{"id":8463,"date":"2018-02-17T12:10:13","date_gmt":"2018-02-17T11:10:13","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=8463"},"modified":"2020-11-26T20:25:59","modified_gmt":"2020-11-26T19:25:59","slug":"notizen-aus-dem-sprachkurs","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/notizen-aus-dem-sprachkurs\/","title":{"rendered":"Notizen aus dem Sprachkurs"},"content":{"rendered":"<p><strong>A1<\/strong><\/p>\n<p>Eine fremde Sprache, wie ein fremdes Volk, ist nicht einfach zu beherrschen. Zu viele Verstecke, unbeleuchtete Tunnel und Gruben liegen in jenem unergr\u00fcndlichen Gebiet, aus dem jederzeit zersetzende Elemente dringen k\u00f6nnen. Deine Miene verr\u00e4t die Unsicherheit eines Haudegens, der urt\u00fcmliche Strukturen mit groben Handbewegungen zerbarst. Die Einheimischen blicken dich mit Furcht und Verachtung an \u2013 folgen jedem Wort aus deinem Mund \u2013 sie wissen, deine Tage sind gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Fremd bist du eingezogen, fremd ziehst du wieder aus.<\/p>\n<p>Um das Territorium zum Trotz unter deine Kontrolle zu bringen, befestigst du dich in zungenfertigen Burgen. Du verbarrikadierst dich in unregelm\u00e4\u00dfigen Verben und klammerst dich an bekannte Ausdr\u00fccke \u2013 wohl wissend, dass sie nicht mehr sind, als schablonenhafte Schilder und Schleier, die dich vergeblich sch\u00fctzen w\u00fcrden. Jede Reise zwischen den akribisch eingelernten Sprachkolonien ben\u00f6tigt eine bewaffnete Begleitung, die im Voraus einbestellt werden muss.<\/p>\n<p>Du suchst wieder die richtigen Frequenzen f\u00fcr den Fernmeldeverkehr. Die Funkverbindung knistert. Die Telefonate geh\u00f6ren zu den erschreckendsten Momenten eines Tages. Du versucht tunlichst klar zu sprechen.<\/p>\n<p>Unter dem Rauschen fordert der Anrufer, dass du das Wort buchstabierst.<\/p>\n<p>Richard, Adolf, Unbefugt, Siegfried.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>A2<\/strong><\/p>\n<p>Voller Vorfreude f\u00e4ngt die Beziehung mit einem h\u00f6flichen Dativ an \u2013 dir geben und von dir nehmen, dir zeigen und von dir lernen \u2013 ein Dreieck mit einem weiteren Objekt, das dich von der Tat des T\u00e4ters trennt. Von und Zu, Nach und Aus umgrenzen deinen Zustand in klarer Sicherheit.<\/p>\n<p>An den Tag, in dem das Verh\u00e4ltnis sich endg\u00fcltig zum Genitiv wechselte, kannst du dich beim besten Willen nicht mehr besinnen. Es entglitt allm\u00e4hlich mit jedem Amtsbesuch und mit jeder Festrede der Kanzlerin \u2013 du bist das Opfer des, und der Nachfahre derer, und wir sind dessen bewusst. Deine Zugeh\u00f6rigkeit als willkommener Fremdk\u00f6rper ist mit einem Siegel versehen und best\u00e4tigt. Du gedeihst springend zwischen den losen Bindungen der Vergangenheit, fr\u00f6hlich und sorgenlos um deine Gastgeberin zirkulierend.<\/p>\n<p>Man hat aber schon B\u00fccher in seinem Leben aufgeschlagen und wei\u00df, dass nichts auf ewig gilt. Das Verbindungsseil, das vorher so locker war, wird immer k\u00fcrzer. Bleiben hei\u00dft, sich formen lassen \u2013 der Akkusativ ist da und jetzt wird&#8217;s eng. Dich einbringen, dich verst\u00e4ndigen, dich finden, ernstnehmen, assimilieren \u2013 du wirst an allen K\u00f6rperteilen begrabscht.<\/p>\n<p>Erinnerst du dich noch an die ersten Wochen, als du noch\u00a0dachtest, die hier seien wohl kontaktscheu? Vergiss es.\u00a0Alsbald h\u00f6rt es nicht mehr auf. Es wird auf dich\u00a0aufgehauen. Der Hammer schl\u00e4gt immer weiter, aber der\u00a0Nominativ, der kommt nie. Er ist im Geb\u00e4rmutterhals\u00a0steckengeblieben und blau geworden. Die Integration ist\u00a0eine Fehlgeburt &#8211; ohne Zeremonie und Begr\u00e4bnis wird ihr\u00a0Versprechen entsorgt. Es bleiben nur drei Punkte nach\u00a0dem Ich bin. Ich bin&#8230; Ich bin&#8230; Das Wir kannst du\u00a0gar nicht mehr aussprechen.\u00a0F\u00fcr uns gibt es keinen Nominativ \u2013 wir bleiben f\u00fcr immer\u00a0ein Projekt und eine Projektion.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>B1<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIch sag dir, die Deutschen m\u00f6gen besetzt werden \u2013 sie\u00a0\u00f6ffnen ihre Beine f\u00fcr jeden vorbeimarschierenden\u00a0Streuner, so verf\u00fchrerisch l\u00e4cheln sie ihn an und reichen\u00a0ihm die Hand zur Vers\u00f6hnung und zum Neuanfang. Sie tun\u00a0dir fast leid.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen aber gut einblasen. Schon siebzig Jahre lang\u00a0sind sie die Huren Europas, an Erfahrung fehlt es nicht.\u00a0Und sie spielen noch mit den Eiern, ihre Finger tasten\u00a0lustvoll, aber nicht aggressiv. Du willst ja fast kommen,\u00a0aber sie sagen Nein! Noch nicht. Wir m\u00fcssen es ordentlich\u00a0ausf\u00fchren!<\/p>\n<p>Sie nehmen deinen Schwanz in die Hand, ganz bestimmt,\u00a0und pl\u00f6tzlich merkst du, dass du gar keinen Widerstand\u00a0mehr leisten kannst. Sie ziehen ihren teuren\u00a0Seidenschl\u00fcpfer aus, mit einem pragmatischen Blick in\u00a0den Augen und dein erigiertes Glied ist schon drin im\u00a0Muttermund der deutschen Sprache. Man will es rausziehen\u00a0und rutscht immer tiefer rein. A eins, A zwei, B zwei\u00a0eins \u2013 und mehrere metallene Haken, N- und S-f\u00f6rmig\u00a0bohren sich in meinem armen Schwanz ein. Und das\u00a0Schlimmste, man kann gar nicht kommen &#8211; die Deutschen auch\u00a0nicht. C eins, Uniabschluss, sogar Master \u2013 du steckst\u00a0drin und es tut nur weh und keiner kommt. Selbst mit der\u00a0Einb\u00fcrgerung tritt der Orgasmus nicht ein. Du bleibst\u00a0mit frustrierten N\u00fcssen und klebrigen, stinkenden H\u00e4nden\u00a0stecken \u2013 die Deutschen starren dich entt\u00e4uscht und leer\u00a0an, als w\u00e4rst du derjenige gewesen, der ihnen Unrecht\u00a0getan hast. Jede Bewegung piekt und sticht. Der Schmerz\u00a0kennt keine Grenze.<\/p>\n<p>Ich sage dir, Vers\u00f6hnung braucht Distanz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>B2<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDeutschland pr\u00e4figiert sich ab!<\/p>\n<p>Muss ich dir die Welt verdeutschen, damit du sie\u00a0verstehst? In diesem Land liegt kein Bekenntnisschreiben\u00a0vor. Hier bleiben alle sitzen, wenn es zuschl\u00e4gt \u2013 die\u00a0Aktionen werden im Passiv gesetzt und die Bewegungen\u00a0nominalisiert. Das Schweigen bleibt die Gro\u00dftat. Wie\u00a0w\u00e4re es jedoch, wenn das T\u00e4terland sich endlich in ein\u00a0Verb verwandeln l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Muss ich dir die Welt verdeutschen, damit du sie\u00a0verstehst? Meine Gedanken werden allm\u00e4hlich in dieser\u00a0\u00d6dnis eingedeutscht und deutschen meiner\u00a0Zukunftsperspektive zu \u2013 die internationalen Tr\u00e4ume habe\u00a0ich l\u00e4ngst aufgegeben. Paris, Chicago, Buenos Aires\u00a0bleiben in den Sternen stecken. M\u00fchselig zerdeutschte\u00a0ich jedes fremde \u00dcberbleibsel und erdeutschte alle\u00a0Pointen meiner Witze (die Pointe war ich). Anpassung\u00a0halt. Einfach kein Bock mehr darauf so schr\u00e4g\u00a0angedeutscht zu werden. Die fortlaufende\u00a0Hineindeutschung tr\u00e4gt schon Fr\u00fcchte. Mein Akzent wird\u00a0nicht mehr so schnell v\u00f6lkerkundig festgedeutscht. Sogar\u00a0im Ausland werde ich von den Kollegen br\u00fcderlich\u00a0angedeutschelt \u2013 als sei ich Einer. Mein Gang\u00a0\u00fcberdeutscht sich, souver\u00e4ner, kontrollierter \u00fcberquere\u00a0ich die Stra\u00dfen und ersp\u00e4he die Regelwidrigkeiten. Nicht\u00a0l\u00e4nger werde ich von jedem selbstgerechten Penner mit\u00a0Verachtung niedergedeutscht. Ich kann mich selbst und\u00a0die sch\u00fcchternen Neulinge mit meinem Allerweltwissen\u00a0volldeutschen. Ein V-Mann der Leitkulturbeh\u00f6rde.\u00a0Gratulation! h\u00f6re ich euch schon zurufen, Bravo!\u00a0\u00a0Respekt! Verdienstkreuz soll er haben! Aber wartet noch,\u00a0Geduld, R\u00fcckf\u00e4lle gibt es auch. Alte Triebe sterben nicht\u00a0so leicht. Mir entdeutscht noch t\u00e4glich viel, Relikte\u00a0von Worten, Kindheitswracke, Widerstandsdrang den K\u00e4fig\u00a0auseinanderzudeutschen. Selbst nachts, kurz bevor ich\u00a0einschlafe, sehne ich mich doch auszudeutschen \u2013 nur das\u00a0alte Natternhemd finde ich nirgendwo in meinem Schrank.\u00a0Zugegeben, ohne es zu wollen, bin ich endg\u00fcltig\u00a0angedeutscht. Der Ausweg ist versperrt. Und trotzdem\u00a0deutsche ich fremd f\u00fcr euch, immer weiter\u00a0fremddeutschend. Ein trennbares Verb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>C1<br \/>\n<\/strong><br \/>\nVon innen wendet sich die Rede gegen mich. Was sich\u00a0necke, das liebe sich. J\u00fcdische Paranoia trifft auf\u00a0deutsche Schizophrenie. Es sei ich, das vor euch das\u00a0beste St\u00fcck auff\u00fchrt. Das Schauspiel der\u00a0V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung ist aus, der Vorhang f\u00e4llt und in\u00a0den kalten, unendlichen Korridoren donnert der Applaus.\u00a0Ich sei Publikum und Star zugleich, ihr die reservierten\u00a0Kritiker_innen, die in der Pause flei\u00dfig schreiben. Die\u00a0Stimme im Kopf meint: Ihr seid auch nur Menschen meines Schlages.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A1 Eine fremde Sprache, wie ein fremdes Volk, ist nicht einfach zu beherrschen. Zu viele Verstecke, unbeleuchtete Tunnel und Gruben liegen in jenem unergr\u00fcndlichen Gebiet, aus dem jederzeit zersetzende Elemente dringen k\u00f6nnen. 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