{"id":5209,"date":"2021-06-04T10:35:28","date_gmt":"2021-06-04T08:35:28","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=5209"},"modified":"2021-06-13T21:48:42","modified_gmt":"2021-06-13T19:48:42","slug":"die-mauer-und-plastiktueten","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/die-mauer-und-plastiktueten\/","title":{"rendered":"Die Mauer und Plastikt\u00fcten"},"content":{"rendered":"<p>Es war der 9. November 1989. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie unglaublich es war, als ich an diesem Abend von der Arbeit nach Hause kam, den Fernseher einschaltete und die Rede von Herrn Walter Momper h\u00f6rte. Es h\u00f6rte sich ungef\u00e4hr so an: \u201eDieses Wochenende werden Hunderttausende Besucher aus Ost-Berlin zu uns nach West-Berlin kommen. Ich bitte alle, die uns besuchen, die U- und S-Bahnen zu benutzen.\u201c Spinnt der?, fragte ich mich, oder bin ich einfach zu dumm, um seinen Witz zu verstehen.<\/p>\n<p>Damals h\u00e4uften sich zwar in Berlin wie auf dem gesamten Territorium der DDR Ereignisse, die fr\u00fcher unvorstellbar gewesen waren. \u00dcberall Montagsdemonstrationen. Die Parole \u201eWir sind das Volk\u201c als Sprechchor und zugleich ein unmissverst\u00e4ndlicher Anspruch. Die Gr\u00fcndung des Neuen Forums. DDR-Fl\u00fcchtlinge in Prag und Warschau. Gorbi in Berlin, zum Nationalfeiertag der DDR, mit seiner ber\u00fchmten Aussage \u00fcber die Folge von Versp\u00e4tungen im Leben. Und der damals in Berlin verbreitete Witz: Die Berliner wollten keine S-Bahn mehr fahren. Warum? Um den Spruch \u201eZur\u00fcckbleiben\u201c nicht h\u00f6ren zu m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcrte noch sehr deutlich, wie angespannt die Atmosph\u00e4re in der Stadt war, als ich am Sonntagabend, den 8. Oktober, in einen Bus an der Kreuzung Dimitrow- und Kniprodestra\u00dfe einstieg und ins Zentrum fuhr. Laut einer aktuellen Meldung der Nachrichtenagentur ADN, wurde der Bus wegen einer \u201eProvokation republikfeindlicher Randalierer\u201c am Alexanderplatz umgeleitet und fuhr an dem Staatsratsgeb\u00e4ude der DDR vorbei. Was ich dort an diesem Abend gesehen hatte, waren Soldaten, Polizei, gepanzerte Fahrzeuge. In der Stadt war es noch nie so unheimlich, bedrohlich und angsterregend gewesen. Und dann &#8211; noch ganz frisch in meiner Erinnerung &#8211; die gewaltige Demonstration am 4. November in Berlin.<\/p>\n<p>Aber das, was ich nun von dieser Ansprache des Herrn Momper mitbekam, schien mir so unrealistisch, dass ich davon \u00fcberzeugt war, ich m\u00fcsste eher wegen meiner damals noch ziemlich bescheidenen Deutschkenntnisse etwas falsch verstanden haben, als dass Herr Momper, damaliger Regierender B\u00fcrgermeister von West-Berlin so verr\u00fcckt sei, um solche Scherze zu machen. In diesem Bewusstsein habe ich bedauerlicherweise die Nacht des Mauerfalls in Berlin und jene dramatischen Szenen an den Grenz\u00fcberg\u00e4ngen Bornholmer Stra\u00dfe und Invalidenstra\u00dfe verpasst!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst am Samstag, den 11. November, etwa gegen 10 Uhr stand ich am Grenz\u00fcbergang Invalidenstra\u00dfe und wollte, wie fast alle Ost-Berliner an diesen Tagen, r\u00fcber nach West-Berlin. Ich durfte aber nicht, f\u00fcr Ausl\u00e4nder war die Mauer noch dicht. Es ist O. K., dachte ich, die Mauer war ein Teil des deutschen Problems, der Fall der Mauer w\u00e4re zun\u00e4chst dann auch eine L\u00f6sung des Problems der Deutschen. Ich, ein Ausl\u00e4nder, sollte sie lieber dieses Gef\u00fchl zuerst allein genie\u00dfen lassen; ein Gef\u00fchl, das wir in Vietnam seit April-Mai 1975 selbst kennengelernt haben. Ein solches Gef\u00fchl erlebt man, wenn man eine hermetisch abgeriegelte Grenze, die jahrzehntelang alles, Land, Himmel, Menschen, Familien, Schicksale\u2026 auf brutalste Weise trennte, endlich \u00fcberschreitet. Ich blieb also dort stehen und habe mit Freude Leute beobachtet, die sich nicht weit vom Grenz\u00fcbergang entfernt, diszipliniert vor einer provisorisch gebauten Baracke, angestellt hatten, um 100 DM Begr\u00fc\u00dfungsgeld zu erhalten, und diejenigen, die wahrscheinlich die ganze Nacht dr\u00fcben, in West-Berlin, verbracht hatten und jetzt zur\u00fcckkamen, vollbepackt mit Plastikt\u00fcten. Darauf waren Logos von Aldi, Kaiser\u00b4s, Reichelt oder dem KaDeWe zu sehen.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck weiter, am Grenz\u00fcbergang Bahnhof Friedrichstra\u00dfe, spielte sich eine \u00e4hnliche Szene ab.<\/p>\n<p>All das erinnerte mich an den Tag im November 1975, als ich zum ersten Mal von Nord- nach S\u00fcd-Vietnam fuhr. Auf der Hi n-L ng-Br\u00fccke \u00fcber den Ben-Hai-Fluss, der 21 Jahre lang als un\u00fcberwindbare Grenze zwischen S\u00fcd- und Nord-Vietnam diente, traf ich eine gen Norden marschierende Gruppe von singenden, scheinbar gl\u00fccklichen Soldaten. Mit dem Fall von Saigon am 30. April endete auch der Krieg. Kampfhandlungen h\u00f6rten auf, im Lande herrschte eine euphorische Stimmung des Friedens. Es begann inoffiziell eine gro\u00dfe Demobilisierung und diese Soldaten hier durften offensichtlich nach Hause. Es sah seltsam aus. Au\u00dfer ihren voll gestopften Feldrucks\u00e4cken trug fast jeder von ihnen eine volle Plastikt\u00fcte mit sich, in der er sicherlich seine Geschenke aus dem S\u00fcden f\u00fcr seine Lieben im Norden mitbrachte. Logos auf diesen Plastikt\u00fcten waren Hynos, Sanyo oder Sony.<\/p>\n<p>Waren diese Plastikt\u00fcten etwa das Symbol f\u00fcr die ersten, einzig realen, konkreten und greifbaren Siegestroph\u00e4en, die hier Deutsche und dort Vietnamesen nach jahrzehntelanger Trennungen erbeuten konnten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ende April 2003 hatte ich durch Zufall erfahren, dass die Grenze auf der Insel Zypern, die seit 1974 das Land in zwei Teile trennte, in Nikosia ab dem 22. 04. 2003 f\u00fcr Besucher zeitweise ge\u00f6ffnet werden sollte. W\u00fcrde dies eventuell ein n\u00e4chster Mauerfall sein, den ich erleben durfte? Du hast ja den Fall der Grenze in Vietnam, der zuf\u00e4llig oder auch nicht, auch im April stattfand, sowie den Mauerfall in Berlin im November 1989 erlebt, warum nicht auch den in Nikosia? Da ich Ende April sowieso Urlaub machen wollte, nahm ich gleich eine Maschine nach Zypern. Ich hatte das Gl\u00fcck gehabt, ein Last-Minute-Angebot von einem kleinen Reiseb\u00fcro am Ost-Bahnhof zu ergattern, denn Touristen fliegen um diese Zeit nicht so gern dorthin, wo gerade das orthodoxe Osterfest gefeiert wird.<\/p>\n<p>Die Mauer in Nikosia ist ein absurdes Bauwerk, wie alle Mauern dieser Welt, die nur deswegen gebaut wurden, um die Freiheit einzuschr\u00e4nken. Es ist eine doppelte Mauer, eine wurde von den T\u00fcrken, eine von den Griechen gebaut und der Pufferstreifen dazwischen wird von UN-Blauhelmen \u00fcberwacht. Der Streifen trennt nicht nur die Stadt in zwei Teile, Nord- und S\u00fcd-Nikosia. Er l\u00e4uft nicht nur durch die Stra\u00dfen oder H\u00f6fe, sondern auch durch zerst\u00f6rte H\u00e4user, sogar durch Zimmer verlassener, unbewohnter, leerer Wohnungen. Ich glaubte fast, in einem im Pufferstreifen gelegenen Haus ein getrenntes Badezimmer mit einem zerbrochenen Spiegel erkannt zu haben. Diese doppelte Mauer bildete die sogenannte \u201eGreen<br \/>\nLine\u201c. Man muss sehr humorvoll gewesen sein, um sie so zu nennen, denn in meinen Augen sah sie wirklich sehr grau und richtig erb\u00e4rmlich aus. \u201eThe Grey Line\u201c w\u00e4re sicherlich viel treffender gewesen.<\/p>\n<p>Ich lief eine Weile an der griechischen Mauer entlang, also auf dem S\u00fcd-Teil von Nikosia. Ich wusste nicht, wie sie im Norden, im t\u00fcrkischen Teil aussah, aber hier pulsierte das Leben, bunt, laut, voller Leben, hektisch und fr\u00f6hlich. \u00dcberall waren Gesch\u00e4fte, Kneipen, Restaurants, Hotels und Touristen zu sehen. Die ganze Zeit fragte ich mich, was w\u00fcrden Leute, die hier leben, wohl denken, was w\u00fcrden sie empfinden, wenn sie \u00fcber die Mauer hinweg in den Nord-Teil von Nikosia, der einst auch zu ihrer Stadt geh\u00f6rte, schauen k\u00f6nnten. Und die Leute vom Norden, wenn sie das Gleiche tun k\u00f6nnten. Falls irgendwann mal diese Mauer auch fallen w\u00fcrde, welche Plastikt\u00fcten w\u00fcrden die Leute hier als Siegestroph\u00e4en tragen?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich blieb ich einfach vor einem Wachposten stehen. Hinter dem Wachposten, also auf der Green Line, liefen ein paar Blauhelmsoldaten gelangweilt hin und her. Ich glaubte, sogar einen g\u00e4hnen gesehen zu haben. Direkt neben dem Wachposten war eine Kneipe, die sich fast an die Mauer der griechischen Seite anlehnte. Vor der Kneipe war eine Art Biergarten, der genau wie die Kneipe voll mit Touristen war. Ich wei\u00df nicht mehr, wie die Stra\u00dfe, oder der Wachposten, hei\u00dft. Ich bin mir aber fast sicher, dass die Kneipe \u201eBerlin &#8211; Check Point Charlie\u201c hie\u00df. Und, dass ich dieses gesamte Bild der Wachposten mit den gelangweilten Soldaten, der Green Line, die eigentlich dunkelgrau war, und der voll mit lauten Touristen \u00fcberf\u00fcllten Kneipe irgendwie sehr komisch fand. Ich ging zum Biergarten und es kam mir nicht mal seltsam vor, dass fast wie in einem Berliner Biergarten am Alex nur Deutsch zu h\u00f6ren war. Ich fragte einige Leute, die am Rand sa\u00dfen und auf mich irgendwie freundlich wirkten:<\/p>\n<p>&#8211; Seid Ihr hier etwa alle Berliner?<br \/>\n&#8211; Woher denn sonst? antwortete lachend eine Frau. Und du?<br \/>\n&#8211; Ick ooch!, antwortete ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich war also 1975 in Vietnam, als Saigon am 30. April fiel und die Grenze zwischen Nord und S\u00fcd verschwunden war.<\/p>\n<p>1989 war ich in Berlin und erlebte mit, wie die Mauer gefallen ist.<\/p>\n<p>2003 besuchte ich Nikosia.<\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p>Dass man neulich in Ungarn, genau dort, wo 1989 der Fall der Berliner Mauer eigentlich begann, einen Zaun baut, zeigt humorlos, wie naiv und illusionistisch es war, zu tr\u00e4umen, die Reise immer weiter fortsetzen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Eine andere Version der Geschichte wurde am 8. Nov. 2014 in der Zeit-Online ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war der 9. November 1989. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie unglaublich es war, als ich an diesem Abend von der Arbeit nach Hause kam, den Fernseher einschaltete und die Rede von Herrn Walter Momper h\u00f6rte. 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