten\u201c nehmen, der ihr von der Partei anempfohlen wurde.<\/p>\n<p>Von fr\u00fch bis sp\u00e4t h\u00f6rtest du, dass du in der besten aller Welten lebst, und dass der gute Onkel Enver \u00fcber dich wacht. Der Herr und Gebieter steckte die Grenzen deiner Umgebung ab und lie\u00df dich keinen Schritt nach au\u00dfen tun, damit du nicht verloren gingst.<br \/>\nDu warst ihm unendliche Dankbarkeit schuldig, denn er wusste am besten, was genau du brauchst. Und exakt das hast du dann auch bekommen.<\/p>\n<p>Lieber Onkel, lieber Enver,<br \/>\nZucker bringst du in den H\u00e4nden \u2026<\/p>\n<p>Ich frage Fatos Lubonja, einen bekannten Schriftsteller und Dissidenten, nach diesem Gedicht, als wir im \u201eIliria\u201c sitzen, der letzten Retro-Bar im Tirana-Stadtteil Blloku. Alles um uns herum sieht aus, als w\u00e4re es aus Italien, Frankreich oder London transplantiert: die Insel der Hipster-Nonchalance und des kitschigen Scheinglanzes inmitten auseinanderfallender Plattenbauten und holpriger Gehwege.<br \/>\n\u201eImre Kert\u00e9sz meinte einst, dass die Diktatur den Menschen auf das Niveau eines Kindes herabsetzt, welches um jeden Preis \u00fcberleben will \u2013 darum kollaboriert es. Enver und die Partei waren die Gro\u00dfen Eltern. Jeder sollte das denken, was Hoxha vorgab, das studieren, was die Partei w\u00fcnschte, sich so kleiden, wie es die Obrigkeit erwartete.<br \/>\nAls die Wende kam, waren die Albaner wie Kinder, die nicht wussten, wie man selbstverantwortlich lebte. Bisher haben ja die Regierung und das System alles entschieden. Pl\u00f6tzlich bekamen sie das Recht, f\u00fcr sich selbst zu entscheiden, doch jeder dachte nur daran, wie er seine Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllte. Die kommunistische Mentalit\u00e4t traf auf neoliberale Ideologie, die lehrte, dass es keine Gemeinschaft gibt, sondern nur Individuen.<br \/>\nAlso k\u00fcmmere ich mich um mich selbst und der Markt regelt alles Andere.<br \/>\nManche Albaner gingen ins Ausland, doch nicht einmal dort konnten sie eine Gemeinschaft bilden. Denn der albanische Kommunismus war gegen die Idee der Gemeinschaft. In einer Gemeinschaft erschaffen wir etwas zusammen, mit vereinten Kr\u00e4ften, freiwillig \u2013 und im Kommunismus wurde ja alles aufoktroyiert.<br \/>\nUnd so verbleiben wir in dieser kindlichen Regression, ohne die Verantwortung f\u00fcr uns selbst oder f\u00fcr die Gesellschaft zu \u00fcbernehmen. Unser ganzes Leben lang werden wir versuchen, erwachsen zu werden.\u201c<\/p>\n<p><em>(Seiten 63 bis 65)<\/em><\/p>\n<p><strong>SCHLAMM S\u00dcSSER ALS HONIG<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben um diesen Boden gek\u00e4mpft, bis zum letzten Tropfen Blut. Wir haben ihn den Deutschen und den Italienern entrissen, wir bestellen ihn mit der ganzen Kraft unserer H\u00e4nde \u2013 und er ist gut zu uns und gibt uns \u00fcppige Ernte.<br \/>\nDieser Boden gab uns die Kartoffel, und die Kartoffel ist nicht nur ein Gem\u00fcse; sie ist wie Brot: Nahrung und St\u00e4rkung! Wenn du eine Kartoffel isst, ist dein Magen bis zum Abend voll, es gibt keinen besseren Besieger des Hungers als sie. Wir sind von unermesslichem Gl\u00fcck erf\u00fcllt, wenn wir sehen, wie unter der sozialistischen Sonne Albaniens zu Ehren unseres Volkes die Kartoffeln wachsen!<\/p>\n<p>Es lebe der albanische Boden, der Kartoffeln hervorbringt, er lebe hoch!<br \/>\nEs lebe die Partei, sie lebe auf ewig, sie lebe hoch!<br \/>\nIn diesem Land, wo der Schlamm s\u00fc\u00dfer ist als Honig.<br \/>\nGro\u00dfz\u00fcgig ist der albanische Boden, daher soll das, was ein Albaner nicht mehr ben\u00f6tigt, eine Schenkung an ihn sein. Deswegen beschlie\u00dfen wir bei der heutigen Versammlung wie folgt: als Gabe an die Mutter Erde ist ab heute jeder Albaner verpflichtet, seine t\u00e4glichen Ausscheidungen in einem Eimer zu sammeln und diese unverz\u00fcglich zu einem Sammelpunkt zu bringen. Von dort werden die gesammelten Unreinheiten mit einem entsprechenden Transportmittel weggebracht.<br \/>\nMit einem Schei\u00dfwagen &#8230;<br \/>\nDann gelangen sie auf die albanischen Felder und die albanischen H\u00fcgel, wo sie der Erde als Dank dargebracht werden.<br \/>\nSo ist das gro\u00dfe nationale Bed\u00fcrfnis. In einer sozialistischen Gesellschaft wird Verschwendung nicht toleriert! Ab morgen, nach dem Beispiel und der Erfahrung unserer chinesischen Br\u00fcder, werden wir unseren pers\u00f6nlichen Ziegelstein zu dem Bau einer sozialistischen Festung beitragen, damit diese Mauer immer h\u00f6her und h\u00f6her w\u00e4chst und uns vor den Bedrohungen der imperialistischen Welt sch\u00fctzt.<br \/>\nDie Erfolge, die wir bisher erreichen konnten, erfreuen alle Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Genossenschaft, denn die Ertr\u00e4ge werden immer \u00fcppiger und der Hunger verschwindet. Wir haben im Schwei\u00dfe unseres Angesichts eine gesunde Basis f\u00fcr das weitere Wachstum geschaffen; und jetzt wird das Wachstum weiter wachsen, wenn wir den Boden mit der Ausbeute unserer eigenen Eingeweide d\u00fcngen werden. Die Mitglieder der Genossenschaft sind Menschen von tiefem politischen Bewusstsein, die alles geben werden!<br \/>\nJa, in einem Eimer. Der Sammelpunkt befindet sich au\u00dferhalb des Dorfes.<br \/>\nUnsere Kraft liegt in unserer Organisation, unserem Wissen und unserer Erfahrung! Unser Vaterland beschreitet den Weg des Fortschritts!<br \/>\nDie Erde ist so gro\u00dfz\u00fcgig, also lasst uns ebenfalls gro\u00dfz\u00fcgig sein. Die Erde ist gut zu uns, und sie wird noch besser werden, dank der Hilfe der Menschen, die ihr freim\u00fctig von ihrem Blut, Schwei\u00df und Erzeugnissen ihrer eigenen K\u00f6rper abgeben werden. Niemand soll mehr sagen d\u00fcrfen, dass Unreinheiten unrein sind! Damit die Ertr\u00e4ge noch \u00fcppiger sind, damit die Kartoffel noch machtvoller wird, damit der Mais noch h\u00f6her w\u00e4chst, werden wir dem albanischen Boden alles geben, was wir haben!<br \/>\nLiebe Partei, lieber Enver, wir sind jederzeit bereit! In der einen Hand die Spitzhacke, in der anderen das Gewehr, und in der dritten der Eimer!<br \/>\nHat jemand noch Fragen?<br \/>\nAlbanische Schei\u00dfe ist einen Dreck wert \u2026<br \/>\nWer hat das gesagt?<br \/>\nDie Schei\u00dfe hungriger Menschen ist einen Dreck wert \u2026<\/p>\n<p><em>(Seiten 89 bis 91)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus \u201eB\u0142oto s\u0142odsze ni\u017c mi\u00f3d. G\u0142osy komunistycznej Albanii.\u201d (de. \u201eSchlamm s\u00fc\u00dfer als Honig. Die Stimmen des kommunistischen Albanien.\u201c), Czarne Verlag, Wo\u0142owiec 2018.<\/p>\n<p><em>Aus dem Polnischen von Paulina Schulz-Gruner<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/unrast-berlin.de\/de\/zuhause\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">UNRAST Berlin. Deutsch-Polnisches Literaturforum. In Berlin, von Sonntag, den 14. November bis Donnerstag, den 18. November 2021!<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE KINDER DES DIKTATORS Lieber Onkel, lieber Enver, Zucker bringst du in den H\u00e4nden, Kaki-Frucht ist in der einen, Zucker h\u00e4ltst du in der and`ren. Wie oft habe ich dieses Gedicht schon geh\u00f6rt, seit ich nach Albanien gekommen bin? 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