{"id":22960,"date":"2024-12-04T13:35:00","date_gmt":"2024-12-04T12:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?post_type=stsp_text&#038;p=22960"},"modified":"2024-12-12T16:45:29","modified_gmt":"2024-12-12T15:45:29","slug":"die-erste-liebe-meiner-mutter","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/die-erste-liebe-meiner-mutter\/","title":{"rendered":"Die erste Liebe meiner Mutter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als meine Mutter in den fr\u00fchen 1950er Jahren den h\u00f6heren Unterricht begann ging sie zur Oberschule in der Kreisstadt Rongxian, eine ganz alte Schule, die schon 1913 gegr\u00fcndet war. Zu dieser Zeit gab es in ihrem Heimatsdorf Shuangshi nur eine Grundschule.<br><br>Meine Mutter studierte sehr flei\u00dfig. Sie wohnte bei Verwandten und kam nur an den Wochenenden zu ihrer eigenen Familie in Shuangshi zur\u00fcck. Sie nahm aktiv an allen schulischen Aktivit\u00e4ten teil, ihr Zeugnis geh\u00f6rte immer zu den drei besten in ihrer Klasse. Sowohl in Motivation als schulischer Leistung ragte sie heraus, und noch bevor Ende der unteren Stufe war sie schon Mitglied der kommunistischen Jugendliga. Damals war es nicht einfach, Mitglied der Liga zu werden. Man brauchte gute Noten in allen F\u00e4chern und musste immer eine positive Haltung zeigen.<br><br>Als meine Mutter auch die Oberstufe abgeschlossen hatte wurde sie wegen ihrer ausgezeichneten Leistungen von ihrer Schule f\u00fcr einen gesicherten Platz an der Universit\u00e4t vorgetragen. Mutter war \u00fcbergl\u00fccklich, denn ein gesicherter Platz an der Universit\u00e4t bedeutete sowohl eine Best\u00e4tigung ihrer Leistungen als eine Ehre f\u00fcr ihre Familie. In den Stra\u00dfen von Shuangshi hatte es sich schon herumgesprochen, alle Leute sagten, dass unsere Familie ein besonderes Talent hervorgebracht hatte.Die Familie meiner Gro\u00dfmutter war damals sehr arm. Mein Gro\u00dfvater war schon vor vielen Jahren gestorben, wo mein Onkel sich aufhielt war unbekannt, meine j\u00fcngere Tante war noch in der Krankenpflegeschule und brauchte Geld. Meine \u00e4ltere Tante hatte zwar ihr Lehramtsstudium abgeschlossen und unterrichtete in einer Grundschule, aber die ganze Familie war auf ihr Gehalt angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.<br><br>Wenn meiner Mutter also ein Studienplatz garantiert werden k\u00f6nnte, w\u00fcrde sie ein Stipendium erhalten, was die Familie entlasten und f\u00fcr sie den Bedarf an finanzieller Unterst\u00fctzung beseitigen w\u00fcrde. Meine Mutter war zuversichtlich, dass es kein Problem geben w\u00fcrde, und wartete zu Hause auf die offizielle Nachricht. Wer h\u00e4tte gedacht, dass sie, nachdem die Schule alle ihre Unterlagen zur Genehmigung weitergeleitet hatte, bei der politischen \u00dcberpr\u00fcfung wegen der Vergangenheit ihres Bruders durchfallen w\u00fcrde? Sie konnte ihren gesicherten Platz also doch nicht in Anspruch nehmen. So blieb meiner Mutter in jenem Jahr 1955 nichts anders \u00fcbrig als die normale Aufnahmepr\u00fcfung f\u00fcr die Universit\u00e4t abzulegen. Damals waren sechzehn M\u00e4dchen in ihrer Klasse, und sechs von ihnen, darunter Mutter, bestanden die Pr\u00fcfung. Beim Eintragen ihrer Pr\u00e4ferenzen im Anmeldeformular nannte sie als erste Wahl die P\u00e4dagogische Universit\u00e4t in Peking. Sie interessierte sich zwar nicht besonders f\u00fcr diese Ausbildung, weil man nach Abschluss nur Lehrer werden konnte, aber weil man daf\u00fcr ein staatliches Stipendium bekam, und sie au\u00dferdem so nach Peking konnte, w\u00e4hlte sie sie doch zuerst. Danach trug sie die P\u00e4dagogische Hochschule und die Hochschule f\u00fcr Medizin in Sichuan ein, und als letztes die Medizinische Hochschule in Guiyang.<br><br>Lehrerhochschulen waren damals in den 50er Jahren f\u00fcr viele Kinder aus armen Familien eine erste Wahl, einmal weil der Staat es bef\u00fcrwortete, und auch, weil es tats\u00e4chlich einen gro\u00dfen Lehrermangel gab. Wenn man Mitglied der Jugendliga war gab es einfach keine andere Wahl, und auch diejenigen mit garantierten Studienpl\u00e4tzen gingen in der Regel an die Lehrerbildungsanstalten. Meine Mutter hatte eine sehr gute Aufnahmepr\u00fcfung gemacht, und wenn die politischen Probleme ihres Bruders nicht gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tte sie bestimmt an die Pekinger Hochschule gehen k\u00f6nnen, die ihre erste Wahl war, oder an eine Universit\u00e4t in Sichuan. Sie wurde aber schlie\u00dflich der Medizinischen Hochschule in Guiyang, der Hauptstadt der Provinz Guizhou, zugewiesen. Guizhou war zu jener Zeit die r\u00fcckst\u00e4ndigste und \u00e4rmste der drei s\u00fcdwestlichen Provinzen Chinas. Aufgrund der hohen Berge und steilen H\u00fcgel war der Transport sehr beschwerlich. Es kursierte ein Sprichwort \u00fcber Guizhou: &#8222;Es gibt dort keine drei Zoll flachen Bodens, der Himmel ist nicht drei Tage klar, und die Menschen haben noch keine drei Heller\u201c.<br><br>Als meine Mutter jung war, war sie sehr h\u00fcbsch. Sie hatte eine wohlgeformte Nase und eine helle Haut. Zwar war sie nicht gro\u00df, aber sie trug zwei lange schwarze Z\u00f6pfe, und wenn sie ging, schwangen ihre Z\u00f6pfe immer bis \u00fcber ihre schmale Taille, was ihr einen einzigartigen Reiz gab. Die Leute nannten sie scherzhaft eine englische Lady. Sie hatte viele Verehrer an der Hochschule. Sie war aber mit ihrem Medizinstudium voll besch\u00e4ftigt war und bekam au\u00dferdem von meiner Gro\u00dftante nur 10 Yuan pro Monat \u2013 8,50 Yuan f\u00fcr Studiengeb\u00fchren und 1,50 Yuan f\u00fcr sonstige Ausgaben. Davon konnte sie kaum ihre Seife, Stifte und Papier bezahlen, ganz zu schweigen von romantischen Ausgaben wie sie zu einer Verliebtheit geh\u00f6ren. Dazu kam, dass sie niemanden begegnete mit dem sie Lust h\u00e4tte eine n\u00e4here Beziehung einzugehen. So gingen die f\u00fcnf Jahre ihres Hochschulstudiums sehr schnell vorbei. Im September 1960 machte meine Mutter ihren Abschluss an der Medizinischen Hochschule in Guiyang, und sie h\u00e4tte dort gerne eine Stelle bekommen, weil es die Hauptstadt der Provinz war und weil es von dort auch nicht weit zu ihrer Heimatprovinz Sichuan war. Wegen der Probleme ihres Bruders wurde sie jedoch nach Tongren in Guizhou versetzt.<br><br>Tongren war damals die abgelegenste und r\u00fcckst\u00e4ndigste Stadt Guizhous. Wegen der hohen Berge und gro\u00dfen Entfernungen waren die Transportbedingungen sehr ung\u00fcnstig, und die Stadt war fast v\u00f6llig selbstversorgend. Vor den 1950er Jahren litten die Menschen dort alle an Salzmangel. Seltsamerweise hatte Guizhou mit seinen hohen Bergen und vielen Fl\u00fcssen gute geologische Bedingungen f\u00fcr Mineralvorkommen und Bergbau, aber es produzierte kein Salz. Daher wurde das Salz normalerweise von Salzh\u00e4ndlern aus Zigong in der Provinz Sichuan nach Tongren gebracht. Vor 1951 gab es jedoch zu viele Banditen in den Bergen, so dass nur wenige Salzh\u00e4ndler bereit waren, Salz nach Tongren einzuf\u00fchren. Nach den 1960er Jahren begann der Staat, der Salzdistribution mehr Aufmerksamkeit zu schenken, weil aufgrund des Mangels an jodiertem Salz viele Menschen auf dem Land an Kropf erkrankten. So wurde Salz allm\u00e4hlich zu einem g\u00e4ngigen Gew\u00fcrz auf dem Esstisch, aber nat\u00fcrlich konnte es weiterhin nur in begrenzten Mengen geliefert werden, und jede Familie konnte nur eine bestimmte Anzahl von Salzmarken erhalten.<br><br>Insgesamt f\u00fcnf Studenten wurden nach Abschluss ihres Studiums an der Medizinischen Hochschule in Guiyang Tongren zugewiesen. Sie alle stammten aus Sichuan und hatten Schwierigkeiten aufgrund einer schlechten Klassenherkunft oder politischer Probleme in der Familie. Als sie sich im Spital von Tongren meldeten, wurden sie verschiedenen Abteilungen zugeteilt. Meine Mutter kam in die Abteilung f\u00fcr Geburtshilfe und Gyn\u00e4kologie. Da es dort bisher nur zwei m\u00e4nnliche Gyn\u00e4kologen gab, gab es Unzufriedenheit, und viele Menschen beschwerten sich \u00fcber das Krankenhaus. Anfang der 1960er Jahre waren die Menschen noch sehr r\u00fcckst\u00e4ndig und konservativ, und Frauen scheuten sich, die gyn\u00e4kologische und geburtshilfliche Abteilung aufzusuchen. Frauen gingen nur ungern in die Gyn\u00e4kologie, es sei denn, wenn es absolut unumg\u00e4nglich war. Daher brauchte man dringend eine weibliche Gyn\u00e4kologin. Mit der Ankunft meiner Mutter war dieses Problem gel\u00f6st. Sie bekam ein Zimmer im Nordtor\u2010Spital, das zu dieser Zeit sowohl als Wohnheim wie als Poliklinik diente. Mutter kam in diese fremde Stadt, ohne irgendwelche Verwandte oder vertraute Freunde. Jeden Tag ging sie zur Arbeit, a\u00df in der Kantine und ging nach Hause, um zu schlafen. Es war sehr eint\u00f6nig. Nachdem so einige Monate vergangen waren lernte sie eine Kollegin kennen, die in der Apotheke arbeitete, ein paar Jahre \u00e4lter als sie. Sie hie\u00df mit Nachnamen Kong und kam aus der Ortschaft Jiangkou, nicht weit von Tongren. Sie mochte meine Mutter, und setzte sich manchmal, wenn sie zum Essen in die Kantine ging, eigener Bewegung zu ihr. So lernte sie meine Mutter langsam kennen.<br><br>Eines Tages sagte sie meiner Mutter, dass sie ihr ihren Bruder vorstellen wolle. Tante Kong erz\u00e4hlte, dass ihr Bruder als Russisch\u2010Dolmetscher in einer Armeeeinheit in Peking arbeitete und ein gro\u00dfer, gutaussehender Mann war. Als meine Mutter h\u00f6rte, dass er in Peking arbeitete, war sie ganz begeistert, denn das war vor ein paar Jahren ihre erste Wahl als Ort zum Studieren gewesen, und Peking war noch immer der Ort ihrer Tr\u00e4ume.<br> <br>Im Fr\u00fchjahr 1961 kehrte Tante Kongs j\u00fcngerer Bruder nach Tongren zur\u00fcck um seine Familie zu besuchen, und sie ordnete an, dass die beiden sich an einem Freitagnachmittag im Dongfanghong Hotel treffen sollten. Mutter wusste, dass das Dongfanghong Hotel (der Name bedeutet \u201eDer Osten ist rot\u201c) damals das einzige Hotel der gehobenen Klasse in Tongren war. Es war ein Geb\u00e4ude im sowjetischen Stil das in den 1950er Jahren gebaut worden und f\u00fcr normale Menschen nicht zug\u00e4nglich war. Das \u00c4u\u00dfere bestand aus grauen Ziegelsteinen und das Innere war ganz aus Holz. Eshatte vier Stockwerke.<br><br>Der Fr\u00fchling ist die sch\u00f6nste Zeit des Jahres. Die Sonne schien an diesem Tag hell, und das Wetter war weder zu hei\u00df noch zu kalt, mit wei\u00dfen Wolken, die am blauen Himmel schwebten. Nach ihrer Arbeit legte meine Mutter ihren wei\u00dfen Kittel ab und zog die einzige wei\u00dfe Bluse die sie hatte, eine kurze dunkelblaue Strickjacke und eine dunkelblaue Hose an, was sie sehr elegant aussehen lie\u00df. Sie ging den ganzen Weg in geschwindem Schritt, weil sie sich Sorgen machte, zu sp\u00e4t zu kommen. Das Hotel lag vorbei der gro\u00dfen Kreuzung auf der anderen Seite der Westtor\u2010Br\u00fccke, und meine Mutter war den ganzen Weg \u00fcber in Unruhe. Sie f\u00fchlte sich \u00e4ngstlich, nerv\u00f6s und aufgeregt, hatte sie doch den Mann, den sie treffen wollte, noch nie gesehen.<br><br>Als sie \u00fcber die lange Westtor\u2010Br\u00fccke ging, war der Fluss unter ihr blau, tiefblau. Meine Mutter blickte auf den Fluss hinaus, atmete einmal tief durch, und gewann so langsam ihre Ruhe zur\u00fcck. Auf der anderen Seite der Br\u00fccke bog sie rechts ab und ging in Richtung des Hotels. Der Wind der vom Fluss kam war sanft und warm. Schlie\u00dflich sah Mutter das hohe Geb\u00e4ude aus der Ferne und verlangsamte ihren Schritt, um sich langsam dem Vorplatz des Hotels zu n\u00e4hern. Sofort sah sie einen gro\u00dfen Mann in wei\u00dfem Hemd und gr\u00fcner Armeehose, kerzengerade stand er unter einer gro\u00dfen Akazie vor dem Hotel, ein Buch in der Hand. Die untergehende Sonne schien durch die Bl\u00e4tter, die sich im Wind wiegten. Ihre Schatten auf seine Gestalt lie\u00dfen das Wei\u00df seines Hemdes noch heller hervorstechen, wie in einem Gem\u00e4lde im realistischen Stil der Sowjetunion. Mutter hatte ihn zwar noch nie gesehen, aber sie erkannte sofort, dass dies der Mann war, den sie kennenlernen sollte.<br><br>Kaum war sie bei den Stufen die von der Stra\u00dfe zum Vorplatz f\u00fchrten angelangt, da sah auch er meine Mutter und kam ihr entgegen. Vor Sch\u00fcchternheit war ihr sch\u00f6nes Gesicht leicht err\u00f6tet. Das Schicksal ist seltsam: die beiden, die sich noch nie zuvor gesehen hatten, erkannten sich sofort. Sie stellten sich beide vor, und dann lud Onkel Kong meine Mutter f\u00fcr einen Besuch in sein Zimmer ein. Also folgte meine Mutter ihm ins Hotel. Durch den Haupteingang gelangte man in eine hohe, ger\u00e4umige Halle, mit bogenf\u00f6rmigen Treppen auf beiden Seiten die in die oberen Stockwerke f\u00fchrten. Sie gingen langsam in den vierten Stock.<br><br>Als sie das Zimmer betraten war es ganz einfach eingerichtet, mit einem Einzelbett, einem Tisch und einem Stuhl. Neben der T\u00fcr stand noch ein Holzregal in fleckigem Rot, mit darin ein emailliertes Waschbecken verziert mit dem Schriftzeichen f\u00fcr \u201edoppeltes Gl\u00fcck\u201c in Rot, und ein Handtuch mit gelbem Lotosmuster. Auf dem Tisch standen ein gro\u00dfer wei\u00dfer Emaille\u2010Teller und eine rote Thermoskanne mit Pfingstrosenmuster. Dazu noch zwei emaillierte wei\u00dfe Teetassen mit Deckeln, versehen mit der Inschrift Dongfanghong\u2010Hotel unter einer roten Sonne. An der Wand ein Portr\u00e4t des Vorsitzenden Mao.<br><br>Es war das erste Mal, dass meine Mutter ein Hotelzimmer betrat, und sie war neugierig. Sie trat langsam zur Fensterbank und schaute hinaus, wo sie die Stra\u00dfen von Tongren, den Jinjiang\u2010Fluss und in der Ferne ihr Wohnheim, das Nordtor\u2010Spital, sehen konnte. Onkel Kong stand in der Mitte des Zimmers und betrachtete meine Mutter, wie sie sich zierlich auf die Fensterbank lehnte und mit zur Seite gewandtem Antlitz hinausschaute. Mit ihrer wohlgeformten Nase und ihren beiden dicken, h\u00fcftlangen schwarzen Z\u00f6pfen bildete sie im Licht der untergehenden Sonne eine besonders sch\u00f6ne Silhouette. Er starrte meine Mutter wie verzaubert an und verga\u00df dabei sogar den Tee, den er gerade zubereitet hatte. Meine Mutter war immer noch in der Aussicht versenkt und erkl\u00e4rte Onkel Kong, dass sie in dem hohen gelben Geb\u00e4ude in der Ferne wohnte.<br><br>Als sie sich zu Onkel Kong umdrehte, sah sie ihn in der Mitte des Zimmers stehen, mit einer Teetasse in beiden H\u00e4nden, sie immerfort anstarrend. Meine Mutter fand das so lustig, dass ihr Gesicht ganz rot wurde und sie nicht anders konnte als in Gel\u00e4chter auszupusten. Onkel Kong wurde sich pl\u00f6tzlich seines ungeschickten Verhaltens bewusst und beeilte sich, die Teetasse meiner Mutter zu geben. Dann holte er die Sahnekekse und Bonbons, die er aus Peking mitgebracht hatte, aus seinem Milit\u00e4rranzen. Das war das erste Mal, dass meine Mutter so etwas Leckeres zu essen bekam, denn in Guizhou gab es so etwas nicht. Es war Mangelware, kaum auf dem Markt zu finden, ganz zu schweigen von einem so r\u00fcckst\u00e4ndigen Ort wie Tongren.<br><br>Die beiden f\u00fchlten sich, als ob sie sich schon lange kennen w\u00fcrden. Die ganze Zeit sa\u00dfen sie einfach an der Fensterbank und redeten. Es wurde dunkel, und Mutter wollte nach Hause gehen. Also brachte er sie bis zur T\u00fcr ihres Wohnheims. Bevor er sich umkehrte sagte er, er wolle morgen seine Mutter besuchen. Meine Mutter hatte von seiner Schwester geh\u00f6rt, dass die Mutter in Jiangkou lebte, einer kleinen Kreisstadt nicht weit von Tongren. Er fragte meine Mutter, ob sie mit ihm gehen wolle, und f\u00fcgte noch hinzu, dass seine Schwester heute schon dorthin gefahren sei. Vielleicht war er besorgt, dass meine Mutter Bedenken haben k\u00f6nnte.<br><br>Zuf\u00e4lligerweise hatte meine Mutter am n\u00e4chsten Tag frei, und so sagte sie zu. Da sie keine Verwandten oder Freunde in Tongren hatte, fuhr sie jeden Tag von der Arbeit sogleich nach Hause und war noch nie in einem Ort in der Umgebung au\u00dferhalb Tongrens gewesen. Sie verabredeten sich dann f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen am Busbahnhof. Meine Mutter stand fr\u00fch auf, packte was f\u00fcr die Reise n\u00f6tig war zusammen und eilte zum Busbahnhof.<br><br>Am Eingang des Busbahnhofs sah sie Onkel Kong bereits mit ein paar kleinen ged\u00e4mpften Br\u00f6tchen in der Hand stehen. Onkel Kong sagte, dass er die Fahrkarten schon gekauft hatte und der Bus bald abfahren w\u00fcrde. So standen sie im Busbahnhof, a\u00dfen Br\u00f6tchen und unterhielten sich. Nicht lange danach kam der Bus. Es war ein ganz abgenutzter, alter Bus. Damals waren die Stra\u00dfen nur mit Sand und Kies gepflastert, und sie waren voller Schlagl\u00f6cher. Immer wenn es regnete, waren die Stra\u00dfen voller Pf\u00fctzen und Schlamm, w\u00e4hrend an sonnigen Tagen der Staub hoch aufwirbelte, wenn Autos vorbeifuhren.<br><br>Da Tongren im westlichen Teil des Wuling\u2010Gebirges liegt, ist die geologische Landschaft sehr abwechslungsreich und das Gel\u00e4nde durchweg bergig. Die Stra\u00dfe von Tongren nach Jiangkou ist eine Gebirgsstra\u00dfe, eng und mit steilen H\u00e4ngen. Bergauf geht die Fahrt langsam, aber bergab sehr schnell. Manchmal gibt es hohe Felsen auf einer Seite der Stra\u00dfe und eine Schlucht auf der anderen, bei sehr scharfen Kurven. Es kommt h\u00e4ufig vor, dass ein St\u00fcck der Fahrbahndecke vom Regenwasser weggesp\u00fclt ist. Ohne einen erfahrenen Fahrer, der genau wei\u00df, wo die Kurven sind, kann ein Fahrzeug hier leicht abst\u00fcrzen. Es gibt sogar einen Stra\u00dfenabschnitt den man \u201eRutschhang\u201c getauft hat, weil der Boden dort sehr seicht ist und die Kurven scharf sind. \u00dcberschl\u00e4ge sind hier keine Seltenheit.<br><br>Da meine arme Mutter nicht an solchen Stra\u00dfen gewohnt war wurde ihr, bevor der Bus noch weit gefahren war, schon \u00fcbel. Zuerst schloss sie die Augen und tat so, als w\u00fcrde sie schlafen. Sp\u00e4ter, als sie ins eigentliche Gebirge kamen, begann der Bus zu ruckeln, schwang hin und her in den Kurven, bremste manchmal scharf ab und gab dann pl\u00f6tzlich wieder Gas. Meine Mutter konnte es nicht l\u00e4nger aushalten und begann sich zu erbrechen. Mehr als eine Stunde lang holperte der Bus \u00fcber die f\u00fcnfzig Kilometer lange Stra\u00dfe, und meine Mutter erbrach sich die ganze Zeit, bis sie fast nur noch gelbe Galle spuckte.<br><br>Onkel Kong wusste nicht, was er tun sollte, und konnte meine Mutter nur mit beschwichtigenden Worten tr\u00f6sten. Als der Bus endlich Jiangkou erreicht hatte, sagte er dem Fahrer, er solle anhalten, und sie stiegen beide aus. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie seine Mutter und seine Schwester schon mitten auf der Stra\u00dfe stehen sahen die ihnen zuwinkten. Das Gesicht meiner Mutter war bleich, sie presste sich die Hand auf die Brust und sah krank aus. Onkel Kong sagte ihnen sofort, dass meine Mutter an Reisekrankheit litt.<br><br>Meiner Mutter war es peinlich zum ersten Mal jemandem zu Hause zu besuchen in einem solchen Zustand. Aber die Mutter von Onkel Kong war sehr herzlich und zuvorkommend. Sie nahm meine Mutter sofort mit ins Haus und brachte ihr eine Sch\u00fcssel mit Brei, mit nur wenig Salz. Als meine Mutter davon etwas genommen hatte f\u00fchlte sie sich schon langsam besser werden. Danach brachten sie meine Mutter zum Dachboden, und sagten ihr, sie solle sich eine Weile ausruhen und zum Mittagessen erst aufstehen. Nachdem Mutter in den winzigen Dachboden hineingetreten war legte sie sich auf ein Bett, ein ganz altmodisches Holzbett. Als sie sich umschaute sah sie noch einen Holztisch und einen Holzstuhl, beide schon in die Jahre gekommen. Durch ein kleines Fenster kam Licht von drau\u00dfen herein. Das Zimmer war einfach, aber gem\u00fctlich.<br><br>Mittags kam Tante Kong zu ihr hinauf und bat sie zum gemeinsamen Mittagsmal. Meine Mutter ging mit ihr hinunter und sah sich, als sie in der Stube stand, zum ersten Mal richtig im Haus um. Das Haus lag an der Stra\u00dfe, und war aus Holz gebaut. Die T\u00fcr war ge\u00f6ffnet, auf den T\u00fcrfl\u00fcgeln klebten immer noch zwei rote Couplets mit Gl\u00fcckw\u00fcnschen vom diesj\u00e4hrigen Fr\u00fchlingsfest. Die hohe Schwelle war schon ziemlich abgenutzt. Die Wohnstube war ger\u00e4umig, mit in der Mitte, an der Wand gegen\u00fcber der Eingangst\u00fcr, einem rechteckigen h\u00f6lzernen Opfertisch. Auf dem Tisch standen zwei Schalen gef\u00fcllt mit grauer Asche von R\u00e4ucherst\u00e4bchen, darin zwei rote Kerzen steckten. Sie dienten als Opfergabe f\u00fcr die Ahnen; die zwei vergilbten Fotos \u00fcber ihnen mussten die Ahnen sein. Auf dem gro\u00dfen Tisch in der Mitte des Raumes war das Mittagsmahl schon angerichtet. Gro\u00dfmutter Kong erz\u00e4hlte meiner Mutter, dass sie eigens f\u00fcr ihren Besuch ein Huhn geschlachtet hatte und dass alles Gem\u00fcse auf dem Tisch aus eigenem Anbau stammte. Mutter war sehr ger\u00fchrt, denn Fleisch bekam man damals nur selten zu essen. Nur wenn man Fleischmarken hatte konnte man es kaufen. Meine Mutter verstand sich sehr gut mit der Familie. Beim gemeinsamen Mittagessen behielt Onkel Kongs Mutter meine Mutter immer im Auge und reichte ihr mit ihren St\u00e4bchen von den Speisen. Nach dem Mittagessen f\u00fchrte Onkel Kongs Mutter meine Mutter durch das Haus. Hinter dem Haus lag ein Gem\u00fcsegarten, daneben war ein H\u00fchnerstall mit ein paar H\u00fchnern. Neben dem H\u00fchnerstall befand sich ein altmodisches Klosetth\u00e4uschen. Es kam ihr alles ganz vertraut vor und erinnerte sie an das Haus ihrer eigenen Mutter.<br><br>Das Wochenende in dieser kleinen Stadt lie\u00df meine Mutter, die so viele Jahre von zu Hause weg gewesen war, wieder den Geschmack von Heimat und die W\u00e4rme von einem Zuhause sp\u00fcren. Onkel Kongs Mutter war sehr freundlich und mochte meine Mutter so sehr, dass sie sie bereits als ihre zuk\u00fcnftige Schwiegertochter betrachtete. W\u00e4hrend dieser gl\u00fccklichen Tage lernten meine Mutter und Onkel Kong sich auch erst wirklich kennen, und an diesem Wochenende war es, dass die beiden sich in einander verliebten. Von da an korrespondierten die beiden flei\u00dfig miteinander. Sechs Monate sp\u00e4ter beschlossen sie zu heiraten, so dass sie zusammenleben konnten und ein Ende k\u00e4me an das qualvolle Sehnen nacheinander.<br><br>Er m\u00f6chte, dass meine Mutter an seinem Wohnort arbeiten w\u00fcrde, und sie wollte auch nichts lieberals in Peking leben. Denn Peking ist der Ort, den jeder Chinese anstrebt. Bei der Aufnahmepr\u00fcfung f\u00fcr die Universit\u00e4t war Peking auch ihre erste Wahl gewesen, aber damals hatte es nicht geklappt. Meine Mutter war sehr gl\u00fccklich, denn Onkel Kongs Stellung, sein Beruf und sein Aussehen entsprachen genau dem, was meine Mutter sich f\u00fcr ihren Ehepartner w\u00fcnschte. Und meine Mutter war auch genau diejenige, nach der Onkel Kong gesucht hatte. Die beiden liebten sich, und sie wollten so schnell wie m\u00f6glich zusammenleben.<br><br>Also begann er mit den Vorbereitungen f\u00fcr den Umzug meiner Mutter nach Peking. Er fand bald eine Stelle f\u00fcr sie in dem seiner Armeeeinheit zugeh\u00f6rigen Milit\u00e4rkrankenhaus. Unmittelbar danach begann das langwierige Prozedere f\u00fcr ihre Versetzung.<br><br>In China begleitet die Akte eines Menschen ihn sein ganzes Leben lang. Wohin er auch geht, wann immer er geht, seine Akte geht mit ihm. Peking begann, Briefe an das Krankenhaus in Tongren zu schicken, um die f\u00fcr die Versetzung meiner Mutter ben\u00f6tigten Unterlagen auf zu fragen. In den Krankenh\u00e4usern der Region Tongren gab es ohnehin nur sehr wenig \u00e4rztliches Personal, so dass sie nat\u00fcrlich nicht wollten, dass meine Mutter das Krankenhaus zu dieser Zeit verlie\u00df. Au\u00dferdem waren \u00c4rzte mit einem Universit\u00e4tsabschluss in den 1950er Jahren sehr rar, und es w\u00fcrde nicht einfach sein, einen neuen zu finden. Dazu kam, dass die Abteilung f\u00fcr Geburtshilfe und Gyn\u00e4kologie des Krankenhauses aufs Engste mit der T\u00e4tigkeit meiner Mutter verbunden war und ihr Weggang einen gro\u00dfen Verlust bedeuten w\u00fcrde. So entschloss sich die Krankenhausleitung, als sie das Schreiben aus Peking bekommen hatte, die Versetzung zu blockieren. Nachdem sie die Akte meiner Mutter hervorgesucht hatten stellten sie ein ausf\u00fchrliches Schreiben zu ihren Umst\u00e4nden auf. Sie betonten die Unentbehrlichkeit meiner Mutter f\u00fcr ein Krankenhaus in einer so abgelegenen Gegend wie Tongren, und ihre Bedeutung f\u00fcr die revolution\u00e4re Sache und das Wohl der armen Bauern. Am Ende erw\u00e4hnten sie noch den politischen Hintergrund meiner Mutter \u2010 ihr Bruder war ein Kuomintang\u2010Funktion\u00e4r gewesen und jetzt als verurteilter Krimineller in einem Arbeitslager eingesperrt zwecks Umerziehung.<br><br>Wer h\u00e4tte es in jenen Tagen, in denen die Politik an erster Stelle kam, gewagt, sich bei einer solchen Klassenherkunft und politischem Status, gef\u00fcgt bei den sonstigen revolution\u00e4ren Gr\u00fcnden, dagegen zu stellen? Man h\u00e4tte sie vielleicht gehen lassen k\u00f6nnen bei einer Versetzung an einen noch r\u00fcckst\u00e4ndigeren und schwierigeren Ort, aber hier ging es um eine Versetzung nach Peking, und in ein Milit\u00e4rkrankenhaus noch obendrein. Au\u00dferdem war Onkel Kong kein gew\u00f6hnlicher B\u00fcrger, sondern Offizier in einer Armeeeinheit in Peking. Das konnte niemals genehmigt werden und war absolut unm\u00f6glich. Es sei denn, Onkel Kong w\u00e4re bereit, seine Stelle als Armeedolmetscher in Peking aufzugeben, aber zu dieser Zeit war Onkel Kongs beruflicher Status bereits sehr hoch. Also siegte die Vernunft schlie\u00dflich \u00fcber die Gef\u00fchle, und Onkel Kong entschied, dass die Zukunft wichtiger als alles andere war. Auch seine Familie wollte nicht, dass er seine Zukunft f\u00fcr die Liebe opferte. Er gab nach und brach das Verh\u00e4ltnis ab.<br><br>Und so endete die erste Liebesbeziehung meiner Mutter. Sie konnte aber ihr ganzes Leben diese erste Liebe nicht vergessen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als meine Mutter in den fr\u00fchen 1950er Jahren den h\u00f6heren Unterricht begann ging sie zur Oberschule in der Kreisstadt Rongxian, eine ganz alte Schule, die schon 1913 gegr\u00fcndet war. Zu dieser Zeit gab es in ihrem Heimatsdorf Shuangshi nur eine Grundschule. Meine Mutter studierte sehr flei\u00dfig. 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