{"id":3398,"date":"2017-02-21T11:06:30","date_gmt":"2017-02-21T10:06:30","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=3398"},"modified":"2020-11-29T20:29:01","modified_gmt":"2020-11-29T19:29:01","slug":"julikinder-auszug","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/julikinder-auszug\/","title":{"rendered":"Julikinder (Auszug)"},"content":{"rendered":"<p>Aziz n\u00e4herte sich der K\u00fcche, aus der Licht in den langen, dunklen Flur fiel und von wo das Pl\u00e4tschern von Wasser zu h\u00f6ren war. Seine Mutter stand am Sp\u00fclbecken und wusch Salat.<br \/>\n\u201eNa, was hast du Gutes gekocht?\u201c, fragte Aziz, darum bem\u00fcht, seiner Stimme einen heiteren Klang zu geben.<br \/>\nW\u00e4hrend seine Mutter sich zu ihm umdrehte, musterte er aufmerksam ihr eingefallenes, von Gram gezeichnetes Gesicht und stellte erleichtert fest, dass sie wenigstens nicht, wie bef\u00fcrchtet, geweint hatte. Dann fiel ihm ein, dass er sie in den letzten Jahren ohnehin kaum noch hatte weinen sehen.<br \/>\nSeine Mutter wies mit ihrer dicken, vom kalten Wasser ger\u00f6teten Hand auf die T\u00f6pfe, die auf dem Herd standen, und von dort auf ein Tablett voller mit Hackfleisch gef\u00fcllter Teigb\u00e4llchen, das auf dem breiten Fenstersims ruhte.<br \/>\n\u201e\u0130\u00e7li K\u00f6fte und gef\u00fcllte Weinbl\u00e4tter \u2026 Wirf ruhig einen Blick in einen der T\u00f6pfe.\u201c<br \/>\n\u201eMann, was hab ich die vermisst\u201c, seufzte Aziz.<br \/>\n\u201eDas kann ich mir denken. Wo du jetzt bist, bekommst du doch sicher nirgends so ein gutes Essen wie hier bei Muttern. Wahrscheinlich reicht es nicht einmal f\u00fcr eine warme Suppe \u2026\u201c<br \/>\nAziz war \u00fcberzeugt davon, dass er seine Mutter \u00fcbergl\u00fccklich machen w\u00fcrde, wenn er ihr jetzt verk\u00fcndete, noch heute zu ihnen zur\u00fcckzukehren. Und tats\u00e4chlich hatte er vorhin, als er sich bei dem Klassentreffen so lange mit Meltem unterhalten hatte \u2013 und sich dabei st\u00e4ndig gefragt hatte, warum dieses M\u00e4dchen ihm fr\u00fcher nie aufgefallen war -, eine R\u00fcckkehr noch ernsthaft in Betracht gezogen. Sicherlich w\u00e4re es nicht allzu schwierig, an eine der Universit\u00e4ten in Dortmund, Essen oder K\u00f6ln zu wechseln, die alle h\u00f6chstens eine Stunde entfernt lagen, und sich dort die Scheine der letzten beiden Semester anerkennen zu lassen. Aber angesichts der angespannten Atmosph\u00e4re in diesem Hause, wie er sie heute Morgen und auch jetzt wieder erlebt hatte, war er sich seines R\u00fcckkehrgedankens l\u00e4ngst nicht mehr so sicher wie zuvor.<br \/>\n\u201eMama \u2026\u201c, sagte er mit ged\u00e4mpfter Stimme und horchte in den Flur hinaus. Im Wohnzimmer hatte sein Vater einen jener t\u00fcrkischen Fernsehsender eingeschaltet, die die Nachrichten mehr herauskrakeelten als verlasen.<br \/>\nAziz r\u00e4usperte sich, zog einen Stuhl heran und lie\u00df sich nieder. Er sah seine Mutter, die sich auf eine wichtige Mitteilung gefasst machte und mit einem Mal ganz ernst geworden war, aufmerksam an, schluckte und fuhr dann fort: \u201eMeiner Meinung nach w\u00e4re es besser f\u00fcr S\u00fcheyla, wenn sie nicht alleine bliebe, bis ihr Mann wieder zur\u00fcckkommt.\u201c<br \/>\n\u015e\u00fckriye Han\u0131m sah ihrem Sohn ratlos dabei zu, wie er vom Stuhl aus die Beine unter den Tisch zu strecken versuchte. Seine Worte schienen sie alles andere als \u00fcberrascht zu haben. Aus ihrem Gesicht jedenfalls war fast keine Spannung mehr herauszulesen.<br \/>\n\u201eGenau das habe ich ihr auch gesagt, mein Sohn. Wie oft habe ich ihr schon angeboten, bei uns zu bleiben. Du hast es doch heute Morgen selbst noch mitbekommen. Aber sie hat es ja nur eine Nacht bei uns ausgehalten. Dann ein Mordsgezeter, und schon war sie wieder weg.\u201c<br \/>\nAziz r\u00e4usperte sich erneut, nahm die Wasserflasche vom Tisch, schraubte den Verschluss ab und stand auf, doch seine Mutter, die direkt neben dem K\u00fcchenschrank stand, war ihm zuvorgekommen und streckte ihm bereits ein Glas entgegen. Obwohl er eigentlich gar keinen Durst versp\u00fcrte, sondern eher das Gef\u00fchl, dass ihm jetzt, wo er mit seiner Mutter sprach, ganz einfach wohler zumute w\u00e4re, wenn er seine H\u00e4nde irgendwie besch\u00e4ftigen k\u00f6nnte, f\u00fcllte Aziz das Glas zur H\u00e4lfte mit Wasser und st\u00fcrzte es in einem Zug hinunter.<br \/>\nDann sagte er: \u201eMama, ich habe S\u00fcheyla heute Morgen nach Hause gefahren. Wir haben uns ein wenig unterhalten.\u201c<br \/>\n\u015e\u00fckriye Han\u0131m sah ihren Sohn besorgt an. Auf das Schlimmste gefasst, zog sie den Stuhl, hinter dem sie stand, zu sich heran und wollte sich gerade setzen, da \u00fcberlegte sie es sich noch einmal anders, ging zur angelehnten K\u00fcchent\u00fcr, und w\u00e4hrend sie mit einer Hand langsam die Klinke hinunterdr\u00fcckte, schob sie mit der anderen, sanft und nahezu ger\u00e4uschlos, die T\u00fcre ins Schloss. Dann erst kehrte sie zur\u00fcck und setzte sich auf ihren Stuhl.<br \/>\nAls seine Mutter so vor ihm sa\u00df und ihn flehentlich ansah, mit einem Blick, aus dem zugleich Sorge und Erwartung sprachen, wusste Aziz einen Moment lang nicht, was er sagen sollte. Eigentlich hatte er gar nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen. Da fielen ihm die Worte des Psychiaters wieder ein. Unschl\u00fcssig sah er seiner Mutter in die Augen und schwieg.<br \/>\n\u201eSie soll einfach zu uns kommen, mein Sohn. Von mir aus kann sie gerne bleiben. K\u00fcmmere dich nicht darum, wenn dein Vater sich dar\u00fcber aufregt. Er wei\u00df doch selbst vor lauter Sorge nicht, was er noch tun soll. Und wenn sie sich, was ich bef\u00fcrchte, auch noch von Halil scheiden l\u00e4sst, dann kommt sie sowieso. Ich frage mich \u00fcbrigens schon den ganzen Tag, ob der Kerl wom\u00f6glich eine andere hat. Was meinst du, k\u00f6nnte das sein?\u201c<br \/>\n\u201eNein, das glaube ich nicht\u201c, sagte Aziz. \u201eMeiner Meinung nach hat S\u00fcheylas Krankheit nichts mit ihm zu tun.\u201c<br \/>\nSeine Mutter erwiderte nichts. In der Hoffnung, aus seinem Mund die L\u00f6sung f\u00fcr die Probleme ihrer Tochter zu h\u00f6ren, sah sie Aziz stumm an. Als dieser jedoch ebenfalls schwieg, nahm sie den Faden wieder auf:<br \/>\n\u201eSie l\u00e4uft doch st\u00e4ndig zum Arzt. Und wie h\u00e4ufig sie schon im Krankenhaus gelegen hat \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht, Mama, aber mir scheint, als h\u00e4tte ihre Krankheit sehr viel tiefer liegende Ursachen. Ursachen, von denen selbst wir keine Ahnung haben.\u201c<br \/>\n\u015e\u00fckriye Han\u0131m legte ihre dicken, immer noch feuchten H\u00e4nde, die von der K\u00e4lte des Wassers mittlerweile violett angelaufen waren, in ihren Scho\u00df und begann geistesabwesend an ihrem Rock herumzuzupfen. Dabei blickte sie ihrem Sohn mit kaum verhohlener Erregung ins Gesicht.<br \/>\n\u201eAch ja, ihre erste Ehe hat das M\u00e4dchen so zugerichtet. Eigentlich wollte sie ja gar nicht heiraten. Wir haben sie doch regelrecht dazu gedr\u00e4ngt. Dein Vater war da eben fr\u00fcher nicht so zimperlich.\u201c<br \/>\nBei diesem letzten Satz hatte sie ihre Stimme merklich gesenkt.<br \/>\n\u201eMama, vielleicht sollten wir aufh\u00f6ren, Papa immer f\u00fcr alles verantwortlich zu machen. Es gibt jede Menge Frauen, die so heiraten. Und entweder finden sie sich damit ab, werden wom\u00f6glich sogar gl\u00fccklich, oder sie lassen sich halt wieder scheiden. Ich glaube eher, dass die Probleme meiner Schwester aus ihrer Kindheit herr\u00fchren.\u201c<br \/>\n\u015e\u00fckriye Han\u0131m fiel wie aus allen Wolken. F\u00fcr einen Moment hatte es ihr die Sprache verschlagen.<br \/>\n\u201eAus ihrer Kindheit?\u201c, brachte sie schlie\u00dflich hervor. Sicher, sie hatten ein entbehrungsreiches Leben gef\u00fchrt; aber als S\u00fcheyla ein kleines M\u00e4dchen war, waren fast alle arm gewesen. Wie sie waren die meisten ihrer Verwandten aus dem Dorf und der Kleinstadt nach Deutschland gegangen, die Frauen in S\u00fcheylas Alter fingen inzwischen an, ihre eigenen Kinder zu verheiraten, aber so etwas hatte sie noch von keiner geh\u00f6rt. Dabei hatten sie S\u00fcheyla doch, nachdem sie bereits zwei Kinder verloren hatten, geradezu auf H\u00e4nden getragen.<br \/>\nAziz, der sich bis dahin auf seinem Stuhl zur\u00fcckgelehnt hatte, beugte sich nun vor, blickte in die ungl\u00e4ubig aufgerissenen Augen seiner Mutter und versuchte sie zu beruhigen: \u201eJa, Mama, und vielleicht solltest du sie deshalb mal zu diesem Psychologen begleiten. Damit es ihr bald wieder besser geht \u2026\u201c<br \/>\nDa verf\u00e4rbte sich das Gesicht seiner Mutter mit einem Mal feuerrot, und sie sprang wutentbrannt auf. \u201eWas sagst du da?\u201c, schrie sie, alle zuvor gezeigten Bem\u00fchungen, ihre Unterhaltung vor ihrem Mann zu verheimlichen, vergessend. \u201eWas soll ich denn bei einem Arzt? S\u00fcheyla ist krank, nicht ich. Das einzige, worunter ich leide, ist die jahrelange Trennung von meinen Kindern.\u201c<br \/>\n\u201eUnd genau daher r\u00fchren vielleicht auch die Probleme meiner Schwester.\u201c<br \/>\n\u201eDeine Schwester S\u00fcheyla war nur sechs Jahre von uns getrennt. Aysu und Ya\u015far hatten viel mehr zu erdulden. Warum fehlt denen nichts?\u201c<br \/>\n\u201eVielleicht fehlt ihnen ja doch was, wie sollen wir das auf die Distanz beurteilen? Egal, Mama, vergiss, was ich gesagt habe \u2026 Wenn solche Dinge so einfach zu beheben w\u00e4ren, h\u00e4tte sich schon l\u00e4ngst eine L\u00f6sung gefunden. Es war ja nur eine Vermutung von mir. S\u00fcheyla hat mir da gestern eben so was erz\u00e4hlt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eUnd zwar?\u201c<br \/>\n\u201eAch, wei\u00dft du, ich bin mir nicht sicher, wie sehr sich der Arzt, zu dem sie geht, \u00fcberhaupt f\u00fcr sie interessiert. Au\u00dferdem ist er Deutscher, sodass ich bezweifle, ob er sich in eine Situation wie die unsere wirklich hineinversetzen kann. Aber S\u00fcheylas Probleme haben Ursachen, von denen wir nichts verstehen, von denen nicht einmal sie selbst etwas versteht. Und deshalb w\u00e4re es vielleicht gar keine so schlechte Idee, wenn du sie ab und zu mal zum Arzt begleiten w\u00fcrdest.\u201c<br \/>\n\u201eIch glaube, du hast sie nicht mehr alle. Was habe ich denn beim Arzt verloren? Schlimm genug, dass ich mir gerade noch die Krampfadern entfernen lassen musste, jetzt komm du mir nicht auch noch mit einem Psychologen. Ich bin doch nicht plemplem.\u201c<br \/>\n\u201eNein, nat\u00fcrlich nicht! Aber eine Frage h\u00e4tte ich dennoch: Hast du um deine ersten beiden T\u00f6chter \u2026\u201c Aziz geriet, kaum dass er das gesagt hatte, ins Stocken, denn ihm war gleich bewusst geworden, wie sehr es seine Mutter kr\u00e4nken musste, wenn er die von ihr zur Welt gebrachten Kinder, auch wenn er diese nie kennengelernt hatte, als ihre T\u00f6chter bezeichnete, so als spreche er von wildfremden Menschen, und er korrigierte sich: \u201eIch meine, hast du um meine beiden Schwestern, die so fr\u00fch gestorben sind, eigentlich viel geweint?\u201c<br \/>\n\u015e\u00fckriye Han\u0131m war jetzt v\u00f6llig verdattert. Was hatten die Dinge von heute damit zu tun, ob sie selbst vor vier Jahrzehnten ihren T\u00f6chtern, von denen die erste schon bei der Geburt nur aus einem Klumpen Fleisch bestanden hatte, w\u00e4hrend die zweite im Alter von vier Jahren, sich im Fieber windend, den Masern erlegen war, hinterhergeweint hatte? Aber auch wenn ihr das alles v\u00f6llig schleierhaft war, so machte es sie doch neugierig.<br \/>\n\u201eMama, dem Arzt zufolge gibt es viele m\u00f6gliche Ursachen f\u00fcr S\u00fcheylas Krankheit. Je deutlicher diese herausgearbeitet und besprochen w\u00fcrden, desto gr\u00f6\u00dfer sei auch ihre Chance, wieder ganz gesund zu werden. Eine dieser Ursachen k\u00f6nnte ja sein, dass dir zu wenig Gelegenheit zum Trauern blieb, nachdem du meine beiden \u00e4lteren Schwestern verloren hattest \u2026 Oder dass du S\u00fcheyla, als diese noch ein junges M\u00e4dchen war, mit Aysu so einfach hast sitzenlassen \u2026 Wenn es stimmt, was der Arzt behauptet, hat das alles mit Verlustangst zu tun. Und bei S\u00fcheyla k\u00f6nnte diese Angst am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt sein.\u201c<br \/>\nWieder sprang \u015e\u00fckriye Han\u0131m mit hochrotem Kopf auf. Ihre tr\u00fcben, gr\u00fcnen Augen hatte sie weit aufgerissen, sodass die roten \u00c4derchen um ihre Pupillen umso deutlicher hervortraten, je weiter sie auseinanderstrebten.<br \/>\n\u201eWas soll das hei\u00dfen, mein Sohn? Was sind denn das f\u00fcr Unterstellungen? Ich bin nur deshalb ganz allein als Frau in dieses Land gekommen, weil dein Vater es nicht durfte. Es wurden n\u00e4mlich keine m\u00e4nnlichen Arbeiter mehr angenommen. Ich habe mich aufgeopfert, um nicht auf der Stra\u00dfe betteln zu m\u00fcssen, um meinen Kindern eine Zukunft zu geben. Was hei\u00dft hier sitzengelassen? Wei\u00dft du \u00fcberhaupt, was du da sagst? Das ist ja wohl die H\u00f6he!\u201c<br \/>\nIhre Augen spr\u00fchten Funken vor Zorn, und sie bebte am ganzen Leib.<br \/>\nAziz stand auf und griff nach ihren zitternden H\u00e4nden. Reum\u00fctig beugte er sich zu seiner winzigkleinen Mutter herab und legte seine Arme um ihre runden, knochigen Schultern. Dabei wurde ihm bewusst, dass er sie schon seit ewigen Zeiten nicht mehr so an sich gedr\u00fcckt hatte, ja dass sie einander nicht einmal dann ber\u00fchrten, wenn sie sich begr\u00fc\u00dften oder verabschiedeten, vom obligatorischen Wangenkuss einmal abgesehen. Er l\u00f6ste seine Umarmung wieder und setzte sich zur\u00fcck auf seinen Platz.<br \/>\n\u201eMama, ich wei\u00df doch selbst nicht, inwiefern das alles den Tatsachen entspricht. Aber selbst wenn nichts davon stimmt, so brauchen wir doch alle mal jemanden, dem wir unser Herz aussch\u00fctten k\u00f6nnen. Und sicher ist es dann gut, mit einem Au\u00dfenstehenden zu sprechen, am besten vielleicht mit einem Psychologen. Inzwischen stellt ja auch die Sprache kein Hindernis mehr dar: Es gibt jede Menge Psychologen, die T\u00fcrkisch sprechen.\u201c<br \/>\nSeine Mutter stand da und lie\u00df die Schultern h\u00e4ngen. Sie starrte Aziz noch eine Weile an, dann wandte sie sich dem Fleisch zu, das auf einem Teller neben dem Herd stand und allm\u00e4hlich immer k\u00e4lter geworden war. Sie k\u00e4mpfte mit den Tr\u00e4nen, musste schlucken. Jetzt blo\u00df nicht weinen, nicht heute. Ihrem Sohn wollte sie den heutigen Tag nicht auch noch verderben, ebenso wenig wie ihrem Mann, der ihnen wom\u00f6glich gerade mit gespitzten Ohren zuh\u00f6rte. Sie drehte sich zu Aziz um und sagte in hartem, schneidendem Ton:<br \/>\n\u201eO nein, mein Junge, nein. Deine Schwester ist doch keine Irre. Erinnerst du dich noch an diesen Deutschen, an diesen Radiofritzen vor f\u00fcnfzehn Jahren? Von dem redet sie doch die ganze Zeit. Sogar ihrem Mann hat sie von ihm erz\u00e4hlt. Und der hat sich daraufhin nat\u00fcrlich aus dem Staub gemacht. Jetzt f\u00fchrt sie sich eben auf wie eine Wahnsinnige.\u201c<br \/>\n\u201eJa gut, Mama, aber geht sie nicht schon seit Jahren zum Arzt und l\u00e4sst sich Medikamente verschreiben?\u201c<br \/>\nIn diesem Moment begann in seiner Hemdtasche das Handy zu klingeln, und Aziz fuhr erschrocken zusammen; er hatte das Ger\u00e4t ebenso vergessen wie Meltem, auf deren Anruf er doch die ganze Zeit gewartet hatte. Er zog das Handy aus der Tasche, und tats\u00e4chlich: Es war Meltem. Auf einen Schlag r\u00fcckten sowohl S\u00fcheyla als auch ihre Krankheit in weite Ferne, wurden zu fremden Trugbildern, und alles, was seine Mutter gesagt hatte, erschien ihm mit einem Mal v\u00f6llig plausibel. Innerlich wurde er wieder von jener Welle der Freude durchstr\u00f6mt.<br \/>\n\u201eOkay, Mama, du hast schon recht\u201c, sagte er hastig. \u201eVielleicht sollte man das Ganze auch nicht \u00fcberbewerten. Halil kommt ganz bestimmt an einem der n\u00e4chsten Tage zur\u00fcck. Ich bin sicher, dass sich dann alles wieder einrenken wird. Du wei\u00dft doch, wie sehr er meine Schwester liebt.\u201c<br \/>\nDarauf rannte er, das klingelnde Telefon in der Hand, hinaus in den Flur.<br \/>\n\u201eNa, mein lieber Aziz?\u201c, s\u00e4uselte Meltem mit gut gelaunter, verf\u00fchrerischer Stimme. Sie erinnerte Aziz an Ankara, an die Freundinnen seiner Schwester Aysu, besonders an Canan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aus dem T\u00fcrkischen von Johannes Neuner<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aziz n\u00e4herte sich der K\u00fcche, aus der Licht in den langen, dunklen Flur fiel und von wo das Pl\u00e4tschern von Wasser zu h\u00f6ren war. Seine Mutter stand am Sp\u00fclbecken und wusch Salat. \u201eNa, was hast du Gutes gekocht?\u201c, fragte Aziz, darum bem\u00fcht, seiner Stimme einen heiteren Klang zu geben. 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