{"id":18437,"date":"2022-05-17T16:30:05","date_gmt":"2022-05-17T14:30:05","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?post_type=stsp_text&#038;p=18437"},"modified":"2022-06-18T11:28:21","modified_gmt":"2022-06-18T09:28:21","slug":"wo-hoert-die-menschliche-haut-auf-wo-faengt-die-luft-an","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/wo-hoert-die-menschliche-haut-auf-wo-faengt-die-luft-an\/","title":{"rendered":"Wo h\u00f6rt die menschliche Haut auf, wo f\u00e4ngt die Luft an?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wo h\u00f6rt die menschliche Haut auf, wo f\u00e4ngt die Luft an?<\/strong><\/p>\n<p><em>Julie Tirard, franz\u00f6sische Autorin und \u00dcbersetzerin, im Gespr\u00e4ch mit Emma Herzberg vom stadsprachen magazin.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>stadtsprachen magazin:<\/strong> <em>Liebe Julie, du bezeichnest deine Literatur als \u201eReibungsfl\u00e4che zwischen der menschlichen, mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welt\u201c. Du hast in einem Vorstellungsvideo beim H\u00f4tel des Autrices gesagt, dein Schwerpunkt sei die \u00e9criture du sensible (\u201eSchreiben der Sinne\u201c). Was bedeutet das genau und welche Themen bewegen Dich?<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard<\/strong>: In meinen Texten gibt es oft eine Verflechtung der Sinne, Licht kann beispielweise holzig oder ein Geruch metallisch sein. Vielleicht liegt es an meiner Syn\u00e4sthesie (Buchstaben haben f\u00fcr mich Farben). Alle SchriftstellerInnen haben ihre eigenen St\u00e4rken \u2013 ich glaube, meine St\u00e4rke ist, die Natur zu beschreiben mit diesem besonderen Blick, also die F\u00e4higkeit, in meinem Schreiben verschiedene Welten zu vermischen. Hochsensible Menschen wissen, wie es ist, wenn man vor etwas steht, was so sch\u00f6n ist, man f\u00fchlt sich pl\u00f6tzlich innendrin, man ist das Licht, man ist die Blumen. Ich schreibe an der Grenze: Wo h\u00f6rt die menschliche Haut auf, wo f\u00e4ngt die Luft an? Es ist der Kontaktpunkt, der mich interessiert.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nstadtsprachen magazin:<\/strong> <em>Gibt es auch besondere Themen oder Wiederholungen in deinem Schreiben? Ich habe gesehen, dass du oft \u00fcber deine Kindheit sprichst.<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard:<\/strong> Interessant, dass du das sagt; mir war das mit der Kindheit gar nicht bewusst. Ich schreibe viel \u00fcber Liebe, oder nicht wirklich \u00fcber Liebe, sondern \u00fcber Begehren. Ich habe gerade eine poetische Erz\u00e4hlung fertig geschrieben. Im letzten Moment habe ich den Titel ge\u00e4ndert, weil mich jemand gefragt hat: Worum geht es genau? Meine spontane Antwort war: das Hauptthema ist die L\u00fccke zwischen zwei \u201eH\u00e4uten\u201c, die sich begehren. Wenn man mit jemandem im Kino oder im Theater sitzt und dieses krasse, m\u00f6glicherweise sexuelle Begehren sp\u00fcrt. Die \u201eH\u00e4ute\u201c wollen sich ber\u00fchren, aber man wei\u00df nicht, man darf nicht oder man traut sich nicht \u2026 Ich schreibe \u00fcber dieses frisson (Schaudern) was zwischen einem Menschen und einem anderen Lebewesen entsteht (es kann auch ein Gestein sein). Ich arbeite seit drei Jahren an einem Projekt von 365 \u201esensiblen\u201c Gedichten und sage immer als Witz, dass die H\u00e4lfte davon Sonnenunterg\u00e4nge beschreiben. Es ist einfach so sch\u00f6n, wie der Himmel manchmal eine Verl\u00e4ngerung der eigenen Stimmung am Ende des Tages ist, oder ein anderes Licht auf die eigene Stimmung wirft.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df vielleicht, warum du die Kindheit als Thema erw\u00e4hnt hast \u2013 Aber ich glaube es geht eher um meine Herkunft. Ich bin ein Kind des Lichts. Ich komme aus S\u00fcdfrankreich und mir waren die Ger\u00fcche, das grelle und gleichzeitig goldene Licht, die Hitze immer unglaublich wichtig. Das erste Mal, als ich nicht mehr in S\u00fcdfrankreich gewohnt habe, habe ich zehn Monate durchgehalten, bis ich nicht mehr konnte. Ich wohnte damals in Paris. Es war Juni und zu kalt, zu nass, zu grau. Ich habe spontan ein Zugticket nach Marseille f\u00fcr den selben Tag gekauft, niemandem Bescheid gesagt, meinen Rucksack genommen und bin in den TGV gestiegen. Drei Stunden sp\u00e4ter war ich in Marseille. Dieses Gef\u00fchl, als sich die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hat, nachdem es im Zug so kalt gewesen war wegen dieser furchtbaren Klimaanlage, habe ich nie vergessen. Drau\u00dfen am Bahnhof Saint-Charles war es so schw\u00fcl. Es roch nach Salz und Schwei\u00df. Es waren immer noch 35 Grad, obwohl es fast Nacht war. Ich stand einfach da. Alle meine Poren haben sich ge\u00f6ffnet und ich war pl\u00f6tzlich wieder Teil der Umwelt. Ich war die Luft, ich war die W\u00e4rme und konnte wieder atmen. In der Provence sind alle Sinneswahrnehmungen viel intensiver, viel st\u00e4rker, alles ist intensiver dort. Dar\u00fcber schreibe ich gerne.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nstadtsprachen magazin:<\/strong> <em>Du hast ab August 2021 beim H\u00f4tel des Autrices (einer digitalen Residenz des Berliner Netzwerks R\u00e9seau des Autrices francophones de Berlin) gearbeitet und hast ein Projekt \u00fcber den Topos des Hotels f\u00fcr die Webseite geschrieben. L\u2019h\u00f4tel ou C\u2019est faux, eine Art digitale und interaktive Poetik. Wie bist du dazu gekommen, dieses besondere Projekt zu entwickeln?<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard:<\/strong> Ich wollte kein altes Projekt aus der Schublade holen, sondern etwas Neues schreiben. Aber es fiel mir schwer. Ich war theoretisch in einem Hotel, aber in der Realit\u00e4t einfach in meinem Schlafzimmer. Da war kein Hotelzimmer, sondern einfach eine wei\u00dfe Word-Seite (die auch nicht wirklich wei\u00df ist). Ich wusste nicht in welcher Richtung schreiben. Gleichzeitig war ich seit ein paar Monaten in meinem Privatleben mit einer Frage besch\u00e4ftigt: Was ist real und was nicht? Ist meine innere Welt, mit allem, was ich erlebt habe \u2013 meine Tr\u00e4ume und Traumata, meine Erfahrungen und Erinnerungen aus der Kindheit (die vielleicht nicht 100% korrekt sind) \u2013 realer oder weniger real als die \u00e4u\u00dfere Welt, die ber\u00fchrbare Welt? Wenn ich schreibe, wenn ich mit jemandem im Austausch bin, einer Muse zum Beispiel, und es geh\u00f6rt zur Nacht und es ist 3:00 morgens, ist es weniger real als das, was ich in der U-Bahn um 9:00 morgens erlebe? \u2013 Oder ist sogar realer? \u2013 Dieses Hotel war ein Hotel, und gleichzeitig war es kein Hotel, sondern eine Internetplattform. Ich bin Marie-Pierre Bonniol wirklich dankbar, dass sie es kreiert hat. In diesem Hotel f\u00fchlte ich mich wieder wie ein Kind, als ich noch f\u00e4hig war, ein Cowboy zu werden, nur weil ich entschieden hatte: Ich bin jetzt ein Cowboy. Das ist das Hauptthema meines Textes geworden: Die \u201ereale Realit\u00e4t\u201c durch unterschiedliche Prismen zu betrachten. Erinnerungen: real, nicht real? Video: real nicht real? Schreiben: real, nicht real? Internet: real, nicht real? Was ist real?<\/p>\n<p><strong><br \/>\nstadtsprachen magazin<\/strong>: <em>An einer Stelle schreibst du: Je ne supporte plus ta pixellisation : \u201eIch kann deine Verpixelung nicht mehr ertragen\u201c.<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard:<\/strong> Ja, wenn man Leute, die man liebt, nur als Bild auf einem Schirm trifft &#8230; Sind sie immer noch real, wenn sie nur noch als Pixel existieren?<\/p>\n<p><strong><br \/>\nstadtsprachen magazin:<\/strong><em> Es muss seltsam gewesen sein, aus dieser Phase herauszukommen, wenn alles so in Frage gestellt wird.<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard:<\/strong> Ja, aber es war sch\u00f6n, denn am Ende des Textes kam ich zu einer Antwort.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nstadtsprachen magazin<\/strong>: <em>Ich m\u00f6chte noch eine Frage zu Berlin stellen, denn du lebst seit 2012 in Berlin. Seitdem hast du mehrere Gedichte, darunter Novembre und Septembre geschrieben, und darin kommt \u00f6fters die Stadt vor und wie du sie erlebst. Ist Berlin eine inspirierende Stadt f\u00fcr dich? Hat sie dein Verh\u00e4ltnis zur Literatur, zur Literaturgemeinschaft und zur Sprache ver\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard:<\/strong> Definitiv. Ich wei\u00df so gar nicht, wo ich anfangen soll. Berlin ist meine erste Muse, sozusagen. 2012 habe ich viel, viel fotografiert und viel \u00fcber Berlin geschrieben. Mir f\u00e4llt jetzt auf, dass ich vor zehn Jahren schon mit den Jahreszeiten zu tun hatte. Meine Fotoalben aus dieser Zeit haben alle als Titel: Winter, Herbst, Fr\u00fchling, Sommer. Mit diesem Lyrikband aus 365 Gedichte (zu dem November und September geh\u00f6ren) kehrt dieses Motiv zehn Jahre sp\u00e4ter wieder zur\u00fcck. Damals mit Fotos und jetzt mit Gedichten.<\/p>\n<p>Die deutsche Sprache inspiriert mich auch. Ich habe das Gl\u00fcck, zwischen zwei Sprachen zu stehen, als Berlinerin und auch als \u00dcbersetzerin. Wenn mir etwas im Franz\u00f6sischen fehlt, dann hole ich es mir aus der deutschen Sprache.<\/p>\n<p><strong>stadtsprachen magazin:<\/strong> <em>In Berlin ist es im Winter auch kalt und nass. Was ist denn so anders in Berlin als in Paris?<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard:<\/strong> Die Freiheit. In Paris ist alles so klein und eng.\u00a0 2011 war das Jahr, als ich offiziell entschieden habe, mein Leben dem Schreiben zu widmen. Ich wohnte damals in Paris und als die Leute mich gefragt haben \u201eWas machst du beruflich?\u201c, und ich geantwortet habe: \u201eIch schreibe\u201c, dann kam immer die Frage \u201eWo bist du ver\u00f6ffentlicht?\u201c. Und ich so: \u201eIch bin nicht ver\u00f6ffentlicht.\u201c \u2013 \u201eDann bist du keine Autorin.\u201c Es war sehr brutal. Dieser Druck, dieses \u201esolange du nicht ver\u00f6ffentlicht bist, bist du keine Autorin\u201c, das war sehr schwer. Im Juli 2012 war ich eine Woche in Berlin, um meine Cousine zu besuchen, und wenn die Leute mich gefragt haben \u201eWas machst du beruflich?\u201c oder \u201eWas machst du?\u201c \u2013 Man sagt auch nicht \u201eberuflich\u201c hier, man sagt einfach \u201eWas machst du?\u201c \u2013 dann sagte ich \u201eIch schreibe.\u201c und die erste Frage war immer \u201eWor\u00fcber?\u201c. Es war so sch\u00f6n. So befreiend. Die ganze Stadt war f\u00fcr mich die Verk\u00f6rperung des Freiheitsgef\u00fchls. Ist es immer noch. Deswegen st\u00f6rt mich das Wetter hier gar nicht. (gefl\u00fcstert: also doch ein bisschen, aber nicht so wie in Paris).<\/p>\n<p><strong><br \/>\nstadtsprachen magazin<\/strong>: <em>Die zwei letzten Fragen sind dem \u00dcbersetzen gewidmet. Du hast eine Metapher f\u00fcr Sprachen benutzt im Vorstellungsvideo des R\u00e9seau des Autrices: Es geht um Felder mit Z\u00e4unen dazwischen, und du bist im franz\u00f6sischen Feld, an der Grenze zwischen dem deutschen und dem englischen. Wie w\u00fcrdest du demzufolge deinen \u00dcbersetzungsprozess beschreiben? Wie gehst du an Texte heran und wie arbeitest du mit Autorinnen?<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard:<\/strong> \u00dcbersetzung ist neu f\u00fcr mich. Ich habe 2018 angefangen, also vor kaum vier Jahren. Ich habe noch sehr viel zu lernen. Meine Haltung entwickelt sich immer weiter. Ich versuche, so viel wie m\u00f6glich mit anderen \u00dcbersetzerInnen zu sprechen und von ihnen zu lernen und denke viel \u00fcber den Prozess des \u00dcbersetzens nach. Sehr spontan bin ich zu feministischen Texten \u00fcbergegangen. Ich fand es wichtig, dass diese Art von Texten grenzenlos ist. Das ist meine Art von Aktivismus geworden. Ich bin jetzt weniger bei Protesten unterwegs und auch nicht mehr in gro\u00dfen Vereinen. Mein politisches Engagement zeigt sich im \u00dcbersetzen von feministischen Texten und im \u00dcbersetzen selbst (ich finde den Akt des \u00dcbersetzens unendlich politisch).<\/p>\n<p>Ich rede deswegen viel mit den Autorinnen, die ich \u00fcbersetze. Man kann schon viel wissen oder raten, aber warum darauf verzichten, die Autorin zu kontaktieren? Daraus entstehen immer tolle Austausche und Gespr\u00e4che. Es geht nicht nur darum, Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden. Manchmal ist es sogar die Gelegenheit, den Originaltext zu \u00e4ndern. Die Autorinnen, die ich \u00fcbersetze, sind auch Feministinnen, und wir entwickeln uns gegenseitig weiter. Ich sage auch immer, dass \u00dcbersetzen eigentlich eine kollektive Arbeit ist. Man h\u00f6rt die ganze Zeit, dass \u00dcbersetzerInnen allein oder sogar einsam sind, aber das stimmt nicht. Es ist unglaublich kollektiv: die Autorin, die \u00dcbersetzerin, die Verlegerin sind schon drei Personen. Manchmal gibt es auch eine Lektorin dazu. Und dann alle Leute, die helfen. Ich \u00fcbersetze gerade Nichts, was uns passiert von Bettina Wilpert. In dem Roman kommt viel Anwaltsvokabular vor. Nat\u00fcrlich habe ich eine Freundin angerufen, die Anw\u00e4ltin ist. Ich habe auch meine Nichte kontaktiert, die an der Uni studiert, um sicher zu sein, dass das Vokabular, das ich damals benutzt habe, immer noch aktuell ist. Und so weiter. Am Ende haben bestimmt 10 Personen zu diesem Buch ihre Meinung beigesteuert.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nstadtsprachen magazin:<\/strong> <em>Zu deinem Artikel \u201e\u00dcbersetzen und \u00fcbersetzen lassen \u2013 ein politischer Akt\u201c: Du stellst die Debatte dar, die die \u00dcbersetzer spaltet bez\u00fcglich der Ber\u00fchrungsangst beim Text. Bist du je auf solche Probleme gesto\u00dfen, bei dir oder bei anderen? Seitdem du diese Diskussion f\u00fchrst und diesen Artikel geschrieben hast, hast du Ver\u00e4nderungen in deinem Umfeld gemerkt oder gibt es konkret etwas, was sich ver\u00e4ndert hat?<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\nJulie Tirard:<\/strong> Damals hatte ich den Eindruck, dass wir sehr wenige sind, die denken, dass man nicht alles \u00fcbersetzen kann, auch wenn man sehr viel Empathie hat. Viele sagen, es ist unser Job als \u00dcbersetzerInnen, in die Schuhe einer anderen Person zu schl\u00fcpfen, aber damit war ich nie wirklich einverstanden. Manchmal passen die Schuhe nicht, sind zu klein, zu gro\u00df und man kann nicht darin gehen. Jetzt lerne ich immer wieder Leute kennen, die auch so denken und die das \u00e4ndern wollen. Auch VerlegerInnen. F\u00fcr Nichts, was uns passiert war der franz\u00f6sische Verleger sofort damit einverstanden, dass\u00a0mein Name auf dem Cover steht: Das sage ich in dem Artikel, ich finde es sehr wichtig, dass der Name des \u00dcbersetzers oder der \u00dcbersetzerin auf dem Cover steht, weil es zeigt, dass man die \u00dcbersetzung von jemand Bestimmtem liest. Eine \u00dcbersetzung ist nie neutral oder objektiv. Man liest die W\u00f6rter, die eine bestimmte Person gew\u00e4hlt hat. Eine \u00dcbersetzung ist per se subjektiv. Er war sogar einverstanden, dass ich eine Danksagung als \u00dcbersetzerin schreibe. Das hei\u00dft, ich habe wirklich den Eindruck, es hat sich etwas ver\u00e4ndert. Was sich noch nicht ver\u00e4ndert hat: Der Beruf ist immer noch sehr\u00a0\u201ewei\u00df\u201c. Das Problem ist, wei\u00dfe Menschen sprechen (fast) nur die wei\u00dfe Sprache. Ich wiederhole mich, aber es ist wichtig zu verstehen, dass die Sprache, die wir sprechen, nicht neutral ist. Die\u00a0\u201eneutrale\u201c Sprache ist wei\u00df und heteronormativ. Diese Sprache kennen wir alle. Manchmal sprechen wir andere Sprachen, einen Dialekt, oder die Sprache unserer\u00a0bubble. Es ergibt keinen Sinn zu sagen, dass nur schwarze \u00dcbersetzerInnen schwarze AutorInnen \u00fcbersetzen d\u00fcrfen. Es geht eher darum, die Person zu finden, die die Sprache des Themas kennt. Ich gebe ein anderes Beispiel: Im November 2021 habe ich an einer Werkstatt namens \u201eGender \u00fcbersetzen\u201c teilgenommen. Eine \u00dcbersetzerin hat das Buch einer lesbischen Autorin vorgestellt und uns ihre Schwierigkeiten bei der \u00dcbersetzung\u00a0mitgeteilt. Sie war nicht sicher, wie sie\u00a0\u201egirl\u201c am besten \u00fcbersetzen sollte. Es war die Gelegenheit zu lernen, welche W\u00f6rter in der\u00a0\u201elesbische Sprache\u201c\u00a0existieren und nicht existieren, um \u00fcber eine\u00a0\u201egirl\u201c, die man datet, zu sprechen.\u00a0Denn viele Synonyme, die man als\u00a0\u201eneutral\u201c empfinden k\u00f6nnte, werden eigentlich nur unter Heteros verwendet&#8230; F\u00fcr so ein Buch w\u00e4re es meiner Meinung nach wichtig, eine \u00dcbersetzerin zu finden, die \u201edie lesbische Sprache\u201c spricht. Ob die \u00dcbersetzerin selbst lesbisch ist oder nicht, ist nicht relevant. Vielleicht k\u00f6nnte sogar ein Mann die richtige Person f\u00fcr die \u00dcbersetzung sein. Wer wei\u00df! Es geht nicht um die Person. Es geht (immer!) um die Sprache.<\/p>\n<p>Interview: <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/artist\/emma-herzberg\/\">Emma Herzberg<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo h\u00f6rt die menschliche Haut auf, wo f\u00e4ngt die Luft an? 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