{"id":17016,"date":"2021-10-18T10:21:58","date_gmt":"2021-10-18T08:21:58","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=17016"},"modified":"2021-10-19T10:44:33","modified_gmt":"2021-10-19T08:44:33","slug":"confinium-eine-stettiner-erzaehlung","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/confinium-eine-stettiner-erzaehlung\/","title":{"rendered":"Confinium. Eine Stettiner Erz\u00e4hlung"},"content":{"rendered":"<p>Es kamen immer mehr Gr\u00fcnde hinzu, zufrieden zu sein. Schon am n\u00e4chsten Tag hatte man die bisher in der Stadt geltende Moskauer Zeit in mitteleurop\u00e4ische Zeit ge\u00e4ndert. Es wurden Bekanntmachungen ausgeh\u00e4ngt, dass alle Deutschen, die sich bis zum sechsten Juli nicht registriert hatten, Stettin verlassen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Jetzt erschien auch die erste Ausgabe der \u201eWiadomo\u015bci Szczeci\u0144skie\u201c (\u201eStettiner Nachrichten\u201c), die \u00fcber die Anerkennung der Regierung der Nationalen Einheit durch die Vereinigten Staaten, Gro\u00dfbritannien und China informierte. In der n\u00e4chsten Ausgabe wurde u.a. dar\u00fcber berichtet, dass sich Himmlers Frau samt Tochter hinter Stacheldraht im Lager Cine Cito bef\u00e4nden. Wie sollten sich also die in Stettin wohnenden Polen nicht dar\u00fcber freuen? Als man wieder begann, das Stadtzentrum mit Wasser zu versorgen, freuten sie sich wie die Kinder. Sie begossen, bespritzten sich damit, liefen mit Wassereimern hintereinander her. Und sie lachten. Alle. Alle kamen auch zum Kaiser-Wilhelm-Platz, um den f\u00fcnfhundertf\u00fcnfunddrei\u00dfigsten Jahrestag der Schlacht bei Tannenberg zu feiern, und applaudiertem einem dicken, polnischen General sowie Stadtpr\u00e4sident Zaremba, der, an den historischen Sieg ankn\u00fcpfend, vom neuen Sieg sprach, vom Sieg \u00fcber den Deutschen Orden des 20. Jahrhunderts, und dar\u00fcber, dass die Polen dank dessen in alle Ewigkeit im polnischen Stettin bleiben und es sich nie wieder wegnehmen lassen w\u00fcrden. Und dann feierten alle die Namens\u00e4nderung des Kaiser-Wilhelm-Platzes in Grunwaldzki-Platz<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, jubelten patriotisch und skandierten. Sie sangen die Nationalhymne und klatschten wieder. Ihre Freude breitete sich aus. Wurde immer gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer. Dazu trugen auch weitere Meldungen der \u201eWiadomo\u015bci Szczeci\u0144skie\u201c bei, in denen man lesen konnte: \u201eDie amerikanische Besatzungsmacht hat verk\u00fcndet, dass in der amerikanischen Zone bereits 88% der Gestapo- und SS-Leute festgenommen worden seien und nun im Gef\u00e4ngnis sitzen w\u00fcrden\u201c, dass \u201egro\u00dfe Gem\u00e4lde von Jan Matejko wieder ins Nationalmuseum zur\u00fcckgekehrt seien (\u201eBatory bei Pskow\u201c, \u201eTannenberg\u201c und andere), die in der Zeit der deutschen Besatzung bei Privatpersonen aufbewahrt worden waren\u201c, dass \u201eDie Evakuierung der britischen Truppen aus Kreta beendet wurde\u201c, und dass \u201ezuvor zw\u00f6lftausend Deutsche gefasst wurden, die sich dort versteckt hatten\u201c; bei diesen Meldungen benutzte man bei jeder Gelegenheit absichtlich die Minuskelschrift, womit wohl der Mangel an Lettern und Schreibmaschinen mit polnischen diakritischen Zeichen wettgemacht wurde.<\/p>\n<p>Einige Tage sp\u00e4ter lief in Stettin der sowjetische Hochsee-Massengutfrachter <em>Akademik Karpinskij<\/em> ein, der an Wa\u0142y Chrobrego (Hackenterrassen) anlegte. Das war eine ganz sch\u00f6ne Attraktion f\u00fcr die polnischen Stettiner. Sie liefen hin, um es sich anzusehen. Tadeusz betrachtete und bewunderte den Frachter ebenfalls. F\u00fcr ihn und f\u00fcr viele andere war das nicht nur das erste Schiff im polnischen Stettin, sondern oft das erste, das sie \u00fcberhaupt jemals zu sehen bekommen haben. Daher freute er sich doppelt. Er freute sich auch, dass immer mehr polnische Gesch\u00e4fte und Restaurants in der Stadt er\u00f6ffnet wurden. Er schaute bei <em>Pionierska <\/em>\u2013in der Nummer 20, bei <em>Polonia<\/em> \u2013 an der Kreuzung Bogislavstra\u00dfe vorbei, und im Restaurant <em>Za Odr\u0105,<\/em> das sich in der Hausnummer 54 befand und das billigste Fr\u00fchst\u00fcck, Mittag- und Abendessen anbot.\u00a0 Leider konnte er nichts bestellen, weil den Beamten kein Gehalt ausgezahlt wurde. Daher hatte er kein Geld und erst, als er von Jaros\u0142aw Dykiert in die Bar <em>Pod Bukietem<\/em> eingeladen wurde, die sich an der Ecke Bogislavstra\u00dfe und Turnerstra\u00dfe befand, durfte er den Luxus eines Restaurants sch\u00e4tzen lernen. Im Licht von Karbidlampen a\u00df er dort, zum ersten Mal seit vielen Jahren, Eisbein mit Meerrettich, geschmortem Kohl und Kartoffelp\u00fcree und trank zwei gro\u00dfe Bier dazu. Und all das dank dessen, dass er Dykiert beim Erlangen der Genehmigung, ein Lebensmittelgesch\u00e4fts in der Bogislavstra\u00dfe f\u00fchren zu d\u00fcrfen, einen Dienst erwiesen hatte.<\/p>\n<p>Bald wurden es mehr, die sich bei Tadeusz dankbar zeigen wollten und konnten. Die in der unbekannten Stadt verlorenen Polen nutzten n\u00e4mlich h\u00e4ufig seine Unterst\u00fctzung und wollten sich oft \u00a0revanchieren. Daf\u00fcr, dass er ihnen freie Wohnungen gezeigt oder dabei geholfen hatte, eine Konzession zu erhalten.<\/p>\n<p>Nicht selten schrieb er auch Antr\u00e4ge f\u00fcr diejenigen, die damit nicht zurechtkamen. Und da er nie von jemandem Geld annahm, luden ihn diejenigen, die es sich leisten konnten, wenigstens zu einem Wodka ein. Zum Beispiel ins <em>Tunel Szczeci\u0144ski<\/em> in der Gr\u00fcnstra\u00dfe. Andere lie\u00dfen Zigaretten, Wurst oder von daheim mitgebrachten Selbstgebrannten da, den Tadeusz meist im Laden von Jaros\u0142aw Dykiert und Sabina G\u00f3rna gegen notwendigere Lebensmittel eintauschte. Manchmal ging er auch mit Selbstgebranntem zu Antoni Susicki, der seinen Laden in der Barnimstra\u00dfe f\u00fchrte, weil er bei ihm sogar mit Schinken rechnen konnte.<\/p>\n<p>Die meisten Einwohner von Stettin besuchten weder die Gesch\u00e4fte noch die Restaurants. Nur wenige konnten es sich leisten, ihren Sehns\u00fcchten nachzugeben. Aber allein schon die Tatsache, dass es sie gab, gab den Polen Zuversicht. Es war eine Ank\u00fcndigung der erwarteten Stabilisierung. \u00c4hnlich wie die Er\u00f6ffnung des ersten Kinos in der Mickiewicza-Stra\u00dfe, dem man den Namen <em>Polonia<\/em> gab. Dessen Er\u00f6ffnung erwies sich als wichtigstes Ereignis der Feierlichkeiten zum ersten Jahrestag des Julimanifestes und versammelte Massen von Menschen. In k\u00fcrzester Zeit wurde es auch zum Treffpunkt f\u00fcr die Polen, die meistens nicht kamen, um sich den sowjetischen Film \u201eDer Sekret\u00e4r des Rayonkomittees\u201c anzuschauen, sondern um ihre Pr\u00e4senz zu manifestieren. Vor allem auch, weil es sich nur wenige leisten konnten, f\u00fcnfunddrei\u00dfig Z\u0142oty f\u00fcr die Kinokarte auszugeben, wenn zwei Brotlaibe fast genauso viel kosteten. Die Menschen wollten sich jedoch vor dem Kino sehen lassen. Oft kamen sie mit ganzen Familien und gr\u00fc\u00dften sich schon von weitem, so laut sie konnten. Sie begr\u00fc\u00dften auch diejenigen, die sie nicht kannten. Hauptsache, Polnisch sprechen. Hauptsache, m\u00f6glichst viel L\u00e4rm machen, der sich f\u00fcr sie angenehm anh\u00f6rte. Und der f\u00fcr die Deutschen unangenehm war, die, wenn sie die polnische Sprache h\u00f6rten, auf die andere Stra\u00dfenseite gingen, und die sich in ihrer Heimatstadt immer fremder zu f\u00fchlen begannen, sich nicht damit abfinden konnten, diese zu verlieren, sie abgeben zu m\u00fcssen. Immer \u00f6fter wurden die N\u00e4chte von Feuern erleuchtet, man h\u00f6rte Feuerger\u00e4usche, Explosionen und Sch\u00fcsse. Meistens waren es vereinzelte Sch\u00fcsse, die einen ein wenig zaghaften Eindruck machten. Mitunter waren es aber auch ganze Salven, die geh\u00e4ssig bis zum Morgengrauen ratterten.<\/p>\n<p>Trotzdem kamen immer neue Siedler nach Stettin. Und mit ihnen Stra\u00dfenh\u00e4ndler, die auf dem Basar an der Ecke Barnimstra\u00dfe und Turnerstra\u00dfe Brot, Kartoffeln und Mehl, Speck oder Graupen gegen Pelzm\u00e4ntel, Uhren, Gold und Edelsteine tauschten. Ihre Kunden waren vor allem Deutsche, die f\u00fcr Lebensmittel mit wertvollen Gegenst\u00e4nden oder eleganter Kleidung bezahlten. Einen Brillantring gaben sie f\u00fcr einen Laib Brot ab. Einen Goldarmreif f\u00fcr ein gro\u00dfes St\u00fcck Speck. Einen Persianer f\u00fcr ein H\u00e4uflein Kartoffeln. Sie hatten keine andere Wahl. So wie bei den wei\u00dfen Armbinden, die sie an den \u00c4rmeln tragen mussten. Denn obwohl es in der Stadt immer noch ein Vielfaches an Deutschen im Vergleich zu Polen gab, wurden sie zu B\u00fcrgern der zweiten Klasse.<\/p>\n<p>Den Nachbarn von Tadeusz war das sehr wohl bewusst, also gr\u00fc\u00dften sie ihn immer zuerst. Sie verbeugten sich gar in ihren Fenstern, wenn er \u00fcber den Hof ging. Um sich vor dem Wucher zu sch\u00fctzen, dem sie auf dem Markt begegneten, wagten sie sich, ihn um einen Gefallen zu bitten. Sie hofften, dass er damit einverstanden w\u00e4re, ihre Kostbarkeiten und Wertsachen gegen Lebensmittel zu tauschen. Zuerst die Eltern von Jutta. Doch nicht sie selbst hatte sich an ihn gewandt. Sie mied ihn offensichtlich. Es war ihre Mutter, die ihn in dieser Angelegenheit besuchte. Und Tadeusz beschloss, ihr zu helfen. Er wusste, dass er als Pole von den H\u00e4ndlern anders behandelt werden w\u00fcrde. Au\u00dferdem litt er keinen Hunger. Er konnte also ruhig feilschen. Seine Nachbarn konnten es nicht. Wenn sie einen Laib Brot sahen, waren sie bereit, alles daf\u00fcr zu geben. Und er konnte die Transaktion so lange in die L\u00e4nge ziehen, bis er sie f\u00fcr g\u00fcnstig hielt, dadurch konnte er viel mehr Essen mitbringen, als seine Auftraggeber erwarteten. Im Rahmen ihrer Dankbarkeit versuchten sie, ihn immer zu belohnen. Und obwohl er das abwehrte, zwangen sie ihm wenigstens ein St\u00fcck Speck oder ein paar Kartoffeln auf. Dank dessen konnte er ein wenig Lebensmittel ansammeln, bevor aufgrund fehlender Proviantlieferungen die Essensausgabe an die Verwaltungsmitarbeiter eingestellt wurde. Und auch er begann, den Hunger zu f\u00fcrchten. Der Hunger erschreckte n\u00e4mlich alle. Ungeachtet ihrer Nationalit\u00e4t. Er grassierte in der ganzen Stadt. Er \u00fcbertrug sich wie eine Infektionskrankheit. Er steckte Polen und Deutsche an. Sogar diejenigen, die noch Lebensmittel hatten, bekamen Angst vor ihm. Sie teilten sich das, was sie \u00fcbrig hatten, wie Medikamente zu. Sie f\u00fcrchteten, auch ihnen w\u00fcrde es an Essen fehlen, bevor irgendetwas von dem, was ihnen die Lebensmittelkarten garantierten, ankommen w\u00fcrde. Und ihre Bef\u00fcrchtungen stiegen von Tag zu Tag an. So wie die Preise in den Gesch\u00e4ften und Restaurants. Nur auf dem Basar hatte sich nichts ge\u00e4ndert. Denn da hatten noch nie feste Preise gegolten. Doch kaum einer besa\u00df etwas, was er gegen Essen h\u00e4tte tauschen k\u00f6nnen. Die Deutschen waren meist schon alles los geworden. Die Polen dagegen waren eher nicht mit so etwas nach Stettin gekommen. Daf\u00fcr hatten sie meist gewisse Vorr\u00e4te. Sie teilten diese also mit den Polen, die hungerten. Sie organisierten die demonstrative Zerst\u00f6rung deutscher Denkm\u00e4ler, um sich Mut zu machen. Und die Deutschen erh\u00e4ngten sich. Oder sprangen aus dem Fenster. Manche erschossen sich. Als Tadeusz in die Wohnungsabteilung \u00a0versetzt wurde und \u2013 die Stadtmitte durchquerend \u2013 nach freien Wohnungen suchte, um sein Verzeichnis zu aktualisieren, fand er oft Leichen, die an Lampen oder T\u00fcrklinken hingen, oder Leichname mit Schusswunden. Doch der Grund f\u00fcr ihre Selbstmorde war nicht ausschlie\u00dflich der Hunger. Tadeusz konnte sich davon \u00fcberzeugen, als er eine halbe Kiste Kartoffeln in einer Wohnung vorfand, in der er einen weiteren Verstorbenen fand. Die dort auf einem kleinen Regal stehende gro\u00dfe, reich verzierte Porzellanuhr war ebenfalls ein Beweis daf\u00fcr. Man h\u00e4tte sie doch gegen jegliche Lebensmittel tauschen k\u00f6nnen. Die Leiche des Mannes im Sessel hatte aber einen Kopfschuss. \u00a0In seiner Hand steckte eine Pistole. \u201eWarum hat der sich blo\u00df umgebracht\u201c, \u00fcberlegte Tadeusz. \u201eVielleicht wollte er nicht allein leben? Vielleicht hatte man seine N\u00e4chsten umgebracht, und deshalb t\u00f6tete er sich selbst? Woher kann er denn die Parabellum gehabt haben? Ach so. Der wird sich doch kein Schie\u00dfeisen gekauft haben, um sich umzubringen? Sicherlich war er ein Offizier. Der sich versteckt hatte. Aber die Pistole verr\u00e4t ihn. Und da hat er sich in den Kopf geschossen. Ja! Die Parabellum verr\u00e4t ihn. Zuerst hatte sie ihn verf\u00fchrt: <em>para bellum, para bellum<\/em>. Also hatte er den Krieg vorbereitet. Nur hat er ihn verloren. Da blieb ihm nichts anderes \u00fcbrig. Er musste sich in den Kopf schie\u00dfen.\u201c Tadeusz zuckte mit den Achseln und n\u00e4herte sich dem toten Mann, um die Waffe aus dessen Hand zu nehmen. Er gab es jedoch auf, denn die Finger des Selbstm\u00f6rders waren so auf dem Pistolenkolben erstarrt, dass er sie h\u00e4tte herausbrechen m\u00fcssen. \u201eIch will dich nicht qu\u00e4len\u201c, sagte er nur und ging zum kleinen Regal, auf dem die Uhr stand. Er zog die Uhr auf, beugte sich vor und legte sein Ohr daran. Die Uhr funktionierte. Tickend begann sie die Sekunden abzuz\u00e4hlen. \u201eAber die Uhr nehme ich mit. Du kannst sie eh nicht mehr gebrauchen\u201c, entschuldigte er sich bei dem Toten, wickelte die Uhr in eine Tischdecke, nahm sie unter den Arm und ging hinaus.<\/p>\n<p>Tadeusz sah nicht nur Selbstm\u00f6rder. Er konnte leicht feststellen, dass manche sich nicht selbst erschossen hatten. Wie h\u00e4tten sie es denn tun sollen, wenn keine Waffen neben ihnen lagen? Und wozu h\u00e4tten sie vor dem Suizidtod ihre Sachen aus den Schr\u00e4nken und Schubladen werfen sollen? Vor dem Suizidtod h\u00e4tten die Frauen sicherlich nicht ihre R\u00f6cke hochgeschoben und ihre Blusen zerrissen. Und die M\u00e4nner h\u00e4tten sich nicht selbst in den Hinterkopf geschossen. Weder die Frauen noch die M\u00e4nner h\u00e4tten die Polsterm\u00f6bel aufgeschnitten. Diejenigen, die das getan hatten, hatten nicht genau in die Ecken geschaut. Vermutlich war nicht alles wertvoll genug f\u00fcr sie. Tadeusz fand also auch in den ausgeraubten Wohnungen viele brauchbare Dinge. Zum Beispiel B\u00fccher oder Blumenvasen. Und auch Besteck und Geschirr. Er brachte es nach Hause und lie\u00df einen Teil f\u00fcr sich zur\u00fcck. Den Rest tauschte er auf dem Basar, der in die Wrangelstra\u00dfe verlegt worden war und weiterhin hervorragend funktionierte. Vielleicht sogar noch besser, denn nachdem Lebensmitteltransporte in die Stadt gelangt waren, fiel deren Wert, und f\u00fcr eine Besteckgarnitur konnte man verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel zu essen bekommen. Obwohl es auch vorkam, dass man auf dem Basar alles verlieren konnte. Der neue Standort, der weiter weg vom Stadtzentrum entfernt war, kam n\u00e4mlich der Straflosigkeit der sowjetischen Soldaten entgegen, die die H\u00e4ndler \u00fcberfielen und sowohl Deutsche als auch Polen auspl\u00fcnderten. Trotzdem fehlte es auf dem Markt nicht an Kunden. Es fehlte auch nicht an Waren. Deshalb versorgte sich Tadeusz dort und bot Sachen zum Tausch an, die er nicht brauchte. Und er hatte immer mehr davon. Denn bei der Inventarisierung von Wohnungen stopfte er immer neue Troph\u00e4en in seinen Tornister und Brotbeutel. Und er machte sich keinerlei Vorw\u00fcrfe deswegen. Er f\u00fchlte sich eher wie ein kriegsbeuteberechtigter Sieger. Er notierte die Adressen leerstehender Wohnungen und jener, in denen er Leichen gefunden hatte, und ging dann mit der Meldung auf dem Weg zur Stadtverwaltung f\u00fcr einen Moment Zuhause vorbei und lie\u00df dort seine Beute zur\u00fcck. In der Gesundheitsabteilung meldete er dann die Notwendigkeit, die Leichen zum Friedhof abzutransportieren, und kehrte wieder in seine Wohnung zur\u00fcck. Und da die Stadtverwaltung ihren Sitz von Wa\u0142y Chrobrego (Hakenterrassen) in ein Geb\u00e4ude am Ende der Kaiser-Wilhelm-Stra\u00dfe verlegt hatte, die zur Allee der Nationalen Einheit umbenannt worden war, brauchte er nicht sehr lange. Nach etwa zehn Minuten nahm er dann Dinge aus seinem Tornister und seinem Brotbeutel heraus, die ihm das Gef\u00fchl wachsenden Wohlstands gaben und erfreute sich an ihrem Besitz. Endlich besa\u00df er ein ordentliches Rasiermesser mit Perlmuttgriff, einen dazugeh\u00f6rigen Rasierpinsel, sowie eine Seifenschale von derselben Garnitur. Er hatte weiche, farbige, gro\u00dfe und kleine Handt\u00fccher, sowie einen Bademantel. Er hatte K\u00e4mme aus Schildhorn, verchromte Scheren und einen Handspiegel. Er besa\u00df auch eine ordentliche B\u00fcchersammlung, die er mit Leidenschaft las. Besonders gern las er den Roman \u201eMoby-Dick, oder: der Wal\u201c. Es fehlte ihm auch nicht an T\u00f6pfen, Geschirr und Besteck. Wie auch an Schuhen, Kleidung und Unterw\u00e4sche, die von der UNRRA gew\u00e4hrleistet wurden. Er hatte sogar einen Smoking, Lackschuhe und ein wei\u00dfes Hemd mit steifem Kragen sowie eine Fliege und silberne Manschettenkn\u00f6pfe. Und fast jeden Tag wurde sein Besitz gr\u00f6\u00dfer. Denn fast t\u00e4glich fand er etwas Wertvolles, als er die Stadt auf der Suche nach freien Wohnungen f\u00fcr polnische Ansiedler durchquerte, die in immer gr\u00f6\u00dferen Gruppen in die Stadt str\u00f6mten, seitdem in Potsdam endg\u00fcltig beschlossen worden war, dass Stettin zu Polen geh\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Umsiedler kamen immer aus Richtung der Bahnstation Scheune\/Gumie\u0144ce, si zogen Handwagen voller B\u00fcndel hinter sich oder schleppten B\u00fcndel auf dem R\u00fccken. Ihren Exodus beendeten sie im Knatterrhythmus h\u00f6lzerner R\u00e4der auf dem Kopfsteinpflaster der Aleja Piast\u00f3w \u2013 der ehemaligen Barnimstra\u00dfe. Als ob sie extra f\u00fcr sie umbenannt worden w\u00e4re. Sie lockte sie mit alten Legenden und Gr\u00f6\u00dfe. Sie lockte sie mit den K\u00f6nigen Mieszko, Boles\u0142aw dem Schiefmaul und W\u0142adys\u0142aw I. Ellenlang. Denn ausgerechnet diese wurden zu Namensgebern der benachbarten Stra\u00dfen. Damit alle, die nach Stettin kommen, keinen Zweifel daran hegten, dass es sich um eine polnische Stadt handelt, und um bei ihnen den Eindruck zu erwecken, zu Hause zu sein. Und sie hatten diesen Eindruck. Sie betrachteten die Deutschen, die bei der Beseitigung von Tr\u00fcmmern und dem Sammeln von Abfall arbeiteten, mit Verachtung. Sie zeigten mit den Fingern auf sie und spuckten in ihre Richtung. Manche besetzten sogar Wohnungen, in denen Deutsche wohnten und warfen diese \u2013 ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen \u2013 auf die Stra\u00dfe, obwohl Stadtpr\u00e4sident Zaremba in der \u201eBekanntmachung an die eintreffende polnische Bev\u00f6lkerung\u201c davor warnte, dass dies schwer bestraft werden w\u00fcrde. Doch obwohl Tadeusz oftmals seine Vorgesetzten \u00fcber solches Vorgehen informierte, blieb das wirkungslos. Die Deutschen wurden mit Gewalt ausgesiedelt oder fl\u00fcchteten rechtzeitig nach Zabelsdorf, da sie sahen, dass man ihnen nur dort eine relative Sicherheit garantierte. Daher hausten sie bei ihren Verwandten oder Bekannten, kampierten in Kellern oder in den Ruinen. Und die Polen nahmen das Stadtzentrum ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Tannenberg-Platz<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/unrast-berlin.de\/de\/zuhause\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">UNRAST Berlin. Deutsch-Polnisches Literaturforum. In Berlin, von Sonntag, den 14. November bis Donnerstag, den 18. November 2021!<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kamen immer mehr Gr\u00fcnde hinzu, zufrieden zu sein. Schon am n\u00e4chsten Tag hatte man die bisher in der Stadt geltende Moskauer Zeit in mitteleurop\u00e4ische Zeit ge\u00e4ndert. 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