{"id":8452,"date":"2018-02-17T11:35:03","date_gmt":"2018-02-17T10:35:03","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=8452"},"modified":"2020-11-26T20:32:38","modified_gmt":"2020-11-26T19:32:38","slug":"gespraech-mit-herrn-h-h","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/gespraech-mit-herrn-h-h\/","title":{"rendered":"Gespr\u00e4ch mit Herrn H.H."},"content":{"rendered":"<p>Am Tresen sa\u00dfen drei etwas \u00e4ltere Herren, die jeweils in buckliger Haltung \u00fcber einem\u00a0gro\u00dfen Glas Bier hingen und von Zeit zu Zeit zueinander zur Linken oder zur Rechten\u00a0sahen oder sich zu dem Raum hin drehten, zu dem sie am Tresen auf Barhockern mit dem\u00a0R\u00fccken sa\u00dfen. Durch ihre K\u00f6rperhaltung und Statur fielen sie unangenehm auf. Die Wirtin\u00a0der alten und dunklen, schon etwas heruntergekommenen Kneipe, war eine Mitf\u00fcnfzigerin\u00a0mit hochtoupierten, blondierten Haaren. Die kr\u00e4ftige Frau trug schwarze Leggings mit einem\u00a0Jeansrock und einem engen, ebenfalls schwarzen, Oberteil. Auch die Kneipe war bereits\u00a0in die Jahre gekommen und lebte vom billigen Einrichtungsstil des vorigen Jahrhunderts:\u00a0Der Tresen, \u00fcber dem kleine, bunte Sonnenschirmchen hingen, war vollst\u00e4ndig mit\u00a0Bambus verkleidet. Links von der Bar standen zwei Billardtische, an denen laut gespielt\u00a0wurde. Die Atmosph\u00e4re, die dort herrschte, war \u00fcberaus seltsam: einerseits durchdrungen\u00a0von W\u00e4rme und andererseits \u00fcberkam ein Gef\u00fchl von Schauer.<\/p>\n<p>Am gro\u00dfen runden Tisch, unmittelbar am Tresen, wurde laut und durcheinander gesprochen\u00a0und gelacht. Weil Herr H.H. sich st\u00e4ndig umdrehte, die Gruppe beobachtete und seinen\u00a0Freunden etwas zufl\u00fcsterte, wurde er an den Tisch geladen, vermutlich um ihn etwas\u00a0von sich selbst abzulenken. Auf die Einladung hin, griff er nach einem Stuhl und setzte sich\u00a0an den vollen Tisch. Mit seinen gro\u00dfen, eiskalten, blauen Augen fixierte er eine junge Frau,\u00a0die ihm gegen\u00fcber sa\u00df, beugte sich \u00fcber den gesamten Tisch, \u00fcber die anderen hinweg und\u00a0fragte sie mit seiner lauten und rauen Stimme, die vielmehr den Anschein des Anbr\u00fcllens\u00a0erweckte: \u201eWie ist dein Name?\u201c<\/p>\n<p>Athene schaute eingesch\u00fcchtert und \u00fcberrascht dar\u00fcber von Herrn H.H., der ihr die Hand\u00a0reichte und beinahe schrie, direkt angesprochen zu werden: \u201eIch bin H.H.!\u201c<\/p>\n<p>Ein wenig ver\u00e4ngstigt antwortete sie: \u201eIch bin Athene.\u201c<\/p>\n<p>Herr H.H. zog selbstgef\u00e4llig seine Hand von ihrer weg, stand auf und streckte seine rechte\u00a0Hand aus. An dem gro\u00dfen runden Tisch stellte sich f\u00fcr einige Sekunden eine seltsame Stille\u00a0ein. W\u00e4hrend alle den Atem anhielten, begann der Erste auch schon an jener Stelle des\u00a0Gespr\u00e4ches weiterzumachen, an der er aufgeh\u00f6rt hatte, als sich die haarstr\u00e4ubende Handbewegung\u00a0des Herrn H.H. ereignete. Die stille Reaktion der Gruppe wog Herrn H.H. in\u00a0eine seltsame Selbstsicherheit, weshalb er sich eingeladen f\u00fchlte ein Gespr\u00e4ch anzuzetteln.<\/p>\n<p>Doch allm\u00e4hlich verlie\u00dfen alle Freunde Athenes den gro\u00dfen runden Tisch, um Dart zu spielen,\u00a0so dass sie mit Herrn H.H. pl\u00f6tzlich allein am Tisch sa\u00df.<\/p>\n<p>Herr H.H. hielt sich an einem gro\u00dfen Glas Bier fest und sagte: \u201e\u2026Alle raus hier! Mit eener\u00a0Knarre runter nach Kreuzberg und alle abknallen!\u201c<\/p>\n<p>Etwas verwundert dar\u00fcber von Athene nicht die erwartete Reaktion zu bekommen, machte\u00a0er unbek\u00fcmmert weiter: \u201eDie schei\u00df Merkel, ich sag dir die L\u00fcgenpresse, sie verarschen\u00a0uns, wo es nur geht. Was ist mit uns? Denen ist es schei\u00df egal. Ich bin 50, ich arbeite mir\u00a0den Arsch ab und was hab ick davon?\u201c<\/p>\n<p>Er stand auf, ballte seine rechte Hand zu einer Faust, verzog das Gesicht und setze sich\u00a0wieder hin: \u201eMim Euro hat die Schei\u00dfe doch anjefangen. Wo geht unser ganzes Geld hin?\u00a0Die verarschen uns doch. Die Merkel soll weg und die ganzen anderen ooch!\u201c<\/p>\n<p>Herr H.H. stand auf, ballte seine rechte Hand energisch zu einer Faust, verzog das Gesicht\u00a0und setzte sich wieder. Er drehte sich zu der Bar hin und bestellte noch ein gro\u00dfes Bier,\u00a0wonach er sich wieder Athene zuwandte und sie weiter anstarrte.<\/p>\n<p>\u201eWarum sind Sie so w\u00fctend?\u201c, fragte Athene.<\/p>\n<p>\u201eIcke? Ich bin nicht sauer, nenenene! Ick will vom Leben auch was haben, ne Knarre nehmen\u00a0und alle abknallen! Meinst du ich hatt\u2019s einfach? Stramm mussten wir stehen. Wenn\u00a0nicht, da konntest de aber kieken!\u201c<\/p>\n<p>Herr H.H. zuckte unkontrolliert mit dem Kopf und wurde nach dem inzwischen dritten\u00a0gro\u00dfen Glas Bier merklich betrunken: \u201eWann mussten Sie strammstehen, was meinen Sie?\u201c<\/p>\n<p>Herr H.H. ignorierte Athenes Frage und sprach einfach weiter: \u201eIch bin nicht stolz darauf.\u00a0Ich bin stolz, wir passen auf. Mein Kennzeichen von der Bullerei ist XXX. Ick hab keen\u00a0Problem es zu verraten, ick habe keene Angst, merk\u2018 dir das. Die Bullenschweine haben\u00a0Angst!\u201c<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Pause f\u00fcgte er hinzu: \u201eWir nicht! Ick wollte sie heiraten, ick wollte sie\u00a0fragen, ick hatte schon einen Ring. Dann hat sie mich verlassen.\u201c<\/p>\n<p>Herr H.H. versuchte seine Tr\u00e4nen zu unterdr\u00fccken, schluckte den Klo\u00df im Hals hinunter.\u00a0Er stand auf, ballte seine rechte Hand energisch zu einer Faust, verzog das Gesicht und\u00a0setzte sich wieder: \u201eAlle abknallen! Ich muss dir ganz ehrlich sagen, du bist eine Nette.\u00a0Alle Achtung. Ja, ist wahr\u2026\u201c<\/p>\n<p>Athene h\u00f6rte paralysiert Herrn H.H. weiter zu, es vergingen einige Stunden, in denen er\u00a0durch viele Gef\u00fchlswelten wanderte: Er fluchte, er weinte, er zeigte sich verzweifelt und\u00a0dann wieder stupide, starr, tollw\u00fctig und w\u00fctend. Herr H.H. hielt einen wirren, stundenlangen\u00a0Monolog \u00fcber sein gescheitertes Dasein, indem er sich st\u00e4ndig wiederholte.\u00a0Athenes Freunde waren ins Dartspiel vertieft und schienen sie einfach vergessen zu haben.\u00a0Sie \u00fcberlegte sich, wie sie aus dem Gespr\u00e4ch mit Herrn H.H. sanft aussteigen k\u00f6nnte, ohne\u00a0ihn zu provozieren und ihm das Gef\u00fchl zu geben ihn abzuweisen. Der Gedanke, dass er die\u00a0Kontrolle \u00fcber sich selbst bald ganz verlieren k\u00f6nnte, machte ihr Angst. Herr H.H. wurde immer ungehaltener.<\/p>\n<p>\u201eWas h\u00e4tten Sie in Ihrem Leben gerne anders gemacht?\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr einige Sekunden sah er Athene eisern in die Augen und rief: \u201eNenene, du kriegst mich\u00a0nicht! Ich bin doch nicht dumm!\u201c<\/p>\n<p>Herr H.H. stand auf, streckte seine rechte Hand horizontal aus, setzte sich zur\u00fcck an den\u00a0Tresen, um ein weiteres Getr\u00e4nk zu bestellen. Athene zog ihren Mantel an, machte ihren\u00a0Freunden, die sie mit Herrn H.H. allein gelassen hatten, verst\u00e4ndlich, dass sie geht, drehte\u00a0sich zu Herrn H.H., der sie nach wie vor anstarrte und l\u00e4chelte ihm zu.<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcnsche dir alles Jute!\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>\u201eDanke, das w\u00fcnsche ich Ihnen auch.\u201c, antwortete Athene, reichte ihm die Hand und verlie\u00df die Kneipe am fr\u00fchen Morgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Tresen sa\u00dfen drei etwas \u00e4ltere Herren, die jeweils in buckliger Haltung \u00fcber einem\u00a0gro\u00dfen Glas Bier hingen und von Zeit zu Zeit zueinander zur Linken oder zur Rechten\u00a0sahen oder sich zu dem Raum hin drehten, zu dem sie am Tresen auf Barhockern mit dem\u00a0R\u00fccken sa\u00dfen. Durch ihre K\u00f6rperhaltung und Statur fielen sie unangenehm auf. 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