{"id":5598,"date":"2017-01-12T17:36:39","date_gmt":"2017-01-12T16:36:39","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=5598"},"modified":"2021-02-07T15:35:47","modified_gmt":"2021-02-07T14:35:47","slug":"lateinamerika-im-berlin-der-1980er-90er-jahre","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/lateinamerika-im-berlin-der-1980er-90er-jahre\/","title":{"rendered":"Lateinamerika im Berlin der 1980er\/90er Jahre"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Rike Bolte, lieber Timo Berger, liebe Vertreterinnen und Vertreter des Literarischen Colloquiums, lieber J\u00fcrgen Becker, mit dem ich manche lateinamerikanistische Studienerfahrung am LAI teile! Liebe Vertreterinnen der Stadtsprachen!<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich mich sehr herzlich f\u00fcr die Einladung zu dieser Veranstaltung bedanken. Das Programm finde ich ganz \u00fcberw\u00e4ltigend, und es begegnet einem echten Desiderat: n\u00e4mlich der historischen und aktuellen Beschreibung und Reflexion \u00fcber Berlin als eine Stadt der lateinamerikanischen Literaturen und Kulturen und des lateinamerikanischen Schreibens.<\/p>\n<p>Als ausgebildeten Romanisten ist uns ja seit jeher gel\u00e4ufig, dass <u>Paris<\/u> &#8222;la capitale litt\u00e9raire de l&#8217;Am\u00e9rique Latine&#8220; sei, wobei man hierbei tats\u00e4chlich in historische Tiefen zur\u00fcckdenken kann und muss. Ich nenne hier nur einige Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts: Huidobro, Carpentier, Asturias,\u00a0 die brasilianischen Modernisten Oswald de Andrade, Sergio Millet, Victoria Ocampo, Silvina Ocampo, Gabriela Mistral, Octavio Paz, die Autoren des sogenannten Booms Cort\u00e1zar, Fuentes, Vargas Llosa, Garc\u00eda M\u00e1rquez, usw. usf&#8230;.. in <strong>allen<\/strong> Biographien ist dieser Paris-Bezug zu verzeichnen; von daher die schon lange g\u00e4ngige\u00a0 Rede von der &#8222;capitale litt\u00e9raire&#8220;. Das ist ein Ausdruck, der tats\u00e4chlich deskriptiv gemeint ist, in dem jedoch unweigerlich ein normativer Beiklang mitschwingt, der \u00fcbrigens auch sp\u00e4ter noch die neue Weltliteratur-Debatte begleitet, wenn die Literaturtheoretikerin Pascale Casanova in ihrem ber\u00fchmten Buch mit dem Titel &#8222;La r\u00e9publique mondiale des Lettres&#8220; (Die Weltrepublik der Literatur) eine \u00e4hnliche Normativit\u00e4t insinuiert, obgleich auch sie im Grunde deskriptiv verfahren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Doch warum blicke ich an dieser Stelle erst einmal nach Paris? Weil meines Erachtens in den 1980er Jahren erste Anzeichen zu vermerken sind, dass Berlin (das geteilte Berlin) sukzessive &#8211; neben Paris &#8211; zu einem weiteren wichtigen Ort lateinamerikanischen Schreibens und der Reflexion \u00fcber lateinamerikanische Literatur wurde &#8211; \u00a0eine Entwicklung, die bis heute andauert und eine au\u00dferordentliche Dynamik entwickelt hat. Indes kam man bisher nicht auf die Idee, die geteilte und wiedervereinte Stadt als Literaturhauptstadt Lateinamerikas zu bezeichnen, und das ist vermutlich auch gut so und v\u00f6llig richtig. Doch ist es umgekehrt erforderlich, die Bedeutung Berlins als Ort der lateinamerikanischen Kreativit\u00e4t und Literaturproduktion sichtbar zu machen. Wir befinden uns nun in der Phase des Sammelns, des Erinnerns, Ordnens und der Reflexion, und hierzu m\u00f6chte ich im Folgenden auch gerne beitragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verschiedene Faktoren, von denen ich im Folgenden f\u00fcnf nennen m\u00f6chte, wirkten bei diesem allm\u00e4hlichen Sichtbarwerden Berlins als Ort lateinamerikanischen Denkens und Schreibens zusammen:<\/p>\n<p>1) Der Einfluss der politischen Situation:<\/p>\n<p>Wir lebten in den 80er Jahren in einer besonders zugespitzten politischen Situation, insbesondere in der &#8222;Frontstadt&#8220; Berlin, die durch den sogenannten Eisernen Vorhang zerschnitten war. Dennoch war der kalte Krieg f\u00fcr die Bewohner damals zu einer Art Normalzustand geworden, man hatte sich irgendwie eingerichtet.<\/p>\n<p>In den 80er Jahren lebten, wie wir (heute vormittag) schon geh\u00f6rt haben, auch zahlreiche lateinamerikanische Autoren und Intellektuelle im Westen und im Osten der Stadt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Und &#8211; trotz aller Allt\u00e4glichkeit in der Mauerstadt &#8211; waren die Erfahrungen im geteilten Berlin offenbar doch eine so eindrucksvoll, dass sie bisweilen verschriftlicht wurden (zum Beispiel von Esther Andradi in ihrem Buch &#8222;Mein Berlin&#8220;,&#8230; in dem sich teilweise auch meine eigenen Erfahrungen spiegeln;&#8230;. oder in Carlos Cerdas Roman \u00fcber Ostberlin).<\/p>\n<p>2) Die Pr\u00e4senz lateinamerikanischer Literatur in deutscher \u00dcbersetzung<\/p>\n<p>Eine betr\u00e4chtliche Anzahl wichtiger lateinamerikanischer Autoren und Werke lagen bereits zu Beginn der 80er Jahre sowohl in DDR-Verlagen als auch in westlichen Verlagen in deutscher \u00dcbersetzung vor. Auch einige \u00dcbersetzer, Literatur- und Kulturmittler waren einer interessierten \u00d6ffentlichkeit als Lateinamerika-Experten inzwischen bekannt: z.B. G\u00fcnter W. Lorenz, Curt Meyer-Clason, Michi Strausfeld, etwas sp\u00e4ter auch Ray G\u00fcde Mertin. In Ostberlin muss man hier vielleicht zuerst die Verlage nennen, die einen ganzen Kreis von qualifizierten Zuarbeitern mit Lateinamerikakompetenz hatten: &#8211;&gt; den Aufbau-Verlag, den Reclam Verlag Leipzig, Kiepenheuer &amp; Witsch; alle arbeiteten mit Lateinamerika-Experten zusammen wie etwa dem Brasilianisten Winfried Engler, mit dem kolumbianischen Wissenschaftler Carlos Rinc\u00f3n oder dem \u00dcbersetzer und Schriftsteller Fritz Rudolf Fries. (&#8211;&gt; interessante Studien von Marcel Vejmelka zu Jorge Amado in der DDR und von Jens Kirsten \u00fcber lateinamerikanische Literatur in der DDR. Umgekehrt wurden seit der Buchmesse bei Suhrkamp wichtige Materialienb\u00e4nde zur lateinamerikanischen Literatur- und Kulturgeschichte ver\u00f6ffentlicht (Michi Strausfeld &#8211; Projekt!). Diese B\u00fccher standen uns damals &#8211; je nachdem! &#8211; in den Buchl\u00e4den des Ostens und des Westens zur Verf\u00fcgung, oft sogar auch neben der Originalausgabe. Erw\u00e4hnen m\u00f6chte ich hier z.B., dass es in Westberlin einen passionierten deutsch-uruguayischen Buchh\u00e4ndler gab, der im &#8222;Andenbuch&#8220;, seiner Buchhandlung zun\u00e4chst in der Motzstra\u00dfe und dann in der Knesebeckstra\u00dfe nicht nur den Erwerb von lateinamerikanischer Literatur erm\u00f6glichte, sondern auch das St\u00f6bern in Literatur und den Besuch von Lesungen (Thomas R\u00fcbens!).<\/p>\n<p>3) Das Entstehen eines gr\u00f6\u00dferen \u00f6ffentlichen Interesses:<\/p>\n<p>Peu a peu entwickelte sich ab dem Ende der 70er Jahre\u00a0 ein etwas breiteres \u00f6ffentliches Interesse an den lateinamerikanischen Literaturen und Kulturen (und an der Musik, z.B. dem Tango!), das vielleicht in Berlin besonders deutlich zum Ausdruck kam. Ausgel\u00f6st und gef\u00f6rdert wurde es u.a. durch kulturelle Gro\u00dfereignisse: Ich erinnere an die Buchmesse Frankfurt 1976, die den Schwerpunkt Lateinamerika hatte; und dann vor allem an das legend\u00e4re Festival Horizonte 1982 in Westberlin, das als multidisziplin\u00e4re kulturelle und wissenschaftliche Veranstaltung w\u00e4hrend einiger Wochen einen regelrechten Lateinamerika-Hype ausl\u00f6ste. (Hinweis auf das eindrucksvolle Festival-Programm &#8211; Heft!! &#8211; &#8222;Who is who&#8220;), der auch durchaus nachwirkte.<\/p>\n<p>4) die Kulturpolitik<\/p>\n<p>Ein wichtiger Faktor war auch die Kulturpolitik der Institutionen im damaligen Westberlin, insbesondere das K\u00fcnstlerprogramm des DAAD, das in den 1960er Jahren (also zur Hochphase des Kalten Kriegs) gegr\u00fcndet worden war. In diesem Zusammenhang kamen in den 70er Jahren vier lateinamerikanische Schriftsteller nach Berlin, darunter Sergio Ram\u00edrez und der Kolumbianer Oscar Collazos. Im Kulturboom der 80er Jahre kamen dann aber fast 5mal so viele Schriftsteller, 19 Autoren, darunter allerdings nur zwei Frauen (Peri Rossi und Fanny Buitrago), jedoch immerhin 6 brasilianische Autoren (Ignacio de Loyola Brandao, Rubem Fonseca, Antonio Callado, Joao Antonio). Unter den hispanoamerikanischen Autoren befanden sich wiederum so ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten wie Antonio Cisneros, Jorge Edwards, Carlos Fuentes, Gonzalo Rojas, Miguel Barnet, Luis Fayad und weitere.\u00a0 Wichtig ist, dass diese Pers\u00f6nlichkeiten auch im Berliner Kulturprogramm, z.B. mit Lesungen oder Diskussionen pr\u00e4sent waren und sp\u00e4ter teilweise auch \u00fcber Berlin publiziert haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>5) last but not least: Die Entwicklung der akademischen Lateinamerikanistik<\/p>\n<p>In der Academia, d.h. in den wissenschaftlichen communities, in West wie Ost, formierte sich allm\u00e4hlich eine zunehmende Lateinamerika-Expertise. Die Herausbildung der Lateinamerikanistik aus der Romanischen Philologie war allerdings ein langsamer und m\u00fchsamer Prozess, in dem es aber wirkliche Pioniere gab, die sich konstant f\u00fcr Lateinamerika interessierten und einsetzten und die sehr wichtig waren &#8211; nat\u00fcrlich nicht nur in Berlin! In unserem Kontext m\u00f6chte ich mich nun aber doch auf die in Berlin t\u00e4tigen\u00a0 Wissenschaftler\/innen konzentrieren<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>: Erhard Engler, der unerm\u00fcdliche Brasilianist in Ost-Berlin z.B. muss ganz sicher genannt werden, neben dem Hispanoamerikanisten Carlos Rinc\u00f3n, ebenfalls in Ostberlin. Die Westberliner Lateinamerikanisten wiederum hatten in den 80er Jahren zusammen mit weiteren Kollegen und Enthusiasten in der Bundesrepublik und in der Schweiz die Idee, eine Sozialgeschichte der Lateinamerikanischen Literatur zu schreiben, in Anschluss an Angel Ramas gro\u00dfes literatur- und sozialgeschichtliches Projekt, welches die literarische Entwicklung Lateinamerikas als einen gro\u00dfen kulturellen, transnationalen Transformations- und literarischen Modernisierungsprozess betrachtete. An diesem Projekt war als Spiritus rector der Argentinier Alejandro Losada (damals Professor f\u00fcr Lateinamerikanist am Lateinamerika-Institut der FU) beteiligt sowie Thomas Bremer, Ulrich Fleischmann, Ineke Phaf, Jos\u00e9 Morales Saravia und andere, die auch heute teilweise noch in Berlin verwurzelt sind; dieses Projekt wurde nur in Teilen verwirklicht, auch weil Alejandro Losada im Jahre 1985 auf tragische Weise bei einem Flugzeugungl\u00fcck ums Leben kam. Auch unter den Berliner Romanisten arbeiteten einige Kollegen immer wieder auch zu Lateinamerika, etwas Gisela Beutler und Sebastian Neumeister. In den 90er Jahren nahm dann mit Carlos Rinc\u00f3n als Lehrstuhlinhaber die Ausrichtung der Literaturtheorie und Literaturwissenschaft am Lateinamerika-Institut mit der Hinwendung zu den neuen lateinamerikanischen Kulturtheorien und zu den Diskussionen der Postcolonial Studies einen Neuanfang, mit dem auch ich selbst in die wissenschaftliche Lateinamerikanistik hineingewachsen bin. Vielleicht, so k\u00f6nnte man spekulieren, passte dies auch besser in eine Berliner akademische Welt, die sich nach dem Mauerfall ebenfalls neu sortieren musste. In den 90er Jahren begann dann auch Dieter Ingenschay, an diesem lateinamerikanistischen Berliner Projekt substanziell mitzuwirken.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte im Folgenden in einem kleinen autobiographischen Text, der Ihnen auch auf Spanisch vorliegt, nochmals diese Zeiten mit einem subjektiv-atmosp\u00e4rischen Blick auf Berlin und auf mein eigenes Lateinamerika-Anliegen in jenen Jahren evozieren.<\/p>\n<p>Doch vorher darf \u00a0ich noch einen weiteren, ungemein wichtigen Ort des berlinisch-lateinamerikanischen Austauschs erw\u00e4hnen:\u00a0 Das Ibero-Amerikanische Institut war als Bibliothek und somit als zentraler Ort lateinamerikanischer Wissensbest\u00e4nde schon lange bekannt und beliebt; die Bibliothek wurde auch in den 80er\/90er Jahren von Forscherinnen und Forschern ebenso wie von uns Studierenden regelm\u00e4\u00dfig aufgesucht. Es kam dabei immer wieder zu denkw\u00fcrdigen Begegnungen. Zur Zeit meines Examens etwa begegnete ich dort t\u00e4glich einem sehr seri\u00f6sen \u00e4lteren Forscher; irgendwann fingen wir an, uns mit einem Kopfnicken zu gr\u00fc\u00dfen, weil wir immer zur selben Zeit in der Bibliothek ankamen und arbeiteten. Schlie\u00dflich sprach er mich an der Bushaltestelle an, wor\u00fcber ich denn in der Bibliothek forschte? Und es stellte sich heraus, dass es sich um den bekannten jesuitischen Anthropologen und Linguisten Bartomeu Meli\u00e0 handelte, dem meine Recherchen \u00fcber Darcy Ribeiro aufgefallen waren. Er half mir dann sogar, ein paar pseudotupi-sprachliche Passagen in Darcy Ribeiros Roman, den ich analysierte, besser zu verstehen. Dies war f\u00fcr mich eine h\u00f6chst eindrucksvolle, pr\u00e4gende Begegnung,&#8230;. und gleichzeitig war und ist sie typisch f\u00fcr das IAI, das schon immer ein zentraler Treffpunkt und Ort des Austauschs war. Das IAI ist \u00fcbrigens auch ein Ort erstaunlicher pers\u00f6nlicher Kontinuit\u00e4ten: in den 80er Jahren, bekam ich n\u00e4mlich von niemand geringerem als dem heutigen Direktor der Bibliothek, Herrn Altekr\u00fcger, die B\u00fccher \u00fcber den Ausleihtresen gereicht.<\/p>\n<p>Ich gehe an dieser Stelle zu meinem kleinen Erinnerungstext \u00fcber, der versucht, das Staunen \u00fcber die Mauerstadt und \u00fcber den folgenden Wandel einzufangen &#8211; vor dem Hintergrund eines gleichzeitig erwachenden und wachsenden Interesses f\u00fcr Lateinamerika:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>insbesondere aus Chile, aber auch aus anderen L\u00e4ndern. Sie lie\u00dfen sich hier teilweise f\u00fcr lange Jahre nieder, wie z.B. Antonio Sk\u00e1rmeta in West-Berlin, Omar Saavedra Santis oder Carlos Cerda in Ost-Berlin bzw. der DDR. Die Uruguayerin Cristina Peri Rossi kam aus dem spanischen Exil f\u00fcr ein Jahr im Kontext des DAAD-Programms nach Westberlin, usf. &#8211;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Gustav Siebenmann im Westen neben einigen couragierten Habilitanden, die es wagten, \u00fcber Lateinamerika zu schreiben, auch wenn dies als extrem unkanonisch galt:\u00a0 Dieter Janik 1974 \u00fcber den magischen Realismus, Klaus Meyer Minnemann 1979 \u00fcber den Modernismo und schlie\u00dflich 1988 Michael R\u00f6ssner \u00fcber Paradiesvorstellungen in der lateinamerikanischen Literatur<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Berlin: wo das Ich immer ein Anderer ist<\/p>\n<p>Neugierig und interessiert lese und beobachte ich seit vielen Jahren, was aus lateinamerikanischer Feder \u00fcber und in Berlin ver\u00f6ffentlicht wird. Mich fasziniert die sich wandelnde Wahrnehmung dieser Stadt, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lange Jahre Frontstadt des Kalten Krieges mit einem geteilten Bewusstsein war: die eine H\u00e4lfte sozialistische Hauptstadt, die andere irgendwie kapitalistische Verwaltungsstadt ohne wirtschaftliche Macht, aber mit symbolischem Einfluss in der westlichen Bundesrepublik. Beobachtungsposten auf beiden Seiten. Nach dem Mauerfall blieb die Andersheit \u2012 trotz offizieller Einheitsdiskurse, wie die Rede von den &#8222;unsichtbaren Mauern&#8220; immer wieder zeigte. Sie beginnt erst im Fortleben j\u00fcngerer Generationen zu verblassen. Neue und ungewohnte R\u00e4ume des Stadtlebens sind entstanden, eine buntere, vielf\u00e4ltigere Gesellschaft mit ihren Konflikten und Reibungen, mit neuen Formen und Formaten des Zusammenlebens. Langsam trat die Stadt ins Rampenlicht der Internationalit\u00e4t, sie \u00fcberwand nach und nach ihren mauerbedingten Provinzialismus, der sie zu jener Stadt gemacht hatte, die auf so bizarre Weise &#8222;anders&#8220; war, im Westen wie im Osten.<\/p>\n<p>Wie viele war auch ich nach Westberlin gekommen, weil es ein ungew\u00f6hnlicher Ort in Deutschland zu sein schien. Ich entschied mich, hier lateinamerikanische Literatur zu studieren, die ihrerseits als ungew\u00f6hnlich und andersartig galt, ihre ferne literarisch-kulturelle Alterit\u00e4t machte sie attraktiv. In beiden Berliner Stadth\u00e4lften waren auch viele Lateinamerikaner zu Hause, meist im Exil, sp\u00e4ter auch selbst gew\u00e4hlt, vor allem in Westberlin. Spanisch sprachen in Westberlin aber auch US-Soldaten aus Puerto Rico und auf der anderen Seite der Mauer die werkt\u00e4tigen Kubaner, die in der Produktion eingesetzt waren.<\/p>\n<p>Um die Inselstadt Westberlin rankten sich in den 80er Jahren Erz\u00e4hlungen, die neugierig machten: eine Stadt der Jugend und der Rentner fast ohne b\u00fcrgerlichen Mittelstand, eine Stadt der alternativen Lebensformen und der jungen Kunst, der individuellen wie politischen Freiheit und Aktion, eine etwas schmuddelige, aber aufregende Hippie-, Punk-, New Wave- und migrantisch bunte Stadt unter dem geteilten Himmel, die langsam Paris den Rang abzulaufen schien \u2012 &#8222;Mythos Berlin&#8220; war ein gefl\u00fcgeltes Wort. Etwas sp\u00e4ter lancierte die Tourismuswerbung den Slogan &#8222;Berlin ist anders&#8220;. Unter lateinamerikanischen Literaten galt ein Aufenthalt in Westberlin, zu dem das K\u00fcnstlerprogramm des DAAD einlud, sp\u00e4testens seit der Ver\u00f6ffentlichung von Ign\u00e1cio de Loyola Brand\u00e3os urbanen Erkundungen Westberlins als Geheimtipp.<\/p>\n<p>Begonnen hatte diese neue Sichtbarkeit Berlins in Lateinamerika aber mit dem Festival Horizonte im Jahre 1982, als die ganz Gro\u00dfen der lateinamerikanischen Literatur in der Mauerstadt auftraten und \u00fcber ihre Literatur sprachen, wie zum Beispiel Juan Rulfo. Mit Juan Goytisolo, ebenfalls Gast des DAAD, fuhren wir damals im gl\u00e4sernen Au\u00dfenfahrstuhl am Anhalter Platz zum Rock-Caf\u00e9 hinauf, um von dort, bei krachender Musik, einen Blick auf die Narben der Stadt zu werfen, die der Grenzraum mit seinen Mauern und &#8222;Spanischen Reitern&#8220; in das Weichbild der Stadt eingekerbt hatte. &#8222;Es iste in verworren traumhaftes Schauspiel, das auch ohne halluzinogene Drogen die gro\u00dfartig r\u00e4tselhafte historische Unwirklichkeit, in der wir leben, zusammenfa\u00dft\u201c, \u00a0schrieb Goytisolo sp\u00e4ter in einem\u00a0 Artikel f\u00fcr <em>El Pa\u00eds <\/em>mit dem Titel &#8222;Berliner Chronik&#8220;, der auch in der Zeitschrift <em>Freibeuter<\/em> erschien.<\/p>\n<p>Das Lateinamerika-Interesse auf der anderen Seite der Mauer war verst\u00e4ndlicherweise stark auf Kuba ausgerichtet, &#8222;pa\u00eds hermano&#8220;, und auch auf Chile, weniger jedoch auf das sandinistische Nicaragua. Aus Kuba kamen Arbeiter in die DDR, aus Chile viele Intellektuelle, Verfolgte des Pinochet-Systems. Es gab ein aktives akademisches Netzwerk, das sich wissenschaftlich mit der lateinamerikanischen Literatur befasste und diese auch publizistisch mit Nachdruck in die DDR vermittelte; \u00dcbersetzungen der Werke von Jorge Amado, Asturias, Neruda, Carpentier, Barnet, Rulfo, Fuentes, Peri Rossi, Rigoberta Mench\u00fa und anderen waren selbstverst\u00e4ndlich, aber auch von Borges, dessen vierb\u00e4ndige Ausgabe <em>Ausgew\u00e4hlter Werke<\/em> in der sp\u00e4ten DDR wegen gro\u00dfer Nachfrage als &#8222;B\u00fcckware&#8220; unter dem Ladentisch verkauft wurde. In der DDR wurde viel gelesen und die lateinamerikanische Literatur war auch wegen ihres exotischen Reizes besonders gefragt. Fachleute schrieben Nachworte zu den Texten und Kontexten, \u00dcbersetzungen erschienen innerdeutsch wechselseitig in Lizenz. Aber auch das spanisch-sprachige Lateinamerika war im &#8222;Internationalen Buch&#8220; am Alexanderplatz und in anderen Buchhandlungen pr\u00e4sent; dort fanden wir Studierende der Lateinamerikanistik aus Westberlin immer wieder B\u00fccher und Texte aus Kuba. \u00dcber die lateinamerikanischen Lebensr\u00e4ume in der DDR kann man heute auch manches in der Belletristik nachlesen, etwa in dem in Chile umstrittenen Roman von Carlos Cerda.<\/p>\n<p>Der Mauerfall brachte all diese Konstellationen vollkommen durcheinander. &#8222;Sentirse extra\u00f1o en su propio casa&#8220;, schrieb der spanische Politologe und Berliner Lateinamerika-Experte Ignacio Sotelo. Die Stadt wurde zur Baustelle, dann zur &#8222;Schaustelle&#8220;, wie man den Potsdamer Platz, ehemaliges Mauer- und Niemandsland, in den 1990er Jahren mit seiner Mammut-Baustelle touristisch attraktiv vermarktete. Doch vor allem wurde Berlin zur mentalen Baustelle: Es ging um das Schmieden und Neuschmieden von Identit\u00e4ten, um den Abriss und das Neuziehen von Grenzen, um unsichtbare Mauern, die der mexikanisch-italienische Autor Fabio Mor\u00e1bito, wie andere auch, noch Jahre nach der Wende sp\u00fcrte. Ost- und West-Identit\u00e4ten, ein m\u00fchsames Zusammenkommen von Ostmoderne und Postmoderne bei zunehmender Internationalisierung. Das Niemandsland als leeres Zentrum Berlins: irreale R\u00e4ume inmitten einer europ\u00e4ischen Gro\u00dfstadt am Ende des 20. Jahrhunderts. Ein Raum der Chim\u00e4ren, der Ausstellungen, Projekte, M\u00e4rkte, der ephemeren Feste, der aber bald besetzt werden sollte. Genau dieser verg\u00e4ngliche Grenzraum, der sich real und imagin\u00e4r gegen seine Verg\u00e4nglichkeit sperrte, ist zur Quelle literarischer Inspiration geworden. Schauplatz von Thrillern, Suchgeschichten, Grenz\u00fcberschreitungen, &#8222;lost in transition&#8220; zwischen h\u00fcben und dr\u00fcben, zwischen Vergangenheit und Jetztzeit unter dem einen Himmel \u00fcber Berlin. Nach der Wende schreiben sich zunehmend auch spanisch- und portugiesisch-sprachige Autorinnen und Autoren in diese realen und imagin\u00e4ren R\u00e4ume Berlins ein, dessen urbane Identit\u00e4t schon immer ein Mosaik aus Vierteln und Kiezen war, vervielf\u00e4ltigt in der kulturellen Heterogenit\u00e4t ihrer Bewohner.<\/p>\n<p>Heute ist Berlin gelebte Alterit\u00e4t: meist pragmatisch gelassen, bisweilen gleichg\u00fcltig, keinesfalls konfliktfrei, aber auch neugierig und zugewandt. Nicht \u00fcberkandidelt, weil die Stadt zu arm ist. Diese &#8222;mittlere Gelassenheit&#8220;, mit der man offenkundig gut leben kann, wie die anhaltende Attraktivit\u00e4t Berlins belegt, ist geschichtlich bedingt. Sie ist Folge und Lehre aus dem nationalistischen Identit\u00e4tswahn des Nationalsozialismus und der anschlie\u00dfenden Teilung der Stadt und ihrer Menschen. Dadurch war die Basis f\u00fcr eine stetige Differenzerfahrung gelegt worden, der man sich nicht entziehen konnte. Wie h\u00e4tten sich diese Erfahrungen von Alterit\u00e4t, die der Stadt tief eingeschrieben waren, so pl\u00f6tzlich verfl\u00fcchtigen k\u00f6nnen nach 1989? Ihre Andersheit hat sich allerdings relativiert, verzweigt, differenziert, internationalisiert und pluralisiert.<\/p>\n<p>Berlin ist ein weites Feld der Verschiedenheiten, die im Zusammenleben st\u00e4ndig neu ausgehandelt und ausbalanciert werden. Wie sollte diese Stadt nicht Ort sein f\u00fcr eine vielf\u00e4ltige Poesie, eine Poesie der Vielfalt, gerade auch von auf Spanisch schreibenden Autorinnen und Autoren? Berlin ist nicht notwendigerweise Thema und konkreter Gegenstand dieser Poesie, doch es schwingt als Ort der Genese mit, als Lebenserfahrung, als \u00e4sthetische Erfahrung, als geeigneter Knotenpunkt, wo das Ich immer auch ein Anderer ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erstmals erschienen in: Ernesto Estrella C\u00f3zar \/ Jorge Locane (eds.): <em>El Tejedor en\u2026 <\/em><em>Berl\u00edn. Antolog\u00eda<\/em>. Sestao, Bizkaia: La \u00danica Puera a la Izquierda 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Rike Bolte, lieber Timo Berger, liebe Vertreterinnen und Vertreter des Literarischen Colloquiums, lieber J\u00fcrgen Becker, mit dem ich manche lateinamerikanistische Studienerfahrung am LAI teile! Liebe Vertreterinnen der Stadtsprachen! Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich mich sehr herzlich f\u00fcr die Einladung zu dieser Veranstaltung bedanken. 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