{"id":26407,"date":"2026-06-18T14:50:00","date_gmt":"2026-06-18T12:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?post_type=stsp_text&#038;p=26407"},"modified":"2026-06-18T14:54:49","modified_gmt":"2026-06-18T12:54:49","slug":"iranische-geheimdienste","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/iranische-geheimdienste\/","title":{"rendered":"Iranische Geheimdienste"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberflog die Tagesthemen. Auf meinem Handydisplay sah ich den Titel \u201eTerroranschl\u00e4ge im Iran\u201c. Iran zieht meine volle Aufmerksamkeit auf sich. Den iranischen Geheimdiensten zufolge gab es gerade erneut einen geplanten Terroranschlag in der Hauptstadt Teheran. Angeblich wurde wieder das Auto eines Kernatomwissenschaftlers entkernt. Er sa\u00df in seinem Auto; Motorradfahrer n\u00e4herten sich, klebten etwas an die T\u00fcr und machten sich aus dem Staub &#8211; wie auch die Autoinsassen Sekunden danach.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wiederholt eine saubere Operation, vermutlich die Israelis. Seitens der iranischen Beh\u00f6rden hie\u00df es, sie seien \u201estolz darauf, dass wir ihn abermals vor \u00e4hnlichen b\u00f6sartigen geplanten Operationen retten konnten; die von uns rechtzeitig erfolgreich entdeckt und sabotiert werden konnten. Scheitern geh\u00f6rt sich sicherlich auch zum Erfolg und unser Wissenschaftler ist nicht tot, sondern ein <em>M\u00e4rtyrer <\/em>und f\u00fcr seine Nation ein Held\u201c, so endete der Bericht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bazar der Ger\u00fcchte brodelte und war hei\u00df in den sozialen Medien. Behauptungen verbreiteten sich in beiden Lagern der Erzfeinde, Israel und Iran. Sie beide waren sich an einem Punkt aber sicher und einig; sie zelebrierten ihren Erfolg, diesen Tod, mit ihren Gl\u00e4ubigen. Die Nicht-Gutgl\u00e4ubigen feierten ihn nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir hatten viele weitere G\u00e4ste. Alle meine Geschwister waren in Kashmar und ich musste f\u00fcr unsere deutschen G\u00e4ste, Gaby und Holger und ihre \u00e4lteste Tochter, Julia, sowie ihre Kinder eine Bleibe organisieren. Kashmar ist eine kleine Stadt im Nordosten Irans, in der Provinz Chorasan, was Sonnenaufgang bedeutet. Es gibt nach wie vor wenige M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Unterbringung von Reisenden in Kashmar. Darunter das sogenannte Khane Moalem, das so viel bedeutet wie das Gasthaus f\u00fcr Lehrer und Lehrerinnen. Eine passende Suite mit vier Zimmern und eigenem kleinen Hof. Die Reservierung klappte reibungslos.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere deutschen G\u00e4ste kamen zu uns zum Mittagessen. Wir sa\u00dfen im G\u00e4steraum meines Familienhauses und ich grub tief in meinen Erinnerungen. Dort roch es nach einem s\u00fc\u00df-erdigen leicht bitteren Gew\u00fcrz. Ich schaute zur Westwand und sah da ein Foto meines Vaters, gl\u00fccklich, mit einem schwarzen Band links oben darauf; drehte meinen Kop nach rechts und sah ein Portrait meiner jungen und h\u00fcbschen Mutter mit offenen Haaren und Armen, die ein Kind hielten. Mutters Umarmung. So hei\u00dft auch meine Heimatsstad, Kashmar: Kash bedeutet Umarmung und Mar hei\u00dft Mutter. Der Geruch stieg intensiv in meine dunklen Erinnerungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war ich auf Ihren H\u00e4nden mitten in den Krokosbl\u00fcten auf dem Teppich. Ich erkannte dieses kulinarische Erleben wieder; diesen Geruch und den s\u00fc\u00dfen, leicht bitteren Geschmack.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einem Tablett voll dampfender Gl\u00e4ser trat meine Schwester in den Raum. Wie in einem stillen Ritual bot sie den G\u00e4sten schwarzen Tee an. In den zarten Gl\u00e4sern leuchtete das feurige Rot der Fl\u00fcssigkeit \u2013 wie fl\u00fcssige Glut, die den Augen schmeichelte und W\u00e4rme versprach.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz bestimmt, das war Safran. Mitten in den Safranfeldern sind wir damals aufgewachsen und halfen unserer Mutter zu Hause beim Verlesen der Safranf\u00e4den. Eine filigrane Arbeit, zu verrichten mit viel Hingabe und Wertsch\u00e4tzung. Eine Atmosph\u00e4re voller Freude mit gro\u00dfartigen Gespr\u00e4chen beim Safranteetrinken und Verlesen der F\u00e4den in den golden leuchtenden Herbsttagen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sah eine unbekannte Nummer, jemand hat mich mehrmals alle zwei Minuten angerufen. Ich rief zur\u00fcck. Guten Tag, wer ist daran, fragte ich?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Leiter des Khane Moalem spreche hier. Er murmelte, war hastig und aufgebracht. Wo sind unsere G\u00e4ste, fragte er. Ich bat ihn, sich zu beruhigen. Wo seien sie, fragte er wieder ungeduldig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist was passiert, fragte ich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie waren hier, drei Beamte\u201c, antwortete er hektisch, \u201eund haben nach Dokumenten und P\u00e4ssen gefragt. Wir haben sie hier nicht hinterlegt.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie wollten aber keine Dokumente von ihnen bei sich behalten\u201c, erwiderte ich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIhretwegen\u201c, sagte er. \u201eDas w\u00e4re verantwortungslos, wenn ich diese bekommen und verloren h\u00e4tte. Bei Ihnen w\u00e4ren sie sicherer und gut aufbewahrt.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr verantwortungsbewusster Mann, dachte ich, habe ihm das aber nat\u00fcrlich nicht mitgeteilt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas wollten die Beamten denn?\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie waren bewaffnet, mein Herr, Geheimdienstler waren sie mein Herr.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich musste meine Frage wiederholen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie haben nach Reisedokumenten und dem Vorliegen g\u00fcltiger Visen gefragt und wollten unsere G\u00e4ste pers\u00f6nlich befragen. Ich habe sie hier nicht.\u201c Seine Stimme fing an zu zitterten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBeruhigen Sie sich\u201c, flehte ich ihn an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWo sind sie?\u201c Fragte er ungeduldig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnsere G\u00e4ste sind hier und essen gerade Kabab Kubideh mit Persischem Basilikum und Safranreis.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBringen Sie sie bitte sofort zur\u00fcck ins G\u00e4stehaus\u201c bat er mich. Als ob sie nur ein Gegenstand w\u00e4ren, den man ausgeliehen hat und nun zur\u00fcckbringen muss.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNach dem Essen wollen sie sich erstmal ein Schl\u00e4fchen g\u00f6nnen. Ich sage Ihnen nachher Bescheid.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAber -\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir werden kommen, fuhr ich fort. Machen Sie sich keine Gedanken.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gegen 17:00 Uhr sind wir schlie\u00dflich aufgebrochen und haben uns auf den Weg gemacht. Entlang der Imam Stra\u00dfe, die damals Shah Stra\u00dfe hie\u00df, sind wir gen Norden gelaufen, zu viert, und merkten, dass die Insassen eines Autos uns von der anderen Seite der Stra\u00dfe beobachteten. Anna hat es als Erste gemerkt. Der Autofahrer wollte sich nicht auff\u00e4llig verhalten, fuhr aber Schritttempo mit nur 5 km\/h und beobachtete uns durch seine linke Scheibe. In der Tat ziemlich unauff\u00e4llig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich drehte meinen Kopf, sah einen Mann Mitte drei\u00dfig mit Vollbart und einen kleinen Jungen auf dem Beifahrersitz. Erkannte sein Gesicht aber erst, als er seine Fahrtrichtung wechselte und auf unserer Stra\u00dfenseite fuhr, allerdings diesmal r\u00fcckw\u00e4rts, um uns genauer ins Visier zu nehmen. Diesmal wollte er wahr-, und ernstgenommen werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein alter Schulkamerad, erinnerte ich mich, der nicht in der Lage gewesen war, seine Hausaufgaben allein zu erledigen, die Schule vorzeitig beenden musste und sich dann damals dem Geheimdienst angeschlossen hatte. Kashmar ist ein kleines Dorf oder wie ein kahles Feld, indem man sich kaum vor anderen verstecken kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Br\u00fcder galten als M\u00e4rtyrer des achtj\u00e4hrigen Irak-Iran Krieges. Das hat gereicht, um bei dem Geheimdienst aufgenommen zu werden und dort Karriere zu machen. Es wird Treue erwartet, nicht gute Leitungen und Schulnoten. Geschicktem Verhalten wird mit Misstrauen begegnet. Gesch\u00e4tzt werden eher ein grobes Verhalten und ein langer Vollbart, am besten gekr\u00f6nt mit einem wei\u00dfen Hemd, dessen Kn\u00f6pfe bis zum Kragen geschlossen sind oder gar keinen Kragen haben. Seine zwei M\u00e4rtyrerbr\u00fcder geh\u00f6rten zu den Revolutionsgarden, wie er selbst. Er geh\u00f6rte somit zu den sogenannten M\u00e4rtyrerfamilien, die einen besonderen Status im Iran genie\u00dfen und privilegiert sind; nach der Revolution gleichsam in den Adelsstand gehobene Familien sind sie, die einen besonderen Status genie\u00dfen &#8211; bekommen Jobs ohne ein Jobinterview, werden in die Universit\u00e4ten aufgenommen ohne Aufnahmepr\u00fcfungen oder Concour abzulegen, und es erfolgt reibungslos, obwohl sie normalerweise f\u00fcr solche Positionen nicht genug qualifiziert sind. Von der zweij\u00e4hrigen Wehrdienstpflicht sind sie ebenso befreit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweifellos muss ihnen all dies bereitgestellt werden \u2013 denn sie oder ein Angeh\u00f6riger ihrer Familie haben das erreicht, was in ihren Augen das H\u00f6chste ist, was ein Mensch im Leben erreichen kann: den zielgerichteten Tod auf dem Schlachtfeld, das M\u00e4rtyrertum. In ihrer Weltanschauung lebt man nicht, um zu leben, sondern um sich als Opfer f\u00fcr die Ideale der islamischen Revolution hinzugeben. Gott, so glauben sie, wird die tapferen Seelen der Opfer zu sich rufen und sie in seiner N\u00e4he bewahren \u2013 als Auserw\u00e4hlte, die den h\u00f6chsten Preis bezahlt haben. Das schreiben sie mindestens Gott zu.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberflog die Tagesthemen. Auf meinem Handydisplay sah ich den Titel \u201eTerroranschl\u00e4ge im Iran\u201c. Iran zieht meine volle Aufmerksamkeit auf sich. Den iranischen Geheimdiensten zufolge gab es gerade erneut einen geplanten Terroranschlag in der Hauptstadt Teheran. Angeblich wurde wieder das Auto eines Kernatomwissenschaftlers entkernt. 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