{"id":17849,"date":"2022-03-24T13:03:56","date_gmt":"2022-03-24T12:03:56","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?post_type=stsp_text&#038;p=17849"},"modified":"2022-03-24T15:43:31","modified_gmt":"2022-03-24T14:43:31","slug":"du-kommst-nach-berlin-und-hoerst-auf-zu-schreiben","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/du-kommst-nach-berlin-und-hoerst-auf-zu-schreiben\/","title":{"rendered":"Du kommst nach Berlin und h\u00f6rst auf zu schreiben."},"content":{"rendered":"<p>Dieser Satz ging mir im letzten Fr\u00fchjahr durch den Kopf und hat dort nicht aufgeh\u00f6rt zu wirken. Ich wei\u00df nicht, ob der Satz von mir stammt oder ob ich ihn irgendwo geh\u00f6rt habe, von einem K\u00fcnstler- oder Literaturfreund an einem Stammtisch in irgendeiner Kneipe, oder in irgendeiner Zeitung gelesen.<br \/>\nAber dieser Satz ist bei mir geblieben und ich denke fast jeden Tag an ihn. Du kommst nach Berlin und h\u00f6rst auf zu schreiben. Einerseits ist das nat\u00fcrlich nicht so, Berlin ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem literarischen Hotspot geworden. Hier wohnen viele deutsche und nichtdeutsche Autoren. Anderseits ist der Satz nicht ganz falsch. Berlin erscheint mir als eine Stadt, in der literarische Tr\u00e4ume kommen und sterben.<br \/>\nEin guter Freund von mir ist, oder war, Autor. Er hat drei B\u00fccher geschrieben, alle gelobt und viel diskutiert in den schwedischen Feuilletons. Mit seinem Umzug nach Berlin hat er bald aufgeh\u00f6rt zu schreiben. Ich fragte ihn, warum? Er hat geantwortet, dass er den Kontakt zum Literaturbetrieb verloren hat.<br \/>\nMan geht ins Ausland und denkt, dass man Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit gewinnt, aber man verliert auch etwas. Was verliert man? Nicht nur den Kontakt zur nationalen literarischen Kultur, vielleicht auch zu einem Teil von sich selbst und nat\u00fcrlich zur Sprache. F\u00fcr manchen wird dieser Kontaktverlust zu einer Triebkraft, f\u00fcr andere zu einer Bremse. Die sprachliche Atmung wird abgew\u00fcrgt, man leidet an Sauerstoffmangel. Man versucht, von diesem Mangel zu schreiben, nach einer Weile h\u00f6rt man auf.<br \/>\nWie viele schriftstellerische Tr\u00e4ume hier gestorben sind, wei\u00df niemand. Wie viele gescheiterte Berlin-Romane in Schubladen und Papiersammlungen liegen, ist ungewiss. Dazu gibt es keine Daten. Das liegt in der Natur der Sache. Aber ich wage zu behaupten, dass es in Berlin mehr unerf\u00fcllte literarische Ambitionen gibt als in anderen europ\u00e4ischen St\u00e4dten. Und vielleicht gilt das besonders f\u00fcr nichtdeutsche Autoren.<br \/>\nViele verlieren sich hier in der Gro\u00dfstadt. Denn in Berlin sind die N\u00e4chte so lang, dass sie bis in den Morgen hineinreichen und \u00fcber den Morgen hinaus, und der Morgen ist wie eine Nacht, oder der Morgen verschwindet und wird zum Tag, und der Tag verschwindet und wird wieder zur Nacht. Man ist noch wach und bleibt wach, bis man irgendwo einschl\u00e4ft, hoffentlich in seinem eigenen Bett, vielleicht aber auch in dem eines anderen. Das ist auch nicht so schlecht.<br \/>\nWie kann man in Berlin schreiben? Wie kann man in einer Stadt schreiben, in der es Tausende von Bars und Clubs gibt, die keine Sperrstunde haben? Wie kann man sich an einen Tisch setzen und sich auf einen Computer oder Notizblock oder was auch immer man zum Schreiben benutzt konzentrieren? Wie kann man die Konzentrationsf\u00e4higkeit zur\u00fcckgewinnen, die man zum Schreiben braucht und die man irgendwo verloren hat? Wie macht man das in dieser Stadt, in der alles flie\u00dft: Drogen, Alkohol, Hartz-IV-Geld ohne Ende. Wie findet man da die Ruhe, um schreiben zu k\u00f6nnen? Diejenigen, die eine Antwort haben, sind immer noch Schriftsteller, die, die keine Antwort haben, sind woanders.<br \/>\nDu kommst nach Berlin und h\u00f6rst auf zu schreiben. Ja, das ist oft der Fall. Diese sch\u00f6ne Stadt, diese h\u00e4ssliche, aufregende Stadt Berlin, die auf S\u00fcmpfen gebaut ist, die zum Sumpf verdammt ist, in der Menschen aus allen Ecken zusammenkommen, um freier zu leben, um etwas auszuleben: Ekstase, Sexualit\u00e4t, k\u00fcnstlerische Tr\u00e4ume. Eine Stadt, in der so viele junge Menschen aus der ganzen Welt leben, in der so viel Geschichte drinsteckt; es ist so interessant und anregend, hier zu sein, dass man gar nicht wei\u00df, wo man anfangen soll mit dem Schreiben. Aber trotzdem f\u00e4ngt man wieder und wieder an.<br \/>\nDie Stadt ist seit Beginn der Moderne eine Art Leuchtturm f\u00fcr nordische Autoren. Historisch ist sie die Br\u00fccke zwischen Nord- und Mitteleuropa, sie verband das dunkle und kalte Skandinavien mit dem europ\u00e4ischen Kontinent. Hier f\u00e4ngt es an. F\u00fcr manche endete es auch hier.<br \/>\nIn der Weinbar \u00bbZum schwarzen Ferkel\u00ab hat sich Ende des 19. Jahrhunderts ein nordischer Autorenkreis versammelt: August Strindberg, Dagny Juel, Ola Hanson, Laura Marholm, Gunnar Heiberg, Bengt Lidforss, Karl August Tavaststjerna, Adolf Paul, aber auch K\u00fcnstler wie Edvard Munch und der Komponist Jean Sibelius. Sie haben \u00fcber neue Literatur gestritten, \u00fcber Naturalismus und Symbolismus diskutiert, versucht neue k\u00fcnstlerische Wege zu finden. Strindberg hat die Versammlung eine \u00bbGalerie verdammter Seelen\u00ab genannt. Das sind wir noch. Man kommt nach Berlin, weil man eine unruhige Seele ist, bleibt man zu lange, wird die Seele verdammt.<br \/>\nAber man kommt auch nach Berlin, weil es hier m\u00f6glich ist, als freier Schriftsteller zu leben. Jens Bisky schreibt in seiner gro\u00dfen Biografie \u00fcber die Anziehungskraft der Stadt in die neunziger: \u00bbNiedrige Mieten, g\u00fcnstige Lebenshaltungskosten, ein Nachtleben nach Gusto, junge Leute aus der ganzen Welt und eine kaum zu ersch\u00fctternde Liberalit\u00e4t \u2013 das alle sprach f\u00fcr Berlin.\u00ab Die Stadt hat auch Autoren, Verlage und Intellektuelle angezogen. Berlin kann, oder zumindest k\u00f6nnte, seinen Autoren ein Dach \u00fcber dem Kopf geben.<br \/>\nIn den letzten Jahren ist das deutlich schwieriger geworden. Und w\u00e4hrend die neue Tech-Industrie floriert, verk\u00fcmmert das literarische Leben der Stadt.<br \/>\nWahr ist, dass Berlin f\u00fcr die Skandinavier ein Sehnsuchtsort war und bleibt, aber auch ein Zufluchtsort.<br \/>\nDas gilt insbesondere f\u00fcr homo-, bi-, transsexuelle und queere Autoren, die nach Berlin kommen, um freier zu leben, als sie es in ihren Heimatl\u00e4ndern k\u00f6nnen. Obwohl es dort keine repressiven Gesetze gibt, aber vielleicht eine beklemmende Konformit\u00e4t, die die nordischen L\u00e4nder kennzeichnet.<br \/>\nVielleicht war der d\u00e4nische Autor Herman Bang, mit dem Thomas Mann sich \u00bbtief verwandt\u00ab f\u00fchlte, der Erste. Er machte nie ein Geheimnis um seine Sexualit\u00e4t. Nach dem \u00bbgro\u00dfen Sittlichkeitsskandal\u00ab 1906 in D\u00e4nemark und einer Serie von Angriffen auf seine Person, ist Bang nach Berlin geflogen, in eine Art sexualpolitisches Asyl. In Berlin verfasste Bang auf Deutsch ein Pamphlet: \u00bbGedanken zum Sexualit\u00e4tsproblem<br \/>\n\u00ab. Hier will er endlich, \u00bbnachdem ich mein Leben lang dar\u00fcber geschwiegen habe\u00ab, \u00fcber Homosexualit\u00e4t und die vielf\u00e4ltigen Schattierungen der M\u00e4nnerliebe sprechen. Auch der schwedische Autor Hjalmar Bergman ist nach Berlin geflohen, um seine Homosexualit\u00e4t auszuleben. Hier schreibt er seine letzten B\u00fccher, zum Beispiel \u00bbJac, der Clown\u00ab (1930), bis zu seinem fr\u00fchen Tod am 1. Januar 1931 im Nordsanatorium.<br \/>\nBergman hatte ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis zu seiner Sexualit\u00e4t, und in Schweden liest man oft, dass er versucht hat, diesen \u00bbinneren Konflikt\u00ab mit Alkohol und Drogen zu l\u00f6sen. Gewiss ist, dass er gerne Cognac trank und Kokain zog. In seinen Briefen spricht er \u00fcber \u00bbBummeln\u00ab, in seinem Tagebuch \u00fcber \u00bbOrgien\u00ab. Er schreibt \u00fcber eine \u00bbzweifelhafte Lebensweise\u00ab, die sich auf die Gesundheit auswirkt. Vierzehn Tage isst er nicht anders als \u00bbEigelb, Sahne, getrocknetes Brot, Opium und Bordeaux\u00ab, und beklagt sich, dass er nicht richtig schreiben kann.<br \/>\n\u00bbIch werde dir von Berlin erz\u00e4hlen\u00ab, schreibt Karin Boye an Ruth, eine Freundin. \u00bbEs war wunderbar, manchmal. Ich k\u00f6nnte sofort losgehen und ein M\u00e4dchen treffen, das die Nacht mit mir verbringen wollte, mich k\u00fcssen und LIEBEN\u00ab, so zumindest schildert Elisabeth Hjorth es in ihrem Boye-Roman \u00bbDer Regen der Nacht und die M\u00fchsal des Tages\u00ab (\u00bbNattens regn och dagens m\u00f6da\u00ab, 2017). Die schwedische Dichterin Karin Boye ist 1932 nach Berlin gezogen, um in Psychotherapie zu gehen. Sie ist aber auch hergekommen, um ihre Sexualit\u00e4t auszuleben und anzufangen, richtig zu leben. In Berlin ist Boye freier geworden, sie l\u00f6st ihre Ehe auf und lernt Margot kennen, mit der sie nach ihrer R\u00fcckkehr nach Schweden zusammenleben wird.<br \/>\nBang, Bergman und Boye. Sie thematisierten Liebe, Drogen, Exzesse und die Schwierigkeit, Ruhe zu finden in dieser Stadt, die alle Sinne reizt. Und diese Motive tauchen wieder auf in der zeitgen\u00f6ssischen Literatur von Berlins nordischen Literaten.<br \/>\nDer Roman \u00bbdocx\u00ab der d\u00e4nischen Autorin Franziska Hoppe von 2019 ist eine Liebesgeschichte, aber die Liebe findet nicht als H\u00f6hepunkt der Erz\u00e4hlung statt, sondern als Pr\u00e4ludium. Danach versucht die Erz\u00e4hlerin, die Verliebtheit durch das Schreiben zu \u00fcberwinden. Doch in ihrer WG gestaltet sich das schwierig: \u00bbEs ist noch fr\u00fch am Morgen. Zwei Lautsprecher in der K\u00fcche haben die ganze Nacht Techno gespielt, und vor meiner T\u00fcr schlafen zwei Fremde. Ich lege meinen Kopf auf den Boden und st\u00fctze mich in die H\u00e4nde. Fast jede Nacht h\u00e4lt mich die Musik wach, und am Morgen weckt mich die Sonne.\u00ab<br \/>\nDen Roman, den sie sich vorgestellt hat, kann sie nicht verwirklichen, sie sucht Seelenfrieden, aber findet wenig. Sie besucht Ausstellungen, Vorlesungen, spaziert durch die Stadt und begegnet manchmal ihrer Ex. Alimentiert und fremd, versteht man bald, wird sie Berlin verlassen, vielleicht, um ihren Seelenfrieden zu finden.<br \/>\nDie Suche nach Liebe ist auch ein durchg\u00e4ngiges Motiv bei Gina Tandberg. In ihrer Novelle \u00bbUrbanstra\u00dfe\u00ab (2018) schlendert und f\u00e4hrt die Protagonistin mit dem Rad durch Berlin. Sie trinkt Kaffee, geht in Model\u00e4den, wird von unbekannten M\u00e4nnern cat-called und schaut sich feministische Pornos in einer Neuk\u00f6llner Kneipe an. Sie denkt zur\u00fcck an eine unerwiderte Liebe. Sie geht in den Sexclub Pornceptual. Sie sieht, wie ein Mann einen anderen fistet; sie kriegt Komplimente f\u00fcr ihr Outfit; auf einer Matratze beginnt ein Dreier; sie tanzt, versucht aufdringliche M\u00e4nner loszuwerden, sieht sich an, wie ein gro\u00dfer Mann eine Frau mit fast wei\u00dfer Haut auspeitscht. Am n\u00e4chsten Morgen wacht sie fr\u00fch auf, geht raus in den Graefekiez, wo nur die Familien wach sind, die Jogger, Menschen mit Ordnung in ihrem Leben. Tandberg schildert die jungen Berliner, leicht entfremdet, leicht irre, aber vielleicht auch gl\u00fccklich.<br \/>\nDer gegenw\u00e4rtige Berlin-Roman schildert oft zeitgen\u00f6ssische Flaneure. Die genauso oft unterirdisch umher-schweifen wie oben. Die genauso viel in der Nacht leben wie am Tag, wenn nicht sogar mehr. Wie Nikolaj, die Hauptperson in dem Deb\u00fct des d\u00e4nischen Autors Nikolaj Tange Lange \u00bbDas Leben ist eine Party und dann stirbt man\u00ab (\u00bbLivet er en fest og s\u00e5 d\u00f8r man\u00ab) von 2013. Nikolaj wird bald 30, sitzt an einem Samstagnachmittag im Garten des about blank und denkt nach: \u00bbEs ist Zeit, dass er sich entweder zusammenrei\u00dft oder aufgibt.\u00ab Er hat gerade einen neuen Typ, Antoine, kennengelernt und ist nach ihrer gemeinsamen Nacht mit Ecstasy immer noch ein wenig niedergeschlagen. Er trifft einen alten Freund, Joe, einen K\u00fcnstler, der jetzt seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Drogen verdient, und Nikolaj kauft ein paar Gramm Speed. Er nimmt zu viel MDMA und sp\u00e4ter eine \u00dcberdosis GHB:<br \/>\n\u00bbDrinnen scheint die Musik heftiger zu sein als fr\u00fcher. Es ist auch dunkler. Es ist, als w\u00fcrde sich der Raum aufl\u00f6sen. Er f\u00fchlt etwas Weiches und l\u00e4sst seinen K\u00f6rper darin versinken. F\u00fcr einen kurzen Augenblick sieht er Antoines Gesicht aus der N\u00e4he. Im n\u00e4chsten Moment ist alles weg.\u00ab<br \/>\nDer Roman folgt dem jungen Nikolaj auf seinem Weg, Autor zu werden, \u00fcber gelegentlichen Chemsex, Partys, BDSM und schlaflose N\u00e4chte. Aber er erz\u00e4hlt auch von der Musikerin Leah, die kurz vor dem Durchbruch steht, und dem \u00e4lteren HIV-positiven Klaus, der in seinem \u00bbplayroom\u00ab sitzt, Crystal Meth raucht und auf GayRomeo nach Sex sucht. Klaus wurde 1969 geboren und kam 1988 nach Berlin, um seinen homophoben, konservativen Eltern zu entkommen und sein Leben als Homosexueller zu leben.<br \/>\nNikolaj ist vielleicht deprimiert, er will schreiben, aber kommt nicht dazu. Er ist aber nicht ungl\u00fccklich: \u00bbJa, okay, ich habe mein Leben versaut und mir geht es trotzdem gut\u00ab, denkt er, diesmal auf einer anderen Party und diesmal auf Ketamin. Als eine Bekannte, Robin, fragt: \u00bbWas machst du eigentlich?\u00ab, antwortet Nikolaj: \u00bbI\u2019m a failed writer\u00ab, nicht ohne Humor.<br \/>\nTange Langes Roman f\u00e4ngt ein St\u00fcck Berlin ein und bewahrt es. Er schildert eine Gemeinschaft, die auf den Stra\u00dfen der Stadt nicht unsichtbar ist, \u00fcber die man aber in der Literatur selten liest. Die Leute um Nikolaj sterben viel zu jung. Auch das ist ein queeres Erlebnis. Sein Freund Joe stirbt, Klaus auch. Vielleicht sterben beide an Meningitis. Vielleicht an einer \u00dcberdosis. \u00bbDas Leben ist eine Party und dann stirbt man\u00ab ist ein Liebesroman mit einem unerwarteten, gl\u00fccklichen Ende, nicht nur in romantische Hinsicht, es bedeutet auch: Nikolaj f\u00e4ngt wieder an zu schreiben.<br \/>\nIn den realistischen Roman wurden homosexuelle Romanfiguren oft nur geduldet, wenn sie am Ende starben. Heutzutage geht es h\u00e4ufiger ums \u00dcberleben, darum, es zu schaffen, durchzukommen. In Eli Lev\u00e9ns Roman \u00bbWie ich am liebsten verschwinden w\u00fcrde\u00ab (\u00bbHur jag skulle vilja f\u00f6rsvinna\u00ab), 2020, lebt Robin in einem Nachhinein, in den Nachwehen der Trauer \u00fcber den Verlust eines Liebhabers, der Selbstmord begangen hat:<br \/>\n\u00bbIch schreibe \u00fcber dich, lasse dich und deine Geschichte wieder aufleben, so wie sie f\u00fcr mich war. Es ist traurig, dass ich dir nicht geben konnte, was ich wollte: die Geschichte unserer Liebe. Das war eine M\u00f6glichkeit, es wurde nie etwas gesagt. Es gab keine Zukunft, weil wir nicht gesagt haben, was wir f\u00fchlten.\u00ab<br \/>\nDer erste Teil des Romans spielt in Brooklyn, Robin reist nach New York, um zu entkommen. Der zweite Teil spielt in Berlin, wo er versucht, den Verlorenen oder die Spuren des Verlorenen wiederzufinden. \u00bbHier in Berlin bist du pr\u00e4sent\u00ab, Robin wendet sich an den Gestorbenen, \u00bbdie Stra\u00dfen sind immer noch unsere gemeinsame Zeit.\u00ab<br \/>\n\u00bbWie ich am liebsten verschwinden w\u00fcrde\u00ab ist ein melancholischer Roman, nicht ohne einen gewissen Humor, und voll hoher Sch\u00f6nheit und banalem Allt\u00e4glichen. Robin k\u00e4mpft mit dem Schreiben und mit dem Geld. Er wacht auf und stellt fest, dass er kein mehr Kohle hat. Er fragt einen Freund, der f\u00fcr eine Pornoseite schreibt, ob er einen Pornofilm drehen kann. Er geht auf Partys und trifft neue M\u00e4nner, wandert durch die Stadt, verliebt sich und trennt sich wieder. Alles erscheint repetitiv, alles folgt den gleichen Mustern, nur seine verlorene Liebe hebt sich ab als etwas Besonderes, vielleicht weil diese Liebe endg\u00fcltig verloren ist.<br \/>\nDer Erz\u00e4hler holt der Verstorbenen durch Erinnerungsbilder aus dem Reich der Toten zur\u00fcck durch, l\u00e4sst uns aber nicht n\u00e4her an ihn heran. Er nennt seinen Namen nicht, denn das Nennen w\u00fcrde den Namen aush\u00f6hlen. Als ob eine Gefahr best\u00fcnde, dass der Zur\u00fcckgekehrte wie Eurydike f\u00fcr immer verschwindet.<br \/>\nHin- und hergerissen zwischen dem Schreiben und dem Sozialen, all den Partys, all den Drogen, all den zwanglosen sexuellen Begegnungen, die das Schreiben ausschlie\u00dfen. Aber sie n\u00e4hren zugleich das Schreiben. Sie geben ihm Material, muss man erst etwas erleben, erst danach kann man schreiben. Es kommt zu einem Bruch. Nicht abrupt, sondern langsam. Er erkennt, er \u00bbkann nicht mehr so viel trinken wie fr\u00fcher\u00ab, \u00bbkann nicht mehr so viele Drogen nehmen wie fr\u00fcher\u00ab. Aber er \u00bbwei\u00df nur nicht, wie ich es anstellen soll\u00ab.<br \/>\nVielleicht durch den Prozess, Frieden zu machen: mit seinem Verlust, mit seinem K\u00f6rper, seiner Androgynie und Sexualit\u00e4t. \u00bbIch habe beschlossen, dass ich, wo auch immer ich lande, in meinem K\u00f6rper zu Hause sein will, ihn das sein lassen will, was er ist: die Voraussetzung f\u00fcr alles\u00ab, schreibt er gegen Ende des Romans. Das ist auch eine Methode zum \u00dcberleben.<br \/>\nLasst uns festhalten: Berlin ist vielleicht eine tolerante Stadt, aber sie ist nicht ohne Intoleranz. Alex-Alivna Chamberland schreibt in ihrem kommenden Roman, \u00bbLove the World or Get Killed Trying\u00ab unter anderem \u00fcber ihre Erfahrungen als Transfrau in Berlin. Sie schreibt dar\u00fcber, wie sie begehrt und verachtet wird. Dar\u00fcber, wie sie nie anonym bleiben kann, immer ins Blickfeld anderer Menschen ger\u00fcckt wird:<br \/>\n\u00bbSeit meiner R\u00fcckkehr aus Reykjavik habe ich nicht einen ganzen Tag in Berlin verbracht, und ich scheine vergessen zu haben, dass die Leute mich anstarren, egal wie ich mich verhalte. Einige sind verwirrt, andere schockiert, ein paar denken \u00bbwie s\u00fc\u00df\u00ab, die meisten sind geil. Ich starre Die Leute zur\u00fcck. Ich sch\u00fcchtere einige von ihnen ein. Vielen gebe ich die Hoffnung, dass heute ihr Gl\u00fcckstag ist. Sie pfeifen. Sie loben meine Beine. Ich tue mein Bestes, um sie loszuwerden.\u00ab<br \/>\nHier ist die Flaneuse nicht diejenige, die beobachtet, sonder diejenige, die immer beobachtet wird.<br \/>\nHoppe, Tandberg, Tange Lange, Lev\u00e9n, Chamberland. Was sie gemeinsam haben, au\u00dfer, dass sie jung, skandinavischen Ursprungs sind, in Berlin leben oder gelebt haben, ist, dass sie alle Zeugnis abgelegt haben. Die Literatur ist ein Zeugnis daf\u00fcr, was wir sind und wo Berlin ist. F\u00fcr die queere Community sind die B\u00fccher Dokumente, die die Zeit festhalten und zeigen: So haben wir gelebt und geliebt, so haben wir gefeiert, so sind wir gestorben, so haben wir \u00fcberlebt.<br \/>\nWie alle nichtdeutschen Autoren sind die nordischen in gewissem Sinne Fremde in der Stadt, auf langem oder kurzem Besuch. Vertriebene, Einwanderer ohne tiefere soziale Bindungen, die sie h\u00e4tten in Schach halten k\u00f6nnen. Aber als Au\u00dfenseiter werden sie in gewisser Weise auch zu Anthropologen oder literarischen Korrespondenten, die, mit den Freiheiten der Fiktion, \u00fcber Babylon Berlin berichten.<br \/>\nBerlin ist eine Insel, etwas Exotisches, nicht zuletzt f\u00fcr die nordischen Autoren, die an ihre sicheren, sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten mit Biopolitik und gut gemeinter F\u00fcrsorgepolitik gew\u00f6hnt sind. Das Leben in Berlin wird zum literarischen Stoff f\u00fcr den gro\u00dfen Berlin-Roman, vielleicht den Berlin-Roman unserer Generation, unser Leb wohl, Berlin.<br \/>\nBis dahin sind viele daran gescheitert. Vielleicht, weil man das nur im Nachhinein machen kann. Wenn alles, was man festhalten wollte, verloren gegangen ist. Wie Christoph Isherwoods Roman. Aber noch ist nicht alles verloren. Noch sind wir mittendrin, in dieser wiedergeborenen Stadt, die immer noch etwas Unfertiges hat, genau wie die Literatur, die immer wieder neu geschrieben werden muss.<\/p>\n<p>f\u00fcr <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/event\/parataxe-symposium-ix\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>PARATAXE Symposium IX NORDLICHTer Berlin<\/strong><\/a><br \/>\n26.11. 2021 \u00a9 Parataxe \/ stadtsprachen magazin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Satz ging mir im letzten Fr\u00fchjahr durch den Kopf und hat dort nicht aufgeh\u00f6rt zu wirken. 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