{"id":5011,"date":"2017-03-22T18:50:16","date_gmt":"2017-03-22T17:50:16","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=5011"},"modified":"2022-06-05T18:29:10","modified_gmt":"2022-06-05T16:29:10","slug":"aenderungsschneiderei-los-milagros-kapitel-i","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/aenderungsschneiderei-los-milagros-kapitel-i\/","title":{"rendered":"\u00c4nderungsschneiderei Los Milagros"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kapitel I<\/strong><\/p>\n<p>Bevor Tante Milagros ein Wort des Abschieds herausbringen kann, h\u00e4ngt sich Mariana den Tr\u00e4ger der Stofftasche \u00fcber die linke Schulter und verl\u00e4\u00dft die \u00c4nderungsschneiderei, indem sie die letzten beiden Treppenstufen auf einmal nimmt.<\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe ist sie wie ausgewechselt. Von einem dunkelbestimmbaren Gef\u00fchl der Zuversicht befl\u00fcgelt, tippt sie auf tausendeinhundertf\u00fcnfzig. Auf der Gasc\u00f3n Ecke Potos\u00ed setzt sie ein, zwei, drei, vier, f\u00fcnf, an dem Kiosk vorbei, sechs, sieben, sie gibt acht auf das Z\u00e4hlen ihrer Schritte und auf die Zeit, die sie dabei verfliegen l\u00e4\u00dft. Mariana-Zeitverwalterin macht gr\u00f6\u00dfere Schritte als gestern und vorgestern, ihre Beine werden l\u00e4nger und l\u00e4nger, w\u00e4hrend sie die Minuten verk\u00fcrzt, die sie braucht, um bei Schritt tausendeinhundertf\u00fcnfzig das Haus in der Castro Barros zwischen Avenida Rivadavia und Don Bosco zu erreichen.<\/p>\n<p>Vor dem Kloster Santa Teresa de Jes\u00fas kn\u00f6pft sie das selbstgen\u00e4hte himmelblaue J\u00e4ckchen zu, sie richtet den Blick auf das Kopfsteinpflaster, auf die vielen asymmetrischen, braunen Steine, und mu\u00df der Versuchung widerstehen, sie durchzuz\u00e4hlen. In Sorge, da\u00df sich das Z\u00e4hlen der Schritte in das Z\u00e4hlen von Steinen verwandelt, schaut sie auf ihre wei\u00dfen Sandalen. Auf die Sekunde genau ert\u00f6nt die Glocke auf dem Turm mit der Hausnummer 449, ein schneller Knicks, dann setzt Mariana zum Kreuzzeichen an. Ihr gelingt ein perfekt getimtes Wechselspiel zwischen der rechten Hand und den voranschreitenden F\u00fc\u00dfen, im Namen des Vaters, drei\u00dfig, und des Sohnes, einunddrei\u00dfig, und des Heiligen Geistes, zweiunddrei\u00dfig, bei Amen und dreiunddrei\u00dfig f\u00fchrt sie den Daumen zum Mund, der sich zu einem Ku\u00df formt. Noch vor dem n\u00e4chsten Schritt gedenkt sie des schmerzhaften Todes Jesu am Kreuz, der N\u00e4gel an den durchbohrten Hand- und Fu\u00dfgelenken, der unz\u00e4hligen Splitter um seinen M\u00e4rtyrerkopf, in ihrem Kopf ziehen Gebetsverse wie Schriftz\u00fcge einer Lichtreklame vor\u00fcber: Gekreuzigt, gestorben und begraben \/ Hinabgestiegen in das Reich des Todes \/ Unterwegs in einer Gro\u00dfstadt wie Buenos Aires, da sollte man wachsam sein, wegen der vielen Taschendiebe, wegen des Hundekots, dem man st\u00e4ndig auszuweichen hat, wegen der bl\u00f6den Kaugummis, man k\u00f6nnte ja kleben bleiben, Vorsicht ist angesagt, es gibt Widerlinge, die einem an die W\u00e4sche wollen, oder man selber k\u00f6nnte versehentlich einer \u00e4lteren Dame auf den Fu\u00df oder den Mantel treten, man k\u00f6nnte an einen Passanten sto\u00dfen, der ebenfalls vertr\u00e4umt dahinschlendert, man k\u00f6nnte ausrutschen oder stolpern, \u00fcber eine Baumwurzel, \u00fcber einen der eisernen Gullydeckel, auch die sind gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Als Mariana noch klein war, lief sie an der Hand der Mutter. Carmen holte jeden Tag nach Arbeitsschlu\u00df ihre Tochter vom Kindergarten ab. An der Bushaltestelle des 160er angekommen, suchte sie in ihrer klimpernden Handtasche nach dem kleinen braunen Lederportemonnaie und dann in dem kleinen braunen Lederportemonnaie nach dem passenden Kleingeld f\u00fcr zwei Fahrkarten zu je siebzig Cent. W\u00e4hrenddessen war Mariana mit dem T\u00f6ten von Nacktschnecken besch\u00e4ftigt. Eine Unzahl schwarzer ekelerregender Nacktschnecken, auf einem halben Meter Durchmesser eine schwer zu bew\u00e4ltigende Plage, so sah das zumindest aus, und deswegen gab Marianas rechter Kinderfu\u00df keine Ruhe, bewegte sich pausenlos, mechanisch, aber zielstrebig auf und ab, bis sie eine erste, sanfte Mahnung aus dem Mund der Mutter erreichte: \u00bbDa kommt er, Mariana, zum Gl\u00fcck! Gleich steigen wir ein!\u00ab Mariana \u00e4rgerte die Ank\u00fcndigung, sie wurde nerv\u00f6s, und die Systematik ihrer Arbeit, die noch nicht ganz erledigt war, w\u00e4hrend dieser 160er bereits auf sie zuraste, geriet durcheinander. Es waren keine richtigen Nacktschnecken damals, die Mariana, besorgt um ihren und der Welt Seelenfrieden, mit Flei\u00df beseitigte. Der Gehweg war an etlichen Kreuzungen nach einem undurchdringlichen Plan durchl\u00f6chert worden, darunter tat sich eine schrecklich stinkende Unterwelt auf, deren Eing\u00e4nge \u2013 wenngleich augenf\u00e4llig \u2013 restlos \u00fcberdeckt waren. Auf jedem einzelnen der tonnenschweren, in das Pflaster eingelassenen Gullydeckel w\u00f6lbten sich als eine Art selbstgef\u00e4llige Zierde kleine schwarze H\u00fcgel in der exakten Form und L\u00e4nge von Nacktschnecken. In den Augen jener Vierj\u00e4hrigen waren es wirklich Nacktschnecken, Nacktschnecken genauso wie die, die sie sonntags auf der Plaza Almagro auf ihrer roten Lieblingsrutsche kriechen sah, eine klebrige Spur ihrer Irrwege hinter sich herziehend, die Mariana, sich aufopfernd und leicht angeekelt, auf ihrem Flitzweg nach unten auf einmal wegwischte. Nun aber ging es wieder steil nach oben. Die Mutter, nachdem sie in den Bus eingestiegen war, die Fahrkarten gekauft und erfolglos nach ihr gerufen hatte, stieg die Stufen hinunter, packte die Kinderhand und zog derart fest, da\u00df Mariana beinahe das Gleichgewicht verlor. Eine Kraft wie beim Papierdrachensteigen, bis Mariana-Nacktschneckenj\u00e4gerin auf dem ersten freien Sitzplatz des 160er landete, sich immer wieder ihre Niederlage vor Augen f\u00fchrend, das Nichtloslassenk\u00f6nnen trotz der Mutterrufe, die messerscharf aus dem Bus zu ihr runtergezischt wurden, Marianas endloses Ank\u00e4mpfen gegen die b\u00f6sen, wabbligen Schnecken, vor allem gegen ihr unversch\u00e4mtes Zurschaustellen klebriger Nacktheit. Das Kind h\u00e4tte am liebsten auf seinem Fleck verharrt, auf dem B\u00fcrgersteig den Krieg zu Ende gek\u00e4mpft, denn jedes Mal blieben verh\u00e4ngnisvollerweise welche \u00fcbrig. Es waren elf oder zw\u00f6lf Nacktschnecken, die ihr fehlten. Sie konnte sie damals nicht z\u00e4hlen. Elf oder zw\u00f6lf, die ungez\u00e4hlt am Leben blieben.<\/p>\n<p>Heutzutage weicht Mariana schwarz und grau bei ihrer Garderobe konsequent aus, denn schwarz oder grau, das ist gleich nacktschneckenschwarzgrau. Am Nachmittag hat sie den sch\u00f6nen apfelgr\u00fcnen Rock einer Kundin auf die passende L\u00e4nge gebracht, wof\u00fcr sich die etwas l\u00e4ngeren Buntkopfstecknadeln vom Gro\u00dfhandel El Progreso als sehr n\u00fctzlich erwiesen haben. W\u00e4re es ausschlie\u00dflich nach ihrer Vorstellung gegangen, h\u00e4tte Mariana f\u00fcr sich nur die mit wei\u00dfen K\u00f6pfen aus dem kunterbunten Haufen gepickt. Wei\u00df auf apfelgr\u00fcn, das harmoniert. Elvira hat an dem roten Blouson weiterarbeiten wollen und ihn zun\u00e4chst mit einer gelben festgesteckt, dann mit blau, dann mit orange. Um nach dieser letzten, orangefarbenen Stecknadel zu greifen, hat sie sich \u00fcber den h\u00f6lzernen Arbeitstisch beugen m\u00fcssen, so da\u00df eine Welle ihres s\u00fc\u00dflichen Parfums im Nu die Luft verpestet hat. Mariana ist nicht umhingekommen, die Nase zu r\u00fcmpfen. Um sich wieder zu sammeln, hat sie ihren Blick und ihre Gedanken in die Frische des Apfelgr\u00fcns getaucht und wei\u00df, wei\u00df, wei\u00df, wei\u00df, wei\u00df gedacht.<\/p>\n<p>Elvira hat sie mi\u00dftrauisch angestarrt. Erschreckend, wie ihr Gesicht von Tag zu Tag mehr einer getrockneten Weintraube \u00e4hnelt! Nach gelb, blau und orange und als h\u00e4tte sie auf Anhieb Marianas geheime Gedanken gelesen, hat sie sich mit gro\u00dfer schnippischer Geste eine wei\u00dfe Stecknadel ausgesucht. Ja, das hat sie getan, ihre Parfummauer h\u00f6her errichtet und sich so gleichzeitig gesch\u00fctzt. Danach hat sie schon wieder nach einer wei\u00dfen gegriffen, zwei Minuten sp\u00e4ter, schon wieder wei\u00df, und dann nur noch im Sekundentempo, wei\u00df, wei\u00df, wei\u00df, wei\u00df, wei\u00df, wei\u00df \u2026<\/p>\n<p>\u00bbLiebe Elvira, wie du sicherlich gemerkt hast, brauchen wir alle von den neuen Stecknadeln. W\u00fcrdest du bitte sch\u00f6n die G\u00fcte haben, uns einige \u00fcbrigzulassen?\u00ab ist Mariana herausgeplatzt.<\/p>\n<p>Milagros hat die gereizte Stimmung erkannt und ostentativ die Stirn in Falten gelegt. Unvermittelt ist sie vom Stuhl aufgesprungen und hat ein Mal kr\u00e4ftig \u00fcber dem Kopf in die H\u00e4nde geklatscht. Ihre Handteller begutachtend \u2013 auf der einen Seite eine entstellte Leiche, auf der anderen hellgraue staubfeine Spuren derselben \u2013, hat die Besitzerin der \u00c4nderungsschneiderei ausgerufen: \u00bbIch habe get\u00f6tet! \u2026 K\u00f6nnte eine von euch ein Spray gegen Kleidermotten besorgen? Diese Viecher sind eine echte Plage und vertilgen mir sonst die kostbaren Stoffe!\u00ab<\/p>\n<p>Elvira, die Unschuld in Person, hat ein Gesicht gemacht, als verst\u00fcnde sie nichts, um schon wieder wei\u00df zu nehmen. Nach diesem Eklat hat Mariana kein einziges Wort mehr mit ihr gewechselt, zweieinhalb Stunden lang bis zum Feierabend, doch jetzt, neunhundertachtundneunzig, neunhundertneunundneunzig, tausend, tausendeins, beim Z\u00e4hlen, ist es wie weggeblasen, in Luft aufgel\u00f6st dieses nichtige Elvira-Nachmittags\u00e4rgernis von jenem anderen dunkelbestimmbaren Gef\u00fchl der Zuversicht, das Marianas Gang so befl\u00fcgelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel I Bevor Tante Milagros ein Wort des Abschieds herausbringen kann, h\u00e4ngt sich Mariana den Tr\u00e4ger der Stofftasche \u00fcber die linke Schulter und verl\u00e4\u00dft die \u00c4nderungsschneiderei, indem sie die letzten beiden Treppenstufen auf einmal nimmt. Auf der Stra\u00dfe ist sie wie ausgewechselt. Von einem dunkelbestimmbaren Gef\u00fchl der Zuversicht befl\u00fcgelt, tippt sie auf tausendeinhundertf\u00fcnfzig. 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