{"id":7873,"date":"2018-02-16T10:15:53","date_gmt":"2018-02-16T09:15:53","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=7873"},"modified":"2022-06-05T16:28:25","modified_gmt":"2022-06-05T14:28:25","slug":"das-laecheln-der-axt","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/das-laecheln-der-axt\/","title":{"rendered":"Das L\u00e4cheln der Axt"},"content":{"rendered":"<p>Die Musik begann so leise und so tief unten, quasi unter den Fu\u00dfsohlen, da\u00df dem im gro\u00dfen Saal der Philharmonie versammelten Publikum entging, da\u00df das Konzert bereits begonnen hatte. Es hustete,\u00a0 hielt den Atem an, rutschte ungeduldig auf den Pl\u00e4tzen herum und wartete auf das ersehnte Signal des Dirigenten. Der Dirigent aber \u2013 ein d\u00fcnner, blasser junger Mann, wie erschrocken vor der \u00d6ffentlichkeit \u2013 zuckte bereits wie von Stromst\u00f6\u00dfen gesch\u00fcttelt und gab den Musikern heimliche Zeichen. Die Geigen holten tief Luft und s\u00e4uselten leise, als pfiffe in ihren H\u00e4lsen der Wind. Die Musiker beugten sich \u00fcber ihre Zauberh\u00f6lzer und ber\u00fchrten sie so behutsam, als w\u00e4ren es kranke S\u00e4uglinge, als bef\u00e4nden sie sich im schweigenden Wald.<\/p>\n<p>Die Komponistin \u2013 eine strenge kleine Frau mit Augen wie gl\u00fchende Kohlen \u2013 sa\u00df in der ersten Reihe, von Kopf bis Fu\u00df in ein Spitzentuch geh\u00fcllt. Sie schien das respektlose Husten des Publikums gar nicht wahrzunehmen und reckte stolz das spitze Kinn. Das Publikum indes, vom langen Warten vollends enthemmt, schn\u00e4uzte sich nun laut und ungeniert. Hier und da vernahm man Triller erk\u00e4lteter Nasen, oder beim vorsichtigen Ausatmen eines Zuh\u00f6rers h\u00f6rte man den verfluchten Schleim auf den Stimmb\u00e4ndern gurgeln.<\/p>\n<p>Leider fiel das erste Berliner Konzert der russischen Avantgarde-Komponistin Irina Georgijewna Medwed in den Herbst, und jeder war bereits infiziert mit der schrecklichen Erk\u00e4ltung, die sich gemeinhin besonders bei Konzerten bemerkbar macht. Doch Irina schien das Unwohlsein des Publikums gar nicht wahrzunehmen. In ihr flauschiges Tuch geh\u00fcllt, klein und schwarzhaarig, wirkte sie wie eine Lehrerin, die ein strenges Auge auf die Musikerschlingel hatte, und man sah ihrem Gesicht an, da\u00df sie \u00fcber deren Ges\u00e4usel schwebte und mit ihrem laserharten Willen in ihren Herzen Gehorsam entz\u00fcndete.<\/p>\n<p>Inzwischen hatte das Publikum gemerkt, da\u00df das Konzert begonnen hatte. Die Damen, in strenge Kost\u00fcme geschn\u00fcrt, lie\u00dfen ihr teures Makeup aufblitzen. Auf ihren Gesichtern breitete sich Konzentration aus, in ihren Augen flammte das graue Feuer von Kulturbewu\u00dftsein auf, das so gleich, von einem immateriellen Wind weggeblasen, wieder erlosch und lediglich erwartungsvolle Geduld hinterlie\u00df.<\/p>\n<p>In der letzten Reihe sa\u00df ein Obdachloser. Betrunken und gl\u00fccklich. Im Gedr\u00e4nge der Menge in den warmen, hellen Konzertsaal gelangt, ruhte er sich aus.<\/p>\n<p>Hin und wieder holte er aus seinem schmutzigen weiten Mantel eine winzige Flasche und tr\u00e4ufelte sich etwas daraus in die Kehle. Dann verzog sein Gesicht sich zu einer nerv\u00f6sen Grimasse, und er begann zu zittern. Ihn d\u00fcnkte, der wundervolle Raum mit seinen eisigen Leuchten verwandelte sich in ein Schneefeld. Schwarze Nasenkr\u00e4hen hackten auf den Schnee wei\u00dfer M\u00e4nnerhemden ein. Aus dem Orchester heulte Wind, der Penner fror immer heftiger, und ein L\u00e4cheln, das in eine Grimasse \u00fcberging, irrte \u00fcber sein asphaltbleiches Gesicht.<\/p>\n<p>Bald wurden die blauen T\u00e4towierungen an seinem Hals lilaschwarz, und er roch pl\u00f6tzlich nach Erde, so intensiv, da\u00df dieser Geruch \u00fcber s\u00e4mtlichen hinteren Reihen hing.<\/p>\n<p>Dann bildete sich unter ihm eine gro\u00dfe Urinpf\u00fctze, die im Takt zum Geigengezupfe heruntertropfte. Innerlich darauf gefa\u00dft, da\u00df dies das letzte Stadium des Erfrierens sei, wartete er voller Angst und Freude auf das Aufwallen innerer Hitze.<\/p>\n<p>Inzwischen hatten die Musiker aufgeh\u00f6rt, mit den Saiten zu s\u00e4useln, nun klopften sie auf Holz. Das Wort \u00bbAvantgarde\u00ab wanderte im Fl\u00fcsterton durch die vorletzten Reihen, und der Obdachlose erwachte aus seiner Erstarrung. Dieses Wort kannte er gut. Er hatte sich nun wohl ein wenig aufgew\u00e4rmt; ihm schien, als w\u00e4re dieses Zauberwort wie ein blasser Blitz \u00fcber seinen erkaltenden K\u00f6rper gehuscht. Er trank noch einen Schluck von seiner fl\u00fcssigen Medizin. Sie rann wie ein Feuer durch seine Speiser\u00f6hre und verharrte im Magen, der hart war wie eine H\u00f6hle. Er zuckte zusammen, denn das Leben war in ihn zur\u00fcckgekehrt. Fassungslos fragte er sich, wieso er wieder in die f\u00fcnfziger Jahre geraten war. Wir haben doch schon das einundzwanzigste Jahrhundert, \u00fcberlegte er, und mich hat\u2019s wieder zur\u00fcckgeschleudert in die Vergangenheit, in die Avantgarde!<\/p>\n<p>Er \u00f6ffnete die m\u00fcden Lider und betrachtete den Nordpol, an dem er sich befand. Vor ihm sa\u00dfen gleichf\u00f6rmige Hinterk\u00f6pfe in schwarzen Smokings \u2013 grau und meliert, braun, kahl oder flachshell. Die Damen dublierten das Ganze mit dekorativen Ornamenten. Ach, ich bin ja in einem Konzert, entschied der Obdachlose, und ein schwaches L\u00e4cheln zog seinen blauen Mund in die Breite. Im Konzert, so was!<\/p>\n<p>Fr\u00fcher einmal war er selbst Musiker gewesen. Er wandte sich nach rechts, dann nach links. Die Musiker klopften nicht mehr, nun zupften sie die Saiten. Der Dirigent erstarrte erneut in einer energischen Biegung und gab einem Geiger ein Zeichen. Der erhob sich zu voller Gr\u00f6\u00dfe, legte widerwillig die Geige beiseite, nahm aus einem samt gef\u00fctterten Kasten eine scharf geschliffene Axt, legte sie vor dem Publikum ab und setzte sich wieder auf seinen Platz.<\/p>\n<p>\u00bbDie Axt!\u00ab, ert\u00f6nte die melodische Stimme der kleinen Komponistin, die von ihrem Platz aus den Titel des n\u00e4chsten Werkes verk\u00fcndete. Die Zuh\u00f6rer erhoben sich ein wenig von ihren Pl\u00e4tzen und betrachteten das Orchester. Einer der alten M\u00e4nner fiel dem Obdachlosen auf, und er versp\u00fcrte einen Stich im Innern: Das ist doch nicht etwa John Cage! Der Alte! Ich bin also unter den Toten!<\/p>\n<p>Ein b\u00e4rtiger, seri\u00f6s aussehender Musiker im obligaten schwarzen Frack stand auf, schob sein Notenpult beiseite, griff nach der Axt und ging daran, den Kontrabass zu zerhacken. \u00dcber das Gesicht der kleinen Komponistin huschte ein triumphierendes L\u00e4cheln. Der Musiker hackte nach den Anweisungen des Dirigenten, und man sah, da\u00df er eigentlich nicht mit einer Axt umgehen konnte. Doch alle begriffen, da\u00df dies eine symbolische Handlung war. Er hackte ohne jeden Enthusiasmus auf den Kontrabass ein, ihm tat es offensichtlich leid um das unschuldige, gute alte Instrument. Schlie\u00dflich hatte er es so weit bearbeitet, dass die Saiten rissen und eine magische Vibration in der Luft hing.<\/p>\n<p>\u00bbDie Toten, die verstanden was von Provokation\u00ab, brummte der Obdachlose zufrieden und l\u00e4chelte sp\u00f6ttisch. Er sp\u00fcrte Freiheit und Licht und mochte nicht auf die nasse, schmutzige Stra\u00dfe zur\u00fcckkehren. Er stand auf und ging zu den Musikern. Die Zuh\u00f6rer drehten sich emp\u00f6rt nach ihm um, wagten aber nicht, ihn aufzuhalten.<\/p>\n<p>\u00bbDas ist eine k\u00fcnstlerische Geste!\u00ab, fl\u00fcsterte ein semmelblonder Bursche mit glatt zur\u00fcckgek\u00e4mmten Haaren, der aussah wie eine bayrische Wei\u00dfwurst. Die Komponistin war beunruhigt und stand von ihrem Platz auf. Inzwischen hatte der Obdachlose, von einem m\u00e4chtigen Energieschub \u00fcbermannt, das Podium mit den Musikern erklommen.<\/p>\n<p>\u00bbJedes Kunstwerk ist eine abgedungene Untat\u00ab, m\u00fcmmelte er mit seinem zahnlosen Mund und riss dem B\u00e4rtigen die Axt aus der Hand.<\/p>\n<p>\u00bbJetzt hack ich mal!\u00ab, fuhr er fort und holte nach dem B\u00e4rtigen aus. \u00bbHerr Cage\u00ab, warf er in die Menge, \u00bbschauen Sie her, ich bin Ihr ergebener Diener.\u00ab Er kicherte zahnlos.<\/p>\n<p>\u00bbNicht mir wird \u00fcbel, \u00fcbel wird der Bourgeoisie, fuck!\u00ab, schrie er. Er rammte die Axt ins Podium und schritt zum Fl\u00fcgel.<\/p>\n<p>\u00bbSchafft ihn doch endlich fort!\u00ab, rief die Komponistin best\u00fcrzt, doch der Saal schien in hypnotischer Verst\u00f6rung erstarrt.<\/p>\n<p>Der Obdachlose schlurfte zum Fl\u00fcgel, machte es sich daran bequem und hieb auf die Tasten. Die Musiker wichen zur\u00fcck ins Publikum.<\/p>\n<p>\u00bbIch hab euch schon zu Lebzeiten nicht besonders gemocht!\u00ab, wandte sich der Obdachlose an die Menge.<\/p>\n<p>Nun krachten bereits St\u00fchle. Einige Zuschauer wandten sich emp\u00f6rt zum Gehen. Andere schauten begeistert zur B\u00fchne.<\/p>\n<p>\u00bbNun schafft ihn doch weg! Er geh\u00f6rt nicht zu uns!\u00ab, schrie die Komponistin.<\/p>\n<p>Der Obdachlose lockerte seine steifen Finger und spielte eine muntere Melodie. Er spielte ziemlich fl\u00fcssig, doch zwei Polizisten bahnten sich, St\u00fchle umwerfend, bereits einen Weg zu ihm. Der eine war \u00fcbertrieben dick, der andere streng und finster. Sie n\u00e4herten sich drohend und warfen den Obdachlosen auf die B\u00fchne. Sein Kopf prallte auf das Holz, und er verlor das Bewu\u00dftsein.<\/p>\n<p>Auf dem Polizeirevier war es warm. Man gab ihm W\u00fcrstchen aus dem Imbiss um die Ecke und f\u00fchrte ihn in Hand schellen zum Verh\u00f6r. Er trug keine Papiere bei sich.<\/p>\n<p>\u00bbName\u00ab, fragte ein Polizist, der am Tisch sa\u00df.<\/p>\n<p>\u00bbCage\u00ab, antwortete der Obdachlose ohne zu \u00fcberlegen, und der Polizist schrieb das sorgf\u00e4ltig ins Protokoll, nachdem er sich erkundigt hatte, wie das geschrieben werde.<\/p>\n<p>\u00bbVorname.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJohn.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbStaatsangeh\u00f6rigkeit.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAmerikaner.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWarum haben Sie keine Papiere bei sich?\u00ab, mischte sich der zweite Polizist ein.<\/p>\n<p>\u00bbIch hab sie aufgegessen.\u00ab, bekannte der Obdachlose.<\/p>\n<p>\u00bbSie sind hier nicht im Zirkus.\u00ab, bemerkte der Polizist.<\/p>\n<p>\u00bbDas ist mein Ernst.\u00ab Der Obdachlose sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbIch war hungrig, da hab ich sie gegessen!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbHaben Sie einen Beruf?\u00ab, erkundigte sich der Polizist.<\/p>\n<p>\u00bbKomponist\u00ab, antwortete der Obdachlose unger\u00fchrt.<\/p>\n<p>\u00bbAu\u00dferdem schreibe ich Gedichte.\u00ab, m\u00fcmmelte er, erhob sich und rezitierte mit letzter Kraft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbTorheit, S\u00fcnde, Geiz und Irrtum zehren<\/p>\n<p>An unserem Leib, besetzen unseren Geist,<\/p>\n<p>Und jeder seine lieben Skrupel speist,<\/p>\n<p>Wie Bettelleute Ungeziefer n\u00e4hren.<\/p>\n<p>Verstockte sind wir, die nur lau bereun,<\/p>\n<p>Doch wenn es lohnt, auch manches eingestehn,<\/p>\n<p>Dann munter auf dem Sumpfweg weitergehn<\/p>\n<p>Und glauben, Tr\u00e4nen waschen alles rein.<\/p>\n<p>Der Teufel h\u00e4lt die F\u00e4den, die uns leiten!<\/p>\n<p>Wir finden Lust an widerlichen Dingen,<\/p>\n<p>Die t\u00e4glich uns der H\u00f6lle n\u00e4her bringen,<\/p>\n<p>Furchtlos, durch \u00fcblen Dunst und Dunkelheiten. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Polizisten lauschten gebannt.<\/p>\n<p>\u00bbHaben Sie das selber geschrieben?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWas denn sonst?\u00ab<\/p>\n<p>Der Polizist w\u00e4hlte rasch eine Telefonnummer und rief in den H\u00f6rer:<\/p>\n<p>\u00bbWir haben ihn gefunden. Endlich. Komm her. Schnell.<\/p>\n<p>Na den, du wei\u00dft schon, euer Genie! \u00ab<\/p>\n<p>Dann lehnte er sich in seinen Stuhl zur\u00fcck und sagte respektvoll:<\/p>\n<p>\u00bbWir suchen Sie schon so lange!\u00ab<\/p>\n<p>Der Obdachlose starrte ihn verst\u00e4ndnislos an, und Tr\u00e4nen liefen ihm \u00fcber die eingefallenen Wangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Aus: Charles Baudelaire: Die Blumen des B\u00f6sen, An den Leser; dt. von Monika Fahrenbach-Wachendorff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aus: Julia Kissina: Vergiss Tarantino. Aufbau Verlag, Berlin 2005.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Musik begann so leise und so tief unten, quasi unter den Fu\u00dfsohlen, da\u00df dem im gro\u00dfen Saal der Philharmonie versammelten Publikum entging, da\u00df das Konzert bereits begonnen hatte. 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