{"id":9073,"date":"2018-05-15T19:07:01","date_gmt":"2018-05-15T17:07:01","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=9073"},"modified":"2021-02-07T15:37:53","modified_gmt":"2021-02-07T14:37:53","slug":"entropische-literaturen","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/text\/entropische-literaturen\/","title":{"rendered":"Entropische Literaturen"},"content":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte gerne mit einer Behauptung anfangen: Eine deutsche Nationalliteratur muss nicht unbedingt auf Deutsch geschrieben sein.<\/p>\n<p>Zahlreiche nichtdeutschsprachige Autoren, von denen viele seit Jahrzehnten in Deutschland leben, haben ihre Verlage, ihre gesamte Infrastruktur, ihre Leser hier. Nicht wenige werden prim\u00e4r im deutschsprachigen Raum wahrgenommen; die meisten bewegen sich zwischen Kulturen und sind als Essayisten, Kritiker, Moderatoren, usw. aktiv im Austausch zwischen den Sprachen. Dies alles \u00fcbt einen enormen Einfluss auf die deutschsprachige Literatur aus und beleuchtet auch Themen in der Gesellschaft und der Politik, die vielleicht nur von \u201evertrauten Fremden\u201c beleuchten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und doch: Angesichts der immer fremdenfeindlicher werdenden Atmosph\u00e4re, angesichts der Tatsache, dass die AfD die Kultur als Kampffeld f\u00fcr sich entdeckt hat und nun u.a. die Strategie der parlamentarischen Anfragen verfolgt, um sozialkritische Arbeiten zu diffamieren und die Kulturf\u00f6rderung an sich immer wieder in Frage zu stellen, ist eine derartige Behauptung h\u00f6chst politisch.<\/p>\n<p>In meinen \u00dcberlegungen dar\u00fcber, wie ich die Funktion und Wirkung dieses fremd-vertrauten Blicks beschreiben soll, sind mir zwei F\u00e4lle aus den bildenden K\u00fcnsten eingefallen. Vielleicht ist eine leichte Verschiebung dieser Art sogar n\u00fctzlich, denn es geht hier nicht um bestimmte Autoren, sondern um eine Art der Wahrnehmung, die den gewohnten nationalen Blick relativiert, korrigiert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9536\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_1.jpg\" alt=\"\" width=\"1360\" height=\"883\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_1.jpg 1360w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_1-300x195.jpg 300w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_1-768x499.jpg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_1-1024x665.jpg 1024w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_1-465x302.jpg 465w\" sizes=\"auto, (max-width: 1360px) 100vw, 1360px\" \/><\/p>\n<p>Die 1990er Jahre waren bekanntlich eine turbulente Zeit in Berlin, und es brauchte eine Au\u00dfenstehende, die franz\u00f6sische K\u00fcnstlerin Sophie Calle, um auf etwas hinzuweisen, das beinahe keinem meiner deutschen Bekannten auffiel: die Tatsache n\u00e4mlich, dass dieses Land im Begriff war, nach der Wiedervereinigung in eine selektive Amnesie zu verfallen. In ihrer Arbeit <em>Die Entfernung<\/em> (1996) bat sie Passanten, die politischen Embleme der DDR zu beschreiben, die man entfernt hatte, einschlie\u00dflich des gigantischen Kranzes mit Hammer und Sichel am Palast der Republik. Eindringlich dokumentiert Calle eine Zeit der kollektiven Verdr\u00e4ngung, in deren Verlauf die Geschichte umgeschrieben wurde. Die Leerstellen, die nach der Entfernung eines Denkmals oder einer Gedenktafel zur\u00fcckblieben, wurden zu Leerstellen im Ged\u00e4chtnis, die mit den gr\u00f6\u00dftenteils sehr ungenauen Beschreibungen der Passanten nicht gef\u00fcllt werden konnten, wie stark ihre Gef\u00fchlsbindung oder wie nah an ihrem Zuhause die Gedenkorte auch gewesen sein mochten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9537 size-full\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_2.jpg\" alt=\"\" width=\"1238\" height=\"836\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_2.jpg 1238w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_2-300x203.jpg 300w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_2-768x519.jpg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_2-1024x691.jpg 1024w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_2-447x302.jpg 447w\" sizes=\"auto, (max-width: 1238px) 100vw, 1238px\" \/><\/p>\n<p>Ein Jahrzehnt zur\u00fcck, als ich zum ersten Mal, als junge Kunststudentin, die Arbeiten von Joseph Beuys in der gro\u00dfen New Yorker Ausstellung im Guggenheim sah, verstand ich so gut wie nichts: gro\u00dfe Bl\u00f6cke Fett; Schlitten, die wie Hunde aus einem offenen VW-Bus fortzulaufen schienen; ein in Filz gewickelter Fl\u00fcgel. Ich w\u00fcrde erst f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, als ich 1984 nach West-Berlin kam, anfangen zu begreifen, wie Beuys das psychologische Drama der Nachkriegsbundesrepublik verk\u00f6rperte. Es hat allerdings noch l\u00e4nger gedauert, bis mir klar wurde, dass Beuys auch einiges \u00fcber Amerika zu sagen hatte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9538\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_3.png\" alt=\"\" width=\"826\" height=\"621\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_3.png 826w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_3-300x226.png 300w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_3-768x577.png 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Picture_3-402x302.png 402w\" sizes=\"auto, (max-width: 826px) 100vw, 826px\" \/><\/p>\n<p>Im Mai 1974 lie\u00df sich Beuys, in Filz gewickelt von dem Augenblick an, da sein Flugzeug amerikanischen Boden ber\u00fchrt hatte, in einem Krankenwagen direkt zur Ren\u00e9 Block Gallery nach SoHo bringen. Der Plan war, dort f\u00fcr mehrere Tage gemeinsam mit einem Kojoten in einem Raum gesperrt zu sein. <em>I Like America and America Likes Me<\/em> war der Titel seiner kryptischen, poetischen Kritik an dem Land und seiner gewaltt\u00e4tigen Geschichte. Indem er ein Tier w\u00e4hlte, das seit \u00fcber einer Million Jahren in Nordamerika heimisch ist, ein Totemtier der uramerikanischen Mythologie, Inspiration f\u00fcr die mehr als 10.000 Jahre alten Geschichten von der Kojote-Gottheit \u2013 die \u00e4lteste bislang bekannte Literatur des Kontinents \u2013, das trotzdem Opfer einer schlimmen, gro\u00dffl\u00e4chigen, erbitterten und gnadenlosen Ausrottungskampagne wurde, zielte Beuys instinktsicher auf Amerikas Achillesferse: das Urtrauma der ausgel\u00f6schten indianischen Kultur. Seine Aktion trug Z\u00fcge eines schamanischen Rituals: Amerika ist spirituell krank, so sein Befund, was aus der gewaltt\u00e4tigen psychologischen Unterdr\u00fcckung resultiere. \u201eMit dem Kojoten ist eine Rechnung zu begleichen\u201c, sagte er, \u201eerst dann kann diese Wunde geheilt werden.\u201c<\/p>\n<p>Die nationale Identit\u00e4t ist ein Konstrukt, das dem psychischen Bed\u00fcrfnis nach Schutz, Wertsch\u00e4tzung und Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl dient. Sie ist ein Narrativ: Sie erz\u00e4hlt sich Geschichten von sich selbst. Doch Identit\u00e4t ist auch ein Reflex, ein in Gruppen aufgef\u00fchrter Stammesgesang, der die Gefahr, das Andere, selbst das Unausweichliche abwehren soll. Auf die Literatur \u00fcbertragen, geht es darum, sich \u00fcber die hypnotisierenden Effekte einer kollektiven Identit\u00e4t hinauszuwagen; zu erkennen, dass ein nationales Narrativ ein Hindernis sein kann, uns selbst und die Welt, die uns umgibt, in einer objektiven Weise wahrzunehmen. Die Kunst und die Literatur bieten die M\u00f6glichkeit einer gesellschaftlichen Analyse, die uns unsere eigenen Widerspr\u00fcche vorf\u00fchrt und uns unsere blinden Flecken sichtbar macht. Und es sind die hybriden Identit\u00e4ten dieser Gesellschaft, die am ehesten dazu geeignet sind, die Halluzinationen einer Kultur mit denen anderer zu vergleichen, um den Bann zu brechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/event\/polylinguale\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Parataxe Symposium IV &#8211; Berlin POLYLINGUAL<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte gerne mit einer Behauptung anfangen: Eine deutsche Nationalliteratur muss nicht unbedingt auf Deutsch geschrieben sein. Zahlreiche nichtdeutschsprachige Autoren, von denen viele seit Jahrzehnten in Deutschland leben, haben ihre Verlage, ihre gesamte Infrastruktur, ihre Leser hier. 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